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Die Zeitschrift Das Argument befasste sich mit verschiedenen Aspekten der gegenwärtigen Uni-Reformen

Zum Elend des heutigen kollektiven studentischen Bewusstseins gehört, dass kritische (Fach-)Zeitschriften kaum bekannt sind oder, wenn doch, kaum rezipiert werden. Deshalb möchte ich der Besprechung der Ausgabe 4/2007 der "Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Das Argument" einige Infos vorausschicken.

Das Argument gibt es seit fast 50 Jahren, sie erscheint fünf Mal im Jahr (einmal davon als Doppelnummer) mit wechselnden thematischen Schwerpunkten und mittlerweile auch dementsprechend wechselnden Redaktionsteams. Ein ca. 165 Seiten starkes Einzelheft kostet 11€ (bei Kauf in der Verlagsbuchhandlung in der Reichenbergerstr. 150, Nähe U-Bhf. Görlitzer Bahnhof, nur 9€), ein Jahresabo für Studis 39€. Neben den klassischen wissenschaftlichen Texten gibt es immer auch kurze zu aktuellen Geschehnissen sowie einen ausgedehnten Rezensionsteil.

Die Hefte können über den Buchhandel bezogen oder in zahlreichen Uni-Bibliotheken konsultiert werden.

Die erwähnte Ausgabe aus dem Sommer 2007 enthält einen Schwerpunkt mit dem Titel "Neoliberalisierung der Hochschule", eine Debatte zur Lektüre von Marx' Kapital und eben einen generell reizvollen Rezensionsteil mit den Unterteilungen Philosophie, Kunst und Kultur, Soziologie, Soziale Bewegungen und Politik, Ökonomie sowie Pädagogik und Hochschule. Die zum letztgenannten Thema besprochenen Bücher sind für die hoschulpolitische Kritik allerdings überwiegend uninteressant, ich empfehle lediglich die Texte zur Abwicklung der Hamburger 'Hochschule für Wirtschaft und Politik' und zur "Lernkultur in der Veränderung".

Im vom Mitherausgeber Tilman Reitz verfassten Editorial werden die Artikel grob in zwei thematische Blöcke eingeteilt, wonach ich mich auch richten werde. Drei Texte befassen sich demnach eher mit verschiedenen Aspekten der Umsetzung der gegenwärtigen Hochschulreformen, drei weitere eher mit den immanenten Problemen und Widersprüchen selbiger.

Reitz und Susanne Draheim, eine seiner Mitherausgeberinnen, nehmen im ersten Text "die konservative Kritik des deutschen Bologna-Prozesses" (so der Untertitel) unter die Lupe. Jene Kritik richte sich an eine "akademisch gebildete und praktisch am Bildungssystem interessierte Öffentlichkeit. Ihre Autoren arbeiten bzw. denken gewöhnlich geisteswissenschaftlich, ihr Stil und ihre Stoßrichtung sind zumeist konservativ" (491). Dabei werde nicht nur im Namen eines traditionellen Uni-Modells Kritik geübt, sondern oft einfach für die individuelle Autonomie und für die kollektive Autonomie der Wissenschaft allgemein gekämpft, allerdings ebenfalls mit dem Hauptziel "Bewahrung". Als Hauptforum für die Kritik machen Verf. die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus. Dort würde an den Reformen v.a. das verwendete Neusprech, der "leerlaufende Aktionismus" (wie die Schaffung eines künstlichen und deshalb nicht wie gewünscht funktionierenden Marktes sowie die Erfindung neuer Studiengänge und die Vortäuschung deren Nützlichkeit) und das Verschweigen nicht öffentlichkeitsfähiger Ziele kritisiert. Die konservative Kritik finde dann aber keine rationale, sondern nur partielle Erklärungen für die Reformen: "enge Eigeninteressen, irrationale Antriebe und trügerische Ziele" (495). Eigene Perspektiven seien nur mehr ein die professoralen Privilegien erhaltender Konservatismus, der gegen jedwede Einmischung sei und Wissenschaft als Lebensform fordere, allerdings weiterhin (oder, wohlwollender gesagt, wieder) nur für eine Minderheit, die dann von den Master-Studierenden verkörpert werde. Egalitäre Bemühungen gälten als ein Übel: "Im Namen der Forscherelite, der notwendig kleinen Bildungsgemeinschaft wie auch der sozialen Führungsschichten wird der Hochschulreform jeweils vor allem vorgeworfen, dass sie keine Bereich zulässt, in denen die Besten ungestört und zum Segen aller ihre Potenziale entwickeln können" (498). Im Endeffekt erwachse daraus Zustimmung zu den aktuellen Entwicklungen, denn sowohl die Ideologie vom selbstverantwortlichen Individuum als auch die "Signalwörter des verinnerlichten Public-Private-Partnership von 'Kreativität' bis 'Verantwortlichkeit'" (498) würden mit den Trägern des Reformdiskurses geteilt. Die folgerichtige Resignation der anfänglich kritischen Stimmen ist nur logisch, wie Draheim und Reitz mit einem Befund von Konrad Paul Liessmann [1] zeigen: "Während die traditionellen Universitäten zu mehr oder weniger berufsqualifizierenden Ausbildungsgängen heruntergewirtschaftet worden sind, rettet sich die halbierte humanistische Universitätsidee in die aus dem neoliberalen Geist des Wettbewerbs geborene Elitekonzeption" (500).

