CampusCard - jetzt aber wirklich?!

06 May
Text erschien in der Out of Dahlem Mai 2015

"Beijing Subway Entrance" by Jucember - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Beijing Subway Entrance by Jucember - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die ersten HU Studis halten sie schon in der Hand. Doch wie sollte es auch anders sein, verschiebt sich die Einführung der CampusCard nun weiter nach hinten, als geplant. Viele andere Berliner Universitäten sind an dem Projekt beteiligt, dessen Leitung von der Humboldtuni ausgeht. Eigentlich nichts Neues, denn schon vor fast 20 Jahren war ein elektronischer Studiausweis für Berlin geplant und auch an der TU im Alleingang verwirklicht worden. Kritisiert wird die neue CampusCard an der HU von studentischer Seite bisher wegen dem autoritären Ablauf der Einführung und den unklaren Zielsetzungen der Karte. Während anfangs nur die Funktionalität der MensaCard und des Studiausweises zusammengelegt wird, ist eine Ausweitung auf andere Bereiche schon im Projekt vorgesehen oder zumindest von kritischen Stimmen befürchtet. Offiziell bestreitet die FU eine Beteiligung, scheint aber intern bereits Vorbereitungen zu treffen, um schnell nachziehen zu können, sobald die Testsphase an der HU abgeschlossen ist.

Der große Papierausweis ist gewiss nicht mehr die häufigste Erscheinung und an einer Vielzahl der Unis in nahezu allen Teilen der Welt lassen sich stattdessen Chipkarten finden. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung und was bringt sie mit sich? Es lohnt, den Blick zurück zu wenden auf vier studentische Publikationen der letzten 30 Jahre. Was uns heute an Technikeinsatz als normal vorkommt, war früher Anstoß der Kritik. Und während wir manche Einschätzungen nun vielleicht belächeln, bringen diese Sichtweisen Gefahren deutlich auf den Punkt, die uns entweder nicht mehr offensichtlich einfallen oder schon längst von der Realität überholt wurden.

Auch wenn der unterschätzte Einführungsprozess sich hier verzögert, bleibt kein Grund zu Freude; finden sich im Ablauf doch etliche Parallelen zu dem, was vor 15 Jahren aus Bremen berichtet wurde.

Die CampusCard

Doch zuallererst ein paar Informationen was die geplanten Funktionalitäten betrifft. Intern ist ein Funkchip verbaut, um auf kurze Entfernungen die Karte mit einem Lesegerät in Verbindung zu setzen. Damit sie auch ohne ein solches nutzbar ist, sind die meisten Informationen wie bisher aufgedruckt. Doch da die Plastikkarte per Post schwerer zu verschicken ist, wird sie durch einen Automaten ausgegeben, dem vermutlich ein QR-Code gezeigt wird. Ab dann muss sie lediglich einmal pro Semester an einem Validierungsautomaten aktualisiert werden. Gültigkeit der Karte und des Semestertickets werden auf einem wiederbedruckbaren Thermostreifen vermerkt, da das nicht-elektronische Lesen des Ausweises wohl noch eine Weile Bestand hat. Auch der Bibliotheksausweis bleibt als Barcode auf der Karte erhalten, wird aber perspektivisch auch auf den Chip verlagert. Ohne optionales Passfoto soll die CampusCard nur mit einem amtlichen Lichtbildausweis gültig sein.

Der Chip auf der Karte ist ein selbstständiger Computer mit verschiedenen Bereichen, um einerseits weitere Anwendungen nachzuladen und andererseits die Funktion als Mensakarte des Studentenwerks von der Schließfunktion oder einem späteren eTicket des VBB zu trennen.

Neue Technologien und Hochschule

So lautete der Titel der Veranstaltungsreihe des AStA FU vom 3. bis 7. Dezember 1984. Ulrich Briefs brachte in seinem Podiumsbeitrag eine Position auf den Punkt, die im Lichte der aktuellen Erkenntnisse gar nicht so falsch lag: »Das sind universelle Kontrolltechnologien. […] Auf lange Sicht werden […] die komplexen, flächendeckenden Netzwerksysteme im Vordergrund stehen. Und das ist eine ganz andere Technik, und die bringt aus technisch zwingenden Gründen neue Formen der Kontrolle und Überwachung mit sich[…].«

