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Antischwule Gewalt in Deutschland

Ausmaß der Gewalt – Bilanz und Perspektiven der Opferhilfe

Pressekonferenz der Schwulen Überfalltelefone am 23.03.95 in Bonn

Ausmaß der Gewalt

In der Bundesrepublik geschehen alltäglich Gewaltverbrechen gegen Schwule. Soziologische Studien belegen, daß Schwule weitaus häufiger mit Gewalttaten konfrontiert werden als der Bevölkerungsdurchschnitt. Eine im Auftrag des Niedersächsischen Sozialministeriums durchgeführte Untersuchung erbrachte, daß 25% der befragten Schwulen mindestens einmal in ihrem Leben wegen ihrer Homosexualität gewalttätige Übergriffe erleben mußten. Der Berliner Soziologe Michael Bochow ermittelte in einer Befragung, daß diese Viktimisierungsrate bei Schwulen sogar bei über 30% liegt. Eine Untersuchung über schwule Paare an der Münchner Universität hatte zum Ergebnis, daß ein Drittel der befragten Paare bereits wegen ihrer Homosexualität Gewalt erfahren hatten.

Im folgenden legen das Schwule Überfalltelefon Berlin (Mann-O-Meter e.V.), vertreten durch Bastian Finke, das Schwule Überfalltelefon Köln (SVD - Landesverband NRW e.V.), vertreten durch Pit Tillwein, und das Schwule Überfalltelefon München (Anti-Gewalt-Projekt des SUB e.V.), vertreten durch Manfred Edinger, gemeinsam Zahlen aus dem Jahr 1994 vor.

Die Schwulen Überfalltelefone registrieren alle Formen antischwuler Gewalt und leisten den Opfern Hilfe. Das gemeinsam ausgewertete Zahlenmaterial berücksichtigt nur antischwule Gewalttaten aus den Städten Berlin, Köln und München.

Antischwule Gewalt sind Gewaltakte, die aus einer schwulenfeindlichen Motivation der Täter erwachsen und/oder wo sich die Täter die Situation von Schwulen als diskriminierter Minderheit zu Nutze machen.

Insgesamt wurde den Schwulen Überfalltelefonen gemeldet:

StadtAnzahl der Fälle
Berlin
Köln
München
174 (258)
60
93

Die zusätzlich für Berlin in Klammern ausgewiesene Fallanzahl 258 weist auf weitere durch das Überfalltelefon registrierte und betreute Gewalttaten gegen Schwule hin, die jedoch zum einen nicht aus Berlin, z.B. aus dem Land Brandenburg, gemeldet wurden und zum anderen nicht den Kriterien einer antischwulen Gewalttat entsprachen.

Gewaltformen

Gewalt gegen Schwule hat viele Dimensionen. Sie umfaßt brutale Überfälle an Schwulentreffpunkten wie auch Übergriffe auf offener Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Gezielt gegen Schwule gerichtete Gewalt umfaßt Raubüberfälle und Erpressung bis hin zu Totschlag und Mord.

  • Physische Gewalt/Körperverletzung
    Mehr als 66% der gemeldeten Übergriffe betreffen gravierende Gewaltverbrechen wie Raub und schwere Körperverletzung.

      So wurde dem Schwulen Überfalltelefon München des SUB am 8.8.1994 gemeldet, daß am 7.8.1994, gegen 1 Uhr nachts, ein ca. 55jähriger Mann auf dem Gelände vor der öffentlichen Toilette Theresienwiese von sechs ca. 18-jährigen Jugendlichen angegriffen und niedergeschlagen wurde, wobei sie seinen Kopf mehrmals auf den Asphalt schlugen. Das Opfer war für kurze Zeit bewußtlos. Ein unmittelbarer Zeuge erleidet einen Schock.
  • Rechtsgerichtete Gewalt
    Mitunter haben Gewalttaten einen erkennbar rechtsextremistischen Hintergrund. Vor allem bei Bedrohungen ist dies evident. So erhielt Mann-O-Meter e.V. in Berlin am 16.9.1994 folgenden Anruf:

      "Ja, guten Tag – hier ist die Vereinigung zur Unterstützung diskriminierter Bevölkerungsschichten. Wir möchten Ihnen gerne behilflich sein und sie bitten, sich mit einer möglichst großen Delegation am 25.9.94, um 9.00 Uhr, im KZ – Gedenkstätte Sachsenhausen einzufinden. Ihnen wird dort eine Gratisdusche gereicht. Wir hoffen auf möglichst zahlreiches Erscheinen. Auf Wiederhören!"
  • Anschläge auf schwule Einrichtungen
    Neben Angriffen auf schwule Individuen mußten wir auch Anschläge auf schwule Einrichtungen registrieren. Ein Beispiel aus Berlin:

