
Gründung ist ein mythologischer Begriff. Das Gegründete steht seit Urzeiten. Heroen haben es gegründet, periodische Veranstaltungen halten die Erinnerung aufrecht an jene Zeit. Wenn die Heroen aus dem Dämmer der Geschichte treten, steht die Geschichte still. In Zeiten der Unruhe sehen wir sie aus dem Dämmer der Geschichte treten.
16 Gründer der Freien Universität, ehemals Studenten, heute reputierliche Bürger eines reputierlichen Staates, haben ihre Stimme erhoben und Urzeit beschworen. Als einer, der ihren Aufruf nicht unterschrieben hat, sondern der (wie eine unabhängige Berliner Tageszeitung es formulierte) seine Unterschrift verweigert hat, weil er anderer Meinung sein soll, hole ich, wohl oder übel als Individuum, nach, was meine Freunde als ein Kollektiv von Vätern unternommen haben, und beschwöre Urzeit. Freilich, die Geschichte steht nicht still, und ich kann es nicht bei einer Beschwörung bewenden lassen. Sie stand auch nicht still, als wir diese Universität gegründet haben. Trotzdem - bitte erlauben Sie mir diese Fiktion - möchte ich einen Augenblick von jener Zeit in den beschwörenden Begriffen der Urzeit reden. Wir müssen uns noch einmal daran erinnern, damit wir unterscheiden können, was damals Hoffnung war und was Illusion. Hoffnung und Resignation heute sind nicht zu trennen davon, und wir dürfen uns nicht einreden, daß die Unruhe heute nichts zu tun habe mit der Unruhe damals. Wir sind nicht unschuldig an der Geschichte unserer Enttäuschungen, nicht an dem Schicksal der Gründung. Aber war diese nicht selbst das Produkt einer Enttäuschung?
Ich gehe noch einmal einen Schritt zurück, bis in das Jahr 1945. Das war der Anfang der Zeit, düster und hell zugleich. Düster, weil wir, in dieser Kolonialstadt Berlin, mit einem Mal selbst als Eingeborene lebten, von Wächtern bewacht, zwischen den Vorzeitresten einer zertrümmerten Metropolis. Hell, weil wir, in Zorn und Fieber, auf diese Jahre gewartet hatten, in denen man denken und sprechen, analysieren und planen, anklagen und es besser machen konnte. Wir studierten, manche wieder, manche zum ersten Mal, darunter solche, die vorher niemals hatten studieren dürfen, an einer Universität: der im Winter 1945/46 wieder eröffneten Unter den Linden. Wir waren nicht viele Studenten, es lehrten nicht viele Professoren in dieser Stadt. Wir kannten uns, an den Fakultäten und über die Fakultäten hinaus. Die Vergangenheit griff nicht nach dieser Universität, der neuen alten. So wenigstens dachten wir. Es gab keine braunen Lehrstühle, die meist älteren Studenten waren, was heute leicht in Rufe wie „Gefahr von links“ und “Unterwanderung“ ausbrechen läßt, nämlich Antifaschisten. Wir standen auf dem friderizianischen Hof und diskutierten heftig, durch die politischen Fronten hindurch, wie ein bessere Gesellschaft auszusehen habe. Geistig waren wir längst keine Eingeborenen mehr. Eine Zeitlang waren die Ruinen dieser Stadt, die Werner Heldt als eine Meerstadt gezeichnet hat und die der junge Schnurre von einem panisch erschreckten Gazellenrudel bevölkert sei ließ, das vor dem U-Bahnschacht der Steppenstadt zusammenbricht, klassische Ruinen: sie reflektierten die Hellichkeit einer sehr nüchtern, einer utopisch -nüchternen Generation. Das war die Zeit, in der wir glaubten, nur nach vorne zu sehen, und in der die Vergangenheit noch nach uns griff: als Zwang.
