"Für viele Patienten mit Intersexualität hat die heutige Medizin Konsens in Diagnostik, Therapie und Bestimmung des Therapieziels erreicht. So besteht Einvernehmen über eine präzise Aufklärung der Eltern, die Notwendigkeit einer frühen Therapie und das Behandlungsziel einer ungestörten Kindheit mit Erreichen der Fertilität", ließ sich der Einladungstext in der aufwendig gestalteten Kongressbroschüre vernehmen. "In letzter Zeit haben jedoch kritische Aussagen betroffener Erwachsener zu medizinischen Entscheidungen Zweifel über die allgemeine Gültigkeit dieser Praxis entstehen lassen." Diese im letzten Jahr via Spiegel und Zeit von außen herangetragenen Bedenken waren für die damit befasste Ärzteschaft Grund genug, sich in einem interdisziplinären Symposium mit KulturwissenschaftlerInnen über "Möglichkeiten und Grenzen medizinischer Entscheidungsfindung bei Intersexualität" zu verständigen.
Vermittelt wurde das Zustandekommen dieser einmaligen Einheit von Theorie und Praxis in der Frage, wie die Geschlechter gemacht werden, durch den Sohn des leitenden Oberarztes der Magdeburger Universitätskinderklinik, Thomas Mohnike, der an der Humboldt-Universität Berlin Assistent von Stefanie von Schnurbein ist. Die Professorin für Neuere skandinavische Literaturen gab auf Nachfrage freimütig zu, sie sei "beileibe keine Spezialistin für Intersexualität" und habe sich eher allgemein mit Theorien zur Zweigeschlechtlichkeit befasst. Es sei auch schwierig gewesen, in der kurzen Zeit qualifizierte Vortragende für das erst nachträglich hinzugefügte kulturwissenschaftliche Forum am Vormittag zu finden.
Dieser Umstand ist tragisch, hätte doch die Chance bestanden, der Mediziner-Lobby, welche dem System der Zweigeschlechtlichkeit mit chirurgischen Mitteln auf die Sprünge hilft, wenigstens argumentativ Paroli zu bieten. Bleibt die Zusammenarbeit aber auf einer harmonischen Ebene – und diese Tendenzen zeichnete sich gerade bei der Moderatorin Frau Schnurbein ab –, ist sie ein Stück Verrat an den einstigen Opfern medizinischer Gewalt, die sich seit den 90er Jahren vermehrt zu Wort melden, von den ÄrztInnen in ihrer Kritik aber ignoriert, als "Fanatiker" abgestempelt und von einschlägigen Kongressen durch Security-Personal fern gehalten werden – so geschehen vor knapp drei Jahren bei einem erstmals durch eine Spontandemo gestörten Gynäkologie-Kongress an der Charité Berlin.
Schon der interdisziplinäre Aufbau der "Gender Studies" an der Humboldt-Universität, wo Schnurbein unterrichtet, zeugt von solcher Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz zwischen Medizin und Kulturwissenschaft. Betrachtet man deren theoretische Positionen hinsichtlich der Begrifflichkeit von "Geschlecht", so ist es vielleicht nicht einmal übertrieben, gar von einer tiefen inneren Verwandtschaft zu sprechen. Dr. Gabriele Dietze aus Berlin bezeichnete John Money in ihrem Vortrag nicht umsonst als Anhänger eines radikalen Konstruktivismus, der sich von dem der Kulturwissenschaften lediglich durch das Verharren auf einem bipolaren Geschlechtermodell unterscheide.
Money, der Mitte der 50er Jahre als fortschrittlicher Sexualwissenschaftler das Gründungsparadigma des augenblicklichen Umgangs mit Zwittern lieferte, hatte den ÄrztInnen seines Krankenhauses empfohlen, nicht nach einem authentischen Geschlecht zu suchen, sondern dieses nach chirurgischer Machbarkeit in eine männliche oder weibliche Richtung zu lenken. Kinder seien bis zu ihrem zweiten Lebensjahr ein "unbeschriebenes Blatt", und man könne ihnen jede beliebige Identität zuweisen.
Die Langzeitfolgen dieser chirurgischen Geschlechtszuweisung sind freilich nie wirklich untersucht worden. Jedoch kommen sie vierzig Jahre, nachdem sich die Methode als internationaler Standard durchsetzte, langsam durch die Selbstorganisation einiger hunderter Intersexueller ans Licht. Ihre sich zum Teil über Jahrzehnte erstreckende Leidensgeschichte bezeichnen sie heute teils mit Worten wie Verstümmelung, sexueller Missbrauch, Folter und Psycho-Krieg.
Dabei hatte Money in seiner Dissertation 1952 eindrucksvoll belegt, dass unbehandelte Hermaphroditen mit ihrem Körper und ihren Genitalien als Jugendliche und Erwachsene keine wirklichen existenziellen Probleme hatten, sondern eine starke Persönlichkeit ausbildeten. Die Studie verschwand jedoch unveröffentlicht in einem Universitätsarchiv, da sie seinen späteren Eingriffen enge argumentative Grenzen gesetzt hätte, etwa die eine, überflüssig zu sein.
