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Form statt Inhalt

Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge an der FU

von Claudia Wrobel für das Hochschulpolitische Referat des AStA FU

Nachdem 1998 die BildungsministerInnen von Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland in der sogenannten Sorbonne-Erklärung ihre Vorstellung eines europäischen Hochschulraums ausführten, wurde 1999 die deutlich weitergehende (unverbindliche) Bologna-Erklärung von den BildungsministerInnen von insgesamt 29 europäischen Ländern unterzeichnet. Dies war der Startschuss für eine umfassende Studienstrukturreform, deren auffälligste Außenwahrnehmung wohl in der Umstellung der Studienabschlüsse hin zum konsekutiven System, also dem Bachelor und Master, liegt.

Die BildungsministerInnen wollten einen einheitlichen oder zumindest vergleichbaren europäischen Hochschulraum zur "Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Hochschulsystems" schaffen. Dies sollte durch die Einführung eines zweistufigen Systems vergleichbarer Studienabschlüsse erreicht werden, deren Umfang durch ein gemeinsames Leistungspunktesystem (European Credit Transfer System – ECTS) leicht verständlich nachvollziehbar sei. Dadurch wollte man die Mobilität der Studierenden und die europäische Zusammenarbeit in der Qualitätssicherung vereinfachen. Außerdem wurde die "Förderung der europäischen Dimension der Hochschulausbildung" als weiteres Ziel genannt. Hier wurde Bildung nicht mehr als Wert an sich verstanden, sondern nur noch in ihrer Funktion als Ausbildung gesehen. Seit 1999 treffen sich die BildungsministerInnen und die nationalen Bologna-Gruppen alle zwei Jahre in so genannten Bologna-Follow-Up-Konferenzen, um die Umsetzung des Bolognaprozesses zu dokumentieren und die nächsten konkreten Ziele festzusetzen. Mittlerweile ist die Zahl der teilnehmenden Staaten bereits auf 45 angewachsen.

Wann der Bologna-Prozess an der FU erste sichtbare Folgen nach sich zog, wann also die ersten Bachelor-Studiengänge eingeführt wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, da es widersprüchliche Angaben darüber gibt. Während die Abteilung für Lehr- und Studienangelegenheiten davon spricht, dass 2001 erste Pilotstudiengänge eingerichtet wurden, brüstet sich der Fachbereich Chemie damit, schon 1997 einen Masterstudiengang und 1999 einen Bachelorstudiengang eingerichtet zu haben. Außerdem wurde im Jahr 1999 der Bachelor/Masterstudiengang Statistik in Kooperation mit der HU und TU eingeführt. Es ist davon auszugehen, dass diese Studiengänge noch nichts mit der Bologna-Erklärung zu tun hatten, da sie bereits vor deren Unterzeichnung entstanden sind und die Fachbereiche bzw. die Unileitung sich wohl nur mit einem hippen, englischen Namen schmücken wollte - diese Unterscheidung lässt sich allerdings in Publikationen nicht wiederfinden.

Bei Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse an der FU lagen in etlichen Fachbereichen keine verbindlichen Prüfungsordnungen vor. Studierende waren also gezwungen, ohne Rechtsgrundlage und ohne zu wissen, welche Anforderungen an sie gestellt werden, ihr Studium aufzunehmen, und so erstmal auf gut Glück einen Stundenplan zusammenzustellen. Das gern angeführte Argument der Unileitung, das Magisterstudium sei zu unstrukturiert und überfordere in seiner Offenheit besonders StudienanfängerInnen, wohingegen der Bachelor klare Vorgaben liefere, muss in diesem Zusammenhang wohl nicht näher beleuchtet werden.