Die neue Universität, die darum die Freie heißt - das wieder und wieder zu sagen, darf niemand müde werden, der sie mitgegründet hat oder der bei ihrer Gründung dabei war -, ist gegen Zwang gegründet worden. Zwang, das war für uns damals der Inbegriff der NS-Zeit: der unmittelbare, die Knochen zerbrechende, und der mittelbare, die Zunge zerspaltende, lautlos funktionierende Zwang. Zwang trat uns jetzt im Zentrum der neuen-alten Universität, im Zentrum der zerstörten Stadt, entgegen. Studenten wurden verhaftet, wohlweislich in den Semesterferien, es gab kein Verfahren, sie hatten durch ihre Verhaftung aufgehört, Bürger der Universität zu sein, und die Bürger der Universität (so hieß es damals) hatten sich nur um ihre Universität zu kümmern. Die Forderung nach Aufklärung und Verfahren wurde erstickt, die Herausgeber der unabhängigen Studentenzeitung Colloquium wurden relegiert. Noch waren die Fronten nicht klar unter den Studenten: Angehörige der Einheitspartei, der eben gegründeten, der sich jetzt, bald zwanzig Jahre später, eine bürgerliche Parteien-Einheit im anderen Teil Deutschlands zwanglos entgegenzustellen beginnt, warnten uns, wenn wir zu gefährlichen Rendezvous geladen wurden. Selbst höhere Funktionäre warnten. Aber das freie Leben, dessen Teil das freie Studium war, unsere große Hoffnung damals, war schneller, als einer von uns erwartet hatte, Illusion. Konnten wir unsere Hoffnung retten, oder war das, was wir da retteten, wieder nur die Illusion?
lch werde darauf zu sprechen kommen, es ist der Kern der Debatte über diese Universität, die heute die Freie heißt, die 1948 gegründete, in den Westsektoren der Viersektorenstadt. Aber das möchte ich Sie bitten fest zuhalten: Zwang war der Anlaß, daß wir uns trafen, heimlich, später öffentlich, die Initiative war von einzelnen Mitgliedern des Studentenrats ausgegangen, daß wir erst in einem Zimmer der TU zusammenkamen, später in Wannsee und Dahlem, um etwa Utopisch-Nüchternes zu tun - was dann den einen als zu utopisch, darum nicht realistisch genug, und den anderen als zu nüchtern, darum nicht politisch zündend genug erschien: eine Universität ohne Zwang zu gründen. Es war eine sehr bescheidene Gründung, wenige Professoren waren dabei, nur wenige ließen sich gewinnen. Wir bekamen zu hören: Als Mensch und als Staatsbürger teile ich Ihre Bedenken, aber als Universitätsbürger und Beamter, als Familienvater ohne Sicherung meines Lebens, so sehr es mir leid tut, kann ich nicht mitmachen. Sie gingen später auf geachtete Lehrstühle der Bundesrepublik, Mitglieder der Universitaten, die diese neugegründete, die jetzt die Freie hieß, semesterlang nicht anerkennen wollten.
Was hatten wir diesem Mißtrauen (und auch anderen Formen des Mißtrauens, die zu analysieren ein wichtiges Kapitel unserer jungen Universitätsgeschichte wäre) entgegenzustellen? Ich weiß wohl, wie ohnmächtig realitätsferne und darum so gut von den Realitäten zu mißbrauchende Begriffe sind, heute wie damals. Aber so nannten wir unsere Universität: eine “Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ und dieser Begriff hatte damals in der Tat eine Realität: die Realität der Pionierzeit. Wir fingen mit einem Stuhl und einzelnen Kisten an, in einem von der Militärregierung geräumten kleinen Haus, das dann Rektor und Senat, ASTA und Außenkommission beherbergen sollte, und die Frühzeit der Wissenschaft lebte noch einmal auf in dem größeren Haus der Philosophischen Fakultät, das alle Insitute dieser Fakultät unter einem Dach vereinte: Kunst und Theater über den Sprachen der Welt, die Philosophie im Erdgeschoß, und ganz oben, in den niedrigen Räumen unter dem Dach, das Kaffeestübchen für den nützlichen Müßiggang. Heute wohnen nur die Germanisten, der Dekan und einige Mitglieder der Verwaltung in diesem Haus. Das Ende der Pionierzeit - mit dem Auszug eines jeden einzelnen Instituts, der Schließung des Kaffeestübchens, dem Schritt ins solide eigene Haus unerbittlich näherrückend - war, wie das Ende einer jeden Pionierzeit, die totale Organisation; ein Großbetrieb, für dessen