Vor nunmehr 15 Jahren ereignete sich im Wintersemester 1988/89 ein studentischer Aufbruch, der an der Freien Universität Berlin seinen Ausgang nahm, alsbald die damalige bundes- und europaweite studentische Protestbewegung überholte und sich an deren Spitze stellte. In Dynamik und Potentialen stellte die neue StudentInnenbewegung die vorherigen studentischen Protestbewegungen seit 1968 als auch die ihr nachfolgenden in den Schatten.
Auslöser des Protests waren die überall sichtbaren Folgen einer langjährigen Politik des Bildungs- und Sozialabbaus, sowie Polit-Skandale in der Universität und der Stadt. Die Ursachen des Protests liegen allerdings tiefer. Sie gründen in der tief empfundenen Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Anstatt Problemlösungen aufzuzeigen, fanden die StudentInnen eine Wissenschaft vor, die vielmehr diese Probleme mitverursacht und sich als Destruktivkraft erweist.
Der Wissenschaftsbetrieb zeigte sich den StudentInnen als ein hierarchisches System nahezu ohne Mitbestimmung. Kontrolliert wurde dieser von einer Oligarchie professoraler Experten, die sich in ihrer Mehrheit durch Ignoranz gegenüber den bestehenden Problemen und anwachsenden globalen Gefährdungen, aber durch gewinnbringende Nutzung ihrer Privilegien auszeichneten. Die StudentInnen deckten auf, daß sich Professoren zu Verteidigung und Ausbau dieser Privilegien in Kartellen zusammengeschlossen hatten, als deren einflußreichstes sich die "Notgemeinschaft für eine Freie Universität" (NofU) herausstellte. Mithilfe von Verflechtungen mit Politik, Wirtschaft und Medien wehrte dieses Kartell sowohl neue Ideen wie auch deren TrägerInnen ab.
Entsprechend wurde der Lehrbetrieb Gegenstand und Anlaß studentischer Kritik. Anstatt die Themen der Studierenden aufzugreifen und interdisziplinär im Rahmen einer Problemwissenschaft Lösungswege zu entwickeln, war er darauf ausgerichtet, zertifizierte und lizenzierte Absolventen auszubilden, deren Aufgabe die blose Reproduktion des Bestehenden ist. Entsprechend der Anpassungsleistung werden Lebenschancen und Positionen in der Gesellschaftshierarchie zugewiesen, wofür die Studierenden dem Konkurrenz-, Leistungs- und Opportunitätsprinzip unterworfen werden. Der gesamte Lehr- und Forschungsbetrieb zeigte sich den StudentInnen als hochgradig vermachtet und zukunftsuntauglich.
Die Suche nach den Ursachen, Hintergründen und Zusammenhängen der erkannten Mißstände in Universität und Gesellschaft, sowie die Suche nach Alternativen stand daher im Zentrum der Autonomen Seminare, die die StudentInnen an Stelle des etablierten Lehr- und Forschungsbetriebs stellten. Die StudentInnen nahmen sich die ihnen vorenthaltene Freiheit zum selbstbestimmten Lernen und besetzten ihre Universität, um innerhalb dieses Freiraums ihre Alternativen zu entwickeln und zugleich auch zu erproben.
Eine Kulturrevolution bahnte sich an: Alles stellten die StudentInnen in Frage, alles wollten sie anders machen: anders lernen, anders arbeiten, anders leben. Es gab kaum ein Thema, das nicht in einem der 400 Autonomen Seminare der nunmehr "Befreiten Universität Berlin" behandelt wurde. Die Universität verwandelte sich in eine Zukunftswerkstatt im Diskurs mit einer interessierten Öffentlichkeit.
Der studentische Aufbruch des Winters 1988/89, seine Themen, Hoffnungen und Potentiale wurden durch die Ereignisse des Jahres 1989ff in den Hintergrund gedrängt. Doch die damaligen Themen und Probleme haben seither an Brisanz nur hinzugewonnen und fordern mehr denn je zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Umdenken auf. Die 90er Jahre erscheinen vor diesem Hintergrund als ein verlorenes Jahrzehnt. An die Potentiale der Befreiung des Winters 1988/89 anzuknüpfen und diese für die Gegenwart fruchtbar zu machen, ist Grund und Anliegen dieser Neuauflage.
Die vorliegende dritte Auflage der "Analyse der StudentInnen-bewegung an der FU Berlin im Wintersemester 1988/89" wurde erstmalig im April 1989 vom AStA der Freien Universität Berlin unter dem Titel "Wehe, wenn sie losgelassen" herausgegeben. Verfaßt wurde die Analyse unter dem unmittelbaren Eindruck des studentischen Aufbruchs des Winters 1988/89 von Nana Badenberg, Alexander Honold, Helmut Müller-Enbergs und Thomas Schwarz.
Diese Analyse der StudentInnenbewegung haben wir für die vorliegende Ausgabe um einen einleitenden Überblick über die Ereignisse des Wintersemesters 1988/89 ergänzt. Er erschien im Erstsemesterinfo des AStA FU zum Sommersemester 1989, S. 4-9 unter dem Titel "Besetzt Die befreite Universität Berlin im Streik". Geschrieben hat den Artikel Thomas Schwarz, Öffentlichkeitsreferent des AStA FU.
Ebenfalls dem Erstsemesterinfo zum SoSe 1989 entstammen die der Analyse nachfolgenden sechs Artikel, die sich mit einzelnen Schwerpunktthemen des Winters 1988/89 beschäftigen.