      Am Sonntag, dem 16.10.94, gegen 18.30 Uhr, wurde in Berlin-Schöneberg das Schwulenlokal 'Andreas Kneipe' von ca. 25-30 Jugendlichen und Heranwachsenden im Alter von ca. 16-24 Jahren überfallen. Die jungen Männer, die der Fußballszene zugerechnet wurden, stürmten überfallartig das Lokal, rissen die vor den Fenstern angebrachten Blumenkästen heraus und warfen diese durch die Fensterscheiben. Im Lokal hielten sich etwa 80 Gäste auf. Diese drängten in Panik zu den hinteren Räume des Lokals. Ein Gast wurde vor dem Lokal als 'schwule Sau' beschimpft und von einem Angreifer mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Kurz darauf rannten die Täter davon. Die Polizei, die wenig später eintraf, konnte jedoch keinen der Angreifer mehr fassen.
  • Tötungsdelikte
    Antischwule Gewalt kann bis zum Töten des Opfers eskalieren. Tötungsdelikte werden den Schwulen Überfalltelefonen naturgemäß nur selten gemeldet. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) werden jährlich ca. 30 Menschen wegen ihrer Homosexualität Opfer von Totschlag oder Mord.

Täter

Anhand der ausgewerteten Fälle erhalten wir ein Täterbild: Bei den Tätern handelt es sich fast ausschließlich um männliche Jugendliche und Heranwachsende im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. Sie fallen überwiegend in kleinen oder größeren Gruppen über ihre Opfer her.

Die Auswertung unseres Zahlenmaterials stützt sich überwiegend auf die Angaben der Opfer. Wie aus der Kriminologie bekannt, schätzen die Opfer die Täter grundsätzlich älter ein, weil sie die Täter als "überlegen" und sich selbst als "unterlegen" empfinden. Sobald antischwule Gewalttäter ermittelt wurden, stellt sich nicht selten heraus, daß diese "noch blutjung" und häufig nicht älter als 14 bis 18 Jahre alt sind.

Tatorte

Erschreckend ist, daß 26% der Gewalttaten gegen Schwule auf offener Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln geschehen. Diese Gewalt entsteht häufig ungeplant. Offenbar erweckt allein der Anblick von Schwulen - erkennbar zum Beispiel dadurch, daß zwei Männer als Paar auftreten - bei den Tälern solche Aggressionen, daß sie spontan zur Gewalt greifen.

Ein anderer Schwerpunkt der Gewalt findet an Schwulentreffpunkten statt. Hier lauern die Täter gezielt Schwulen auf und überfallen sie. Weiterhin nutzen die Täter insbesondere bei Raubdelikten das Vertrauen und die Gewohnheiten der Opfer aus, um diese in deren Wohnungen zu überfallen.

Zu derartigen Überfällen kommt es nicht selten auch in der Stricherszene. Erschreckend ist häufig die Antwort der zuständigen Ämter und der Polizei auf dieses Problem. In München wird der männliche Strich durch die Sperrbezirksverordnung im gesamten Stadtgebiet kriminalisiert. Daraus ergibt sich, daß der Strich auch für die Präventionsarbeit nicht erreicht werden kann. In Berlin verfährt z.Zt. die Polizei und der Bundesgrenzschutz (BGS) gegen alle Absprachen und Präventionsbemühungen. Sie versuchen z.B. den Bahnhof Zoo mit fast täglichen Razzien zu "säubern".

Polizei und Dunkelziffer

Polizeipraktiker sprechen bei antischwuler Gewalt davon, daß 90% der Gewalttaten von den Opfern nicht zur Anzeige gebracht werden. Ein besonders extremes Beispiel: Im Oktober 1994 meldete die Essener Polizei, daß ein 19-jähriger Straftäter gestanden hatte, innerhalb von 16 Monaten etwa 400 Straftaten an Homosexuellen begangen zu haben.

Die Opfer schweigen aus Angst vor Repressalien. Viele Opfer scheuen den Weg zu den schwulen Beratungsstellen oder zur Polizei, weil sie ein Bekanntwerden ihrer Homosexualität und negative Reaktionen in ihrem sozialen Umfeld befürchten. Viele glauben auch, die Polizei würde sich nicht richtig für sie einsetzen.