arbeitsteiliges Funktionieren nicht mehr der Zusammenhang der in ihm geleisteten Arbeit zeugt, sondern nur die Reibungslosigkeit des Funktionierens und die Ruhe des Betriebs. Schnell, wie der Embryo die Entwicklung der animalischen Natur, hatte diese Universität den Geschichtsprozeß nachgeholt. Hatten wir uns über die Unvermeidbarkeit historischer Prozesse getäuscht? War, was wir so lange als den “Geist” der freien Universität beschworen hatten, nur leere Romantik, bestenfalls der Pioniertraum einer für kurze Zeit noch einmal vorindustriell erscheinenden Epoche? Die utopische Nüchternheit der ersten Jahre schien endlich Frieden gemacht zu haben mit einer veränderten Wirklichkeit. Sie schien sich weiterentwickelt zu haben zu einem mit romantischer Reminiszenz verklärten Realitätsdenken, es schien eine folgerichtige Entwicklung zu sein. Aber täuschen wir uns nicht. Ein Mißverständnis, das leicht dazu dient, die Geschichte dieser Universität ebenso wie die Nachkriegsgeschichte unseres Landes in einen naturgesetzlichen Prozeß zu verkehren und so die Beteiligten von den bitteren Begleitumständen des Prozesses zu entlasten, bedarf der Korrektur. Nicht das Utopische entpuppte sich als romantische Reminiszenz, z.B. in einem leeren Pathos von “Gründergeist”, und nicht die Nüchternheit als der Vorläufer eines später so genannten “realitätsgerechten” Verhaltens, dieses positivistisch-indifferenten Zerrbilds von Gerechtigkeit, sondern umgekehrt: an die Stelle der konkreten Nüchternheit trat ein der konkreten Wirklichkeit entfremdetes romantisches Pathos, Ausdruck der Flucht vor einer unbequemen Realität, und das utopische Bewußtsein - anders ausgedrückt: das kritische Bewußtsein von der Korrigierbarkeit der Welt - schrumpfte zusammen zu jener ohnmächtigen Spielart des Realismus, die nichts anderes mehr bedeutet als die kritiklose Hinnahme des Bestehenden.
Die einmal nüchtern gewesen waren, jetzt wurden sie romantisch (aber “romantisch” ist ein viel zu schönes Wort), und das utopische Bewußtsein der Zeit nach dem Krieg verwandelte sich, durch einen schmerzlichen Prozeß der Enttäuschung hindurch, in den Positivismus der Resignierten. Erinnern wir uns, wie auch der Tonfall offizieller Reden sich seitdem verändert hat. Zynisch wurde die enttäuschte Utopie, und aus einer Nüchternheit, die jetzt keinen Platz mehr hatte, ohne zu erschrecken, wurde der larmoyante Tonfall dessen, der sich den Verrat an seinen Hoffnungen nicht eingestehen darf.
1948 war noch nicht die Zeit, dies zu erkennen. So wie auch andere in dieser Zeit kämpften wir, im Namen einer Demokratie, die nicht das Schicksal ihrer Vorgängerin teilen sollte, ausgehöhlt und beseitigt zu werden, für eine neue Form der Universität. Der Pioniergeist der Gründung sollte politisch befestigt werden. Die Verfassung, die die junge Universität sich gab, unterstützt von Bürgermeister Reuter und unseren Freunden unter den Mitgliedern der Militärregierung, drückte einen politischen Willen aus. Sie beschwor - Vorgriff auf eine utopische Gesellschaft im Modell der Uni-versi-tätsde-mokratie - das Bild einer Gemeinschaft ohne Zwang. Ich nenne nur die wichtigsten Punkte. Diese Universität war keine Landesuniversität, sondern eine Stiftungsuniversität so wie einmal die Bürgeruniversität der Stadt Frankfurt; über sie wachte ein Kuratorium, das zugleich eines ihrer eigenen Organe war; sie vertraute dem Staat, der ihr Geld und Sicherheit und Häuser gab: Der Vorsitzende des Kuratoriums war der später so genannte Regierende Bürgermeister der Stadt; sie war nicht hierarchisch aufgebaut: die Teile, aus denen sie sich zusammensetze, waren, juristisch-physiologisch gesprochen, ihre Organe - jedes für die ganze Universität denkend und im Interesse des Ganzen handelnd: Rektor, Senat, Fakultäten, Kuratorium und Studentenschaft; die Studentenschaft war in allen beschlußfassenden Gremien mit beschließender Stimme vertreten; nur die Assistenten waren nicht vertreten - das lag daran, daß erst nur ein einziger Assistent die alte Universität verlassen hatte, der jetzt amtierende Rektor.
