Für den 10. Juli 2002 hatte der "Verein Deutscher Studenten" (VDSt) zu einer Veranstaltung mit CDU-Rechtsaußen und Ex-Innensenator von Berlin, General a. D. Jörg Schönbohm, in ihrem Verbindungshaus in der Gartenstr. 1 in Berlin-Zehlendorf eingeladen. Da studentische Verbindungen (auch Korporationen genannt) schon länger nicht mehr an der FU auffällig geworden sind, waren die Plakate zu der Veranstaltung mit dem Titel: "Politiker. General. Schauspieler?", die wir unter anderem im Foyer der Universitätsbibliothek gefunden haben, Anlass für uns, mal etwas genauer zu schauen, was dieser VDSt eigentlich so macht.
Die Korporationen sind immer wieder auf der Suche nach neuen Mitgliedern in ihrem obskuren Verein. Sie locken dabei vor allem mit billigen Zimmerangeboten, in Zeiten akuter Wohnungsnot an bezahlbarem Wohnraum durchaus mit Erfolg. Dabei verfügen die Korporationen in den meisten Fällen über eigene Villen, die ihnen ihre "Alten Herren" finanziert haben. Diese "Alten Herren" sitzen oftmals auf Schlüsselpositionen in der Wirtschaft, der Politik oder auch in Universitäten und verfügen über entsprechende finanzielle Mittel. Der VDSt Berlin hat etwa 300 "Alte Herren" und nur etwa 20 Studenten, auch "Aktivitas" genannt. Ein Blick in die Geschichte der VDSt und des Dachverbandes "Kyffhäuserverband der Vereine Deutscher Studenten" (VVDSt) zeigt, dass diese im Milieu der "Verbindungen" und "Burschenschaften" einen besonderen Platz einnehmen.
Die "Vereine Deutscher Studenten" sind bundesweit in allen bedeutenden Hochschulstädten vertreten und haben ein Arbeitsabkommen mit der "Deutschen Burschenschaft" als "Verband mit gleicher Zielsetzung" geschlossen. Die "Deutsche Burschenschaft" hat nachgewiesene Verbindungen zur Neonazi-Szene. Weiterhin haben die "Vereine Deutscher Studenten" Freundschaftsabkommen mit dem "Witikobund", der sich die Rekolonialisierung der "sudetendeutschen Gebiete" zur Aufgabe gemacht hat. Weitere Abkommen gibt es mit dem "Verein Deutscher Hochschüler Polens" und der "Verbindung Schleswigscher Studenten in Dänemark".
Die Gründung des VDSt steht im engen Zusammenhang mit dem bürgerlichen und studentischen Antisemitismus des frühen Kaiserreiches. Die ersten "Vereine Deutscher Studenten" gingen aus dem "Berliner Antisemitismusstreit" von 1880 hervor, als in einer breiten antisemitischen Kampagne versucht wurde, Juden den Zugang zu Universitäten und anderen Einrichtungen zu verwehren. Die Vorreiterrolle des VDSt für die Nationalsozialisten wird zum Beispiel durch eine Rede des VDSt-Mitglied von Gerlach vom 26. 2. 1894 vor 2.000 sozialdemokratischen Arbeitern in Berlin deutlich. Er erklärte, er sei "Sozialist, aber nicht Sozialdemokrat [...]. Wer sozial sein will, der muß vor allem die Juden bekämpfen, das unproduktive Volk, das nicht arbeiten, aber führen will."
Rassistischer Antisemitismus und großdeutsche Ambitionen wurden zum Kennzeichen des VDSt, welcher die Weimarer Republik von Anfang bis Ende bekämpfte. So erklärte ihr Verbandstag 1919: "Wir erblicken besondere Aufgaben [...] in der Bekämpfung der heute überwuchernden rassenfremden und undeutschen Einflüsse im deutschen Volke", und in der VDSt-Verbandszeitschrift "Akademische Blätter" schrieb Alfred Blücher bereits 1924: "Wir haben die soziale Frage als das Kernproblem unserer Gesundung erkannt. [...] Aus der Durchdringung des völkischen und sozialen Gedankens erwächst uns das Heil. [...] Der VDSter wird so zum Nationalsozialisten, ob er will oder nicht. [...] Im Nationalsozialismus hat der Kyffhäuserverband seine Erfüllung gefunden."