Selbst bei den Betroffenen, die sich bei den Schwulen Überfalltelefonen gemeldet haben, wünscht ein beträchtlicher Teil, d.h. 20%, keinen Kontakt zur Polizei. Darüberhinaus waren sich 23% der Opfer bei Meldung unsicher, die Straftat bei der Polizei anzuzeigen.

Dieser Wunsch wird von den Beratern in jedem Fall respektiert. Insgesamt sehen wir es aber als eine unserer Aufgaben, die Opfer zur Anzeigenerstattung zu motivieren. Antischwule Gewalttäter sind meist Serientäter, so daß jede Anzeige auch ein Akt der Solidarität gegenüber anderen Schwulen ist.

In Berlin, Köln und jetzt auch in München bemühen sich die Schwulen Überfalltelefone und 'Ansprechpartner der Polizei für Schwule' um den Abbau von Vorurteilen und die Ahndung von Beschwerden gegenüber der Ordnungsbehörde. Solange diese Bemühungen nicht weiter unterstützt werden, drohen dieser Entwicklung neue Rückschläge. Das vorbildliche Berliner Modell steht kurz vor dem "Aus". Die Berliner Polizei sieht sich außer Stande, eine klare Entscheidung über die Beibehaltung der 1992 geschaffene Stelle des 'Ansprechpartners für Homosexuelle' über das Jahr 1995 hinaus zu treffen.

Situation der Opfer

45% der schwulen Gewaltopfer berichteten, daß sie durch den Überfall Verletzungen erlitten hatten. Aber auch für die Opfer, die ohne größere körperliche Schäden davonkommen, haben die Gewalttaten häufig psychische Langzeitfolgen.

Gewalt gegen Schwule, d.h. sowohl die Bedrohung als auch die körperliche Gewalt, bedeutet immer einen gravierenden Einschnitt in die Lebensqualität eines Schwulen und geht einber mit dem Verlust von Handlungsautononomie. Die Gewalt trifft vor allem die Identität des Schwulen. Bereits die durch die Bedrohung ausgelöste Reaktion der Opfer mit "Angst und Schrecken" können Traumata mit langanhaltenden psychosomatischen Beschwerden nach sich ziehen. Die Ergebnisse der Beratungstätigkeiten der Schwulen Überfalltelefone verdeutlichen, daß die Opfer stets unter der Angst vor Repressalien durch Veröffentlichung ihrer Homosexualität leiden. Diese Angst wird durch die anhaltenden Vorurteile in unserer Gesellschaft genährt. Folgen sind Rückzug der Betroffenen aus dem Alltag und soziale Isolation.

Unsere Forderungen

Wir fordern eine ausreichende finanzielle Förderung unserer bundesweit einmaligen Pilot-Arbeit: als Opferhilfe, Dokumentationsstelle und Präventionsprojekt.

  1. Die bisherige öffentliche Förderung der schwulen Anti-Gewalt-Arbeit ist unzureichend. Wir fordern von, der Bundesregierung die Einrichtung eines Modellprogramms zur Bekämpfung antischwuler Gewalt, woraus die bestehenden Modellprojekte gefordert und weitere schwule Anti-Gewaltprojekte aufgebaut werden sollen.
  2. Die Polizei muß bei der Bekämpfung antischwuler Gewalt verstärkt mit Schwulenorganisationen zusammenarbeiten. Die modellhaft in Berlin und Köln entwickelte Kooperation zwischen schwulen Überfalltelefonen und Polizeibehörden muß auch in anderen Städten zum Tragen kommen. Unerläßlich sind dafür zuverlässige und kontinuierliche Ansprechpartner innerhalb der Polizei und bei den Schwulen Überfalltelefonen. Die gesellschaftliche Situation der Schwulen und das Thema "Gewalt gegen Schwule" muß in die Polizeiaus- und -weiterbildung integriert werden.
  3. Angesichts der erschreckenden Dunkelziffer und der hohen Gewaltbereitschaft gegen Schwule in unserer Gesellschaft ist die Gewaltprävention ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Erst die durch uns geleistete Dokumentation konnte die Spitze der tatsächlichen Dimension antischwuler Gewalt in unserem Land deutlich machen. Erst mit Hilfe der Auswertung dieses dokumentierten Arbeitsmaterials konnten gezielt gewaltpräventive Maßnahmen und Kampagnen entwickelt werden. Die Umsetzung weiterer Arbeitsergebnisse in gemeinsame Kampagnen und Maßnahmen scheitern an fehlenden finanziellen Mitteln.
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Datum: 23. März 1995, last update: Jun 4, 2003 1:40 pm