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Kann das Eingeständnis von wissenschaftlichem Völkermord 60 Jahre danach noch schwierig sein? Offensichtlich ja! Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) führte ihre thematische Fachtagung vom 7.–9. 6. 2002 im Harnack-Haus unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch. Die Freie Universität rühmt sich der Gnade der späten Gründung. Eine konkrete Stellungnahme zu öffentlichen Gedenkobjekten, zu einem Exkursionsangebot nach Polen und zu eigenen Ausstellungsprojekten wird weitgehend verweigert.

NS-Agrargeschichte

In den Jahren 1939 bis 1944 entwarfen Dahlemer Raum- und Siedlungsplaner die rechtlichen, räumlichen und "rassenpolitischen" Grundlinien für den Großraum zwischen Straßburg, Leningrad und der Krim. Das Agrarinstitut Im Dol 27/29 der Berliner Universität stellte am 28. 5. 1942 eine einflussreiche Fassung des Generalplan Ost (GPO) fertig. Im Rahmen des Ostaufbaus waren etwa acht Milliarden Stunden Zwangsarbeit projektiert und die "Verringerung" der Bevölkerung Leningrads von 3,2 Millionen 1939 auf 200.000 neugermanische Siedler innerhalb von 25 Jahren vorgesehen. Der Prozentsatz der "Eindeutschungsfähigkeit" polnischer Zivilisten wurde darin unter einem Prozent beziffert! Nach knapp 10 Jahren Bedenkzeit und zahlreichen Anfragen und Mahnwachen haben sich nun die AgrarwissenschaftlerInnen der HU zum 60. Jahrestag Ende Mai huldvoll bei den toten und lebenden Opfern des GPO entschuldigt. Es war allerdings kein polnischer Staatsbürger anwesend, mit Ausnahme der taz- und der junge-Welt-LeserInnen hat es eigentlich keiner gemerkt.

Das Dahlemer SS-Planungsamt (RKF)

In den Jahren 1941 bis 1945 finanzierte die DFG mit ein bis zwei Prozent ihres Jahresetats die "planungswissenschaftlichen Arbeiten" des Dahlemer SS-Planungsamtes im Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums mit Sitz in der Podbielskiallee 25/27. Dort wurde am 29. 10. 1942 der "Generalsiedlungsplan" fertiggestellt. Er war noch ausführlicher als der universitäre GPO, klassifizierte 30,7 Millionen Mitteleuropäer als "nicht eindeutschungsfähig" und bezifferte neben dem konkreten Siedlerbedarf auch die exakten Gesamtkosten mit 144 Milliarden Reichsmark. Die Leitung des SS-Planungsamtes oblag SS-Obersturmbannführer Prof. Konrad Meyer (1901-1973), der zugleich auch Direktor des Agrarinstituts Im Dol, Mitglied des Reichsforschungsrates und DFG-Fachspartenleiter für Allgemeine Biologie und Landwirtschaftswissenschaften war. Ein wichtiger Mitarbeiter des SS-Planungsamtes ermöglichte erfolgreiche Nachkriegskarrieren: Der Beauftragte für die Landschaftsplanung des SS-Planungsamtes und Direktor des Universitätsinstituts für Garten- und Landschaftsbau, Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann wurde nach 1945 Gründungsdekan der Gartenbaufakultät der TU Hannover. Nach wenigen Jahren Unterbrechung wurden dort mehrere Mitarbeiter des früheren Dahlemer SS-Planungsamtes wieder ordentliche Lehrstuhlinhaber und unterrichteten künftige Landschaftsplaner in ihrem Fach.