Wilhelm Kube, von 1933 bis 1935 Vorsitzender des Kyffhäuserverbandes, wurde am 1. Juni 1933 von Hitler zum NS-Gauleiter der "Kurmark" ernannt. Er war gleichzeitig in der SS (Mitgliedsnummer 114.771) und stieg bis zum Oberführer und Ehrenführer der 27. SS-Standarte auf. Weitere Beispiele für Karrieren im NS aus den Reihen des VDSt waren z. B. Dr. med. Gustav Adolf Scheel der 1936 zum "Reichsstudentenführer" ernannt wurde. Dieser stieg bis zum Gauleiter und "Höheren SS- und Polizeiführer" in Salzburg auf. Auch Ottmar von Verschuer war VDSt-Mitglied, ein hochrangiger Rassehygieniker des NS und Vertrauter des KZ-Arztes Mengele. Aus einem Schreiben des VDSt Halle-Wittenberg an den Reichsführer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes vom 12. 5. 1933 geht hervor, dass der Kyffhäuserverband seinen Mitgliedern empfohlen hat, sich der SA oder dem "Stahlhelm" anzuschließen.
Dementsprechend war die Situation des VDSt im Mai 1945. Die insgesamt reaktionäre Rolle der Korporationen war nach 1945 so offensichtlich, dass sie von den Alliierten schlicht verboten wurden, von den Amerikanern am 14. 3. 1947 sogar unter Hinweis auf ihren "nationalistischen, reaktionären oder paramilitärischen Charakter". Doch an solche Erkenntnisse wollten Adenauer (selbst "Alter Herr" einer Verbindung) und Co. bekanntlich nicht gern erinnert werden. So kam es, dass nach und nach in der Bundesrepublik wieder Verbindungen zugelassen wurden und auch die mit am tiefsten in den Nazismus verstrickten VDSt.
Im August 1960 gründete sich der VDSt Berlin in ihrem schon oben erwähnten Korporationshaus in der Gartenstr. 1 mit dem erklärten Ziel, Mitglieder an der TU und der FU zu rekrutieren. Über ihre politischen Ziele halten sie sich heute bedeckt, so heißt es in ihrer Satzung lapidar: "Zweck des Vereins ist die Pflege studentischer Geselligkeit und die Förderung akademischer Erziehungsbestrebungen." Wie kommt es dabei zu den Vereinsfarben Schwarz-Weiß-Rot entsprechend der "Reichskriegsflagge", der Verbandseinteilung in "Gaue", der Sprachregelung "Mitteldeutschland" für die neuen Bundesländer und der Begeisterung für "Preußen"? Was machen VDSt in Österreich, Ungarn und Dänemark und worauf lassen Bezeichnungen wie "VDSt Königsberg-Mainz" oder "VDSt Breslau-Bochum" schließen? Für uns deutliche Anzeichen für eine revanchistische Grundhaltung.
Nach dem "Handbuch deutscher Rechtsextremismus" (Berlin 1996) gelten die Vereine Deutscher Studenten als nach wie vor "völkisch ausgerichtet", wobei ein Schwerpunkt in der "Volkstumsarbeit" bestehe. Zum Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) gibt es daher eine enge Zusammenarbeit. Ab 1958 dominierte der Kyffhäuserverband den VDA (Lupe e.V.: 166). 1975 schreibt Friederich Carl Badendieck als Funktionär sowohl des VDSt als auch des VDA: "Unser VDSt war seit seiner Gründung geistig und organisatorisch in der Volkstumarbeit, vor allem im VDA, tätig." Und in den "Akademischen Blättern" 1/1984 schreibt er weiter: "Der VDA [...] und der VDSt haben gemeinsam das Ziel, Deutsche im Ausland kulturell zu fördern. Das haben beide Institutionen anläßlich einer gemeinsamen Tagung vom 31. 5. bis 3. 6. 1982 in Kassel bekräftigt." Der VVDSt forderte 1984 seine Mitglieder auf, in den VDA einzutreten . In einer "deutschlandpolitischen Erklärung" ließ sich der VVDSt 1986 dann herab, den "derzeitigen neutralen Status Österreichs" anzuerkennen, um dann jedoch ungeniert von Österreichern als "Volksdeutschen" zu sprechen. Die NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" vom Oktober 1986 war damals jedenfalls erfreut über diese "vernünftigen politischen Thesen", die "jeder Nationaldemokrat sofort unterschreiben" könne.
Unabhängige Hochschulantifa an der FU
Literatur:
Lupe e.V.: VDA Verein für das Deutschtum im Ausland, Juni 1993.
Füxe, Burschen, Alte Herren: Studentische Verbindungen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992.