FU70: Gegendarstellungen

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Editorial

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“ 0

Dies trifft auch auf weite Teile der FU Geschichte zu. So ist der Universitätsleitung zwar daran gelegen, einige Aspekte der Universitätsgeschichte – insbesondere solche, die sich mit dem eigenen Anspruch an eine exzellente Eliteuniversität vereinigen lassen – hervorzuheben, andere werden jedoch bewusst im Dunkeln gelassen. Dies betrifft – wie sollte es auch anders sein – insbesondere solche von selbstorganisierten studentischen Bewegungen und der teils sehr heftigen Repression gegen diese, denn solche Erzählungen passen nicht in das sich liberal gebende Narrativ einer Erfolgsgeschichte. Jedoch ist in weiten Teilen der Universität der Anspruch, dass diese eine wahrhaft freie Universität sei, längst verschwunden, die Neoliberalisierung1 ist auf dem Vormarsch und wer diese nicht mitträgt, sieht sich ihr doch oft hilflos gegenüber. Der letzte Lichtblick ist hierbei, was sich durch die gesamte Geschichte der Universität zieht, eine kritische Gegenbewegung (größtenteils von der Studierendenschaft getragen). An ihr ist es die verdrängten Geschichten, die noch im Dunkeln liegen, ans Licht zu bringen. Nur hier liegt – und lag immer – das Potenzial, diese Universität grundlegend zu verändern, und dass sie verändert werden muss, steht außer Frage.

Bevor nun heutige Handlungsfelder analysiert werden, wird zunächst die Geschichte – und in erster Linie die Geschichte der Kämpfe – dieser „Freien“ Universität nachgezeichnet. Dabei wurde zu einem großen Teil auf bereits in den Vorgängern dieser Jubiläumsbroschüre erschiene Texte zurückgegriffen, die da wären: „Titanic in voller Fahrt“ (1988), „Archäologie einer freien Universität“ (1998) und „FU60 – Gegendarstellungen“ (2008).2 Durchsetzt wird dieser Block jedoch durch einige neu geführte Interviews, die die Ereignisse auf eine subjektive Ebene runterbrechen und auch über Lebensumstände, wie beispielsweise die Wohnsituation, zurückspiegeln, die in den historischen Texten notwendigerweise etwas zu kurz kommen.

Nun soll dies natürlich nicht einfach nur ein nostalgischer Rückblick sein, auf die vermeintlich besseren, kämpferischen Zeiten von 68 oder 88. Schon gar nicht soll die Gründung der FU 1948 hochstilisiert werden, denn: Diese studentische Gründung war – eben als studentische Gründung – zwar ein höchst emanzipativer und auch antifaschistischer, bis heute in der BRD einmaliger Akt, jedoch beinhaltete er von Beginn den Stachel der Restauration in Form des Antikommunismus. Für den Soziologen Klaus Boehnke bereits 1988 höchstens „ein Anlaß zu zwiespältiger Freude“3, nicht zuletzt, da sehr bald dieses restaurative Element die Oberhand an der FU gewann. Eine heutige emanzipatorische, linke Studierendenbewegung braucht das Wissen um diese historischen Kämpfe ­– das Wissen um ihre Siege und Niederlagen, ihre Taktiken und Strategien – und auch das Wissen um Taktiken und Strategien der Gegner. Nur so kann die aktuelle Lage richtig analysiert werden, nur so kann eine adäquate Politik dagegen entwickelt werden.

Im zweiten Teil dieser Broschüre werden anhand von drei Themenfeldern aktuelle und permanente Probleme an dieser Universität untersucht. Zunächst werden im Teil „Leben und Arbeit“ Dinge angesprochen, die man als „alltäglich“ bezeichnen könnte. Dazu zählen neben der desolaten Wohnungssituation in Berlin auch Beschäftigungsverhältnisse. Es geht um prekäre Arbeit, um Arbeitskämpfe, wie die erst kürzlich ausgetragenen Kämpfe um den studentischen Tarifvertrag, und „Gender-Mainstreaming“, wie damit umgegangen werden kann und wie Kämpfe zu verbinden sind. „Das Private ist politisch“ lautete schon eine wichtige Parole der zweiten Frauenbewegung. Nur durch Überwindung der scheinbar „privaten“ Lebensumstände können die aktuellen Verhältnisse, die scheinbar ahistorischen, naturalisierten Klassen-, „Rassen“4- und Geschlechterverhältnisse überwunden werden.

Der Teil zur Geschichtspolitik der FU „Erinnern und Geschichte“ zeigt noch einmal deutlich, warum es diese Broschüre geben muss, und warum sie (erneut) den Untertitel „Gegendarstellungen“ trägt. Die Universitätsleitung ist seit Jahren nicht bereit, eine adäquate Geschichtspolitik zu machen, und betreibt stattdessen Geschichtsklitterung im großen Stil, so lange diese Geschichte nur gut in das Selbstbild nach Außen, in die „Corporate Identity“, wie Ralf Hoffrogge 2008 schrieb, dieser „Freien“ Universität passt. Zu diesem Trend, der sich bereits 2008 abzeichnete,5 passt die aktuelle Verschleppung der Aufarbeitung von Knochenfunden an der Universität. Zugleich arbeitet an der FU – man muss sagen: immer noch – der „Forschungsverbund SED-Staat“, dessen führende Mitarbeiter_innen Jürgen Kocka schon in den 90er Jahren als „Meister der politischen Demagogie“ und sein Kollege Wolfgang Wippermann als „nekrophile[…] Antikommunisten“ bezeichnete.6 Hier wird noch traditioneller Antikommunismus im Stile McCarthys unter Zuhilfenahme von Totalitarismus- und Extremismus„theorie“ betrieben, und das nicht nur im Bezug auf die historische DDR, sondern auch auf heutige sogenannte Linksextremisten.

