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Rede zur Immatrikulationsfeier im Wintersemester 2005/2006

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

ich begrüße euch herzlich im Namen des AStA, des Allgemeinen Studierenden Ausschusses, hier an dieser Universität. Diese Aufgabe fällt mir zum dritten Mal innerhalb der letzten Jahre zu und ich muss leider sagen, dass sich die Umstände an dieser Universität nicht gerade verbessert haben. Ich möchte einige drastische Maßnahmen benennen, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden. So die Einführung des flächendeckenden NC vor wenigen Semestern, dann die beinahe vollständige Umstellung von Diplom- und Magisterstudiengängen auf Bachelor und Master. Hier sei nur kurz angemerkt, dass im Studiengang »Bachelor Lehramt« ca. 40-50 Prozent der Studierenden bereits nach dem 1.Semester abgesprungen sind. Und nun die Einführung des 2 Millionen Euro teuren SAP Campus Management. Von dieser Einführung wurde die Studierendenvertretung weder in Kenntnis gesetzt, geschweige denn an ihr beteiligt, sie wurde völlig intransparent und ohne schriftliche Dokumente durchgeführt. Dies geschah aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Wissen, dass es unter den Studierenden eine starke Gegenwehr ausgelöst hätte, da die Möglichkeiten einer massiven Kontrolle und Überwachung die Gestaltbarkeit eines Studiums entlang individueller Lebensumstände und Interessen sehr stark einschränkt. Als höchst problematisch sehen wir auch das Erfassen so vieler persönlicher Daten. Es kann nachverfolgt werden, welche Seminare die Studierenden besuchen, mit welchen Zensuren abgeschlossen wurde usw. Diese Maßnahme ist eine weitere Bevormundung der Studierenden und auch der Hochschullehrenden, die ich hiermit auffordere sich auch verstärkt gegen dieses Projekt einzusetzen.

Erwähnt sei auch die miserable Umsetzung des noch in keiner Weise ausgereiften Systems, indem ihr Versuchskanninchen für das FU-Elite-Projekt spielen dürft! Wundert euch nicht, wenn eure Studiengänge noch nicht erfasst sind oder ihr Probleme mit der Benutzeroberfläche des Programms habt. Die Verantwortung für die Einführung des Campus Management liegt auf Seiten der Universitätsleitung, sie wurden von niemanden, auch nicht durch den Bologna Prozess, dazu gezwungen!

Wehrt euch, wenn ihr in Seminare nicht mehr reingelassen werdet! Wir unterstützen euch gerne bei Protesten gegen das Campus Management, jedoch ersetzt dies nicht eine Organisierung von eurer Seite, indem ihr euch an den verschiedenen Fachbereichen zusammenschließt und gemeinsam vorgeht! Lasst euch nicht einschüchtern! Hier möchte ich auf eine vom AStA herausgegebene Broschüre zum Campus Management verweisen, die ihr auch an unserem Infostand erhaltet.

Eine weitere Verschärfung stellt die bereits vom Akademischen Senat abgesegnete neue Satzung für Studienangelegenheiten dar: In ihr wird geregelt, dass von nun an eine scharfe 85Prozent Regelung gilt: zwei Mal Fehlen ist erlaubt, darüber hinaus gibt es selbst bei Entschuldigungen kaum einen Spielraum, außer ihr einigt euch mit eurem/eurer Dozenten/in auf Ersatzleistungen.

Diese gesamten Maßnahmen sind jedoch nicht als einzelne Maßnahmen, sondern nur in einem größeren gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Die Funktion der Hochschule, wie des gesamten Bildungssystems einer Nation ist die Vorauslese für die spätere Berufs- und Einkommenshierarchie. Das Prinzip dieser Gesellschaft basiert auf Gewinnmaximierung und damit einhergehend auf Kostensenkung, davon ist auch die Hochschule nicht ausgeschlossen, denn sie ist nicht wie immer gesagt wird von der Gesellschaft getrennt zu betrachten. Dies betrifft höchstens das in der Hochschule produzierte Wissen, dass nicht an eine Kontrolle durch die Gesellschaft gebunden ist, wie sinnvoll dies auch sein mag.

In diesem Kontext sind auch die Maßnahmen zu verstehen: Die Durchlaufgeschwindigkeit erhöht sich, die akademische Arbeitskraft steht dem Arbeitsmarkt früher, länger und vor allem billiger zur Verfügung. In die Köpfe wird nur noch reingelassen was sich später für Staat und Kapital auch lohnt. Dieses Programm wird rücksichtslos gegen Körper und Psyche durchgesetzt. Denn nicht wenige Studierende leiden unter psychischen wie physischen Schäden. Bei der Erfüllung des vorgeschriebenen Pensums bleibt für die Studierenden kaum mehr Zeit sich für andere Dinge zu interessieren oder sich gar ausgiebig mit einem Thema zu beschäftigen.