Der Bachelor bestimmt trotz dieser Startschwierigkeiten jetzt die Studienrealität für fast alle StudienanfängerInnen und muss sich einerseits an den Zielen der Bologna-Erklärung messen lassen und andererseits auch an den andauernden Versprechungen der Unileitung. Denn die Studienstrukturreform wurde von der FU-Leitung genutzt, um noch etliche andere Veränderungen im Studienalltag unterzubringen. Doch zuerst zu den definierten Zielen der Erklärung. Die wichtigste Verbesserung für Studierende sollte vereinfachte Mobilität darstellen, da Studienleistungen jetzt viel leichter vergleichbar wären. Einerseits war damit ausdrücklich die internationale Mobilität gemeint, andererseits aber auch die Mobilität zwischen verschiedenen Studiengängen. In Argumentationen im Vorfeld war immer wieder von absolut flexiblen und mobilen Studierenden die Rede, die je nach Gusto einzelne Semester oder auch komplette Teile ihres Studiums im Ausland verbringen könnten und nicht mehr Sorge haben müssten, dass von ihnen erbrachte Prüfungsleistungen nicht anerkannt würden. So sollte es etwa für Studierende, die ihren ersten Abschluss im Ausland gemacht hatten, einfacher werden, den Master in Deutschland dranzuhängen. Dies entspricht jedoch aus mehreren Gründen in keinem Fall der Realität an der FU: Die verschulte Struktur des Bachelorstudiums macht es für Studierende deutlich schwerer, überhaupt ein Zeitfenster zu für einen Auslandsaufenthalt zu finden. Außerdem ist es durch rigidere Prüfungsordnungen und die Modularisierung der Studieninhalte schwieriger geworden, Prüfungsleistungen, die sich nicht auf den ersten Blick eben diesen Modulen zuordnen lassen, angerechnet zu bekommen. Sogar der Wechsel von einer deutschen Hochschule zu einer anderen ist dadurch erschwert worden - die europäische Dimension mit jeweils anderen Hochschultraditionen ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. Studierende, die ein Bachelorstudium im Ausland erfolgreich abgeschlossen haben, scheitern oftmals schon daran, die Anforderungen für die Masterzulassung überhaupt zu verstehen. Einige Masterzulassungsordnungen sind so ausschließlich auf den an der eigenen Hochschule angebotenen Bachelorstudiengang zugeschnitten, dass hier Mobilitätshemmnisse eher auf- als abgebaut werden.

Auch die Mobilität zwischen den verschiedenen Studiengängen nimmt ab. War es beim Magister noch möglich, mit einer unfertigen Kombination das Studium zu beginnen, sich also nur für ein Hauptfach einzuschreiben und die Nebenfächer innerhalb von zwei Semestern nachzubenennen, ist heute StudienanfängerInnen der FU diese Möglichkeit der Orientierung genommen. Sie müssen schon vor Beginn ihres Studiums genau wissen, welche Kombination sie studieren wollen, ohne sich überhaupt mit den Strukturen der Universität auseinandersetzen zu können und in verschiedene Fachbereiche reinzuschnuppern. Außerdem sind nun auch fast alle Nebenfächer, im Bachelorsprech "Modulangebote", mit hohen NCs belegt. Ist im Wunschnebenfach kein Platz mehr frei, müssen Studierwillige ein Fach wählen, das nicht ihren Neigungen, Talenten oder Interessen entspricht. Ein Wechsel dieses Modulangebots ist an der FU nur vor Beginn des dritten Fachsemesters möglich, während es im Magister keine Begrenzung gab. Das führt dazu, dass viele sich gezwungen sehen, das Studium an der FU abzubrechen, weil sie keine Zulassung für ein passendes Nebenfach bekommen. Oder sie versuchen, sich irgendwie durch das Modulangebot durchzuackern. Besonders für LehramtsanwärterInnen ist das jedoch eine schlimme Vorstellung, da sie nicht einmal die Option haben, das ungeliebte Fach nach einigen Jahren los zu sein, sondern sich ihr ganzes Berufsleben hindurch damit befassen müssten.

Der Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets wurde mit der Modularisierung der Studienangebote generell deutlich erschwert. Durch die klare Zuordnung der einzelnen Veranstaltungen zu verschiedenen Modulen ist es schwerer geworden, auch Veranstaltungen in anderen Fachbereichen zu besuchen. Zum einen, weil man sich wegen des computergestützen Anmeldeverfahrens im "Campus Management" gar nicht mehr ohne weiteres für Veranstaltungen anmelden kann, die nicht in der eigenen Prüfungsordnung stehen, zum anderen, weil es auch nicht mehr so einfach möglich ist, Prüfungsleistungen, die nicht genau so in der eigenen Studienordnung vorgesehen sind, anerkannt zu bekommen.

