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Ein kleines Interview der Redaktion des 60-Jahre-FU-Infos mit Achim D. aus WB

Achim D. Studienbeginn Sommer 1968 an der FU, Zweitstudium an der FU ab 1982, heute tätig als Jurist.

60 Jahre: Könntest Du ein wenig aus Deiner Studienzeit berichten? Zum Wieso, Weshalb, Warum?

A: Gute Frage. Heute. Zu meiner Zeit war das kein Thema. Nach dem Abi Uni. Was sonst? Also: Ich komme aus Berlin. Im Winter 67/68 Abi gemacht, im Sommer 68 ging es gleich ab an die FU. Erst Geschichte, dann Soziologie. Soziologie war damals schon NC-Fach. Den NC habe ich mit der Ein­schreibung für Geschichte umgangen. Erst einschreiben, später umschreiben. So einfach ging das. Schwieriger war ne ganz andere Entscheidung: An der FU gab es zwei Institute, das eher linke „In­stitut für Soziologie“ an der Philo­sophischen Fakultät und das mehr posi­tivistische „Soziologische In­stitut“ an der WiSo-Fakultät. Na ja, eigentlich war auch diese Wahl leicht. Nur die Im­matri­kulation war ein ziemlicher Aufwand. Dann das Belegen. Jede Ver­anstaltung musste handschriftlich ins Studien­buch. Der Testierzwang war an der FU wenigstens schon weg.

60 Jahre: Hä?

A: Ja. Du musstest in Deinem Studienbuch den Besuch der Vorlesungen vom Prof abzeich­nen lassen. Noch viel früher musstest Du sogar eine Hörergebühr bezahlen für den Besuch von Vor­lesungen. Die Bezahlung dieser Gebühr und damit der Besuch der Vorlesung wurde im Studien­buch vermerkt.

60 Jahre: Das Studium scheint nicht billig gewesen sein...

A: Ja, an Geld musste ich einiges investieren, 150 DM Studiengebühren, 18,75 DM Bei­träge fürs Studenten­werk und den AStA. Zum Glück war ich vom Versicherungsbeitrag für die DSKV befreit, der Deutschen Studen­tischen Kranken­versicherung.

60 Jahre: Und wo kam das lebensnotwendige Kleingeld her? BAföG gab es ja noch nicht.

A: Ich hatte nach dem Abitur gejobbt, bei Siemens. Ein Monat als Angelernter in der Nacht­schicht brachte 300 DM. Später habe ich auch während des Semesters neben dem Studium abends einige Stunden gearbeitet, das brachte so 250 DM im Monat. Damals gab es kein BAFöG, sondern „Honnef“, das war eine vom Elterneinkommen ab­hängige Unterstützung für Studenten in Höhe von max. 300 DM.

60 Jahre: Das alles klingt nicht nach viel.

A: Das war nicht viel, aber es reichte. Für ein Schrottauto und Möbel aus Apfelsinenkisten und vom Sperrmüll. Billige Wohnungen, die gab es selbst im schwarzen Kreis Berlin so gut wie nicht, für Stu­denten fast gar nicht und für WGs noch seltener.

60 Jahre: Schwarzer Kreis?

A: So nannte man Gemeinden mit Mietpreisbindung. Westberlin war der letzte schwarze Kreis. Die Miet­preisbindung wurde Ende der 80er Jahre auf­gehoben. Wohnungen bekam man zu meiner Studien­zeit eigentlich nur mit Verdienstbeschei­nigung oder Bürgschaft, ja, und ge­gebenenfalls nur mit Trauschein! Von wegen wilder Ehe und so. Na ja, ich bin viel umgezogen, man war stän­dig in Bewegung. Irgendwann konnte ich auch mal schwarz im Studentenheim Schlachten­see wohnen.

60 Jahre: Und warum die FU?

A: Nun, ich wohnte ja schon in Berlin. Damals stand nur zur Wahl: Paris, Berkeley oder Berlin. Gut, Frankfurt war auch eine Überlegung wert. Die FU war aber schon schwer im Umbruch begriffen. In meiner Anfangszeit ist der AStA abgeschafft und die Drit­telparität in der Selbst­verwaltung ein­geführt worden. Das war schon fast revolutio­när. Ein noch recht junger Mittelbauer namens Rolf Kreibich ist damals zum Uni-Präsidenten ge­wählt worden. Der war Diplom-Sozio­loge! Die alten Professoren, die Ordinarien, waren völlig von der Rolle. Es gab einige Versuche, den Präsiden­ten abzusägen. Ja, an­sonsten war „die FU“ eigentlich ein Unikum. Es gab noch keine Silberlaube und keine Rostlaube. Die Institute befanden sich überwiegend in kleine­ren oder größe­ren Villen, man­che mit Gärten! Die meisten waren in Dahlem konzentriert, andere über die halbe Stadt ver­teilt. Mein Institut war in der Babelsberger Straße in Schöneberg, alles andere lief irgendwo in Dahlem ab. Fürs Soziologiestudium brauchte ich zwei Nebenfächer, Psychologie und Politologie. Da konntest Du einige Zeit am Tage durch die Stadt fahren. Und das Auto noch vorm Audimax ab­stellen!