Als Fazit lässt sich feststellen: Alle internen Differenzen zwischen Technokratie und großkotzigem Bürgertum werden nicht verhindern, dass die systematische Produktion von Eliten unter Zuhilfenahme der Diskurse, mit denen Wissenschaft und universitäre Bildung schon immer verklärt wurden, institutionalisiert wird, während, komplementär dazu, die Masse mit Standardisierung abgespeist wird.

Einen Einblick in diese Welt der Standardisierung erhofften sich Draheim und Reitz von dem Interview mit Christoph Heumann, der wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Düsseldorfer Akkreditierungsagentur ASIIN ist. Solche Agenturen erteilen die Erlaubnis zur Einführung neuer Studiengänge und evaluieren diese dann alle paar Jahre. Sie sind somit "die Schnittstelle zwischen den EU-weiten Reformvorgaben und ihrer lokalen Umsetzung" (525).

Der Interviewte äußert zunächst Kritik am "Bologna-Prozess" und der Art seiner Durchsetzung. Er gibt sogar zu, dass die Akkreditierungen geradezu zur Schaffung von Instranparenz beitragen. Allerdings seien sie nicht "die Ursache des üblen großen Ganzen" (was ja wohl auch nie behauptet worden ist). In der Folge beruft er sich häufig auf die rein theoretisch auch positiv nutzbaren Impulse der Schaffung des einheitlichen europäischen Hochschulraums, er sieht sogar einen "positiven Kern der Reformen" (526). Die Akkreditierungen seien demnach auch nur Instrumente und könnten, v.a. wegen der Beteiligung Studierender und externer Fachleute, als "Korrektiv der Machtverhältnisse innerhalb der Hochschulen" (526) den Studierenden zu Gute kommen, da die Profs in Zukunft nicht mehr so viel Entscheidungs- und Gestaltungsmacht hätten. Heumann sieht die Zwänge für die Studiengänge nach der unter bestimmten Abmachungen erfolgten Akkreditierung nicht so stark. Eher sei das Erreichen politisch gewollter Ziele (wie z.B. die Verkürzung der Dauer des Studiums) ein Muss, was daher komme, dass "die Ministerien [...] die Hand im Spiel" hätten (527). Er sieht zwar immer die negativen Seiten der aktuellen Reformen, auf die ihn die beiden Interviewenden ansprechen, findet aber ebenfalls immer eine "Das-muss-nicht-so-enden"-Argumentation. Selbst die Bestimmung der "Ausbildungsziele" müsse nicht unbedingt "zwischen Professoren und Arbeitgebern" stattfinden (528). Theoretisch könnten eventuell die Studis und sogar andere soziale Gruppen mitreden.

Nach seinen vielen zwiespältigen Aussagen ist Heumann dann doch noch zu wertenderen Beobachtungen und klareren Kritiken fähig. So stellt er gegen Ende des Interviews zum Einen fest, dass durch die Einbindung der "meisten relevanten Gruppen" (529) in einen Prozess, der doch nicht ohne Zwang abläuft, in dem also die eigentlichen Ziele nie zur Disposition stehen, Widerstand nur schwer möglich ist, da keine alleinige Triebkraft auszumachen ist. Protest müsse daher "als Protest einer Gruppe und auf der eigentlich relevanten politischen Ebene artikuliert" werden. Dass die Profs das nie getan haben, kreidet er ihnen als "schlimmes Versäumnis" (529) an. Zum Anderen fordert er die Studierenden dazu auf, nicht nur, sei es bewusst oder unbewusst, die Verteidigung der bestehenden (bzw. mittlerweile auch der vergangenen) Strukturen zu leisten, wie es oft der Fall ist. Er rät auch, anstatt "die Instrumente (Akkreditierung, Bachelor und Master, Modularisierung etc.)" lieber die Ziele der aktuellen europäischen Reformen zu kritisieren (530).

