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Inhalt und Auswirkungen der neuen Ba./Ma.-Studiengänge

Im Zuge der Sparmaßnahmen werden momentan in der gesamten Hochschullandschaft Umstrukturierungen vollzogen. Dabei tauchen immer wieder dieselben Schlagworte wie Bachelor-/Masterstudiengänge (im folgenden: Ba./Ma.), Modularisierung, Leistungspunkte und studienbegleitende Prüfungen auf. Was das für die Studierenden bedeutet, erklärt die FSI PSYCHOLOGIE.

Schwierigkeiten bei der Beurteilung der Frage, was die neuen Studiengänge im Einzelnen für die Studierenden bedeuten, ergeben sich aus der intransparenten Informationspolitik und daraus, dass die Form und der Zeitraum der Umstrukturierungen noch ausgehandelt werden. Wir beschränken uns in diesem Artikel also auf die Formulierung unserer Befürchtungen auf der Basis der uns zur Zeit zugänglichen Informationen.

Inhalt der Veränderungen

Um die potentiellen Veränderungen einschätzen zu können, wollen wir uns erst einmal unsere momentanen Studienbedingungen vergegenwärtigen. Sie stellen sich für uns – wir gehen beispielhaft von der Psychologie aus – etwa folgendermaßen dar: Im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis findet man noch immer eine, wenn auch in den letzen Jahren sehr beschnittene Vielfalt an Veranstaltungen. Wir haben kaum inhaltlich bestimmte Pflichtveranstaltungen (nur Statistik) und die Zusammensetzung des "Stundenplans" kann weitestgehend von den Studierenden nach eigenem Interessenschwerpunkt und Zeitplan (Koordination mit Kind, Job etc.) selbst bestimmt werden. So bleibt bei der Wahl der Themen für Semesterarbeit und Prüfungen großer Spielraum. Durch die hohe Anzahl an Seminaren im Vergleich zu Vorlesungen besteht wenigstens theoretisch die Möglichkeit, sich mit den jeweiligen Themen kontrovers auseinander zu setzen. Studentische Beteiligung und Diskussionen werden explizit gewünscht und finden trotz überfüllter Veranstaltungen sogar hin und wieder statt.

Dass der Studiengang zulassungsbeschränkt ist, wir in Seminaren auf dem Boden sitzen, die Lehrenden uns in der Prüfung teilweise zum ersten Mal persönlich wahrnehmen (wenn überhaupt), die Ausstattung der Bibliothek zu wünschen übrig lässt und man im Zweifelsfall seine Hausarbeit eben über das Buch schreibt, was gerade noch nicht ausgeliehen ist, gehört allerdings auch zum Alltag. Es gäbe also durchaus eine Menge zu verbessern. Welche Veränderungen ergeben sich aus den laufenden Prozessen und in wessen Interesse stehen sie?

Bei den Umstrukturierungen handelt es sich im Wesentlichen um zwei Entwicklungen: Ba./Ma. und die Modularisierung der bestehenden Studiengänge. Bei Ba./Ma. handelt es sich um gestufte Studiengänge mit jeweils eigenem Abschluss. Dabei hat sich eine Aufteilung des Studiums in drei Jahre bis zum Bachelorabschluss und weitere zwei Jahre bis zum Masterabschluss ergeben. Das Studium bis zum ersten Abschluss soll praxisorientierter sein – wobei es verschiedene Ansichten zur Praxisorientierung von Studiengängen gibt –, das darauf aufbauende Studium dann eher die Qualifikation zu einer wissenschaftlichen Karriere leisten. Das Besondere ist also, dass man bereits nach drei Jahren Studium einen berufsqualifizierenden Abschluss haben kann und dass die Zulassung zum Masterstudium begrenzt werden soll (es heißt, dass etwa ein Drittel der Bachelors einen Master werden machen dürfen). Bei den Zulassungsvoraussetzungen für das zweite Studium wird es sich wohl in den meisten Fällen um einen Vergleich der Abschlussnoten und ein Bewerbungsgespräch handeln. Die Konsequenz ist eine Elitenförderung – die "Besten" dürfen weiterstudieren, der Rest nicht.

Die zweite Entwicklung, die Modularisierung, bedeutet, dass das Studium in Studienbausteine gegliedert wird, welche einzelne Themengebiete umfassen und einzeln abgeprüft werden können und sollen. Die Bewertung der einzelnen Module erfolgt in einem Kreditpunktesystem, wobei Leistungspunkte und Noten getrennt ausgewiesen werden. Die Leistungspunkte stehen dabei für ein bestimmtes Arbeitspensum, das von dem/der durchschnittlichen Studierenden (wer mag das nur sein?) für das Modul aufgewendet wurde. Die Module sollen aufeinander aufbauen oder, wo dies möglich erscheint, auch nach Interessenlage kombiniert werden können.