NS-Hausgeschichte der DFG im dritten Versuch

Seit Oktober 1940 hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihren Berliner Sitz in der Grunewaldstraße 35 in Steglitz. Der letzte DFG-Antrag des SS-Planungsamtes für "planungswissenschaftliche Arbeiten" datiert vom 22. März 1945. Auskünfte zum Antragsentscheid lehnte die DFG bisher ab. Auch einen Druckkostenbeitrag zur Publikation des Projektberichts zur NS-Landschaftsplanung in den eingegliederten Ostgebieten unter Leitung von Gert Gröning, Hochschule der Künste Berlin, wurde 1985 ohne Begründung abgelehnt. Die 1987 erschienene Publikation ist wie auch fünf andere wichtige Standardwerke zum GPO gerade vergriffen. Der zweite Versuch einer Einzelarbeit zur NS-Geschichte der DFG durch Notker Hammerstein, "Die DFG in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur", München 1999, gilt als vollständig gescheitert. Der GPO wurde darin auf 580 Seiten nur ein einziges Mal erwähnt und die Entwicklung von neuen Siedlungstechniken in der Zusammenfassung gar als "konventionelle Aufgaben gelehrter Anstrengung" eingestuft. Nach dem Ganzseiter "Deutsches Blut und leere Aktendeckel" in der ZEIT Nr. 42 im Okt. 2000 von Ernst Klee gelobte DFG-Präsident Winnacker Besserung. Inzwischen ist eine Präsidentenkommission zur "Geschichte der DFG von 1920 bis 1970" unter Leitung von Ulrich Herbert, Uni Freiburg, und Rüdiger vom Bruch, HU, eingerichtet worden. Die nichtöffentliche DFG-Tagung zum GPO Anfang Juni betrachtete zwar sämtlich Aspekte der Primärgeschichte, wagte es jedoch nicht, personelle Kontinuitäten im Nachkriegsdeutschland zu thematisieren. Aus Sorge vor möglichen studentischen Unruhen wurde der einzige öffentliche Abendvortrag der DFG-Tagung am 7. 6. 2002 gar in den Martin-Gropius-Bau verlegt.

Alternativer Berliner Wissenschaftsherbst 2001

Die Bemühungen zur Aufarbeitung des Generalplan Ost stießen nicht selten auf eine Mauer eisigen Schweigens. Beim zweiten Versuch, eine Gedenktafel zum GPO an der HU anzubringen, stellte ein Bereitschaftszug von 15-20 Polizeibeamten die Einhaltung der Untersagung sicher. Der Alternative Wissenschaftssommer an der HU mit sechs kleinen Veranstaltungen zum GPO wurde am 12. 9. 2001 fünf Stunden vorher "aus Sicherheitsgründen" vollständig abgesagt. Zur thematischen Podiumsdiskussion des Alternativen Wissenschaftsherbstes am 23. 11. 2001 lud auch die GEW als Mitveranstalter ein. Die Absagen der Präsidialämter von HU, FU und DFG sprachen meist von Terminschwierigkeiten. Das FU-Präsidialamt verwies zudem darauf, dass die FU erst 1948 gegründet worden sei und daher für die zur Diskussion stehenden Ereignisse nicht zur Verantwortung gezogen werden könne. Erfreulich war einzig der Besuch des Doppelvortrags über den GPO durch neun Familienangehörige von Prof. Konrad Meyer, die gegenüber dem Präsidenten der HU und zugleich DFG-Vizepräsidenten Jürgen Mlynek erklärten, dass sie als Nachkommen des Täters einstimmig eine bessere Aufarbeitung des GPO einschließlich einer objektiven Hinweistafel befürworteten. Infolge einer kleinen Anfrage zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Generalplan Ost vom PDS-Abgeordneten Benjamin Hoff im Dezember 2001 mussten Anfang des Jahres die HU und die Senatsverwaltung Stellung nehmen. So wurde dann Ende Januar 2002 im Akademischen Senat der HU erstmals die Existenz des GPO eingestanden und die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zum öffentlichen Umgang mit NS-Verstrickungen beschlossen.