Doch zurück zum Kongress. Im ersten Teil des interdisziplinären Forums in Magdeburg konnte Gabriele Dietze zeigen, dass das Zweigeschlechtermodell erst an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert entstanden war, während Dr. Hanne Loreck aus Potsdam die zunehmende Infragestellung geschlechtlicher Eindeutigkeit am Beispiel der Kunst zu thematisieren versuchte. Jedoch blieben diese Vorträge ohne Nachfragen von Seiten der anwesenden MedizinprofessorInnen und Kinderärzte. Erst die Kritik der Potsdamer Psychologin Ulrike Klöppel an den medizinischen Untersuchungen, welche neuerdings die Entwicklung des geschlechtlichen Selbstempfindens bei den behandelten "PatientInnen" überprüfen sollen, lockte das fachwissenschaftliche Publikum aus der Reserve. Die Forschenden seien eher an der Entwicklung einer stabilen Geschlechtsidentität als an Lebensqualität interessiert und verblieben borniert in einer zweigeschlechtlichen Vorstellungswelt, so Klöppel. Die Beantwortung der Frage, ob einem Karriere wichtiger sei als die Erziehung von Kindern, wurde als Indiz dafür genommen, ob sich jemand als Frau oder Mann empfinde. Als letztes schockierte die Rechtswissenschaftlerin Dr. Konstanze Plett die Ärzte mit der Auskunft, dass nach §1631c BGB Eltern nicht in die Sterilisation ihrer Kinder einwilligen dürfen. Auch wenn nicht alle intersexuellen "PatientInnen" durch die Operation sterilisiert wurden, müssen sich Ärzte und Ärztinnen in Zukunft dennoch auf horrende Schadensersatzklagen gefasst macht.
Für Insider wesentlich interessanter waren die medizinischen Vorträge nach der Mittagspause. Prof. Claire Nihoul-Féketé stellte kurz ihren Algorithmus vor, mit dem sie das Geschlecht für ihre kleinen PatientInnen auswählte und zeigte anschließend Operationsbilder, die kaum auszuhalten waren: die Schaffung einer künstlichen Vagina ist, wie nicht anders zu erwarten war, ein äußerst drastischer Eingriff, bei dem eine tief klaffende Wunde in den Leib gerissen und offen gehalten werden muss, die über Jahre hinweg große Schmerzen verursacht. Die Pariser Ärztin zeigte die herauspräparierten inneren und äußeren Geschlechtsorgane und die blutigen Operationen, mit denen ein künstlicher Penis konstruiert wird. Erstmals wurde deutlich, dass es bei der Debatte um chirurgische Geschlechtszuweisungen um mehr geht als nur um die Frage, wie viele Geschlechter es gibt: nämlich darum, ob das Recht auf körperliche Unversehrtheit in dieser Gesellschaft Bestand hat oder nicht.
Prof. Helmuth-Günther Dörr aus Erlangen führte die Möglichkeiten einer pränatalen Dexamethason-Therapie vor. Mit dieser soll die Herausbildung eines "androgenitalen Syndroms" (AGS) verhindert werden, bei dem ein Kind mit XX-Chromosomensatz vermännlichte Genitalien entwickelt. Die Nebenwirkungen der Behandlung sind jedoch drastisch: die Schwangeren klagen über Gewichtszunahmen bis zu 30 Kilogramm; bei Abbruch der Therapie kommt es zu einer Abort-Rate von 5 Prozent. Bei mehr als der Hälfte der Fälle handelt es sich zudem um eine Fehldiagnose von AGS.
Am Ende schließlich führten die Münchner Ärztin Prof. Ursula Kuhnle-Krahl und Prof. Heino F. Meyer-Bahlburg aus New York Studien vor, die unabhängig voneinander zeigten, dass die Geschlechtsidentität von Hermaphroditen auch nach einer medizinischen Geschlechtszuweisung nicht prognostizierbar ist. Sie entwickle sich statistisch unabhängig von der ärztlichen Entscheidung und der späteren kindlichen Sozialisation. Damit aber wird das gesamte Konzept der medizinischen Entscheidungsfindung, das bislang auf konstruktivistischen Prämissen beruhte, in Frage gestellt. Der Humangenetiker Prof. Wolfgang Sippell aus Kiel beendete den Kongress daher mit dem unglaublichen Satz: "Wir müssen langjährige Studien in Auftrag geben und viel Geld ausgeben, bis wir vielleicht in zehn Jahren wissen, wie wir behandeln sollen." Freilich hat sich die Intersex-Chirurgie mittlerweile längst zu einem profitablen Industriezweig entwickelt, an dem weltweit Milliarden umgesetzt werden. Mit einem freiwilligen Ende wird also so schnell nicht zu rechnen sein.
Wie ernst es den MedizinerInnen mit einem Dialog über ihr gescheitertes konstruktivistisches Experiment war, konnte man freilich am Mittag des 24. März an der Charité Berlin beobachten, als dieselben Leute, die noch gute zwei Wochen vorher im Hotel Maritim friedlich mit den amtlich bestallten Dekonstrukteuren auf Du und Du über das "Unbehagen mit dem Geschlecht" plauschten, nunmehr Security und eine Hundertschaft der Polizei vor den Eingängen eines zweiten Kongresses postieren mussten, um ihr Wissen unbefleckt von der Kritik der ca. 100 DemonstrantInnen außerhalb des Seminargebäudes an rangniedrigere Kinderärzte und GynäkologInnen weitergeben zu können.