Der Politikwissenschaftler Alex Demirovic leitet seinen Artikel "Die Transformation der Staatlichkeit von Hochschulen" mit der Erkenntnis ein, dass in den aktuellen Diskussionen um die Hochschulreformen "der staatstheoretische Aspekt [...] verfehlt" werde (531). Demgegenüber will er, mit der vom Philosophen Louis Althusser in den 1970ern entwickelten Theorie von den ideologischen Staatsapparaten bewaffnet, zeigen, dass alle Hochschulen – also nicht nur die Universitäten! - "als ein Staatsapparat begriffen werden [können], der gegenwärtig reorganisiert und auf neue Weise mit der Gesellschaft verknüpft wird" (531). Althusser ging davon aus, dass der Staat neben direkten Repressionsinstrumenten auch auf eine ganze Reihe Institutionen angewiesen ist, in denen die Menschen zu seinen Gunsten ideologisiert werden. Diese politische Funktion der Universität, und nicht ihre – tatsächlich viel häufiger behandelte – Verknüpfung mit der kapitalistischen Ausbeutung, will Demirovic herausarbeiten. Nicht nur, dass auch im wissenschaftlichen Feld politische Entscheidungen getroffen werden, die als rein fachlich motiviert ausgegeben werden, spricht der Autor an. Ihm geht es weitaus mehr um die "materiellen Praxen" (533), die Ideologie in den Menschen verankern. Zum Einen würden den Auszubildenden nur bestimmte sachliche Kompetenzen verliehen, zum Anderen gleichzeitig auch Beurteilungsschemata, wie bestimmte Gegenstände und Wissensfelder einzuteilen und zu konsumieren sind, verankert. Indem die ideologisierten Personen lernen, eine bestimmte intellektuelle (Art zu sprechen; methodisches Vorgehen) und körperliche Disziplin (Sitzhaltung, Mimik, Gestik) zu wahren; 'objektives Wissen' von 'subjektiver Sichtweise' zu trennen und letzteres geringer zu schätzen; Lernen als Wettbewerb zu leben und sich an Prüfungen auszurichten, die vermeintliche objektive persönliche Eigenschaften beweisen, usw. würden sie die Fremdbestimmung ihrer eigenen Praxis festigen. Darüber hinaus weist Demirovic, v.a. mit Bezug auf den Parteikommunisten Antonio Gramsci (1891- 1937), den Philosophen Max Horkheimer (1895 – 1973) und den Soziologen Pierre Bourdieu (1930 - 2002) auf die Bedeutung dieser Machteinwirkung für die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion und die innerwissenschaftlichen Hierarchien hin.

In dem konkret analytischen Teil seines Aufsatzes macht Demirovic vier Dimensionen der seiner Meinung nach von verschiedenen Einzeleingriffen getragenen Umstrukturierung des Hochschulsektors aus: Erstens beträfen sie den gesamten persönlichen Bildungszyklus von der Schulzeit bis zur Verrentung. Zweitens komme es durch die verschiedenen Hierarchisierungen und Verwettbewerblichungen sowie die wieder stärkere Einbeziehung individueller kultureller Züge der Studierenden zu einer "Reproduktion der Klassenspaltung auf höherem Niveau" (540), also einer faktischen Konterkarierung der historischen Öffnung der Hochschule für breite Bevölkerungsschichten. Drittens spricht Demirovic die externe Ausrichtung der Unis am Kapitalismus und die interne an totalem Wettbewerb und Flexibilität an. Als vierte Dimension macht er die unmittelbare Inwertsetzung des Wissens selbst aus, sei es in Form der internationalen Vermarktung von einzelnen Studiengängen, der Monopolisierung der produzierten Erkenntnisse durch ein strenges Patentregime oder der Privatisierung der Studienkosten durch Rückzug des Staates. Abschließend stellt der Autor fest, dass sich die Form des ideologischen Staatsapparates Hochschule(n) ändere, so wie es auch mit anderen ideologischen Staatsapparaten geschehe. "Das Ergebnis wird ein Verlust wissenschaftlicher Rationalität und eine Zunahme von Ideologieproduktion, eine monokulturelle Homogenisierung der Fachgebiete und Lehrmeinungen, eine Formalisierung des Lernens und eine Abspaltung der Erfahrung bei den vielen sein, die sich akademisch aus- und fortbilden: eine neue Form akademisch gebildeter Subalterner" (544). Demnach seien die elementaren materiellen Grundlagen für die Fortsetzung von an einer staatsfernen Vernunft orientierten Wissensproduktion stark bedroht.

