Gegen das Vergessen

Heute vor 29 Jahren wurde der in Pakistan geborene Doktorand Mahmud Azhar Opfer eines rassistischen Angriffs. Beim Verlassen des Instituts für Biochemie hatte ihn der betrunkene Rassist Thomas H. beleidigt und bedroht:

"Scheiß-Ausländer! Was wollt ihr hier? Deutschland den Deutschen. Ihr habt unsere Arbeitsplätze weggenommen. Ihr sollt verrecken. Dich bringe ich um."

Azhar ging zurück ins Gebäude und versuchte mehrmals vergeblich, die Polizei zu rufen. Dabei wurde er vom Täter niedergeschlagen und mit dem Rohr eines Feuerlöschers am Kopf verletzt.

Die Polizei reagierte erst auf den Anruf eines Taxifahrers, der das Geschehen beobachtet hatte. Azhar wurde ins Krankenhaus gebracht, und der Täter kurzzeitig festgenommen.

Später erklärte er einem Arbeitskollegen, er habe nicht zurückgeschlagen weil der Täter ein Deutscher war, und er Angst hatte, die Polizei könnte ihm die Schuld geben und seine Ausreise aus Deutschland veranlassen.

Mahmud Azhar war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität und hätte im Mai desselben Jahres seine Promotion abgeschlossen, doch dazu kam es nicht mehr: Er blieb nach dem Angriff in stationärer Behandlung und hat das Krankenhaus nicht mehr verlassen. Er starb zwei Monate später, im Alter von 40 Jahren, an den direkten Folgen des Angriffes.

Der Täter Thomas H. wurde im Dezember 1990 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt - zu einem Jahr Gefängnis, allerdings auf Bewährung. Das Gericht blieb damit sogar unter Strafmaß, das dessen Verteidiger vorgeschlagen hatte.

Ein rassistisches Tatmotiv hielt der Staatsanwalt für "nicht beweisbar", und auch eine Verurteilung wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" hielt er für falsch: Der Täter hätte das ja zu dem Zeitpunkt des Angriffes nicht wissen können. Obwohl dieser ganz offen ausgesprochen hatte Azhar umbringen zu wollen, obwohl er ihn doch ganz offen als "Scheiß-Ausländer" beschimpft hatte.

An Mahmud Azhar erinnert sich heute fast niemand mehr. Die wenigen, die es tun, kennen ihn allenfalls als Opfer rassistischer Gewalt, nicht als den Menschen der er war.

Dennoch sehen wir es als unsere Pflicht, wenigstens dies ständig in Erinnerung zu rufen. Und auf die unaushaltbaren Umstände hinzuweisen, unter denen Mahmud Azhar gestorben ist und einfach vergessen werden konnte. Unter denen die rassistische Dimension seines gewaltsamen Todes einfach verleugnet wurde, unter dem Abnicken der deutschen Presse. Und darauf, wie auch nach seinem Tod das Morden weiterging: Seit der Wende zählt die Amadeu Antiono Stiftung 193 Todesopfer rechter Gewalt.

Gedenken heißt auch Handeln: Es gilt, sich im hier und jetzt klar und deutlich gegen rassistische Hetze und geistiger Brandstifter*innen zu positionieren; einzuschreiten, bevor aus Worten Taten werden und für Aufklärung und Gerechtigkeit einzutreten, wenn Menschen Opfer rechter Gewalt werden.

Wir möchten euch in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass heute in Dessau eine Demonstration für die Aufklärung des Mordes an Oury Jalloh stattfindet. Oury Jalloh starb heute vor 14 Jahren in einer Dessauer Polizeizelle. Unser solidarischen Grüße gehen nach Dessau.

Doch nicht nur für die Verstorbenen soll hier Platz sein: All denen, die in Deutschland mit rassistischen und antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen haben, die Angst und Wut haben angesichts der alltäglichen Zustände und dem die dem voranschreitenden Rechtsruck mit Sorge entgegen schauen, gilt unsere Solidarität.

Gegen das Vergessen und für ein Ende der Gewalt!

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