»Eine Investition in Wissenbringt immer noch die besten Zinsen!«—Benjamin Franklin
Darstellungen zu Studiengebühren sind seit einiger Zeit in allen öffentlichen Plattformen zu finden. PolitikerInnen streiten sich mit »BildungsexpertInnen« im Grunde nur noch über die Höhe und die Verteilung der neuen Einnahmen. Daneben vollzieht sich noch eine weitere Entwicklung, an der sich ablesen ließe zu welcher Art Hochschule Studiengebühren führen. Private Hochschulen entwickeln und gründen sich derzeit in steigendem Tempo und geben einen Vorgeschmack auf eine mögliche »Hochschule der Zukunft«.
In Deutschland gibt es über 106 private Hochschulen, die staatlich anerkannt sind [1], über 50 davon sind private Hochschulen im engeren Sinne, die anderen sind hauptsächlich kirchliche Hochschulen. Damit sind etwa 15 Prozent der mehr als 300 Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland private Hochschulen, wovon der größte Teil von privaten Fachhochschulen gebildet wird.
Zwischen 1990 und 2003 wurden 50 private und kirchliche Hochschulen gegründet. In den 45 Jahren zwischen 1945 und 1990 waren es 45. [2] Neugründungen von Hochschulen sind derzeit außerdem fast ausschließlich private. Insgesamt studieren an staatlich anerkannten privaten Hochschulen etwa 62.000 Studierende.
Die Studiengebühren reichen dabei von 3.000 Euro bis 10.000 Euro pro Jahr an privaten Fachhochschulen und von 10.000 Euro bis 20.000 Euro pro Jahr an privaten Universitäten. Angebotene Studiengänge liegen vor allem im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich. Das weitere Angebot privater Hochschulen umfasst darüber hinaus fast nur noch Studiengänge in den Bereichen Ingenieuerswissenschaft und Pflege.
Fast die Hälfte dieser Hochschulen ist dabei als Kapitalgesellschaft (GmbH und AG) organisiert, oder wird von eingetragenen Vereinen oder allein von Stiftungen getragen. Kirchliche Hochschulen sind zum Großteil Körperschaften des öffentlichen Rechts.
Zusätzlich gibt es noch mehr als 80 »Corporate Universities« in Deutschland. Das sind direkt an Unternehmen angeschlossene Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, die ihre eigene Lehre als solche mit universitärem Anspruch bezeichnen, wie zum Beispiel die Hertie School of Governance in Berlin. Corporate Universitites existieren häufig nur virtuell, wie das Siemens Management Center und sind meist firmeninterne Weiterbildungseinrichtungen, teilweise exklusiv für die höheren Führungsränge der Unternehmen, während andere auch Weiterbildungen für unternehmensfremde Personen anbieten. [3]
Zur Zeit sind private Hochschulen in Deutschland hauptsächlich Rekrutierungsgrundlage für Managementnachwuchs von Unternehmen oder Unternehmensbranchen. Während jedoch ein Blick auf die Verhältnisse in den USA auch für Europa eine Entwicklung von tatsächlich profitorientieren Hochschulen nahe legt, die damit beginnen, sich am »Bildungsmarkt« zu positionieren, indem sie den Studierenden Bildung verkaufen und gleichzeitig großen Unternehmen qualifizierte Arbeitskräfte vermitteln.
Geäußerte Kritik an privaten Hochschulen richtet sich in erster Linie auf eine befürchtete Elitenbildung durch den Zusammenhang mit führenden Wirtschaftsunternehmen. Die Website des Verbands Privater Hochschueln (VPH) antwortet auf die Bedenken, ob private Hochschulen nicht nur was für »Kinder reicher Eltern« seien mit dem Verweis auf Stipendien und Darlehen. Mensch sei nur an »Qualifikation und Potenzial der Studienplatzbewerber« [4] interessiert. Der sogar von Mainstream-Medien immer wieder angesprochene Zusammenhang zwischen Bildungschancen und dem Einkommen der Eltern wird dabei konsequent ignoriert. Auch die Behauptung, private Hochschulen seien elitär, sei nicht wahr, während einen Klick weiter die Vorzüge der Netzwerkbildung, zum Beispiel mit Vertretern führender Unternehmen, beschrieben werden.