Im abschließenden Teil „Studieren und Politik“ geht es noch einmal in die Tiefen der Hochschulpolitik: Wie wurde die Meinungsäußerung der Studierendenschaft durch den Entzug eines politischen Mandats über Jahrzehnte unterdrückt, wie hebelt die Universitätsleitung die ohnehin kaum demokratischen Strukturen immer weiter aus, wie wurden und werden Menschen von staatlicher Seite an der Ausübung ihres Berufs gehindert und wie werden über eine regressive Raumvergabepolitik unbequeme Veranstaltungen von der Uni verbannt? Aber auch: Wie kann Lehre, in Form der an der FU abgeschafften Projekttutorien, anders aussehen und welche Perspektiven gibt es, um sich an der Basis zu organisieren?

Eine Warnung für historische Fehler ganz anderer Art gibt noch der abschließende Blick über den Tellerrand: ein Interview mit einer Person, die in den 80er Jahren in Ungarn studierte und an dem Vorgänger dieser Broschüre, der FU60: gegendarstellungen, mitwirkte. Sie zeigt noch einmal deutlich, dass die befreite Gesellschaft, die wir anstreben, sicherlich nicht die ist, die als „real existierender Sozialismus“ in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas herrschte.

Nun geht es also darum die neoliberal-konservative Hegemonie in der Uni, in der Hochschulpolitik, wie im Alltäglichen aufzubrechen. Dies kann nicht losgelöst von der Kritik der Produktionsverhältnisse, geschehen. Dieser Aspekt muss also, auch wenn er in dieser Publikation nur am Rande vorkommt,7 mitgedacht werden. Nur durch Gegenerzählungen können wir die Hegemonie der vermarktwirtschaftlichten offiziellen Geschichtsschreibung brechen, nur aus ihnen neue Perspektiven gewinnen. „Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten.“8

Die Redaktion, Berlin August 2018

 


0 Bertolt Brecht, Schlussstrophen des Dreigroschenfilms 1930, in: Ders., Gesammelte Werke 2, Stücke 2, Frankfurt am Main 1967, S. 497.

1 Ein paar kurze Beschreibungen was Neoliberalisierung an der Universität (und allgemein) bedeutet: Einführung von marktwirtschaftlichen Prinzipien und der Logik der Verwertung auf allen Ebenen der Verwaltung, der politischen Debatte und des Alltags; Ideologie von angeblichen Sachzwängen und Alternativlosigkeiten, die politische Debatten verhindert oder frühzeitig beendet; Rückzug des Staates und damit einer theoretisch möglichen parlamentarisch-demokratischen Kontrolle, zugunsten von mehr Einfluss für private Akteure wie Firmen oder Stiftungen usw.

2 Alle übernommenen Texte wurden auf Rechtschreibung und Zeichensetzung kontrolliert, aber ansonsten nicht verändert.

3 Klaus Boehnke in seiner Antwort auf eine Umfrage des AStA, in: AStA FU (Hg.), AStA Sonderzeitung. Titanic in voller Fahrt – 40 Jahre FU. Kein Grund zum Jubel!, Berlin 1988, S. 4.

4 Hiermit distanzieren wir uns in aller Deutlichkeit vom „Rasse“-Begriff. Er beschreibt eine Unterteilung der Menschheit in verschiedene „Rassen“, die in der Biologie heute als veraltet betrachtet wird. Nichtsdestotrotz wurden – und werden – Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ stigmatisiert und diskriminiert, als negativer Höhepunkt mündete diese Ideologie im Mord an den europäischen Jüd_innen und anderen Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Nun findet der Begriff hier dennoch Verwendung, um dem Konstrukt grundsätzlich den Kampf anzusagen. Letztlich lebt das „Rassendenken“ in der Gesellschaft fort, nur mit dem kleinen Unterschied, dass heute stattdessen der Begriff der „Ethnie“ oder „Kultur“ verwendet wird. Das Problem aber bleibt die rassistische Klassifizierung von Menschen nach äußerlichen Gesichtspunkten. Auch wenn es nicht mehr (immer) so genannt wird, lebt doch die Konstruktion vermeintlicher „Rassen“ fort, was wir hier auch durch die Verwendung dieser Begrifflichkeit deutlich machen wollen.

5 Vgl. die beiden Artikel von Ralf Hoffrogge, „Ein Denkmal für die Freiheit“ und „Verdrängen statt erinnern“ in der vorliegenden Publikation.

6 Wolfgang Wippermann, Die Diktatur des Verdachts. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin auf Kommunistenjagd, in: Jungle World 1998/08, abgerufen online unter https://jungle.world/artikel/1998/08/die-diktatur-des-verdachts am 20.08.2018. In diesem Artikel findet sich auch das Zitat von Jürgen Kocka.

7 Für die Gründe vgl. den Artikel „Nicht jeder Tod eines Studenten ist hochschulbezogen“ in der vorliegenden Publikation.

8 Karl Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, in MEW Band 1, Berlin 1970, S. 344. Hervorhebung im Original.

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