Freie Universität Berlin: Bildungsprotest erreicht Öffnung - Neue Rahmenstudien- und prüfungsordnung kommt nicht vor dem Wintersemester 2012/13

empörte Studierende

Die mehrwöchigen Proteste vieler FU-Studierender haben mit der gestrigen Sitzung des Akademischen Senats (AS) der FU eine weitere Öffnung erwirkt: Die neue FU-Rahmenordnung für Studien- und Prüfungsregelungen wird voraussichtlich nicht in diesem Semester beschlossen. Auch inhaltlich schienen sich in der Diskussion weitere Aufweichungen bei der geplanten Beschränkung der Wiederholungsprüfungen anzudeuten. In der Woche zuvor waren mit dem aktuellen Rahmenordnungsentwurf1 bereits die geplanten Regelungen zu Zwangsberatungen sowie damit verbundenen Auflagen- bzw. Exmatrikulationsmechanismen gestrichen worden.

Die Rahmenstudien- und -prüfungsordnung stand in dieser Sitzung das erste Mal auf der AS-Tagesordnung und wurde zu Beginn der Sitzung vom Beschlusspunkt zum Besprechungspunkt umgewandelt. Nach mehr als einstündiger Beratung über andere Tagesordnungspunkte zogen die AS-Mitglieder in das AudiMax um. Dies war nötig geworden, da sich über 200 Studierende an der Diskussion beteiligen wollten.

 

FU-Präsident Peter-André Alt teilte zum Einstieg in die Diskussion mit, dass man nun ohne Zeitdruck an der RSPO arbeiten wolle. Auf der Juli-Sitzung des AS solle die Rahmenordnung noch nicht beschlossen werden. "Wir werden auch keine Feriensitzung dazu machen," so Alt. Studierende hatten die Befürchtung geäußert, eine solche Sitzung könne genutzt werden, um die Ordnung in Abwesenheit der Studierenden zu beschließen.

 

An der knapp dreistündigen und für alle Anwesenden offenen Diskussion beteiligten sich neben den AS-Mitgliedern auch die anwesenden Studierenden und Vertreter der Dekanate der Fachbereiche Physik, Wirtschaftswissenschaft und Rechtswissenschaft. Diese seltene Atmosphäre der Offenheit wäre ohne den studentischen Willen zum Mitreden und den Druck des Protests nur schwer vorstellbar gewesen.

 

In der Diskussion ging es um die Prüfungsbelastung, um Sinn oder Unsinn der Beschränkung von Wiederholungsprüfungen, um Anwesenheitspflicht sowie Überregulierungen im aktuellen RSPO-Entwurf. Von Seite der Studierenden wird insbesondere die Beschränkung der Wiederholungsprüfungen kritisiert, während verschiedene Professor_innen eine grundsätzliche Notwendigkeit dieser Beschränkung vertreten und vor allem über die Anzahl der Versuche verhandeln wollen. Derzeit können nichtbestandene Prüfungen an der FU an den meisten Fachbereichen unbegrenzt wiederholt werden. "Wenn ich eine Bewerbung verhaue, bedeutet das nicht, dass ich mich nie wieder bewerben darf", entgegnete Katharina Kaluza, studentisches AS-Mitglied, dem Vergleich mit Verhältnissen im "richtigen Leben." Eine weitere FU Studentin sagte: "Es ist ein großer Unterschied, ob ich selbst erkenne, dass ein Studium nichts fuer mich ist, oder ob das fuer mich entschieden wird."

 

Darüber hinaus gibt es Kritik an restriktiven Anwesenheitsregelungen und am Fehlen eines im BerlHG vorgesehenen Teilzeitstudiums. Auch die allgemeine Studienbelastung wurde thematisiert. Diese Belastung sei nicht einfach ein Problem der Wahrnehmung: "Es ist ganz klar im Bachelor der Druck erhöht worden. Zum Beispiel zählt nun jede einzelne Prüfung im Studium," kommentierte ein Studierender. Auch die einseitige Belastung der Studierenden als Vehikel zur Erfüllung ökonomischer Zieldimensionen wurde kritisiert - so seien auch Studienbedingungen und Studierbarkeit wichtige Indikatoren für einen erfolgreichen Studienabschluss, welche nun mal in der Verantwortung der Universität liegen.

 

Auch die Benachteiligung zahlreicher Studierender, die aus verschiedenen Gründen beeinträchtigt sind und denen das Studium durch die weiterhin vorgesehenen Regelungen erheblich erschwert würde, wurde seitens der Studierenden bemängelt. "Die FU muss sicherstellen, dass es ausreichende Regelungen für sozial benachteiligte Studierende gibt, welche auch ihnen eine faire Partizipation an Hochschulbildung ermöglichen", findet Philipp Bahrt, Sozialreferent des AStA FU. "Die Gesamtausrichtung der derzeit für die RSPO geplanten Regelungen bedeutet auch nach der begrüßenswerten Streichung von Zwangsberatungsmechanismen eine strukturelle Benachteiligung vieler Studierender, die wir so nicht akzeptieren können", fügt Bahrt hinzu.

 

Nicht alle Studierenden glauben, dass die plötzliche Gesprächsbereitschaft von Dauer sein wird. Vor dem Umzug der Sitzung in das Audimax hatten die Studierenden vor verschlossenen Türen warten müssen. Der Zutritt zum Sitzungssaal war ihnen mit Verweis auf Sicherheitsbestimmungen versagt worden, obwohl in der Vergangenheit bereits ähnlich viele Gäste an Sitzungen teilgenommen hatten.

 

Gegen Ende der Diskussion zeigte sich das Präsidium erneut von seiner abweisenden Seite. Der Antrag eines studentischen AS-Mitglieds über Wege, die Diskussion fortzusetzen, wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Laut FU-Präsident Alt handelte es sich nicht um eine reguläre AS-Sitzung. Auch die Verschickung einer Einladungsmail zu einer weiteren Diskussionsrunde an alle Universitätsangehörigen wurde abelehnt. "Die fadenscheinigen Begründungen des Präsidiums für den anfänglichen Ausschluß der Öffentlichkeit und schließlich gegen die Versendung einer einzigen Einladung an alle FU-Mitglieder - Spamgefahr, finanzieller Aufwand - zeugen nicht nur von Respektlosigkeit vor studentischem Engagement. Es zeigt auch, wo die Prioritäten des Präsidiums liegen", so FU-Student Lasse Thiele.

 

"Die AS-Sitzung war insgesamt ein Erfolg. Wir haben damit inhaltlich die Ziele erreicht, die wir uns mit dieser  Sitzung gesteckt haben. Wie so oft muß nun der Druck aufrecht erhalten werden, damit der Dialog nicht abbricht. Wir wollen selbst eine Rahmenordnung schreiben, die zeigt, wie viele Dinge besser und in aller Interesse geregelt werden können. Es gibt eine Menge Spielraum. Auch an das FU-Präsidium daher die Hausaufgabe: Machen Sie was daraus," so Mathias Bartelt, studentisches AS-Mitglied.

Impressum