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Liebe Erstsemesterinnen und Erstsemester,

mein Name ist Ralf Hoffrogge, und ich darf euch hiermit im Namen des Allgemeinen Studierendenausschusses – kurz AStA – an der Freien Universität begrüßen.

Gerne würde ich euch zur Feier des Tages auch einige erbauliche Weisheiten oder auch nützliche Tips fürs Gedächtnistraining mit auf den Weg geben. Aber angesichts der miserablen Studienbedingungen an unserer angeblich so freien Universität fühle ich mich vielmehr verpflichtet, der hier und heute wieder zu erwartenden Selbstbeweihräucherung ein wenig entgegenzupusten um das tatsächliche Elend dieser Institution sichtbar zu machen.

Das erste, jedoch nicht einzige Problem der FU und der deutschen Universitäten insgesamt ist der so genannte Sparzwang. Nicht erst seit der Berliner Bankenkrise, sondern bereits seit den achtziger Jahren wurden den deutschen Universitäten und Bildungseinrichtungen systematisch die finanziellen Mittel gekürzt. Durch die allgemeine schlechte finanzielle Situation des Bundes und des Landes Berlin degenerierte die Bildungspolitik in den letzten Jahren endgültig zu einem reinen Bündel von Sparmaßnahmen, so dass insbesondere die FU mittlerweile völlig auf dem Zahnfleisch geht.

Die Geschichtswissenschaft zum Beispiel besaß bis Ende der 90er Jahre noch 39 Professuren, zurzeit sind es gerade mal 15 – bei gleichbleibender Anzahl von über 3000 Studierenden. Die Politikwissenschaft der FU, einst ein hochrenommiertes Institut mit 48 Lehrstühlen, verlor davon mittlerweile über die Hälfte; der Berliner Wissenschaftsrat empfahl jedoch eine weitere Schärfung des Profils, d. h. die Beschneidung auf 10 oder 11 Professuren. Mit etwas Glück können vielleicht 15 Lehrstühle erhalten werden.

Geschichte und Politik sind dabei nur die beiden Fächer, wo ihr mir eventuell in den garantiert überfüllten Seminaren begegnen könntet. Seid jedoch versichert, dass es anderen Instituten ähnlich zugeht, wenn nicht schlimmer.

Die Kürzungen bei den Lehrstühlen werden flankiert von völlig unterfinanzierten Bibliotheken, einen enorm reduzierten Angebot an Sprachkursen und auf ein Minimum gekürzten Etats für Lehraufträge und studentische Tutorien.

Die studentischen Tutorien sind, um es genauer auszudrücken, oftmals schon auf Null reduziert. Denn bevor den Professoren die persönlichen Hilfskräfte gestrichen werden, werden natürlich zuerst den Studierenden die Tutorien gekürzt – geschenkt wird hier niemandem etwas.

Die Universitätsleitungen aller drei Berliner Universitäten reichen jedoch die blinde Sparwut unserer mehr oder minder fähigen Senatoren ohne Aufbegehren an uns Studierende weiter und setzen auf Repression nach unten anstatt auf politischen Widerstand gegen die Obrigkeit.

Lediglich wenn es um Augäpfel wie das Universitätsklinikum Benjamin Franklin geht, fordert sogar Präsident Gaethgens, seines Zeichens Medizinprofessor, zu Protest und Demonstrationen auf. Ansonsten ist sich derselbe Präsident nicht zu schade, protestierende Studenten von einer Hundertschaft Polizei aus der Universität entfernen zu lassen und mit Anklagen wegen Hausfriedensbruch zu überziehen – geschehen im Wintersemester 2001/2002.

Meist jedoch läuft die Repression etwas subtiler ab. Die Schuld an der Krise haben nach der herrschenden Logik nicht die politisch herbeigeführten finanziellen Kürzungen, sondern die faulen Langzeitstudierenden. Mittels Zwangsberatung, neuerdings auch Zwangsexmatrikulation, will man diese loswerden und Exempel statuieren, um den Rest von uns freundlich zu einem Schnellstudium anzuspornen.