Die restlichen drei Beiträge zum Schwerpunkt des Heftes sollen veranschaulichen, "dass sich vielerorts gleichsam die Sache selbst zur Wehr setzt" (so Reitz im Editorial, S.476), also die Reformen gar nicht so durchgeführt werden können wie geplant, die vorgesehenen Ziele nicht erreichen können oder Gegenwehr hervorrufen.

So befasst sich Larry Hanley, New Yorker Professor für "American Studies", mit den Folgen des "Akademische[n] Kapitalismus" (502) für die Bildungstechnologie und die Berufsidentitäten in der akademischen Lehre in den USA. Er will vor allem darauf hinaus, dass den Lehrenden durch Computerisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse essentielle Partizipationsmöglichkeiten entzogen werden. Daraus folgt einerseits, angesichts der immer totaler werdenderen Technisierung und des Verzichts auf menschliche Kompetenzen, die Frage nach der bloßen Erfüllbarkeit welcher Ziele auch immer, und andererseits die nach Gegenwehr.

Da die Bildungstechnologie und ihr Einfluss auf akademische Arbeit und Berufsrollen nicht so gut erforscht seien (Hanley nennt als Beispiele das Fernstudium, "Kompliziertheiten geistigen Eigentums" und die Online-Begleitung von Lehrveranstaltungen), schlägt der Autor eine neue Epistemologie vor, um auf Grund des Wissens über akademische Arbeit und Berufsrollen die Bildungstechnologie zu denken. Zentral sei dabei das Wissen um die entsprechenden Hierarchien. Er führt aus, dass das Anwachsen des US-Hochschulsektors seit dem letzten Weltkrieg nur im unteren Bereich dieses Sektors stattgefunden habe. "Diese Erweiterung an der Basis spiegelt den Versuch, Massennachfrage nach Hochschulabschlüssen zu befriedigen und gleichzeitig Exklusivität und Status innerhalb des Systems zu bewahren" (504). Das treffe übrigens nicht nur auf die Studierenden zu, sondern auch auf die Lehrenden und die Art und Verteilung deren Tätigkeiten.

Auf Seite der Lehrenden führe nun die heute immer heftigere "Proletarisierung akademischer Arbeit" laut der American Association of University Professors zu einer Beeinträchtigung der kollegialen Atmosphäre und der akademischen Freiheit, sowie zu einer Schwächung der Selbstverwaltung (505). Die Vermehrung der Kompetenzen der Verwaltung mache aus den meisten Gelehrten Angestellte, wie es sie in jeder bürokratischen Organisation gebe, verwaltete Fachleute. Dieses Regime von Technokraten ersetze nun durch die zunehmende Einführung von Technologie in Uni-Kursen Arbeit durch Kapital. Die akademischen Tätigkeiten würden aufgegliedert ("Taylorisierung"), um so viele wie möglich von Software erledigen zu lassen, "die automatisch Prüfungen benotet, Studienfortschritte kontrolliert, elektronisch Tutorien und Video- oder Multimediapräsentationen bereitstellt" ( 507) (Was kann Campusmanagement nochmal alles?). Das so nach dem klassischen Industriemodell organisierte Lernen hat die gleichen Folgen wie bei der Fabrikarbeit: "Mit der Aufteilung der Lehr-Ausführung auf so viele verschiedene Beteiligte gehen Kontrolle und Konzeption auf diejenigen über, die außerhalb des Prozesses und über ihm stehen" (507). Demgegenüber plädiert Hanley für einen progressiven Einsatz von Technologie, der allerdings nur durch entsprechenden Druck des Lehrpersonals in Reichweite kommen könne.

