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Das erste schwule Serienpaar

In Film und Fernsehen begegnen sie uns immer häufiger, die Quotenschwulen, welche nun in jedem Film und jeder Serie, die sich halbwegs etwas auf ihre Anspruchslosigkeit einbilden, vorkommen müssen, meistens deutlich merkbar heteroseits ins Drehbuch geschrieben oder in Szene gesetzt, dennoch in der Frühphase als Durchbruch gefeiert. Das allererste schwule Serienpaar wird dabei fast immer vergessen. Lange ist es schon her, das US-amerikanische Fernsehen war noch genauso prüde wie seine Zuschauer, da hat ein bekannter Unterhaltungskünstler als schwuler Maulwurf das erste Homopaar unaufällig auf die US-Mattscheiben gebracht.

Auch hierzulande läuft diese Serie seit langer Zeit täglich zur prime time um 18 Uhr. wir alle haben unzählige Folgen gesehen, die Einschaltquoten bei der Altersgruppe unter zehn Jahren sind nach wie vor traumhaft. Die Rede ist von Jim Henson (1936-1990) und seinen Schöpfungen Ernie und Bert. Die beiden Muppets in der eigentlichen Muppetshow auftreten zu lassen wäre zu auffällig gewesen. In der Sesamstraße hingegen fiel aufgrund des unbedarften jugendlichen Publikums und der mangelnden Aufmerksamkeit der Eltern für das, was ihre Kinder da guckten, zunächst gar nichts auf, obwohl doch alle Anzeichen so eindeutig waren: Die beiden schlafen in einem Raum, Ernie schlüpft hin und wieder zu Bert ins Bett, sie baden zusammen etc. Das Argument, Ernie und Bert wären genau wie ihre Zuschauer noch Kinder, die „sowas ja dürfen“ (warum eigentlich?), entbehrt jeder Grundlage. Ernie und Bert führen einen eigenen Haushalt. Für Kinder ist es ganz und gar unüblich, zu zweit einen eigenen Haushalt ohne jegliche Betreuung durch Erwachsene zu führen. Zudem verrät Ernie in einer Folge „aus Versehen“, wie er sein Verhältnis zu Bert sieht. In der fraglichen Szene trifft Schlemil auf Ernie und will ihm ein O verkaufen. Dazu singt er ihm ein Lied von den Vorzuegen eines O vor. Ich zitiere die entscheidende Texstelle:

Schlemil (singt): „Nun kauf schon und schenk es Deiner Frau!“ Ernie (spricht): „Bert?“

Eine digitalisierte Aufzeichnung dieser Szene kann im Internet angehört werden (kaufeino.au für das gängige au-Format (651 kB), kaufeino.ra für das effizientere RealAudio-Format (156 kB)).

Nach dieser Erkenntnis braucht sich nun niemand mehr zu wundern, woher es kommt, daß seit Ende der siebziger Jahre - nach mindestens fünfzig Jahren Pause - wieder eine sehr selbstbewußte Schwulengeneration an den Säulen des abendländischen Wertesystems rüttelt. Die schwule Revolution wurde durch Ernie und Bert erst ermöglicht, die uns allen ganz selbstverständlich und natürlich die Hóhen und Tiefen ihrer insgesamt doch glücklichen homosexuellen Zweierbeziehung vorgelebt haben, und das wohlgemerkt auch ohne Trauschein. Die Diskrepanz zwischen dem „guten“ Mikrokosmos der Sesamstraße und der „bösen“ Realität hat es vermocht, ungeheure gesellschaftliche Energien freizusetzen, nachdem die ersten Zuschauer der Sesamstraße aus dem Freigehege ihrer Kindheit heraus- und auf die völlig überraschte Erwachsenenwelt losgelassen worden waren.

Wo nun diese gesellschaftlichen Folgen evident geworden sind, setzt spät aber dennoch ein zaghafter Gegenschlag der Homophobie ein. Über das Internet erreicht mich beispielsweise gerade die Meldung, daß im kalifornischen Sawyers Bar ein Elternteil dagegen protestiert hat, daß im Kindergarten seinem Nachwuchs die Sesamstraße gezeigt werde, wo doch Ernie und Bert die Homosexualität als erstrebenswert darstellten.

Zu spät, liebe Eltern, zu spät! Mehrere Generationen von Sesamstraßenzuschauern sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen, das Lebensmodell von Ernie und Bert hat bereits unzählige Nachahmer gefunden.

Björn Rabenstein

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Datum: 01. Oktober 1996, last update: Jan 28, 2005 9:55 am