Niemandem kommt dabei der Gedanke, dass die überlangen Studienzeiten erst durch den politisch sanktionierten Personalmangel und die daraus resultierende katastrophale Betreuungssituation hervorgerufen werden. Gemäß dieser paradoxen Logik kam dann auch vor einigen Monaten eine Kommission, welche die Studienbedingungen am Institut für Politikwissenschaft evaluieren sollte, zu dem Ergebnis, dass es dort viel zu viele Studierende gäbe.

Dies müsste man durch Zugangsprüfungen oder einen höheren Numerus Clausus korrigieren, um die Lehre zu verbessern. Niemandem fiel auf, dass die Studierendenzahlen sich kaum erhöht hatten, während die Anzahl der Professuren und Lehraufträge jedoch um mehr als die Hälfte reduziert worden war.

Die Logik ist klar: Zugangsbeschränkungen, Zwangsexmatrikulationen, Verschulung und verschärfter Prüfungsdruck, am besten noch Studiengebühren als zusätzlicher Ansporn für den schnellen Abschluss. So wird die Krise der Universität privatisiert und auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen.

Durch die verschärften Zugangsbeschränkungen und die auch in den Reihen der Sozialdemokratie immer wieder geforderten Studiengebühren schließt sich die Universität nach außen ab. Aus einer zumindest der Idee nach demokratischen Institution wird eine Eliteanstalt für die vermeintlich Begabten, vor allem aber die Begüterten.

Die demokratische Institution – sie soll das Thema sein für den zweiten Teil meines erbaulichen Grußwortes. Heute und hier wird wieder einmal die glorreiche Tradition der Freien Universität zelebriert, zweifellos wird der eine oder andere Redner diese Tradition hervorzerren und euch erzählen, was es doch für ein Privileg sei, Mitglied gerade dieser Universität zu sein. Sicher haben sie Recht, denn wenn hier schon die Nebenfächer einen Numerus Clausus von 1,6 verlangen, wie im Fall Psychologie, ist das Studium wahrhaft ein Privileg. Dafür holt man sich dann auch gerne einen Stuhl von nebenan oder lauscht seinem 120-köpfigem Seminar gleich im Stehen.

Die FU jedoch, um diese Selbstinszenierung etwas zurechtzurücken, hat ihre eigene Tradition. Sie wurde im Jahre 1948 nicht von Professoren oder Senatoren, sondern von Studentinnen und Studenten gegründet. Eine demokratische Gegenuniversität sollte sie sein, sowohl gegen die zunehmend autoritär-sozialistische Humboldt-Universität, als auch gegen die überkommene, vom Nationalsozialismus problemlos gleichgeschaltete deutsche Ordinarienuniversität, wie sie in Westdeutschland ohne Bedenken restauriert wurde. Nachdem dieser demokratische Gründergeist in den fünfziger Jahren eingeschlafen war, wagten die 68er den nächsten Aufbruch gegen die restaurierte FU und die bleierne deutsche Nachkriegsgesellschaft. Seit dieser Zeit war die FU ein Zentrum der Studierendenbewegung. In zahllosen Streiks wurde stets die Einlösung des bis heute nie realisierten Versprechens von einer Freien Universität gefordert; viele Errungenschaften wurden durch den Protest der nachfolgenden Studierendengenerationen gesichert.

Doch die wahre Demokratie ist weiterhin eine Utopie. Nach wie vor gilt das Bundesverfassungsgerichtsurteil des Jahres 1973, das auf merkwürdige Weise aus der Freiheit von Forschung und Lehre eine automatische Mehrheit der Professoren in jedem akademischen Gremium ableitet. Zudem haben diese akademischen Gremien im Rahmen der sogenannten Erprobungsklausel des Berliner Hochschulgesetzes schon vor Jahren ihre Macht aus der Hand gegeben – mittlerweile entscheidet das Präsidialamt mehr oder weniger autoritär über die Belange der Universität, notfalls auch gegen das Votum des Akademischen Senats (wie etwa im Falle der Abschaffung der studentischen Projekttutorien).