Der Philosophieprofessor Ulrich Ruschig nimmt sich in einer fulminanten ausführlichen und theoretisch fundierten Analyse namens "Simulierte Warenproduktion" die Erfolgs- und Qualitätsindikatoren vor, die zunehmend Eingang in die wissenschaftliche Welt finden. Er geht von folgenden Befunden aus: "Wissenschaftliche Arbeit und ihre Produkte sind konkret [...]; es findet sich kein Abstraktionsverfahren, das aus solch verschiedenartiger Qualität ein gemeinsames Maß gewönne. [...] Auf der Gebrauchswertseite entsteht auch kein Interesse, sie [die Produkte; R.H.] kommensurabel zu machen, im Gegenteil" (509). Genau dieses Unterfangen sei aber Teil der aktuellen Hochschulreform: wissenschaftliche Arbeit werde austauschbar gemacht, ihr werde ein abstrakter Wert zugemessen, und zwar nicht in Form der Bewertung bereits vorhandener Werte, sondern durch die erzwungene "Übersetzung in 'Wert': Invaluation" (510). Karl Marx' Analyse der Möglichkeitsbedingungen der für das kapitalistische Wirtschaften notwendigen Verwandlung der menschlichen Arbeitskraft in eine Ware folgend, analysiert er, dass diese Bedingungen im Fall der universitären Forschung und derer Produkte nicht gegeben sind. Für mit dem Vokabular der Marx'schen Kapitalismusanalyse Vertraute folgt ein wegen der Anwendung jenes Vokabulars bisweilen amüsanter Ritt durch die Niederungen des neuen bürokratischen Regimes. Zentral ist für Ruschig dabei das von den Universitäten (genauer: den Planungsbehörden) generierte "Planungs-" oder "Erfolgsplan-Geld" (514), das die direkte Inwertsetzung und Quantifizierung von qualitativ verschiedener wissenschaftlicher Arbeit ermöglicht und per Globalhaushalte implementiert wird. Letztere bedeuten, dass der Staat der Uni einmalig "normales Geld" (514) zuteilt, über die diese frei verfügen kann, was dazu führt, dass für jede Etaterhöhung einer universitären Untereinheit die Uni-Leitung an anderer Stelle kürzen muss, also ein einheitlicher inneruniversitärer Wettbewerb (und somit Vergleich) entsteht. Menschen, denen das wertkritische Vokabular neu ist, werden eventuell mit dem Verständnis der einen oder anderen Formulierung Schwierigkeiten haben. Da der Autor sich aber um Klarheit bemüht, dürfte der Text für alle Interessierten eine spannende Lektüre bilden. Es ist beeindruckend, wie Ruschig Marx' allgemeine kapitalismuskritischen Befunde an einem konkreten (und neuen) Fall veranschaulicht: Die Vorherrschaft des (Tausch-)Wertes im Gegensatz zum Gebrauchswert der nun als Waren produzierten Dinge (hier: die Produkte wissenschaftlicher Forschung); die Enteignung der Verfügungsgewalt der Produzierenden über ihre Arbeitsprodukte; die Inwertsetzung, die bewirkt, dass, was anfänglich nur eine Maßzahl ist, mit der Zeit fetischisiert wird und dann als Substanz der Sache selbst angesehen wird. Genau so wie Marx liegt es Ruschig auch sehr am Herzen, den Staat nicht als Gegenpol zum Kapitalismus darzustellen: "Diesem Schein sitzt die Charakterisierung der Hochschulreform als 'neoliberal' auf, wenn sie lediglich die Konkurrenz sieht, nicht aber die staatliche Vorgabe für die Konkurrenz [...]" (520). Zu einigen kritischer zu bewertenden Ausführungen Ruschigs s.u.!

Die größte Horizonterweiterung in diesem Heft-Schwerpunkt wird wohl von Gerhard Zimmers Artikel "Die Universität in der informationstechnischen Produktionsweise" bewirkt. Er zeigt, wie z.B. schon Lars Bretthauers Text Das Konzept des studentischen Arbeitskraftunternehmers als Grundlage studentischer Interessenvertretung? im vom AStA der FU herausgegebenen Buch Universität im Umbruch, dass die Kritik der Hochschule nur unter Einbeziehung arbeitssoziologischer Erkenntnisse komplett ist. So wird nämlich die gesamtgesellschaftliche Perspektive eröffnet.

