„In einer Befragung unter Bachelorstudierenden gaben 74 Prozent an, mit ihrem Studium an der Freien Universität zufrieden zu sein.“, so eine triumphale Mitteilung der FU-Pressestelle. Das seien fast 10 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Befragung. Die Zeit stimmte euphorisch mit ein: „Die spannende Frage ist: Wie werden die ewigen Kritiker des neuen, zuletzt viel gescholtenen Studienabschlusses mit diesem Ergebnis umgehen?”
Zwischen den beiden Bachelor-Befragungen bekam ein Bericht bundesweite Aufmerksamkeit. Der vom FU-Präsidium geheim gehaltene „Studienerfolgsbericht“, der aufgrund studentischen Engagements öffentlich gemacht wurde, kam zu dem Ergebnis: „Der feststellbare Schwund in den neuen Studiengängen ist erheblich höher als in den alten Studiengängen.“ 37% der BA-Studierenden hatten ihr Studium abgebrochen. Ja, was denn nun?
Schauen wir etwas genauer in die jüngste Bachelor-Befragung: 74 Prozent der Studierenden klagen über hohen Leistungsdruck, 50 Prozent klagen über Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit, wobei 51 Prozent der Studierenden einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die strukturelle Benachteiligung von Studierenden, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, liegt auf der Hand.
Nur 9% streben den Bachelor als höchsten Abschluss an, 64 Prozent wollen zumindest einen Master anschließen. Gleichzeitig nehmen 34 Prozent der Studierenden eine hohe Konkurrenz zwischen den Studierenden wahr. Ein Zusammenhang zwischen einem sozialen Klima von Konkurrenz und dem geringen Angebot von Master-Plätzen hatte auch schon die Studierbarkeitsstudie der HU aufgezeigt. Dort wie hier wird gerade in den Freitextfeldern der Studie über Stress, Überforderung und existenzielle Ängste geklagt.
Während 80 Prozent der Befragten angaben, dass ihr Wunschfach nur als BA angeboten wurde, fiel die Bewertung der spezifischen Merkmale eines Bachelor-Studiums (Studiendauer, berufswissenschaftliche Anteile, Strukturiertheit,..) durchweg negativ aus. Klingt das nach einer Bejubelung des Bachelor-Studiums? Die Studie selbst hierzu: „[Es] muss festgehalten werden, dass die genuinen Merkmale des Bachelorstudiums keine besondere Motivierungsqualität entfalten.“ Harte Worte.
Lediglich 5 Prozent gaben an, ein Semester im Ausland verbracht zu haben, obgleich die Internationalisierung der Abschlüsse und des Hochschulraums zentrales Ziel des Bologna-Prozesses war. Dem Pflichtmodul „Allgemeine Berufsvorbereitung“ (ABV) sprachen nur 44 Prozent zu, berufspraktische Erfahrungen eher positiv zu vermitteln. Weiterhin waren lediglich 27 Prozent der Befragten der Meinung, durch den Studienbereich ABV besser mit Anforderungen des Arbeitsmarkts vertraut zu sein. Eine glatte Ohrfeige.
Eine Zahl ist im besonderen besorgniserregend: 65 Prozent der Befragten haben ein Elternteil mit Hochschulabschluss. Bundesweit gilt dies für 52 Prozent der Studierenden, wie die Sozialerhebung des Studentenwerks 2006 feststellte. Die Sozialerhebung zeigte ebenso, dass 83 Prozent aller Kinder von Akademiker_innen einen Hochschulzugang erwerben, während das auf nur 26 Prozent der Kinder von Nichtakademiker_innen zutrifft. An der FU oder im BA allgemein greift die soziale Selektion offenbar noch stärker als im -international bereits scharf kritisierten- Bundesdurchschnitt.
Doch was ist von einer Evaluation wie der vorliegenden Bachelor-Befragung allgemein zu halten? Ist sie ein verlässliches, nüchternes Faktensieb, das Strukturverbesserungen ermöglicht oder lediglich Bestandteil der PR-Marketing-Strategien eines an „internationaler Sichtbarkeit“ orientierten Präsidiums?
Es sind Art und Rolle der Evaluation, die sie zu einem Problem machen. Top-down durchgeführt, ohne nennenswerte Beteiligung von Studierenden, wirken Interessenlagen schon auf die Themengebiete und Fragestellungen ein. So ist der Versuch von Studierenden, die Frage nach sexistischen und rassistischen Diskriminierungserfahrungen an der Uni aufnehmen zu lassen, der einzige mir bekannte, der von gewissem Erfolg gekrönt wurde. Er führte im Fragebogen zum Freitextfeld: „Haben Sie negative Erfahrungen mit Lehrenden gemacht? Wenn ja, welche?“ Eine so vage formulierte Frage, dass die Auswertung belanglos blieb. Bei der studentischen Studierbarkeitsstudie an der HU gaben 19% der weiblichen und 7% der männlichen Befragten sexistische sowie 29% der ausländischen Befragten rassistische Diskriminierungserfahrungen an.
„Operative und technische Unterstützung“, erwähnt die Befragung, habe sie von der „Stabsgruppe Internationale Netzwerkuniversität“ des Präsidiums erhalten. Böswillig zusammengefasst: Das Präsidium stellt sicher, dass es ungefährliche Fragen sind, die von Studierenden beantwortet werden. Soweit zur Art der Evaluation.
Die Rolle der Evaluation muss im Kontext der Entdemokratisierung verstanden werden. Es wäre naiv zu glauben, die Evaluation diene der Informiertheitssteigerung der Gremienvertreter_innen. Die wachsenden Entscheidungsbefugnisse des Präsidiums sollen sicher nicht durch öffentliche Fehlentwicklungsanalysen austariert werden. Vielmehr drohen die Evaluationen Mitbestimmung zu ersetzen und den argumentativen Diskurs durch technokratische Steuerung auszutauschen. So musste sich die wissenschaftliche Leiterin der Bachelor-Befragung, Prof. Thiel bereits im Berliner Landtag zur süffisanten Frage nach dem Angemessenheitsbezug der Qualitätssicherungsinstrumente an der FU äußern. Die Antwort war ausweichend.
Doch wie ist die große Zufriedenheit der Befragten mit dem Studium an der Freien Universität erklärbar? Freuen sich die Studierenden einfach über ihr Privileg des Studiums? Mit der Bachelorsystem kann die Zufriedenheit angesichts der Detail-Zahlen jedenfalls nicht zusammenhängen. Hierfür wäre auch eine andere Frage vonnöten gewesen, etwa: „Wenn Du die Wahl hättest zwischen Magister, Diplom, Staatsexamen und Bachelor, welchen Studienabschluss würdest Du anstreben wollen?“ Diese Fragestellung wird in einer vom FU-Präsidium beauftragten Erhebung sicherlich nicht auftauchen. Und der Zeit ist dringend anzuraten, zu kritischem Journalismus zurückzukehren.
Sebastian Schneider