Dies schwebte uns vor, und es wurde semesterlang praktiziert, bis - ich glaube unter einem Rektor der Juristischen Fakultät, lange selbst das Sorgenkind der jungen Universität - es zu den ersten ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen den nun sich formierenden Universitäts-Oberen und dem Universitäts-Volk kam: eine Zusammenarbeit ohne Ansehen des Ranges und der Person, wohl aber in Respekt vor der Leistung und der Erfahrung. Hier, so dachten wir, an dieser Freien Universität in dieser Stadt Berlin, machen wir den Anfang mit der allgemeinen großen Universitätsreform. Das Mißtrauen, das die anderen uns entgegenbrachten, war unser Stolz. Wir sahen entstehen, was in Deutschland nirgends sonst entstand: nicht in den Universitäten jener Zonen, die eine alte Gemeinschaft zu erneuern suchten, die restaurative Gemeinschaft der Korporationen, aber die selbst keine Mitwirkungsrechte der Studenten kannten an ihrer Korporation; nicht in den Universitäten der anderen Zone, die wir nun nicht mehr betreten durften, mit ihren Formen einer Restauration des Zwangs. Die Universität, das wußten wir, stand stellvertretend für die Gesellschaft. Dieser ein Bewußtsein ihrer selbst zu geben: darin sahen wir die Aufgabe einer Universität. Staatsbürger sein, es potenziert sein in der Helle des Bewußtseins, nämlich denkender, erkennender Staatsbürger, der aus seinem Erkennen Konsequenzen zieht: das war die vornehmste Aufgabe des Bürgers einer Universität. Wir hatten die Lehre der NS-Zeit verstanden, die heute wieder vergessen ist: daß die politisierte Universität identisch ist mit der vermeintlich unpolitischen. Wir wollten das politische Bewußtsein des Universitätsbürgers. Es allein garantierte uns die Freiheit der Universität, die stellvertretend stand für eine freie Gesellschaft. Politiker und Professoren, Gewerkschaftler und Schriftsteller teilten unsere Ansicht. Wir hatten, damals, eine große Chance. Wir haben unsere Chance ergriffen, und wir haben unsere Chance verpaßt. Die Geschichte unserer Universität - nicht die ihres Wachstums und der an ihrem Wachstum ablesbaren Erfolge, sondern die ihres Universitätsbewußtseins - ist die Geschichte ihres Scheiterns bis heute. Ist sie darum wieder nur die Geschichte einer Illusion wie die ersten drei Jahre Berliner Universitätsgeschichte nach dem Krieg? Ich frage: was ist aus unserem politischen Bewußtsein geworden? Daß wir uns recht verstehen: ein parteipolitisches Bewußtsein war es nicht, Parteienzugehörigkeiten spielten keine Rolle. Aber es war auch nicht ein parteienfeindliches Bewußtsein, also nicht in sublimierter Form wieder das alte unpolitische des über Politik sich erhebenden, von nichts berührbaren Geistes, der selbst eine handfeste, weil die Berührung anderer willig in Kauf nehmende Politik betreibt. Vielmehr waren wir der Ansicht: wir dürften, auch wenn in Parteien, nicht deren Partei, sondern hätten nur für uns Partei zu ergreifen: für die Freiheit der Universität, und in ihr: für die der Gesellschaft. Das Scheitern unserer Universität ist das Scheitern dieser lllusion. Wir verstanden uns als eine Avantgarde der deutschen Universitäten und lebten allenfalls in einem Reservat. Diese Universität - aber das teilte sie nicht nur mit anderen ihresgleichen, sondern mit der Gesellschaft, deren Teil sie war - hatte keinen neuen Inhalt. Wie sollte sie da eine Richtung haben? Geist ist der alte Name für das Lebendige, das eine Richtung hat. Nach allen Seiten sich vergrößern, hier ein Haus und dort ein Park, Wachstum über alle einmal festgesetzten Wachstumsgrenzen hinaus, neue Lehrstühle und immer mehr Studenten -, das alles hat noch keine Richtung und ist nicht Geist. Daß die Universität die Korporationen aussperrte (wie lange noch?) und die denunziatorischen Formen der damaligen SED-Unversitätspolitik, gab ihr noch keinen neuen Inhalt. Die Forderungen einzelner wurden von der Größe der organisatorischen Aufgaben zugedeckt. Woran sollte die Gemeinschaft sich erkennen, als das Netz privater Bekanntschaften zu weitmaschig geworden war? Was einte sie, als wenige Jahre nach ihrer Gründung der Pioniergeist von ihr ging? Frontstadtgeist zog, wie in diese Stadt - und zwar beide Hälften der halbierten, nicht nur die halbe -, so in ihre Universitäten ein - ich vermute: nicht nur die eine. Frontstadtgeist, das ist der Name für eine Neurose. Sie entsprang der Hilflosigkeit, nicht der Feindseligkeit, ihre Aggressivität war Ohnmacht, ihr Trotz die Selbstbehauptung für ein hier und dort verratenes Ganzes. Neurotisch drohte diese Stadt, neurotisch drohte ihre Universität zu werden, die sich noch immer die Freie nannte.