Auf den ersten drei Seiten fasst der Autor gut die Hintergründe der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums zusammen, einschließlich der mittlerweile aufgetretenen und anerkannten Probleme und kontraproduktiven Effekte. Das Akkreditierungswesen kritisiert er dabei stark, was eine angenehme Antithese zu Heumann ist. Die folgenden beiden Teile des Artikels sind mit den aussagekräftigen Titeln "Die Kompetenzen in der informationstechnischen Produktionsweise erfordern eine andere Universität" und "Die Universität des 'Bologna-Prozesses' wird den Anforderungen der informationstechnischen Produktionsweise nicht gerecht" überschrieben. Zimmer analysiert zunächst, dass die "digitale Objektivierung" zu einer "Entqualifizierung der lebendigen Arbeit" führe (549). Auch er kann überzeugend auf Marx aufbauen und auf dessen Feststellung, die Menschen seien im Kapitalismus genau genommen nicht mehr die Subjekte des Arbeitsprozesses. Im Folgenden ist u.a. von der "permanenten Rationalisierung aller Arbeits- und Geschäftsprozesse" die Rede, von der "virtuellen Produktentstehung", von der "Internalisierung des Marktes", vom Wandel von der Zeit- zur Ergebnisorientierung, von der "Aufhebung der Arbeitsteilung zwischen Hand und Kopf" und von einer neuen "Subjektivität der Handlungskompetenzen", die ständig kalkulieren muss und dabei selbst total kalkulierbar ist. Für die Schaffung dieser für die Wissensarbeit nötigen Subjektivität sind u.a. die von Demirovic angesprochenen materiellen Praxen nötig, vermittels derer der Staat die Lernenden konditioniert. Zimmers Diagnose ist nun allerdings, dass die aktuell der Uni implantierten Mechanismen und Regelungen gerade nicht die in der Wissensökonomie geforderten "Kompetenzen zu flexiblem, reflexivem, kreativem, engagiertem und verantwortlichem Handeln" (554) fördern, im Gegenteil.

Abschließend stellt der Autor seine Vorstellungen von je reflexiver Wissenschaft, Bildung und Be rufsorientierung dar. Bemerkenswert ist dabei seine Forderung nach "Beteiligung der Studierenden bereits an der Ausgliederung und Definition der Studienaufgaben; d.h. nicht fachsystematisch, sondern handlungs- und prozessorientiert müssen die Studiengänge aufgebaut sein" (556). Dass in diesen Passagen einige zu idealistische Formulierungen zu finden sind (z.B. zur "zukunftsfähigen Gesellschaft", zur Hochschulautonomie und der Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen an Entscheidungsprozessen), schmälert nicht die hauptsächlichen Leistungen des Textes: die Thematisierung der die Uni-Reformen hervorrufenden Umwälzungen in der Welt der Lohnarbeit und der Verweis auf die trotzdem unzureichende Reaktion auf diese Anforderungen, was den grundsätzlich widersprüchlichen und geradezu unsinnigen Charakter unseres Bildungssystems zeigt.

Es lassen sich, zusammenfassend, folgende zwei Erkenntnisse formulieren:

  1. In den Texten von Draheim, Reitz, Demirovic und Hanley kommt klar heraus, dass die viel beschworene historische Öffnung der Hochschulen stark zu relativieren ist, da tatsächlich nur in wenigen Bereichen die Abschottung aufgehoben wurde. Mehr noch: "Vielfach wurde das Studium durch institutionelle Desorganisation erschwert" (Demirovic, 538). Demirovic ist auch der Hinweis auf folgende "Vorschläge des Wissenschaftsrats von 1966" zu verdanken: "Die Studienzeit sollte auf maximal neun Semester befristet werden, das Studium allein der Berufsausbildung dienen, wissenschaftliche Ausbildung in einem Aufbaustudium für wenige ausgewählte Studierende stattfinden, Studienfachwechsel die Ausnahme bleiben" (532). Die von großspurigen Reden begleitete Zulassung der Masse an der Universität bei gleichzeitiger Abwertung sowohl der grundständigen Studiengänge als auch eben jener Masse an Studierenden ist offensichtlich eine Manifestation des Befundes, dass der historische Prozess der sog. "Aufklärung" auf Grund der nicht eingelösten Möglichkeiten einen Massenbetrug darstellt, wie es Horkheimer und Theodor Adorno schon in den 1940ern in ihrem Epochenwerk Dialektik der Aufklärung nannten.
  2. Was sich ebenfalls in mehreren Texten zeigt, ist, dass die Kritik der Umformung des Hochschulwesens mit der Kritik des bisherigen Systems, einschließlich des vorherrschenden Wissenschaftsverständnisses und somit des Selbstverständnisses der wissenschaftlich Arbeitenden, einhergehen muss. Draheim und Reitz weisen darauf hin, dass die vernehmlichste Kritik aus den Reihen der aktuellen Eliten der Wissensarbeit (in Journalismus und Wissenschaft) an den Uni-Reformen wesentlich konservativen Charakters ist. Reitz schreibt im Editorial, dass "ihre Leitbilder bis weit ins linksliberale Lager hinein Humboldt oder Harvard" seien (475). Heumanns Kritik der jahrelangen Untätigkeit der Profs in puncto Widerstand habe ich bereits erwähnt, sie wird übrigens von Reitz im Editorial geteilt, wo er zwei kümmerliche Ausnahmen erwähnt. Hanley beobachtet in den USA, dass in den Niederungen der akademischen Hierarchie der gewerkschaftliche Organisationsgrad steigt, also die priviligierteren Profs eher kein Interesse an der kollektiven Verteidigung gegenüber Kapital, Staat und Uni-Bürokratie haben. Wie notwendig die Kritik der akademischen Aristokratie ist, zeigt auch ein blinder Fleck in Ruschigs Text. Dessen Analyse ist zu sehr auf die Kapitalisierung der Wissenschaft als einem von einer wie immer skrupellosen Technokratie vorangetriebenen Prozess ausgerichtet und erwähnt die wissenschaftliche Mentalität nur darin, dass sich "Universitätslehrer [...] dem Kapital als wissenschaftliche Stricher angeboten" hätten (521) und dass das neue System der totalen Konkurrenz "zum Böse-Werden" (also zu Betrug und Korruption) verleite (523). An anderer Stelle kommen die Uni-Leitungen im Zuge der Kritik des Staates und der von ihm verfolgten Ziele nur als "willige Präsidien" (519) vor, als ob sie allesamt aus entweder großen Kapitalismus-Fans oder aus niederträchtigsten Wendehälsen bestünden. Er thematisiert nicht die offensichtliche Unfähigkeit zu vernünftiger, kollektiver politischer Arbeit auf Seiten der Wissenseliten; fragt nicht, ob diese Unfähigkeit mit dem praxisfernen wissenschaftlichen Habitus und also einem gewissen Selbstbild zu tun hat (in dem vielleicht die Niederungen der mühsamen politischen Arbeit als einer Wissenschaftsperson unwürdig erscheinen); fragt auch nicht, ob die banale Tatsache, dass die Profs Kinder der Institution Universität sind, da sie ihnen allen Ansehen und eventuell auch Lebenssinn gebracht hat, die Profs davon abhält, diese Institution – bzw. den von ihr immer verpassten emanzipatorischen Schritt zur öffentlichen Forderung der wirklichen Freiheit der Bildung – grundsätzlich zu kritisieren; letzteres ist sowohl in der Variante möglich, dass eine affektive Bindung zur Uni besteht, Kritik also die Lebenslüge einer irrigen Liebe offenbaren würde, als auch in jener, wo das persönliche Fortkommen in Vergangenheit und Zukunft einfach zu sehr mit dem aktuellen System der Wissensproduktion verbunden ist, so dass ein Blick 'von außen' bewusst oder unbewusst abgewehrt wird. Ruschig beantwortet die angesichts ausbleibenden Protests selbst gestellte Frage "Warum lassen die Wissenschaftler sich das gefallen?" vielmehr damit, dass, im Gegensatz zum historischen Prozess der kapitalistischen Aneignung der körperlicheren Arbeitskraft, den wissenschaftlich Arbeitenden nicht die "Produktivkraft aus den Händen genommen" würde, kein "Subjektwechsel" stattfinden würde. "Es gibt keinen Verwertungsprozess; es gibt keinen Klassenkampf" (alle Zitate: 520). Es ist zwar eine scharfe Beobachtung, dass, genau genommen, an staatlichen Unis selbst keine Kapitalakkumulation betrieben wird. Wie sich dahingehend aber die stattfindende Verwischung der Grenzen von öffentlich und privat, von Uni und Wirtschaft auswirken wird, ist eine nicht zu vernachlässigende Frage. Zudem ist Ruschigs Behauptung, "eine durch die Subsumtion [der Arbeitskraft unter das Kapital; R.H.] evozierte Umwälzung der technischen Seite des wissenschaftlichen Arbeitens findet gar nicht statt" (521), mit der er also suggeriert, es könne trotz Veränderungen im organisatorischen Bereich weiter so wie früher gearbeitet werden, höchst fragwürdig. Hanleys Ausführungen zur schrittweisen Ersetzung von Vollzeit- durch Teilzeitstellen, von wissenschaftlichen Angestellten durch studentische Hilfskräfte und von menschlicher Arbeitskraft allgemein durch Computersoftware sind zwar vor allem auf die Lehre bezogen. Dennoch sollte davon ausgegangen werden, dass den wissenschaftlich Arbeitenden sehr wohl die Produktivkraft (zumindest größtenteils) aus den Händen genommen wird. Was in Deutschland bei den Vorbereitungen zu den Bewerbungen für die sog. "Exzellenzinitiative" der Bundesregierung aufschien, ist in Kanada und den USA bereits Thema wissenschaftlicher Studien: Die elementare wissenschaftliche Arbeit wird durch das ständige Stellen von Forschungsanträgen, durch Evaluierungen, internationale Vernetzungen, den Zwang zu einer bestimmten Regelmäßigkeit, was Publikationen betrifft, Verschulungen und nicht zuletzt materielle Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen stark geschädigt, es bleibt einfach nicht genügend Zeit mehr.

