60 Jahre: Hallo. Wir machen eine kleine Umfrage zum Thema Studieren: Wieso, Weshalb, Warum? Da haben wir Dich als Freiwilligen ausgewählt.
J: Danke. Ja. Was soll ich sagen? 1973 machte ich mein Abitur. Die meisten Mitschüler, denke ich, machten das Abi, um danach zu studieren. Ich begann mein Studium im Jahre 1973, Mathematik, an der LMU, der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
60 Jahre: Wie sah denn die Uni aus?
J: Die LMU? Die war groß, 50.000 Studierende oder mehr. Die Veranstaltungen in der Mathematik waren immer überfüllt.
60 Jahre: Und wieso Mathematik?
J: Ich dachte, Mathematik ist etwas Eindeutiges, Klares. Berufliche Perspektive? Na ja, ich dachte, mit Mathematik kannst Du immer etwas anfangen. Die Professoren in den ersten Semestern haben uns sehr verunsichert. Die waren arg abstrakt. Der Praxisbezug war nicht so recht durchschaubar. Heute nennt man vieles von damals eine „didaktische Katastrophe“. Irgendwie habe ich durch das Studium gemerkt, dass man da doch nicht durchblicken kann. Viele Leute fragen irgendwann nicht mehr nach. Man versteht’s nicht und findet sich damit ab. Die fragen nicht! Vielleicht hat das mit Elite zu tun: Nur die Chefs sollen durchblicken. Du studierst immer mehr und immer mehr Fragen tauchen auf.
60 Jahre: Hm, das hätte ich jetzt bei der Mathematik nicht gedacht.
J: Ein Professor meinte einmal, für die Mathematik müsse man sich begeistern. Blinde, irrationale Begeisterung. Keine Fragen! Man muss begeistert sein. Ja. Ich glaube, da sind einige dieser Vorstellung gefolgt. Also, ich bin mir da nicht so sicher. Das Studieren selbst war in München nicht so einfach. Ich wollte viel selbst erforschen – das mache ich ja heute auch noch. Die Mathe hatte eine Bibliothek, die war aber in zwei Abteilungen unterteilt. In die eine Abteilung bist Du nur reingekommen, wenn Du schon die Zwischenprüfung bestanden hattest. Da gab es eine Einlasskontrolle. An all die guten Bücher bin ich nicht herangekommen.
60 Jahre: Was es nicht alles an Merkwürdigkeiten gibt. Wie war denn das Umfeld?
J: Ich habe zunächst noch bei meinen Eltern gewohnt, ungefähr 50 km weg von München. Dann bin ich nach München gezogen, in eine WG.
60 Jahre: Oha. Die WG als Absage an bürgerliche Familienstrukturen. Ich dachte, da wäre Bayern etwas konservativer als anderswo. Gab das Probleme?
J: Nein. Ich habe in München dann immer in einer WG gelebt. Umfeld? An der Uni waren damals die „Roten Zellen – Arbeitskonferenz“ aktiv, Rotz-AK, später nannten sie sich Marxistische Gruppe, die MG. Und sehr stark war auch der Marxistische Studentenbund Spartakus, der MSB, eine DKP-nahe Organisation. Es gab noch den KSV und den KHB und den SHB. All diese studentischen Gruppen versuchten immer darzustellen, dass sie die besten Fachschaftsvertreter sind. Die MGler hat das nicht interessiert. Um 1978 herum waren in den Fachschaften mehr nicht „gewerkschaftlich-orientierte“ Gruppen aktiv. Es gab einen AStA, aber der war frei finanziert, die Verfasste Studentenschaft war in Bayern abgeschafft.
60 Jahre: Du bist dann irgendwann nach Berlin gekommen?
J: Ja, 1981.
60 Jahre: Gab es einen Grund?
J: Klar. Bund.