Weil die Universität das erkannte - denn es lehrten klarsichtige Lehrer an ihr, sie war nicht eine Universität minderen Ranges -, wurde sie sachlich, so wie man nach erhitzten Emotionen sachlich wird. Das vertrug sich vorzüglich mit dieser Gesellschaft, denn auch sie war inzwischen sachlich geworden und ahndete jede Kritik an ihrer Sachlichkeit mit Emotionen. Aber diese Sachlichkeit, schwerer zu durchschauen als das verkrampfte Gewissen einer mißhandelten Stadt, war darum nicht weniger gefährlich, als ungezügelte Emotionen werden können. Sie war entstanden auf dem Boden einer Indifferenz, die sich durch nichts erschüttern lassen will, und übertrug deren Standpunkt auf Forschung und Lehre. Sie war der Panzer und das Alibi für ein Bewußtsein, das den Alptraum unserer Gesellschaft träumt.
In der Atmosphäre dieser Sachlichkeit ersticken unsere Universitäten. So erstickend liefern sie den Vorwand ab, der jedem zugute kommt, der die Mittel für den Zweck, das Denken für die Ziele des Denkens, die Beherrschung der Natur für die Natur der Herrschaft erklärt. Unsere Universitäten - damit stand die Freie nicht allein, nur daß an ihr sichtbarer wurde, was die Kontinuität der Tradition an älteren Universitäten verhüllte und was darum auch sie bald mit der Kontinuität erborgter Traditionen zu verhüllen begann - waren nicht nur unzureichend organisiert. Wie hätte man sie besser organisieren können? Man wußte ja nicht, welchem Zweck eine bessere Organisation dienen sollte außer dem einen, Schritt zu halten im Konkurrenzkampf mit den siegreichen Industrienationen, die mit einem Mal auch die wissenschaftlich überlegenen waren und die dem letzten nationalen Bollwerk der inneren Emigration - der Überlegenheit des wohl mißbrauchten, aber in seiner Substanz dennoch nicht geschwächten deutschen Geistes - den Stoß versetzten, der der Augenblick der Wahrheit ist. Wenn es nach 1945 auch für die Wissenschaften eine Chance gab, so war es die: noch einmal ernst zu machen mit dem Grundprinzip der europäischen Wissenschaft, das zugleich das Grundprinzip für die Veränderung der europäischen Gesellschaft war - eine sehr reale Veränderung, der wir Formen und Inhalte unseres heutigen Leben verdanken.