Private Hochschulen würden staatliche Finanzierung zudem ablehnen, um unabhängig zu sein und suchten sich deshalb anderweitige Finanzierungen, obwohl zum Beispiel die International Universtiy Bremen staatliche Zuwendungen von 215 Millionen Euro erhielt und auch die nicht staatliche anerkannte European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin eine indirekte Zuwendung in Form eines ehemaligen staatlichen Gebäudes mit zentraler Lage in Berlin Mitte vom Berliner Senat bekam. Typische Trägerinnen der privaten Hochschulen sind zudem »wirtschaftsnahe Organisationen« [5]. Die Frage, ob dadurch nicht vielleicht neue Abhängigkeiten entstehen könnten wird nicht gestellt. Vielleicht, weil die Antwort so klar ist...
Um Gegenargumente privater Hochschulen muss mensch sich also keine Gedanken machen. Das Problem ist viel mehr die generelle Sicht der Gesellschaft auf Bildung und die mediale Kraft derer, die ein Interesse an privaten Hochschulen haben.
In Berlin gibt es derzeit vier private Universitäten, die staatlich anerkannt sind, an denen fast 1.500 Studierende eingeschrieben sind. [6] Dies sind die Steinbeis-Hochschule Berlin (SHB), die Europäische Wirtschaftshochschule Berlin (ESCP-EAP), die Mediadesign Hochschule für Design und Informatik Berlin (MDH) und die OTA Hochschule Berlin. Diese Berliner Hochschulen passen hervorragend in das Muster privater Hochschulen mit nur begrenzter Fächerauswahl, die fast ausschließlich die Bereiche der Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften und der Pflege umfassen.
Dabei wird sogar von den privaten Hochschulen selbst dargestellt, wie eng diese mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Eigene Aussagen wie: »Die Steinbeis Hochschule ist eine staatlich anerkannte Hochschule, die den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft forciert« [7] und »Schon vor Ende das Studiums hatten mehrere Studierende ihren Job sicher in der Tasche und andere wertvolle Kontakte geknüpft« [8] zeigen die enge personelle und strukturelle Verflechtung mit der Wirtschaft, die natürlich nicht von den Hochschulen selbst problematisiert wird. Offen wird dabei sogar von einem personalen »Netzwerk-Aufbau« während des Studiums gesprochen, der einer der »wesentliche[n] Vorteile für den Studierenden und gegebenenfalls das Unternehmen« sei. [9] In diesen Zusammenhang gehören auch die sogenannten »exklusiven Recruiting-Days« [10] der ESCP-EAP.
Deutlich wird hier also die Bildung von Eliten thematisiert, ja sogar damit geworben. Ansonsten wird sich zwar demokratisch gegeben, zumindest wird eine nicht weiter ausgeführte Mitbestimmungsmöglichkeit der Studierenden hervorgehoben. Geworben wird gleichzeitig jedoch auch mit einem »straff organisierten Zeitplan« und damit, dass Studierende keine Zeit mehr für›s Arbeiten nebenbei haben. Außerdem entziehen sich private Hochschulen den auch in staatlichen Hochschulen absterbenden Resten demokratischer Regulierbarkeit durch Gremien wie Hochschulräte, an dessen Stelle nicht zufällig aus der Wirtschaft bekannte Gremien wie Vorstand und Aufsichtsrat treten sollen. [11] Und auch wenn die alten Gremien seit jeher von einer kleinen Zahl ProfessorInnen beherrscht werden und daher auch hier nicht von Mitbestimmung die Rede sein kann, ist diese Entwicklung mindestens bedenklich.
Die MDH tut sich daneben mit dem geschützten didaktischen Konzept evolearning® hervor, wobei unklar bleibt, was mehr als der Einsatz von Computern als Lehrmittel durch evolearning® bezeichnet wird. [12] Die Idee ist wohl auch nichts anderes als der nächste konsequente Schritt der Übertragung von Konzepten der »freien« Wirtschaft auf die Bildung: Die Erschaffung von Marken im Bildungsbereich. »Drink Coca-Cola! Learn Evo!«
Das Verständnis von Bildung als Dienstleistung führt zusätzlich dazu, dass diese in den Geltungsbereich des General Agreement on Trade in Services (GATS) fällt und so die weitere Öffnung und eine Verminderung des demokratischen Zugriffs auf Bildungspolitik im Kontext der Globalisierung erwirkt wird. Bildung soll nach diesem Verständnis wie jede andere Dienstleistung den Strukturen des Wettbewerbs unterworfen werden, mit allen daraus folgenden Nachteilen.
Die erste offensichtliche Gefahr privater Bildung ist die Monopolisierung von Wissen als Machtmittel. Bei gleichbleibender Entwicklung wird der Zugang zu Bildung durch finanzielle Barrieren weiter so erschwert, dass ausschließlich Eliten Zugang zu (höherer) Bildung erhalten, oder solche, die bereit sind, sich per Darlehen dem dann gesetzlichen Zwang zu unterwerfen, Kapital aus ihrer Bildung zu schlagen: Selbst zur Elite zu werden.
