Nicht erst die Kontroverse um das im September 2007 eingeweihte "Freiheitsdenkmal" zeigte, dass an unserer Universität Erinnerungspolitik auf fatale Weise schief läuft. Auch an anderen Beispielen wird sichtbar: Geschichte ist für das aktuelle FU-Präsidium nur ein Rohstoff für Imagekampagnen. Im Stile einer Unternehmensgeschichte pickt man sich Erfreuliches heraus und verdrängt alle unangenehmen Facetten. Auch vor der Verharmlosung von Antisemitismus und Nationalsozialismus wird dabei nicht haltgemacht.
Seit Jahren schon weigert sich die FU und namentlich Präsident Lenzen, eine Umbenennung des Henry-Ford-Bau zu erwägen, obwohl Ford sich als antisemitischer Publizist betätigte und mit dem Buch "Ihe International Jew" eine der populärsten antisemitischen Schriften seiner Zeit herausgab.
Ford, Erfinder des Fließbands und Gründer des bekannten US-Autokonzerns, publizierte seit März 1920 im von ihm herausgegebenen Sensationsjournal "The Dearborn Independent" eine Reihe antisemitischer Artikel. Weiterhin erschien ein Nachdruck der "Protokolle der Weisen von Zion", jener kruden Verschwörungstheorie, die bis heute zu den Klassikern des Antisemitismus zählt. Henry Ford selbst kommentierte in einem Interview vom Februar 1921: "Alles was ich zu den Protokollen sagen kann, ist, dass sie zu dem passen, was vorgeht".
Im November 1920 erschien dann mit "The international Jew" unter Fords Namen eine Artikelsammlung aus dem "Independent", die schnell auch ins Deutsche übersetzt wurde und lange vor 1933 zum festen Bestandteil der Propaganda deutscher Antisemiten wurde.
Wohl auch aus diesem Grund erhielt Ford schließlich 1938 das "Großkreuz des Deutschen Adlerordens", die höchste Auszeichnung, die Nazideutschland an Nichtdeutsche vergab. Damals hatte Ford seine antisemitische Kampagne freilich schon abgebrochen. Eine aufsehenerregende Verleumdungsklage brachte ihn im Jahr 1927 dazu, den Dearborn Independant einzustellen. Im Verfahren konnte Ford sich zwar zu Recht darauf berufen, die fraglichen Artikel nicht selbst geschrieben zu haben. Sie wurden von einem seiner Mitarbeiter formuliert und erschienen dann unter Fords Namen. Seine Behauptung jedoch, er hätte die Artikel nie gelesen, sondern nur die Überschriften, wurde von Zeugen und selbst von Freunden Fords als absolut unglaubwürdig abgetan. Henry Ford selbst jedenfalls berichtete noch 1940 in einem Interview mit dem "Manchester Guardian", dass jüdische Bankierskreise den zweiten Weltkrieg angezettelt hätten.
Ford starb 1947, einen Großteil seines Vermögens hinterließ er der familieneigenen Ford-Foundation. Diese ermöglichte durch eine Millionenspende die Errichtung des 1954 unter dem Namen Henry-Ford-Bau eröffneten Gebäudes der FU.
Präsident Lenzen beharrt in diesem Zusammenhang nachdrücklich auf der Aussage, der Ford-Bau sei nicht nach dem Antisemiten Ford, sondern nach dessen Enkel Henry Ford II. benannt. Eine Behauptung, für die es keinerlei Beweise gibt. Auch an sich wirkt die Behauptung unglaubwürdig, müßte das Gebäude doch "Henry-Ford II.-Bau" oder " Henry Ford Junior Bau" heißen, wenn Lenzens Version zuträfe. Auch der im FU-Archiv einsehbare Senatsbeschluss vom 3. März 1954 besagt nur "dass das Gebäude des Auditorium Maximum im ganzen den Namen 'Henry-Ford-Bau' tragen soll". Ein Henry Ford junior wird nicht erwähnt, es ist also davon auszugehen, dass das Gebäude sehr wohl nach dem Autobauer und Antisemiten Henry Ford I. benannt ist.
Obwohl die Vorwürfe gegen Ford seit Jahrzehnten bekannt sind, unternahm die FU nichts. Zunächst schwieg das Präsidium sich schlicht aus, seit etwa 2003 flüchtete man sich in die zitierte Schutzbehauptung über Ford Junior. Ziel war, die erneute Vergabe von Geldern durch die Ford-Foundation für eine geplante Renovierung des Gebäudes nicht zu gefährden. Die Presse machte es der FU-Leitung leicht und ignorierte die Vorwürfe über Jahre hinweg. So etwa zur Wiedereröffnung des HfB nach der Renovierung im April 2007: Obwohl seitens der Studierendenschaft ausführliche Pressemitteilungen zum Thema herausgegeben wurden, berichteten lediglich die marxistische "Junge Welt" und die "Jüdische Allgemeine" über den Vorgang. Die Mainstreamblätter begnügten sich damit, die Pressemitteilungen des Präsidiums abzuschreiben.