Ich bin genötigt, eine Binsenwahrheit noch einmal zu formulieren. Die Geschichte der europäischen Wissenschaft ist eine Geschichte der Selbstbefreiung des Menschen. Ihr Erkennen war ein Sieg über animalische Ohnmacht und Angst. Sie hatte die großen, unser Leben verändernden Erfolge, weil animalische Mächtigkeit in den Dienst eines solchen Erkennens trat: Trieb, der die sofortige Erfüllung sucht, in den langfristigen Plan; Denken, das sich über die unbequeme Realität erhebt, in den planmäßigen Eingriff in diese; Angst vor dem Tod und Sorge für das Überleben in einen Kampf gegen Todesfurcht und Entwürfe für ein menschenwürdigeres Leben verwandelnd. Das ist eine Binsenwahrheit, und vergleichsweise intakt sind Wissenschaften bedeuten würde. Ich nenne das eine Beispiel der Medizin. Aber - damit greife ich meine Bemerkung über den Geist als das Lebendige, das eine Richtung hat, noch einmal auf - was ist in den Geisteswissen schaften aus dieser Binsenwahrheit geworden? Der Inhalt der Wissenschaft - die Sache,um die es ihr einmal gegangen ist und um die es ihr weiter gehen muß, wenn sie den Namen Wissenschaft behalten will - ist weitgehend verschwunden. Er ist verraten im Namen einer richtungslosen Sachlichkeit. Wozu werden diese 1001 Spezialitäten betrieben - oft mit Hingabe und Fleiß und manchmal dem Opfer einer lebenslangen Askese? Was heißt und zu welchem Ende studieren 10 000-e von Studenten an den volkreichsten Fakultäten unseres Landes Wissenschaft? Wer diese Frage stellt, bekommt nichtssagende Antworten zu hören, er stößt auf lndifferenz und Resignation. Wenn dies sich nicht ändert, wird der Begriff von Wissenschaft, dem wir unser Leben verdanken, am Ende sein, und - wir sollten es einmal mit aller Deutlichkeit sagen - das wäre ein viel einschneidenderes Ereignis als das Ende des Humboldtschen Universitätsmodells, dieses hin-und-hergereichten Fetischs im Streit um eine Universitätsreform. Doch wie sollte es sich ändern? Hier, im Zentrum des Begriffs der Wissenschaft als einer planmäßig betriebenen, ein menschenwürdigeres Leben oder, um mit dem altmodisch-aufrührerischen Wort es zu benennen: Glück zum Ziele habenden, in seinem Namen sachlichen, um seinetwillen asketischen Aktion, sind wir zugleich im Zentrum der Bewegungen, die unsere Gesellschaft bilden, im Zentrum also eines nicht nur formalistischen Bildungsbegriffs. Die inhaltliche Bestimmung von Wissenschaft und die inhaltliche Bestimmung von Demokratie sind identisch, und das haben Jahrhunderte lang die Wissenschaftler des Okzidents nicht nur verstanden, sondern praktiziert. Es als einen flachen Fortschrittsoptimismus abzutun - wie es spätestens seit dem Scheitern einer weltweiten Hoffnung in einem ersten weltweiten Krieg zur allgemeinen Selbstrechtfertigung der Gebildeten unter den Verächtern der Wissenschaft geworden war -, ist das Produkt der allgemeinen Resignation, zugleich eine Kapitulation vor jenem ohmächtigen Bildungsersatz, der, als Halbbildung verächtlich gemacht, die Sache der Wissenschaft, nämlich im Hinblick auf die Universalität ihrer Ziele, ohne die Unterstützung der Wissenschaften weiterbetreibt. Er ist der Schatten des Anspruchs, den die Wissenschaften selbst verraten haben, aber ein Schatten mehr oder weniger ist noch kein Grund zur Beunruhigung.
Beunruhigend sind andere Symptome: weltweite Bewegungen, die mit ihren Ausläufern auch diese Stadt Ber1in erreichen und die die verkrampfte Stabilität dieser Stadt ebenso beunruhigen wie das labile Gleichgewicht ihrer Organisationen, zumal des Wissenschafts-Betriebes ihrer Universität. Zweigleisig ist die Art, in der Universität und Stadt die Beunruhigungen zur Kenntnis nehmen. Einerseits spüren sie eine auf Einzelaktionen kleiner Grüppchen nicht reduzierbare Unruhe unter den Studierenden und verraten ihre Beunruhigung darüber durch die Unmäßigkeit der Reaktion auf jede Einzelaktion kleiner Grüppchen. Andererseits verharmlosen sie die allgemeine Beunruhigung als universitätsinterne oder kleinstädtische Ordnungswidrigkeiten und bestätigen sich, aufatmend von Fall zu Fall, die Wiederherstellung der Ordnung.