Ganz offen wird dann auch als Kriterium für die Zulassung die Frage gestellt: »Welche Ziele verfolgt [der Student] mit dem Studium?« [13] Ein harmlos daherkommender Gesinnungstest, der die Auswirkungen privatisierter Bildung noch einmal ganz deutlich darstellt. Der Zugang zu Wissen und zur damit verbundenen Autorität und Herrschaft wird auf diese Weise weiter der Allgemeinheit entzogen und nach dem Willen der Elite neu verteilt. Zu Beobachten ist also ein Prozess der »Rearkanisierung« von Wissen.
Die zweite subtilere Gefahr ist die fortschreitende Veränderung der eigenen Perspektive auf Bildung. Finanzielle Verwertbarkeit wird zum einzigen Kriterium der Qualität von Bildung. »Welches Kriterium könnte besser zur Beurteilung der Qualität einer privaten Hochschule geeignet sein, als der berufliche Erfolg ihrer Absolventen?« [14] fragt sich die FAZ leider nur rhetorisch in einem »neuen« Bewertungskonzept von privaten Hochschulen. Die wirkliche Frage nach dem Sinn eines Studiums wird an privaten Hochschulen und in der Öfentlichkeit nicht gestellt. Ganz selbstverständlich ist das Ziel auf der einen Seite die Profitmaximierung der finanzierenden Unternehmen, auf der anderen Seite aber auch die Profitmaximierung der Lebenszeit von Studierenden.
Vor allem anhand der Werbung der privaten Hochschulen, die bereits 25 Prozent ihres Budgets für Marketing, Akquise und Vertrieb verwenden, [15] kann abgelesen werden wie Bildung in Zukunft verstanden werden könnte: Arbeitsplatzgarantie, »success-stories« ehemaliger Studierender und finanzielle Hochrechnung über mögliche Langzeitgewinne durch ein Studium sind die Qualitätskategorien, die auch in »Rankings« erscheinen.
Der Frage, ob ein Studium dort nicht zu teuer sei, wird damit begegnet, dass durch das schnellere Studium und die großen Aussichten bei einem erfolgreichem Unternehmen angestellt zu werden soviel Profit zu erwarten sei, dass ein Studium an einer öffentlichen Universität teurer sei. Bildung ist hier nie etwas anderes als reine Kapitalanlage und das vollkommen selbstverständlich. Die öffentliche Debatte hat sich darauf eingelassen und verläuft fast ausschließlich anhand von ökonomischen Begriffen wie Wettbewerb, Staatsentlastung, Markt und Jobs. Mit diesem Verständnis vom eigenen Wissen werden wir einmal mehr dazu genötigt uns selbst und unsere eigenen Interessen im Rahmen kapitalistischer Verwertbarket zu denken und unser eigenes Leben der Marktlogik zu unterwerfen. Eine emanzipatorische, kritische Bildung ist mit Privatisierungstendenzen nicht vereinbar.
Eine notwendige Bedingung für eine demokratische Gesellschaft hingegen ist eine freie Bildung. Und frei meint an dieser Stelle nicht nur frei von Gebühren, sondern auch frei von inhaltlichen Zurichtungen durch Obrigkeiten.
| [1] | http://www.hochschulkompass.de |
| [2] | http://www.wiso-gruppe.de/download/wiso_private_hochschulen_in_deutschland.pdf |
| [3] | http://www.bmbf.de/pub/corporate_universities_in_deutschland.pdf |
| [4] | http://www.private-hochschhulen.net/privat_studieren_warum/studiengebuehren... |
| [5] | http://www.wiso-gruppe.de/download/wiso_private_hochschulen_in_deutschland.pdf |
| [6] | http://www.hrk.de |
| [7] | http://www.steinbeis-academy.de/bewerbung/faq.php |
| [8] | http://www.otahochschule.de/front_content.php?idcat=90 |
| [9] | http://www.steinbeis-academy.de/bewerbung/faq.php#01 |
| [10] | http://www.escp-eap.de/unternehmenskontakte/?id=50 |
| [11] | http://www.meinepolitik.de/privuni.htm |
| [12] | http://www.mediadesign.de/fileadmin/downloads/infomaterial/Didaktik_evolearning.pdf |
| [13] | http://www.steinbeis-academy.de/download/Leitfadensba.pdf |
| [14] | http://www.faz.net/s/Rub244D2E60F0294C4D8AAC6C0C7FC9677B/... |
| [15] | http://www.wiso-gruppe.de/download/wiso_private_hochschulen_in_deutschland.pdf |
Harry Tuddle