Angesichts dieses Schlamassels soll aber als Handlungsperspektive nicht nur theoretische und praktische Radikalopposition übrig bleiben. Reitz spricht, wie auch andere der Zitierten, die potentiell positiven Aspekte der Reformen an. Das ist nicht verkehrt, nur darf dabei nicht an den sozialen Kräfteverhältnissen vorbei analysiert werden, wie es schon Heumann tut. Reitz bezieht sich ebenfalls positiv auf die egalitäre Rhetorik des Reformdiskurses. Die richte sich schließlich nicht nur gegen die professoralen Privilegien, sondern habe auch zur weiteren Institutionalisierung der Frauenförderung beigetragen. Des weiteren werde die höhere Bildung endlich dem informationstechnischen Zeitalter angepasst.

Interessanterweise bewertet Reitz hier einen Sachverhalt positiv, den er eine Seite später in einem negativen Kontext anführt. Bei der Frage nach den Herrschaftsverhältnissen, denen die Reform zuarbeitet, kommt er nämlich auf die "Erfordernisse des informationstechnisch umgestalteten Kapitalismus" zu sprechen (476). Wie der IT-Kommunismus (also eine von einer nicht-kapitalistischen Informationstechnik geprägte Welt) funktionieren soll oder entstehen kann, weiß er aber wohl selbst nicht so richtig. Bis sich dieses Wissen herangebildet hat, sollten wir vielleicht ein Bisschen mehr Technologiekritik üben. Schließlich ist (gerade die Informations-) Technologie heutzutage eben das Epochen prägende Merkmal des Kapitalismus und somit die Grundlage der von Zimmer beschriebenen vereinzelnden Flexibilisierung und der damit einhergehenden verinnerlichten Herrschaftsverhältnisse. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang auch, dass nur ein geringer Teil der Weltbevölkerung überhaupt erst mit IT in Verbindung kommt. Wir sollten, wie der Rest der Welt auch, andere Sorgen als die um die persönliche IT-Kompetenz haben.

Was die anderen beiden Hoffnungsschimmer betrifft: Frauenquoten und ähnliche Fördermaßnahmen an sich führen auf der langen Straße der Kritik nicht sehr weit. Sie sind auch nicht erst seit der Vorherrschaft elitärer Diskurse institutionalisiert und generell auch ohne die zu haben. Was das Brechen der Alleinherrschaft der Profs betrifft, ist ebenfalls Skepsis angebracht. Wie gesehen, sind die prominenten Diskurse eher auf Restauration aus. Und selbst wenn die Profs so richtig geschleift werden sollten – wer will schon bei einer/m präkarisierten Teilzeit-Prof studieren, der/m von Bürokratie und Politik immer wieder in die Studieninhalte hineingeredet werden?

Von positiven Potenzialen also lieber keine Rede mehr. Reitz' Utopie kommt auch sehr gut ohne Beschlüsse europäischer Polit-Eliten, IT und Akkreditierungsagenturen aus: Er spricht von einer "Verallgemeinerung geistiger Arbeit [...]. Wissensarbeit könnte dann so begriffen werden, dass sie eben die Arbeit am Verständnis des Zusammenlebens einschließt, die derzeit wieder in personell und intelektuell beschränkten Deutungseliten konzentriert werden soll (und überwiegend in der kommerziellen Massenkultur stattfindet)" (478). Diese Arbeit am Verständnis kann im Prinzip beliebig organisiert werden. Noch nicht einmal Unis als solche sind unbedingt notwendig dafür. Das Lesen und Produzieren von an diesem Verständnis und schrankenlosem Wissensaustausch interessierten Publikationen sehr wohl.

Anmerkungen

[1]Dessen 2006 erschienenes und offensichtlich lesenswertes Buch Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft heißt.

Ralf Hutter

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Datum: 09. Juni 2008, last update: Jun 17, 2008 3:53 am