Universität und Stadtverwaltung haben ihren Blick verengt. Sache der Universität wäre es, zu analysieren, Sache der Stadt, nicht in eine Kleinstadtmentalität zu verfallen. Mag die Stadt dies, einer kaum vergangenen Frontstadtneurose gegenüber, immer noch als das kleinere Übel betrachten, so sei sie dennoch vor den Folgen gewarnt: das Ideal der Kommunalpolitik, Ruhe und Ordnung in einem aufgeräumten Gemeinwesen, als das Ideal des Stadtregimentes dieser Stadt, wäre nichts weniger als der Verzicht auf diese Stadt. Ohne ein Maß an Unordnung, Beunruhigung, latenter Provokation wäre eine Stadt wie diese verloren. Unruhe, die um die Chance ihrer Selbstdarstellung gebracht wird, ist gezwungen, sich in einen negativen und einen positiven Anteil zu zersetzen; der negative wandert in die Formen einer ihm verordneten Kriminalität, der positive in die großen Städte ab, die diesen Namen verdienen. Das ist nicht eine Stadt-Romantik, gegen die im übrigen weniger einzuwenden wäre als gegen einen allgemeinen Waschzwang, sondern die Verteidigung eines großstädtischen Substrats, ohne das wir heute alle noch in einer Feudalgesellschaft leben müßten. Allerdings: die unablässige Anstrengung der Universität, zu analysieren, hätte der Stadtverwaltung zu Hilfe zu kommen. Sie kann weder nur die Sache eines liberalen Rektors sein noch die eines sozialistischen Senators, sondern hätte in allen Wissenschaften, wenigstens in allen Geisteswissenschaften, zu geschehen. Denn - dies ist die These, die den Ordnungsrufen in Universität und Stadt entgegenzuhalten ist -: was hier beunruhigend, heute in dieser Gruppe, morgen in jener und übermorgen vielleicht in der ganzen Studentenschaft dieser Universität als Unruhe spürbar wird, ist das Ungenügen an einer Gesellschaft, in der es weder einen inhaltlichen Begriff von Wissenschaft, noch einen inhaltlichen Begriff von Demokratie mehr gibt.
Wellen der Unruhe laufen durch die Universitäten dieser Welt. Politische ebenso wie unpolitische Ereignisse lassen sie sichtbar werden, politische ebenso wie unpolitische Gruppen schüren sie. Die Angst, abgeschnitten zu sein von der Realität; nicht zu leben, sondern zu ersticken und prämiert zu werden für das Einverständnis damit; die Angst, eingesetzt zu werden für Krieg und Unrecht oder morgen ausgelöscht zu sein, und dann Wissenschaften treiben zu sollen, deren Wissenschaftlichkeit gerade im Absehen von den möglichen Folgen, zumal diesen Folgen, besteht; die Angst, heute noch, als Mitglied einer Gesellschaft der Unter-Dreißig-Jährigen, mit einem Rest von Leben vereinigt zu sein und morgen bei lebendigem Leibe tot zu sein, weil aufgegangen in einer in ihrer eigenen cleveren Lebendigkeit erstarrten Gesellschaft; Unbedingtheit zu wollen und ständig bedingt zu sein; Undurchschaubares durchschauen zu wollen; teilzuhaben an der Realbewegung, selbst um den Preis, ausgelöscht zu werden in einer selbstverursachten realen Katastrophe; den Zufall provozieren, der das bürgerliche Synonym für Schicksal ist, aber nicht länger in dem wohleingeordneten gesellschaftlichen Spielbereich der Happenings, diesem unbefriedigenden Ersatz für ein unbefriedigendes Leben; stumm zu sein, um nicht durch Sprache verstrickt zu werden in seinen Aktionen; jedesmal zu wissen, daß dies alles ohnmächtige Aktionen sind, und trotzdem zu hoffen, daß ihre Verwandtschaft mit den mächtigen Aktionen einer etablierten Erwachsenenwelt diese als nicht weniger sinnlos entlarven wird als die vergeblichen eigenen: dies und unendlich viel mehr, teils stumm, teils lärmend, teils politischen Spielregeln sich unterwerfend, teils jede Spielregel verwerfend als den Verrat an einem zuletzt doch nicht erreichbaren Ziel (aber wenigstens sollte es nicht scheinen, als mache man sich über die Erreichbarkeit noch eine Illusion), hat der Gegenstand wissenschaftlicher Analyse zu sein. Es ist eine Szene, würdig des absurden Theaters, wie 10.000-e von Studenten Wissenschaften betreiben, die sie auch nicht im geringsten interessieren, und wie diese Wissenschaften wiederum nicht im geringsten an dem interessiert sind, was die sie Betreibenden angeht.
Klaus Heinrich (1967)