Auch beim Thema Faschismus und NS-Erbe ist die FU gut im Verdrängen. Nach wie vor werden die Institute der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft", in deren Gebäude heute FU-Einrichtungen residieren, in verharmlosender Weise als "deutsches Oxford", als Standort "exzellenter Wissenschaft" porträtiert. So etwa in der Ausstellung "Zukunft von Anfang an", die 2004 zum 50. Jahrestag der Einweihung des Henry-Ford-Bau entworfen wurde und die FU-Geschichte als "Erfolgsgeschichte" aufbereitet. Die Ausstellung ist seit 2007 als Daueraustellung im HFB zu sehen, ihre Texte finden sich auch auf der FU-Homepage.
Die Kaiser-Wilhelm Gesellschaft (KWG) wurde im Jahr 1911 als Neztwerk staatlicher Forschungsinstitute gegründet. Die Novemberrevolution und den Faschismus überstand sie unbeschadet, erst nach dem Ende des zweiten Weltkriegs änderte sie ihren Namen in "Max Planck Gesellschaft". Direktor des ersten Kaiser Wilhelm-Institutes war der Chemiker Ernst Haber, einer der Pioniere der chemischen Kriegsführung. Durch Haber entwickelte Giftgase wurden im ersten Weltkrieg industriell produziert und durch deutschen Truppen an der Westfront eingesetzt, Tausende von Soldaten fanden den Tod.
Auch während des Zweiten Weltkrieges waren die in Dahlem ansässigen Institute der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft nicht unbeteiligt. Mittels rassistischer Forschung unterstützten sie die Ideologie der Nazis, aber auch Rüstungsforschung wurde betrieben.
Am Kaiser Wilhelm Institut für Chemie wurde im Dezember 1938, ziemlich genau zehn Jahre vor Gründung der FU, die weltweit erste Kernspaltung vollzogen und damit die Grundlagen für Atomenergie und Atomwaffen gelegt. Die Entdeckung veranlaßte ein umfangreiches NS-Kernwaffenforschungsprogramm, das glücklicherweise nicht zu Ende geführt werden konnte. Das Gebäude des Kaiser-Wilhelm Instituts für Chemie ist heute als "Otto Hahn Bau" Teil des Instituts für Chemie der FU. Zwei am Gebäude vorhandene Gedenktafeln ignorieren weiterhin den NS-Kontext der dort betriebenen Kernversuche.
In den Texten der FU-Ausstellung "Zukunft von Anfang an" wird zwar durchaus erwähnt, dass in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auch Rassen- und Kriegswissenschaft für die Nazis betrieben wurde, jedoch verschwindet diese Problematisierung hinter allerlei Beschönigungen. So wird etwa der Eindruck erweckt, dass "Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik", in dessen Gebäude heute die FU-Politikwissenschaft eingerichtet ist, habe sich erst seit Sommer 1933 mit rassistischer Forschung beschäftigt. Das Institut in der Ihnestraße 22 war beteiligt an Menschenversuchen und lagerte in seinen Räumen Organe ermordeter KZ-Häftlinge.
Allein der Titel des 1926 gegründeten Instituts macht jedoch deutlich, dass hier bereits in der Weimarer Republik eine rassistische Forschungstradition etabliert wurde, welche die Nazis fertig vorfanden. Denn "Eugenik" meint nichts anderes als die Reinigung des "Volkskörpers" von "kranken" und unerwünschten "Elementen", sprich Menschen. Auch der Gründungsdirektor Eugen Fischer amtierte von 1927 bis 1942, stand also für die Kontinuität rassistischer und menschenverachtender Pseudowissenschaft am Institut.
In der FU-Geschichtsschreibung liest sich das so:
"Das Institut entwickelte sich schnell zu dem humangenetischen Zentrum in Deutschland und erwarb sich u.a. durch seine empirische Grundlagenforschung Anerkennung."
An dieser Stelle hätte es sich angeboten, die heutige Humangenetik auf ihre rassistischen Wurzeln und unverarbeiteten Prämissen abzuklopfen, oder auch auf die menschenverachtende Kontinuität aktueller eugenischer Argumentationen etwa gegenüber Behinderten hinzuweisen. Stattdessen versucht die FU in ihrer Ausstellung, mit der künstlichen Trennung "vor 1933/nach 1933" auch noch aus einem Institut, dessen bekanntester Mitarbeiter KZ-Arzt Joseph Mengele war, symbolisches Kapital zu schlagen.
An diesen zwei Beispielen wird deutlich, was die Kommerzialisierung der Universitäten und ihre Inszenierung als Unternehmen eines zukünftigen Bildungsmarktes bedeutet: Eine Geschichtswahrnehmung, die kritisch hinterfragend ihre Verantwortung wahrnimmt, hat hier nichts zu suchen. Am Umgang der FU mit 1968 und Studierendenprotesten im Allgemeinen ließe sich dieser Vorgang genauso aufzeichnen. Zwar war der Mainstream der Geschichtsschreibung immer schon Herrschaftsgeschichte, und das ist im Falle der FU nicht anders. Die Vermarktwirtschaftlichung des Erinnerns bewirkt jedoch eine ungeahnte Steigerung des institutionellen Verdrängens.
Denn die Universitäten der Zukunft brauchen eine Erfolggeschichte. Die "Exzellenz" der eigenen Uni muss schon "von anfang an", also weit in der Vergangenheit angelegt sein. Und wenn die Vergangenheit nicht dazu passt, dann wird sie eben passend gemacht. Wenn man dazu Antisemitismus verdrängen und Faschismus in Orwellscher Manier schönreden muss, dann wird auch das gemacht – der Markt verlangt es.
Ralf Hoffrogge