Die Verschulung birgt aber noch andere Schwierigkeiten. Der Arbeitsaufwand für die Studierenden ist deutlich höher, außerdem werden Prüfungsleistungen jetzt studienbegleitend erbracht: Jede Klausurnote, jede Hausarbeit bildet einen Teil der Abschlussnote. Die Bachelorarbeit hingegen hat nicht mehr das Gewicht, das eine Abschlussarbeit bis dato hatte. Das birgt besonders für jene Studierenden Probleme, die sich nicht ausschließlich auf ihr Studium konzentrieren können, sei es wegen Lohnarbeit, der Betreuung Angehöriger, Kindererziehung, sozialem und politischem Engagement, Erkrankungen oder auch schlicht den Unwägbarkeiten des Lebens. Einerseits stellt die hohe Arbeitsbelastung und die mit der Bacheloreinführung verschärfte rigide Anwesenheitspflicht für solche Studierende ein großes Problem dar, da sie eben diesen Anforderungen manchmal gar nicht nachkommen können, andererseits jetzt aber kaum noch Möglichkeiten haben, sich das Wissen in einer Art und Weise anzueignen, die ihrem Leben entspricht. Und auch die studienbegleitenden Prüfungen stellen für sie besonders deshalb ein Problem dar, weil der besonders wichtige Prüfungszeitraum eben nicht nur aus einem eng begrenzten Zeitrahmen besteht, auf den man sich vorher einlassen und auch einstellen kann, sondern die Bachelorstudierenden eigentlich permanent unter dem Druck einer guten Abschlussnote stehen. Das gilt insbesondere, wenn auch Masterplätze über einen NC vergeben werden und somit jede einzelne Prüfungsleistung im Zweifel darüber entscheidet, ob man den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen kann oder gezwungen ist, nach dem Bachelor die Uni zu verlassen.

Obwohl der Bachelor ein erster berufsqualifizierender Abschluss ist, kann in der kurzen Regelstudienzeit nicht so viel vermittelt werden, wie vorher in einem Magister- bzw. Diplomstudium, für das deutlich mehr Raum eingeplant war. Produziert werden zwar junge HochschulabgängerInnen, ihnen ist allerdings nur ein Schmalspurstudium zu Teil geworden, das kaum in die Tiefe gehen konnte. An der FU ist es an einigen Fachbereichen fast unmöglich, sich schon während des Bachelorstudiums zu spezialisieren. Es wird nur ein Überblick über das Fach gegeben, die Vertiefung findet erst im Master statt - wenn überhaupt. Die FU wirbt auf ihrer Homepage sogar damit, dass die Bacheloreinführung zu einer „Vielfalt und Breite“ des Studienangebots geführt habe. Über tiefe und kritischer Auseinandersetzung mit den Studieninhalten findet sich hingegen nichts. Es geht nur noch darum, jungen Menschen in möglichst kurzer Zeit einen Überblick über ein Themengebiet zu verschaffen und sie dann dem „Arbeitsmarkt“ zur Verfügung zu stellen.

Da die Umstellung der Studiengänge auf die neue Struktur so gut wie abgeschlossen ist, wäre es vermessen, hier noch von Kinderkrankheiten zu sprechen. Die Kritikpunkte machen vielmehr einen ganz erheblichen Teil der Studienreform an der FU und auch darüber hinaus aus, Es geht schließlich nicht nur um bloße Umsetzungsfragen, sondern vielmehr um die generelle Stoßrichtung der Reform. Wie schon eingangs erwähnt, stellte das Hauptziel eine "Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Hochschulsystems" dar. Es ging also von Anfang an nicht darum, Bildung und Lehre an sich zu verbessern, sondern die Verwertbarkeit der Studierenden zu erhöhen. Vielleicht mag das gelungen sein – um eine positive Entwicklung handelt es sich dennoch nicht.

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Datum: 01. Oktober 2008, last update: Dec 3, 2008 7:33 am