Auch im Referat „Technologieeinsatz in der Hochschule“ von Gudrun Quandel wird sehr grundsätzlich angefangen, wenn es um die Einführung und ihre Gründe geht: »Als theoretischer Hintergrund ist dabei die folgende Frage zu sehen: Stimmt es eigentlich, dass, wie allgemein angenommen wird, die Technologie Mittel zum Zweck ist, wobei eine (ideologische) Kritik an dem Zweck selbst anzusetzen hätte, oder ist die Technologie nicht der Zweck selbst, wo beides, Mittel und Zweck, auch Ursache und Wirkung nicht zu trennen sind.« Gerade das häufigste Argument zur Befürwortung der CampusCard ist, dass der Papierausweis nicht mehr zeitgemäß wäre und alles auf einer Karte viel bequemer sei. Dies verschleiert den politischen Willen zur Smartcard und allem was dazu gehört, zeigt aber auch, dass ein zusätzlicher Grund zur Einführung eben auch die reine Existenz der Technologie ist und somit auch deren Eigenschaften und Entwurfsentscheidungen keineswegs neutral daherkommen, wenn sie in der Verwendung diese und jene Auswirkungen mit sich bringen.

Noch zwei Punkte des Referates betreffen im Besonderen die CampusCard: »These 1: Die Anwendung der Neuen Technologien an der Universität ist Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Durchsetzung der Technologie.« Ähnliches lässt sich im Chipkarten-Reader des AStA Bremen von 1999 oder der LandesAstenKonferenz Berlin von 2003 lesen. Im Diskurs um die „Bürgerkarte“ ist es leichter gesellschaftliche Akzeptanz zu finden, wenn sie in Unis schon in der Vorstufe verbreitet ist. Denn die rangezogene Elite gilt als fortschrittlich und modern und wird in späteren Entscheidungspositionen die ihnen vertrauten Technologien weiter in die Gesellschaft tragen. Hingegen wurde eine „Asylcard“ als hinderlich für ein gutes Image der „Bürgerkarte“ gesehen, da sie offenkundig Kontrolle und Repression verkörpert.

»These 3: Mit den Neuen Technologien kommt es zu genaueren Ausprägungen der inner-universitären Hierarchien und Interessensgruppen. Dies ist gleichzeitig eine wesentliche Voraussetzung für die Durchsetzung der Neuen Technologien an der Hochschule.« Berechtigungen können detailiert auffächert werden, wo zur Zeit keine Kontrollmöglichkeiten gegeben sind. Regeln lassen sich in abbilden in Technik, der die Betroffenen ausgesetzt sind. Sie als Machtmittel kann dabei sehr starr gestaltet sein, wenn die menschlichen Entscheidungsmöglichkeiten an sie delegiert wurden, während sonst Ermessungs- und Interpretationsspielraum sowie Ausnahmen in vielen Situationen gegeben sind, um die ohnehin schon schwerfälligen Prozesse in Bewegung zu halten. Leute, die nicht in das erdachte Modell passen, dürfen sich zukünftig also noch größeren Hürden ausgesetzt sehen. Der politische Wille zu maschineller Verarbeitung kommt mit einem Misstrauen einher gegenüber Abläufen, die zur Zeit autonom von Menschen entschieden werden.

Wieso eine Chipkarte?

Dass zur Identifizierung der Person eine Chipkarte verwendet wird ist den Umständen geschuldet, dass trotz der seit vielen Jahren gängigen Zukunftsvisionen der technische Fortschritt und die Verbreitung langsamer vonstatten geht als vorhergesagt und somit die biometrische Erkennung nicht zuverlässig ist und aus guten Gründen skeptisch betrachtet wird. Aufgrund von Inkompatiblitäten hält sich auch das Anmeldeverfahren mit Name und Passwort erstaunlich lang, während für Chipkarten immer die Funktion mitgedacht war, Rückmeldung und ähnliches damit abzuwickeln. Aus dieser Zeit stammt auch noch hinsichtlich des Datenschutzes die Fokussierung auf das, was auf der Karte selbst an Daten gespeichert ist. Denn ohne zentrale Server, die mobil über das Internet erreichbar sind, war es nötig, dass die Karte eigenständig mit dem Lesegerät kommuniziert und das Ergebnis auch bei sich abspeichern kann. Somit ist z.B. der Kontostand der MensaCard auch für Offline-Kassen nutzbar. Doch durch die Verbreitung von mobilem Internetzugang reicht es aus, wenn durch die CampusCard die Person identifiziert ist und alle sonstige Verarbeitung im System auf Servern ohne Einbeziehung der Karte stattfindet. Es ist also Augenwischerei, wenn in Datenschutzbestimmungen angegeben ist, was auf der Karte gespeichert wurde, denn viel interessanter ist, was in den Betreibersystemen gesammelt wird. Statt einer CampusCard zur Personenerkennung könnten genauso gut Biometrie eingesetzt werden wie eigene Smartphones, welche zum Glück noch keine hundertprozentige Ausbreitung erfahren haben.