Da ich bereits über die angebliche Trennung von Hochschule beziehungsweise Wissenschaft und Gesellschaft sprach, möchte ich noch auf einen weitern Aspekt dieses Themas eingehen: Auf das Verbot gegenüber der Studierendenschaft sich zu (allgemein-) politischen Themen zu äußern. Dem AStA ist ein Maulkorb angelegt, denn würde er sich zu allgemeinpolitischen Themen äußern, drohen ihm hohe Ordnungsstrafen. Die Absurdität dieser Trennung soll an einem Beispiel fest gemacht werden: Ein Großteil von uns Studierenden muss sich während des Studiums als Ware zurechtmachen um sich nach Abschluss des selbigen auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen oder im anderen Falle auf der Reservebank zu landen, das heißt in der Arbeitslosigkeit. Also auch wir werden von Lohnarbeit betroffen sein und von dem Gutdünken irgendeines Arbeitsgebers abhängen, ob er gerade Verwendung für uns findet. Inwieweit sind wir dann von der Gesellschaft getrennt? Und inwieweit ist es dann nicht sinnvoll, sich auch zu Sozial- und Arbeitsmarktreformen und anderen Dingen politisch äußern zu können? Unproblematisch hingegen scheint es zu sein wenn Prof. Dr. Lenzen sich in seiner Funktion als Universitätspräsident für den Förderverein eines Arbeitgeber- Think Tanks, der Initiative »Neue Soziale Marktwirtschaft« engagiert, dessen ausgesprochenes Ziel es ist, die Bevölkerung von den Arbeitsmarktreformen zu überzeugen, Lohnnebenkosten zu senken und andere Schweinereien. Er tut dies zwar unter dem Deckmäntelchen der Bildungspolitik, hat aber scheinbar mit den Zielen der Initiative keinerlei Probleme, sondern unterstützt den Ruf nach mehr Eigenverantwortung, was im Klartext den Abbau der bisher bestehenden Sozialsysteme bedeutet.

Zurück zu den genannten Verschärfungen: Ich verurteile sie als unmenschlich und sehe nicht ein, warum wir wie Maschinen, permanent funktionieren sollen, und selbst die tun es nicht, so hat zum Beispiel mein Computer die tolle Angewohnheit immer kurz vor einer Hausarbeitsabgabe zu streiken. Eigentlich habe ich noch gar keine Lust aufzuhören, denn es gibt noch so viele wichtige Dinge über die man reden müsste, auf jeden Fall muss ich euch sagen, dass es mir sehr wichtig war heute zu sprechen, und ich hoffe sehr, dass ihr darüber nachdenkt. Und lasst euch nicht von dem einwickeln was der mir nachfolgende Redner euch präsentiert, denn er hat kein Interesse daran, die gesellschaftlichen Umstände zu verändern, da ihm seine gesellschaftliche Position viel Macht und ein gutes Gehalt zugesteht und er zusehen wird, dass diess so bleibt. Er hat scheinbar kein Problem mit einer Gesellschaft die auf Ausgrenzung und Ausbeutung basiert.

Nun noch ein Literaturtipp – egal welches Studienfach: Trotz aller angeblichen Verstaubtheit und durch anti-kommunistischen Propaganda diskreditiert, lege ich euch ans Herz »Das Kapital« von Karl Marx zu lesen, um so die gesellschaftlichen Umstände besser verstehen zu lernen und damit vielleicht auch einen Grundstein für ihre Veränderung zu legen.

Hinterfragt die an euch gestellten Anforderungen und lasst uns gemeinsam für ein glückliches Leben jenseits der Verwertungslogik kämpfen!

Zum Abschluss möchte ich euch einladen sich mit uns zu engagieren. Der AStA ist offen und wir freuen uns immer über Menschen, die uns in der politischen Arbeit unterstützten. Außerdem bieten wir ein umfangreiches Beratungsangebot an! Über beides könnt ihr euch im Foyer an unserem Infotisch informieren.

Nichtsdestotrotz wünsche ich euch einen guten Start in euer Studium! Danke, dass ihr mit zugehört habt.

Hayuta

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Datum: 15. Juni 2006, last update: Jun 20, 2006 5:51 pm