FU 60: Gegendarstellungen

Editorial für eine Flaschenpost

„Gewalt bis in die letzten Gedanken und Gefühlsfetzen, darum als solche gar nicht wahrgenommen, übt mehr denn je der globale, in tägliche Anteilskämpfe verwickelte und verwickelnde Kapitalismus. Innovationsgierig und ungleichheitsproduktiv hat dieser längst das, was pervertiert, einmal Universität hieß, in sich aufgehoben.“

-- Wolf Dieter Narr: Wider die restlose Zerstörung der Universität. Ein Aufruf zu ihrer Neu- und Wiederbelebung. Vierte Auflage, Berlin, Januar 2004, S.17.

Geschichte der BRD in einer Nußschale - in vieler Hinsicht wird die Historie der FU Berlin dieser Metapher gerecht: demokratischer Neubeginn im Jahr 1948, relativ schnelle Restauration von autoritären Verhältnissen in den 1950ern, Rebellion und Aufbruch in den 60ern, Steckenbleiben demokratischer Reformen bereits kurze Zeit später und seit den 80er Jahren ein konservativer Roll-Back. Die Freie Universität war, ob sie will oder nicht, stets ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Selbst eine so kurze Aufzählung zeigt, dass es sich bei gesellschaftlichen Verhältnissen stets um Kämpfe handelte. Diese Kämpfe wurden an der FU oft heftiger geführt als anderswo, dennoch kommen sie in offiziellen Darstellungen kaum vor. Die 68er werden notgedrungen irgendwie erwähnt, ansonsten erscheint die Geschichte unserer Universität als "Zukunft von Anfang an", als Erfolgsgeschichte ohne Brüche.

Zum 60. Jahrestag der FU-Gründung am 4.12.1948 wollen wir daher eine Geschichte der Kämpfe an der FU präsentieren. Eine Gegen-Geschichte, die jene Fronten sichtbar macht, die heute gerne hinter einer ebenso vagen wie irrealen FU-Identität mit Täschchen, Wimpel und Wappen verborgen werden sollen. Bereits 1988 und 1998 startete der AStA ein solches Projekt, viele Texte aus den damals erschienenen Broschüren "Titanic in voller Fahrt" (1988) und "Archäologie einer freien Universität" (1998) haben wir ungekürzt und unbearbeitet übernommen. Sie sind Zeitdokumente, die für sich sprechen, das Jahr der Erstveröffentlichung ist jeweils angegeben. Einiges ist jedoch hinzugekommen, darunter eine ganze Rubrik mit Interviews unter dem Titel "Der Subjektive Faktor". Neu ist auch eine Reihe von Artikeln zu aktuellen Problemen in der Rubrik "Innenansichten" und im Kapitel "Geschichtliches" eine Chronik studentischer Proteste der Jahre 1998-2008.

In diesen letzten zehn Jahren hat sich die FU Berlin radikaler verändert als jemals zuvor. Selbst in den rebellischen Aufbruchstagen der 1960er Jahre wandelte sich die Universität nicht so grundsätzlich und vor allem nicht in einem derart hohen Tempo wie heute. Im Rückblick lässt sich sagen, dass viele universitäre Behäbigkeiten und Traditionalismen, die bisher alle Reform- und auch diverse Revolutionsversuche ohne Probleme überstanden haben, erst jetzt richtig aufgerollt werden. Hochschulpolitisch gesehen leben wir in revolutionären Zeiten. Das Problem dabei ist, dass es die gerade stattfindende Revolution eine passive ist. Anonyme Sachzwänge, konzerngesponsorte Gutachten und Rankings und die scheinbar hinter allem steckende universale Logik des Marktes sind es, die die Universität derzeit ins Rollen bringen. Studierende, aber auch Lehrende und Professor_innen stehen diesen Abläufen passiv, oft hilflos gegenüber. Konnte in den 1960er Jahren eine aufbegehrende Studierendengeneration noch das Modernisierungsdefizit der Elfenbein-Unis für eine teilweise Umsetzung ihrer demokratischen Forderungen nutzen, so überrollte die jüngste Reformwelle gleichermaßen studentische Proteste und konservative Bedenken der Profs. Viele der letzteren entschlossen sich daher, mit den Wölfen zu heulen und aus der aktuellen Selbstzerstörung bürgerlicher Bildungsideale möglichst viel für ihre Uni und ihre Lehrstühle herauszuholen. Sie warfen sich mit viel Ellbogen in den Wettbewerb um einen "Elitestatus" im Exzellenzwettbewerb. Die Studierenden hingegen schwankten, demonstrierten zwar energisch gegen Gebühren und Kürzungen, aber Protest gegen Umstrukturierungen, Demokratieabbau und Kommerzialisierung gab es nur vereinzelt.

Karl Marx unterschied die formelle und die reale Subsumtion unter das Kapital: Bei ersterer bleibt der Arbeiter selbständig und produziert in eigener Regie für das Großunternehmen, bei letzterer wird er vollständig lohnabhängig in den Kreislauf des Kapitals eingegliedert. Genau das passiert gegenwärtig mit und an den Universitäten. Während die Unis der Vergangenheit nach dem Gießkannenprinzip Bildung in die Welt streuten, so sollen sie heute als Unternehmen am Markt agieren, direkt verwertbares Wissen produzieren und verkaufen, gezielt Arbeitskräfte für den Markt ausbilden. Jedenfalls in der Utopie. Praktisch gesehen ist die Reproduktion intellektueller Arbeitskraft viel zu teuer und aufwändig, als dass sie sich jemals profitorientiert realisieren ließe. Die wenigen Privatuniversitäten in Deutschland kämpfen mit massiven Finanzproblemen und überleben nur durch großzügige Subventionen. Selbst im Musterland USA subventioniert der Staat Forschung und Universität mit Milliardenbeträgen. Wenn die Bildungsausgaben hier dennoch in der Fläche geringer sind, so ist dies nur durch den Zukauf fertig ausgebildeter Wissenschaftler_innen aus allen Teilen der Welt möglich. Als "ideeller Gesamtkapitalist" wird der Staat auch weiterhin das Bildungswesen organisieren müssen. Gerade die propagierte "Ent-Staatlichung" und "Entfesselung" der Unis hat ein ungeheures Mehr an Bürokratie und Verwaltung erzeugt. Aktuelle Debatten um Leistungsrechnungen, Akkreditierungen, Anerkennungsfragen etc. pp. wirken wie eine Realsatire auf die versprochenen Effizienzgewinne im Rahmen neoliberaler Hochschulreformen.

Dennoch hat sich in den Köpfen das Schema "There ist no Alternative" festgesetzt. Es gibt scheinbar kein Zurück. Auch angesichts des offensichtlichen Scheiterns der Bachelor-Reform wird nur über Nachbesserungen und Reformen der Reform diskutiert, nicht über einen grundsätzlichen Kurswechsel. Dies ist kein Wunder in bewegungsarmen Zeiten. Echte Veränderungen brauchen Gegendruck. Dieser kann nicht durch Rückblicke und Remineszenzen erzeugt werden. Dennoch: Ein Blick in die Geschichte offenbart, wie Widerstand aussehen könnte. Die Geschichte ist die Mutter der Subversion, sie zeigt, dass es auch anders hätte kommen können.

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