Bremen anno 2000

»Die Studierenden sollen mit der Karte auch die normalen Verwaltungsdienste in Anspruch nehmen können und später auch über die Grenzen von Bremen hinaus rechtsverbindlich über das Internet kommunizieren können«, erklärte Martin Wind, der das Projekt zur Einführung von Chipkarten an der Bremer Universität betreute. Abgesehen von derartigen Plänen lassen sich aber viele Parallelen in Ablauf der Einführung erkennen. Wenn überhaupt gibt nur eine Scheinbeteiligung von Studis am Prozess und die Stufen der Einführung sehen vor, mit den attraktiven, wenig invasiven Funktionen zu beginnen, um später, wenn es kein zurück mehr gibt, nachzurüsten.

»Insgesamt ein groß angelegtes Projekt. Die Studis erfuhren rein zufällig davon, als die Chipkarte in einer Veranstaltung zur Ankündigung der neuen LPO in einer Bemerkung als das Mittel angeführt wurde, mit dem die Überprüfung der vorgeschriebenen 160 SWS praktisch endlich durchführbar sei. Die Verwaltung versuchte zwischenzeitlich zum einen Verwirrung zu stiften, indem sie sogar irgendwann die konkrete Planung einer Karte überhaupt dementierte, zum anderen wirbt sie damit, wie bequem das alles doch sei, wobei hinter diesen banalen (und gar nicht so richtigen) Argumenten die Substanz verloren geht.«

Es ist zu vermuten, dass es damals eine größere Gegenwehr und Beschäftigung mit dem Thema gab, als es heute der Fall ist. Viele Studis nehmen die Idee eines elektronischen Ausweises wohlwollend an. Ebenso würden sie vielleicht den – in dem Bremer Chipkartenreader problematisierten – polizeilichen Zugriff auf Ausleihdaten der UB gutheißen, geht es doch um die allgemeine Sicherheit. Die Karte stört nicht, solange sich konform verhalten wird. Und die Auswirkungen aufgrund etwaigen falschen Verdachts werden als notwendiges Risiko hingenommen.

Folge der Karte

Der im Februar demonstrierte Hack der Thüringer Hochschulkarte „thoska“ zeigt, ein weiteres Beispiel auf, wie gesellschaftlich mit den Risiken umgegangen wird. Obwohl entsprechende Sicherheitsmängel längst bekannt waren, blieben die alten Karten noch jahrelang im Betrieb. Um darauf hinzuweisen, nutzte eine anonyme Gruppe diese Möglichkeit, um Zugang zu Räumen der Uniklinik und sonstigen Uniräumen zu erlangen, kostenlos zu kopieren oder essen, das Semesterticket zu verlängern oder fremde Karten auszulesen.

Welche Kontroll- und Ausschlussmechanismen kann die Karte mit sich bringen? Dazu reicht eine kurze Bestandsaufnahme über die bisherige Verwendung an Unis oder ein Blick auf die Website der Firma InterCard AG.

Sie wirbt damit, Zugriffsrechte flexibel vergeben und entziehen zu können. Es ist schon gängige Praxis, Campus, Gebäude oder Trakte abzuriegeln, sodass nur ein gewisse Gruppe priviligiert ist, den ihnen zustehenden Teil zu nutzen. Öffentlicher Raum wird beschnitten und eine künstliche Separierung eingeführt, sei es zwischen Bachelor und Master, den Fachbereichen oder Studis und Doktorand_innen, Bezahlstudium und regulären Studiengängen.