60 Jahre: Und wie lief das Studium ab?

A: Locker. Die ersten 4 Semester waren ganz praktische Soziologie am lebenden Objekt: Go-ins, sit-ins, teach-ins, Demos, „Streiks“ etc. etc. etc.. Ob Du 8 Semester studiert hast oder 10 Se­mester oder Jahre, das hat nie­manden interessiert. In der Soziologie musstest Du für die Diplom­prüfung acht Scheine vorlegen. Unbenotet. Das Studium war ziemlich frei, da konntest Du den eigenen Inter­essen nach­gehen. Seminare und Projekte waren immer überfüllt. Die großen Räume in den Villen waren einfach zu klein.

60 Jahre: Was habt Ihr da so gemacht?

A: Na, alles was damals so „in“ war. Eben die Klassiker. Und, oh je, wir haben uns die ganze Ge­schichte der Klassenkämpfe erarbeitet. Und die Psycho­analyse, den Faschismus... und die proletari­sche Kindererziehung bis zur frühkindlichen Sozialisation. Die bürgerliche Soziologie war für uns im Abgang begriffen. Und es wurden fleißig umfang­reiche Studien erstellt, gesell­schaft­liche Analysen über alles Mögliche.

60 Jahre: Braucht man das heute alles noch?

A: Na ja, heute würde man sagen, der Gebrauchswert ist nur schwer zu messen...

60 Jahre: Viel nutzloses Zeug...

A: Nein! Wir haben z. B. drei Semester „Das Kapital“ gelesen. Alle drei Bände. Das hat außer uns niemand geschafft! Das Wissen kann man heute wieder gut gebrauchen. Ich sag nur: „Heuschrecken“, Globalisierung.

60 Jahre: Und warum hast Du Soziologie studiert?

A: Gute Frage. Das war auch eine Frage, die uns im 1. Semester gestellt wurde. Wir hatten da­mals nur vage Vorstellungen, aber die Standardantwort lautete: Weil wir die Gesellschaft ver­ändern wol­len. Weil wir lernen wollen, wie sich die Gesellschaft verändern lässt. Die Akzeptanz war ent­sprechend: „Was studierst du? Sozio... äh... Sozialismus? Dann geh doch nach drüben.“ Oder: „Soziologie, das ist doch eine brotlose Kunst.“

60 Jahre: Und was wolltest Du werden? Du bist doch trotzdem irgendwie durchgekommen...

A: Bei Studienbeginn hatte ich keine Ahnung. Ein Berufsbild gab es ja nicht. Wir dachten: Als Sozio­loge kannst du alles machen. FU-Präsident wollte ich allerdings nicht werden. Ich war dann staatlich geförderter Promovierender, danach Lehrbeauftragter an so ziemlich allen Hoch­schulen und Universi­täten in West-Berlin, u. a. auch mal für eine K-Gruppe tätig...

60 Jahre: Wie?? Welche??

A: Ja, K wie Kirche. Bei der evangelischen Kirche als Trägerin einer Fachhochschule. Nach 6 Wochen bin ich rausgeflogen, wegen „revolutionärer Um­triebe“.

60 Jahre: Wie ist denn dieser Wunsch nach Gesellschaftsveränderung zu erklären?

A: Mir hat einfach vieles gestunken. Die alten Nazi-Lehrer an der Schule. Die autoritären Struk­turen zu Hause. Die Springer-Presse als Westberliner Zentralorgan der Meinungsmache. Das fiel zusam­men mit der Politisierung durch die Ostermärsche. Ich war 1965 und 1966 in London, da waren die größten Ostermärsche. Die mündeten 1966 in der Kampagne gegen den Vietnam-Krieg. Und Springer schrieb: In Vietnam wird auch die Freiheit Berlins verteidigt. Ja, und dann der Schah, der 2. Juni. Das war ein Erlebnis zu viel. Das hat gereicht. An der Schule probten wir schon den Aufstand...

60 Jahre: Hast Du noch den SDS mitbekommen?

A: Ja. Zu meiner Schulzeit sind wir einige Male ins SDS-Büro am Kudamm gefahren, um Flug­blätter herzustellen. Da waren wir in der „Hochburg der Revolution“ und haben Rudi Dutschke mal „Hallo“ gesagt. Der SDS wollte einen Sozialistischen Schülerbund initiieren. Das Projekt blieb aber in den Kinderschuhen stecken. Tja, der SDS war auch bald am Ende. Es entstanden überall Rote Zellen, das waren eher undogmatische Zirkel. Ab Anfang der 1970er machten sich dann leider die K-Gruppen überall breit. Es entstand ein unglaublicher Druck, organisiert zu sein. Die K-Gruppen beteten immer mit ihrer Mao-Bibel. Das war eine glatte Absage an den kri­tischen Geist.

60 Jahre: Du sagtest: Euer – vager – Anspruch bei Studienbeginn war es, die Gesell­schaft zu ver­ändern. Aus der Retrospektive: Hat das geklappt? Oder hat die Gesellschaft Dich verändert?

A: Die Gesellschaft hat sich nach 1945 bis 1965/66 praktisch nicht geändert. Die NS-Vergangen­heit war einerseits allgegenwärtig, andererseits tabu. Es gab zwar vereinzelte Proteste. Wer da mit­machte, wurde unter Ade­nauer „Nestbeschmutzer“ und „Pinscher“ genannt. Erst nach 1966 wurde diese autoritätsfixierte Geisteshaltung nach­hal­tig aufgebrochen. Ich kann vielleicht sagen, dass ich zu diesen Verände­rungen ein wenig beigetragen habe. Meinen kritischen Kopf habe ich behalten, einen Bauch erhalten. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Und nicht allen ge­fallen.

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Datum: 01. Oktober 2008, last update: Dec 3, 2008 8:13 am