60 Jahre: Verstehe. Der entmilitarisierte Status von Westberlin. 1981, das war aber eine heiße Zeit...
J: Ja. Da waren in Berlin über 100 Häuser besetzt worden. Ich bin da nicht eingezogen, ich wollte es etwas ruhiger haben. Ich wollte lieber alleine wohnen. Aber ich hatte einige Freunde unter den Besetzern, die habe ich mal besucht und mir die instandgesetzten Häuser angesehen.
60 Jahre: Die Universitäten in Berlin waren ja auch im Wandel. Wieso bist Du zur FU gegangen?
J: Die schien mir besser zu sein, in gewissem Sinne. Die FU war politisch interessanter. An der FU war alles offen, da konntest Du zu allen Fachbereichen hingehen und Dir die Bücher anschauen, die Du haben wolltest. Die FU war damals ziemlich groß, 50.000 Studenten, die Silberlaube war gerade eröffnet worden. Und schon zu klein. Ende der 80er waren’s dann über 60.000 Studierende. 1981 war der AStA an der FU gerade wieder eingerichtet worden. Ich habe mich da nur am Rande beteiligt, ich war ja auch schon höheres Semester. Ich bin dann Tutor geworden.
60 Jahre: Kannst Du Dich an den Tutorenstreik erinnern?
J: Ja, den habe ich mitgemacht. Das war 1985/86. Senator Kewenig wollte den Tarifvertrag für die studentischen Beschäftigten abschaffen. Damit sollte die Entlohnung reduziert werden, nach dem Motto: In Westdeutschland wird auch weniger gezahlt. Diese „kluge Idee“ bewirkte eine starke gewerkschaftliche Organisierung der Tutoren. 98 % stimmten für Streik. Am Ende gab es den Tarifvertrag, wir mussten aber finanzielle Einbußen hinnehmen - und Kewenig musste als Hochschulsenator abtreten.
60 Jahre: Apropos Abtreten...
J: Ja, ja, 1989 musste gleich der ganze Senat abtreten. Es gab dann den ersten SPD/AL-Senat. Das war während des großen UNiMUT-Streiks. Heckelmann war damals Uni-Präsident. Er wollte Einsparungen vornehmen, Institute schließen und eine glanzvolle „40 Jahre FU-Feier“ veranstalten: „Wir sind die Besten“. Ich bin mir nicht sicher: Ob er wohl das Vorbild des Herrn Lenzen ist?
60 Jahre: Wie war die Mathematik denn sonst so?
J: Anfang der 80er gab es noch die Fachschafts-Ini Mathematik. Die wurde von den ADSern beherrscht, das war die Studentengruppe der SEW, Sozialistische Einheitspartei Westberlin. Mathe war eine ADS-Hochburg. Man sagte: Da kannst Du nur mitmachen oder auswandern.
60 Jahre: Das überrascht. ADS und SEW, das entspricht nicht dem Gründungsmythos der Freien Universität.
J: Nein, gar nicht. Es gab dann einen Streit, als einer der nicht bei der Fachschafts-Ini mitmachte sondern nur beim Hexenhaus, einem studentischen Cafe, für die Alternative Liste kandidieren wollte.
60 Jahre: Das warst Du?!?
J: Nee, nee. Die Fachschafts-Ini Mathematik ist an dieser Debatte auseinander gebrochen. Es Gab dann nur noch das Hexenhaus, irgendwie auch als so eine Art FSI-Ersatz. Weißt Du, heute ist es so, da besteht die Fachschafts-Ini Mathematik/Informatik nur aus Informatikern. Von der Mathe kommt da kaum einer. Ich glaube, die kennen die Geschichte gar nicht mehr. Aber die Geschichte wirkt immer noch nach.
60 Jahre: Und was machst Du heute?
J: Ich kämpfe für den Erhalt des Langzeitstudiums - und gegen meine Zwangsexmatrikulation. Das Studium wird heute doch nur deshalb so streng reglementiert, damit die Studierenden keine Zeit mehr haben, um zu fragen. „Wer fragt, ist gefährlich.“
60 Jahre: Lebenslängliches Lernen! Du weißt, dass Du nichts weißt.
J: Also, da bin ich mir nicht so sicher.