Zum einen wird nun jede Tätigkeit der Studierenden erfasst und kontrolliert, was sich in einer Entwicklung von relativ freier und unüberwachter Studienzeit mit abschließenden, geballten Zwischen- bzw. Hauptprüfungen hin zum "prüfungsbegleitenden Studium" ausdrückt – so der richtungsweisende Versprecher von H. Westmeyer, Psychologie-Professor und Mitglied des Kuratoriums der FU. Zum anderen ermöglichen diese Vorschläge natürlich Druckmittel: Wer ein Modul bis zum zweiten Semester nicht geschafft hat, muss zum "Beratungsgespräch" antanzen.

Auswirkungen

Die Mittel, mit denen die "Studienstraffung" durchgesetzt werden soll, sind aus unserer Sicht sehr problematisch: Mit der Modularisierung sollen die mündlichen Prüfungen am Ende der Studienabschnitte durch eine oder mehrere studienbegleitende Prüfungen ersetzt werden. Diese können verschiedene Formen annehmen: Klausuren, Projektarbeiten, mündliche oder alternative Prüfungsleistungen. Es werden also Anforderungen, die bis jetzt als Studienleistungen für die Scheine zu erbringen waren, z. T. mit Prüfungsleistungen gleichgesetzt und somit benotet. Ob es weiterhin unbenotete Prüfungsvorleistungen geben wird (also das, was heute Scheine sind) oder ob alles, was man tut, direkt als Teil der Fachprüfung gewertet wird, bleibt noch zu bestimmen. Der "Schonraum" der ersten Semester, in dem man sich in die wissenschaftliche Arbeitsweise einfinden kann, ohne dass es "zählt", wäre zerstört, wenn von Beginn an Leistungen in die Endnote des Ba.-Abschlusses eingehen (der ja die Zulassung zum Ma. regelt).

Die Prüfungssituation wird also ins Studium hineingetragen. Das ist besonders problematisch bei Leistungen, die mündlich im öffentlichen Raum stattfinden, wie etwa Referaten. Diese bekämen verstärkt den Charakter einer Präsentation, bei der der/die ReferentIn unter dem Druck steht, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen bzw. "den Alleswisser" zu markieren. Interessierte Fragen von KommilitonInnen würden das Wissen des Prüflings auf die Probe stellen und könnten schnell als "unkollegiales" Verhalten verstanden werden. Eine offene, kontroverse und erhellende Diskussion wäre somit erschwert bis unmöglich gemacht. Solche Zustände herrschen zwar auch heute schon in den Seminaren, würden sich jedoch durch den erhöhten Leistungsdruck noch verschlimmern.

Dass sich Erstsemester (und auch Andere) diesem Stress vermehrt aussetzen, ist unwahrscheinlich. Zu erwarten ist eher eine allgemeine Tendenz zu Klausuren, die durch ihre Anonymität beim "Ableisten" den Situationsdruck verringern. Dabei fiele dann eine kontroverse Auseinandersetzung völlig weg, die Inhalte wären absolut vorgegeben (Referatsthemen sind ja im gewissen Maße noch beeinflussbar). Und: die Halbwertszeit von für Klausuren gelerntes Wissen ist aus der Schule bekannt.

Dabei dürfte diese konkrete Situation nur ein Beispiel für die insgesamt verschärften Konkurrenzbedingungen sein. Von Beginn des Studiums an sind die KommilitonInnen potentielle RivalInnen im Ringen um die begehrten Masterplätze. Die dann überall präsente Konkurrenz ist wiederum kein Zufallsprodukt. Es sind Zusammenhänge erkennbar, die in den Diskussionen an der Universität verschleiert werden, indem uns ständig erzählt wird, wie toll das alles ist und welche Vorteile die Studierenden doch haben. Wenn man bedenkt, dass das Bachelorstudium eine schnelle Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten "leisten" soll, die für das qualifizieren, was in der Wirtschaft als notwendig angesehen wird, so wird die Herkunft all dieser Wünsche erkennbar. Sie kommen mitnichten von den Studierenden, sondern aus dem Bereich der Wirtschaft.