Angepriesen wird auch die Vernetzung des Systems mit der Alarmanalage, sodass bei verdächtigen Zugriffen auch gleich die Kameras draufhalten können. Doch wäre dies nur die Spitze des Datenbergs, dessen Ansammlung auch eine Machtanhäufung impliziert. Des Weiteren ist eine fortschreitende Monitarisierung durch die integrierte Bezahlfunktion möglich und so ist es denkbar, jede Schließfachnutzung einzeln abzurechnen. Darunter fällt auch die für später vorgenommene Integration eines eTickets, das zwar hauptsächlich aus dem zwanghaften Verdacht gewollt ist, dass der heutige Ausweis von nicht-Studis genutzt wird. Doch lässt sich, sobald die Bahnhöfe nur mit dem Einchecken betreten werden können, auch ausdifferenziert verwalten, ob eine übermäßige Nutzung und Strecken, die über den Weg vom Haus zur Uni hinausgehen, vielleicht nicht doch extra gezahlt werden müssen. Was das Essen betrifft sind weiche Disziplinierungsversuche schon bekannt, wobei über die Menüwahl Buch geführt wird, um der gesunden Ernährung auf die Sprünge zu helfen.

Anwesenheitslisten ade?

Auch wenn es an der FU wohl einem Mammutprojekt gleicht, flächendeckend Lesegeräte so mit dem CampusManagement zu verbinden, dass die regelmäßige Teilnahme automatisiert erfasst wird, wäre dies kein Novum. Und gerade die Fehleranfälligkeit steht in krassem Gegensatz zu der durch die Planungsphase angelegten Totalität komplexer EDV-Systeme. Erst im Nachhinein wird dann wieder festgestellt, dass händisch und bürokratisch korrigiert werden muss, was ohne das System einfacher wäre. Wer rechnet auch schon mit Geräteausfällen, Lesefehlern, kaputten Karten oder damit, dass sie eben auch vergessen oder verloren werden kann. Andererseits eröffnet eine elektronische Anwesenheitskontrolle auch eine adaptive Praxis, für mehr als eine Person die Karten mit sich zu führen.

An die Grenzen stoßen

Über die bisher besprochenen Aspekte hinaus gibt es viele kleine Absurditäten, die auftauchen können. Denn ein Modell ist immer Interpretation und Vereinfachung, gerade weniger gewichtige Fälle werden oft übersehen. Durch die Trennung von MensaCard und Ausweis ist es kein Problem, sie zu verleihen – doch wird das auch mit der CampusCard klappen? Wie lange bleibt das auf dem Thermostreifen Aufgedruckte lesbar? Die Ausgabe- und Aktualisierungsautomaten bilden nicht nur den Flaschenhals, wenn alle zur gleichen Zeit ranmüssen, sondern sind erfahrungsgemäß auch oft kaputt. Das vorgeschobene Argument der Bequemlichkeit zerfällt spätestens an diesem Punkt. Wurde über Barrierefreiheit nachgedacht?

Weniger ist mehr

Dass der aktuelle Ausweis weder robust ist noch ein handliches Format hat, ist kein Geheimnis. Falls Wille besteht, dies zu ändern, sollte doch ein Pappausweis in der Größe einer Visitenkarte die augenscheinlichste Lösung sein. Die CampusCard ist politisch gewollt und schon seit Jahrzehnten werden massiv Geldmittel von Staat und Firmen dafür aufgebracht. Doch geht es nicht um eine Kosten-Nutzen-Analyse, sondern die Uni als Sprungbrett für die Chipkartentechnologie, so die These der mehr als 15 Jahre alten studentischen Publikationen. Ein Papierausweis tut's auch. Oder warum nicht gleich gar keiner?! Für eine Uni ohne Ausweise!

 

Weiterlesen:

  • Neue Technologien und Hochschule – Materialien und Beiträge: Zur Veranstaltungsreihe des AStA FU vom 3.-7. Dezember 1984. AStA FU Berlin. 1985.
  • Abgekartetes Spiel: Wie Chipkarten den Hochschulalltag verändern. Fachschaftsrat Informatik, Technische Hochschule Darmstadt und Arbeitskreis „Chipkarten“ der KIF - Konferenz der Informatik-Fachschaften. 1996.
  • Chipkarten-Reader. AStA Uni Bremen. 1999.
  • Chipkarte.Hochschule.Datenschutz: Der LAK-Chipkartenreader. LAK Landes-ASten-Konferenz Berlin. 2003.

 

Update: Es gibt nun eine Website für die CampusCard – http://www.campuscard.berlin/ – wo auch die FU genannt wird. Ob sie nun Stellung dazu nimmt?

 

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