Symbolische Freiluft-Ausstellungseröffnung Mai 2002

Schon lange existierten Pläne für eine thematische Ausstellung mit Vorstellung der beteiligten Wissenschaftsinstitutionen und der Verdrängungsgeschichte seit 1992. Der neue Wissenschaftssenator lehnte nach 57 Tagen Bedenkzeit die Schirmherrschaft für die Ausstellung im März 2002 ab. Die Hoffnungen auf Nutzung der Wandelhalle für die GPO-Ausstellung im Abgeordnetenhaus wurden überraschend zerschlagen, weil kurzfristig einer zusätzlichen Präsentation spektakulärer Kunstobjekte der Vorzug gegeben wurde. Gleichwohl fand Mitte Mai eine symbolische Freiluft-Ausstellungseröffnung außerhalb des hohen Hauses statt, die ein gutes Presseecho hatte. Ein polnischer Zeitzeuge berichtete von den Deportationen beim ersten Realisierungspunkt des GPO im Distrikt Lublin, und auch die polnische Botschaft schickte einen hochkompetenten Vertreter. Unter dem Druck dieser autonom organisierten Veranstaltungen einschließlich dreier Begleitvorträge im Martin-Gropius-Bau konnte sich die Agrarfakultät der HU der Raumvergabe für die Ausstellung "60 Jahre Generalplan Ost" vom 12. 7. bis zum 3. 8. nicht mehr entziehen. Als kleine Störmanöver ließ das Dekanat der Agrarfakultät zwei Tage vor Ausstellungsbeginn freie Stelltafeln wegschließen und verweigerte die Nutzung von Tischen und Stühlen. Und auch das Präsidialamt der HU verwehrte bei der Ausstellungseröffnung dem polnischen Ehrengast, dessen Vater im Rahmen der "Sonderaktion Krakau" mit anderen Wissenschaftlern für 14 Monate in die KZ Sachsenhausen und Dachau verschleppt worden war, einen kleinen Empfang. Zum konkreten Angebot aus Krakau, eine deutsch-polnischen Akademikerexkursion zu organisieren, verweigerten die Historiker an der HU jede Stellungnahme.

Weitere Planungen

Aktuell ist vorgesehen, eine Ausstellung zum DFG-finanzierten GPO und vor allem seiner Verdrängungsgeschichte zu zeigen. Mitte Oktober wurde ein Antrag beim Hauptstadtkulturfonds eingebracht, der für die erste Jahreshälfte 2003 nach unendlichen Verzögerungen eine Realisierung des Projekts ermöglichen soll. Möglicher Eröffnungstermin ist der 23. 2. 2003, der 50. Jahrestag des Londoner Schuldenabkommens. Im Antrag wurde auch die Finanzierung der Einladung von 40 Zeitzeugen aus den hauptbetroffenen Ländern des GPO beantragt. Eine überfällige öffentliche Anerkennung der historischen Wahrheit könnte so aussehen, dass vielleicht Ende Mai 2003 nach dem Beispiel der Max-Planck Gesellschaft auch der Präsident der DFG und andere ihr Bedauern für den GPO in Anwesenheit der 40 Zeitzeugen aussprechen und etwa zeitgleich auch die drei stadtöffentlichen Gedenkobjekte enthüllt werden. Es sind dies eine informatorische Bodenplatte zum "Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums" auf dem Ku’damm 140-143 in Halensee, eine mehrsprachige informatorische Tramhaltestelle zum SS-Zentralbodenamt am Oranienburger Tor in Mitte sowie eine dreisprachige Hinweistafel (oder Litfass-Säule) zur Würdigung der erfolgreichen Eingabeaktionen für verschleppte Krakauer Wissenschaftler ("Sonderaktion Krakau") auf dem Gelände der "Topographie des Terrors". Das Deutsche Historische Institut Warschau, das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und andere haben sich dazu positiv geäußert.

Freundliche, konkrete Rückfragen erwünscht

Wer der Meinung ist, dass WissenschaftlerInnen keine immunitären Sonderstatus genießen sollten und es notwendig ist, endlich volle Transparenz herzustellen, sei hiermit gebeten, per Telefonanruf konkrete Fragen an das Präsidialamt der HU (Tel: 2093-2100), das Berliner Büro der DFG (2061-2122) oder die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kultur (90228-200) zu stellen.

Matthias Burchard

Aktualisierungen unter: http://userpage.fu-berlin.de/~gplanost/

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Datum: 15. Dezember 2002, last update: Nov 3, 2003 11:48 pm