Nach wie vor hat außerdem die Studierendenvertretung kein politisches Mandat, sondern darf sich nur zu hochschulpolitischen Problemen äußern. Studentische Gruppierungen aus dem rechten Spektrum nutzen das gerne aus, verklagen den Studierendenausschuss wegen dieser oder jener angeblich allgemeinpolitischen Äußerung. Sie bekommen natürlich Recht, und der Asta wird zu hohen Geldbußen verurteilt. Wir arbeiten also praktisch unter Zensurbedingungen. Angesichts dieser Zustände wird das Motto unser Universität: „veritas, justitia, libertas“ – Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit – endgültig zur Farce.

Um so mehr sollten wir uns also auf die studentisch-demokratische Tradition der FU besinnen, und die kann angesichts der eben skizzierten Verhältnisse nur zum Widerstand führen.

Es geht hierbei dezidiert nicht darum, euch gegen die Professoren und Professorinnen aufzuhetzen – von den meisten könnt ihr nämlich durchaus etwas lernen – sondern darum, Interessengegensätze klarzustellen. Eine Reform von oben, wie sie derzeit durch die erzwungene Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge im Gange ist, wird niemals den studentischen Interessen gerecht werden.

Studiengebühren, „Straffung“ des Studiums durch verpflichtende Leistungsnachweise, Zwangsexmatrikulationen, Modularisierung und Kanonisierung des Stoffes (also Streichung von gesellschaftskritischen Inhalten) – all diese Maßnahmen dienen nicht der Verbesserung der Lehre, sondern sie stellen die maximale Verwertbarkeit der Absolventen für den Arbeitsmarkt der Zukunft sicher.

Elitäre Auslese durch NC und Auswahlgespräche, Wettbewerbs- und Konkurrenzprinzipien, sollen uns dafür mit der vermeintlich notwendigen Ellbogenmentalität versehen.

Aber nicht nur die studentischen Interessen werden mit Füßen getreten, auch die gesellschaftliche Rolle einer Universität wird dabei völlig außer Acht gelassen. Die universitäre Ausbildung darf sich nicht auf das Bimsen von Fachwissen beschränken und alles andere vernachlässigen oder gar als so genannte social skills instrumentell der späteren Erwerbstätigkeit unterordnen.

Gerade eine Institution, die den Namen "Freie Universität" trägt und in deren Wappen die Worte Wahrheit und Gerechtigkeit prangen, sollte nicht zum bloßen Zuliefer- und Qualifizierungsbetrieb für die Wirtschaft degenerieren, besonders im Zeitalter der Globalisierung, in dem sich diese Wirtschaft zunehmend jeder Form von demokratischer Kontrolle oder Legitimation entzieht.

Politische Teilnahme an demokratischen Prozessen, Heranbildung kritischer Urteilskraft, Reflexion der eigenen Tätigkeit in Wissenschaft und Beruf sind unverzichtbare Aspekte eines Studiums, das uns befähigen wird, diese Globalisierung nicht nur passiv zu erleiden, sondern kritisch mitzugestalten.

Nachdem ich jetzt also, dem Anlass entsprechend, ebenfalls die FU-Tradition hervorgezerrt habe, möchte ich euch zum Abschluss meines Grußwortes einladen, auch diese Tradition nicht nur in Form mehr oder weniger langweiliger Festakte passiv zu erleiden, sondern sich aktiv daran zu beteiligen. An fast jedem Fachbereich gibt es Fachschaftsinitiativen, die sich kritisch mit dieser Universität und ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzen. Und auch der AStA sucht immer engagierte Leute für neue Projekte. Dort gibt es zwar keine Scheine zu erwerben, aber man kann sehr viel lernen und vielleicht auch einiges verändern.

Dankeschön, willkommen an der Universität.

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Datum: 16. Oktober 2002, last update: Sep 3, 2003 8:30 pm