Das "General Agreement on Trades in Services" (GATS), das von der Welthandelsorganisation (WTO) entwickelt wurde, verfolgt eine radikale Liberalisierung in zahlreichen Bereichen, unter anderem auch im Bildungswesen, was nichts anderes als dessen Kommerzialisierung bedeutet: Private Anbieter verkaufen die Studiengänge, Module, Abschlüsse und Qualifikationen verkaufen und entwickeln einen Bildungsmarkt, der in Konkurrenz zum staatlichen Bildungssystem stehen wird. Bildung wird dann nur noch unter dem Verwertungsaspekt betrachtet. Dabei müssen die einzelnen Konkurrenten selbstverständlich eingeschätzt und miteinander verglichen werden können. Evaluationen der Universitäten, auf deren Grundlage gefördert wird oder eben nicht, bleiben zu befürchten. Die Kriterien solcher Evaluationen wären vermutlich so "sinnvolle" wie eben die "Verweildauer" der Studierenden, also die Einhaltung der Regelstudienzeit (bei Nichtbeachtung der dies erschwerenden Bedingungen) oder auch die Anzahl der Forschungsvorhaben, die Menge an von der Wirtschaft eingeworbenen Geldern (wer für IBM forscht, kriegt also zusätzliche Mittel vom Staat) oder die Anzahl von Veröffentlichungen (bei Absehung des inhaltlichen Erkenntniswertes).

Am Ende kann dann auf Grund dieser nichtssagenden Erhebungskriterien eine schöne Rankingliste aufgestellt werden, deren regelmäßige Aktualisierung den Druck auf die Unis erhöht, in diesen Aspekten gut abzuschneiden. Diesen Druck werden sie wiederum mit entsprechenden Repressalien wie Zwangsexmatrikulation an die Studis weitergeben bzw. Forderungen wie höhere Ergebnisorientiertheit an die Forschenden stellen.

Neben den Folgen in Bezug auf Prüfungen und das Studienklima ist noch auf einen dritten Punkt einzugehen. Es besteht die Möglichkeit, dass die Module die Inhalte der jeweiligen Veranstaltungen bestimmen, und über die Festlegung der Reihenfolge der zu belegenden Module ein von den Studierenden kaum noch beeinflussbarer Studienverlaufsplan entsteht. Auch wenn diese Lehrpläne verschiedene wählbare Alternativen (Stundenplan A, B oder C) beinhalteten, wäre dies nur eine Pseudo-Wahl, wenn die Inhalte dieser Alternativen festgelegt wären.

Welche Inhalte dabei herausfallen, ist klar: jene, die nicht verwertet werden können, was vor allem kritische Inhalte betrifft. Statt dass die Theorien daraufhin beleuchtet würden, in welchem Interesse sie welche Machtverhältnisse festigen, mutierten sie zu bloßen voneinander unabhängigen Fakten, die stur und defensiv in Anbetracht der bevorstehenden Notengebung auswendig gelernt werden müssten.

Von diesen Veränderungen werden vor allem jene Studis Vorteilem haben, die entsprechend günstige Ressourcen haben: Wer sich nicht über Jobs finanzieren muss, hat eben mehr Zeit fürs Studium; Kinder werden zum Störfaktor und ehrenamtliches Engagement bleibt auf der Strecke. Des Weiteren ist unklar, ob das Masterstudium dann auch BAföG-würdig bzw. gebührenfrei ist. Bisher gilt, dass anschließend auch das Masterstudium gefördert wird. Doch stellt sich die Frage stellt, was passiert, wenn zwischen Ba. und Ma. einige Jahre Berufspraxis eingelegt werden. Ist erst einmal eine solche Trennung gezogen, ist es nur ein kleiner Schritt, für das Masterstudium Gebühren zu erheben oder die Förderung zu streichen. Anspruch auf Förderung hat man nämlich auch heute schon nur für den ersten berufsqualifizierenden Abschluss.

Gestaltungsmöglichkeiten

Bei der Mitarbeit bezüglich der Umsetzungen der Reformen stehen wir Studis klar im Abseits. Uns wurde offen mitgeteilt, dass es eh nur noch um das "Wie" (der Umstrukturierungen) gehe und nicht mehr um das "Ob". Wurde diese Frage bereits entschieden, so befinden wir uns bei der "Wie"-Diskussion in einem schwerwiegenden Dilemma: Arbeiten wir mit, können wir zwar unsere Befürchtungen kundtun, werden aber auf Grund der Mehrheit der Profs in den relevanten Gremien leicht überstimmt. D. h. Veränderungen, die wir nicht wollen, werden umgesetzt und können mit dem Vermerk "mit studentischer Beteiligung" versehen werden. Auf der anderen Seite bringt uns der absolute Boykott dieser Debatte ebenfalls wenig, da wir dann überhaupt keine Chance haben, auf die Neuerungen Einfluss zu nehmen. Gemeinsame Handlungsmöglichkeiten müssen noch gefunden und umgesetzt werden.

Ob die neuen Ba./Ma.-Studiengänge wirklich Studienzeitverkürzung und schnellere Berufsqualifizierung bedeuten, und was an diesen Argumenten auszusetzen ist, diskutiert der Artikel Mach keinen Mist!

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Datum: 15. Dezember 2002, last update: Jun 12, 2004 8:13 am