Drei dieser Beiträge beschäftigen sich mit studentischer Mitbestimmung: Der Beitrag "Wie UNiMUTig ist der AStA?" beleuchtet das Wechselverhältnis zwischen AStA und StudentInnenbewegung. Die damalige Situation in den Universitätsgremien beschreibt der Artikel "Die Bürokratie vor, während und nach der Besetzung". Mit der aus dieser Situation erwachsenen Forderung nach Mitbestimmung beschäftigt sich der dritte Beitrag.
Die Forschung an der Universität ist Thema von drei weiteren Beiträgen. Eine zentrale Forderung war die nach "Interdisziplinarität", der sich der gleichnamige Artikel widmet. Den praktischen Versuch der Umsetzung dieser Forderung bildete das "Bert-Brecht-Institut für eingreifendes Denken", dessen Konzeption und Programmatik der folgende Beitrag beschreibt. Mit Drittmittelforschung und An-Instituten befaßt sich der Beitrag "Die andere Forschung, oder: die Forschung der Anderen".
Vier weitere Beiträge laden zu eigenem Engagement ein. Der Beitrag "Autonome Seminare als möglicher Ort, Widerstand zu entwickeln" stellt Autonome Seminare als eine erfolgversprechende Möglichkeit vor, "Politik an der Hochschule statt Hochschulpolitik" zu betreiben. Der Text entstand 1986 unter dem Eindruck der damaligen Auseinandersetzungen um das Berliner Hochschulgesetz und der Einflußlosigkeit der StudentInnen in den universitären Gremien. Veröffentlicht wurde er in der AStA Zeitung Nr. 5/1986, S. 6-7. Den Text haben wir für die vorliegende Ausgabe geringfügig gekürzt. Der Autor Uwe Rada war 1986 Fachschaftsreferent des AStA FU.
Der zum Sommersemester 1992 erschienenen Broschüre "Autonome Seminare Die etwas andere Art, Uni zu genießen" (S. 3-14) sind die folgenden drei Texte entnommen, die von der AG Autonome Seminare und dem Café Geschwulst am FB Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin (OSI) herausgegeben wurde. Sie zeigen auf, daß sich das Konzept der Autonomen Seminare seit den 80er Jahren zu einem eigenständigen und zukunftsweisenden Modell selbstbestimmten, hierarchiefreien Lernens weiterentwickelt hat, das neben dem Projekttutorienmodell eigenständig fortbesteht.
Das der Idee der selbstbestimmten Autonomen Seminare zugrundeliegende Konzept der "Befreiungsorientierten Wissenschaft" behandelt der Artikel "Von Elfenbeintürmen und Maulwurfshügeln". Er zeigt Möglichkeiten für ein "Lernen und Forschen in der, gegen die und jenseits der Hochschule" auf. Der Beitrag "Knackpunkte, Ursachen, Lösungsversuche bei Autonomen Seminaren" behandelt Probleme, die bei Autonomen Seminaren auftreten können und gibt lösungsrelevante Ratschläge für den Umgang mit ihnen. Zum gemeinsamen Austausch lassen sich Autonome Seminare koordinieren, auch, um Gegenmacht in Form einer Gegenuni aufzubauen. Der Artikel "Statt gemeinsamer Verstrickung: gemeinsame Vernetzung?!" diskutiert die Vor- und Nachteile der verschiedenen Formen von Vernetzung.
Der Beitrag "89 war nicht 68" hebt den eigenständigen Charakter des Aufbruchs des Winters 1988/89 hervor und macht Unterschiede zur Studierendenbewegung Ende der 60er Jahre, aber auch Gemeinsamkeiten deutlich. Der Text entstammt einer 1990 veröffentlichten Broschüre (S. 39-51) der Anti-Repressions-Arbeitsgemeinschaft (ARAG) des AStA der Freien Universität Berlin (Hg.) mit dem Titel "Berichte, Fotos, Dokumentationen und Analysen der staatlichen Repressionen aufgrund des Universitätsstreiks im Wintersemester 1988/89". Sie ist über www.astafu.de verfügbar.
Ein Text aus den Arbeitszusammenhängen des projekt archivs vermittelt anschließend einen Einblick in das damalige Selbstverständnis eines Teils der Bewegung. Das projekt archiv entstand im Winter 1988/89 als "Kollektives Gedächtnis für Uni und Bewegung". Ein Besuch seiner Sammlungen ist für jedeN, der/die sich mit dem Thema beschäftigen möchte, sehr zu empfehlen.
Den Abschluß bildet ein Nachwort, das einen Rückblick wagt und Perspektiven andenkt.
Ein Literaturverzeichnis im Anhang gibt Anregungen zur weitergehenden Beschäftigung mit dem Thema. Aufgrund der Breite der Themen und der Vielfalt der Strömungen der 80er Jahre kann allerdings nur ein sehr begrenzter Literaturausschnitt wiedergegeben werden. Dieser beschränkt sich auf Literatur zur UNiMUT-Bewegung, in Autonomen Seminaten häufig rezipierter Literatur sowie einigen, für die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der 80er Jahre zeitgeschichtlich aufschlußreichen Beiträgen.
Die vorliegende Ausgabe hat nicht den Anspruch einer abschließenden Darstellung und Bewertung der Ereignisse des Winters 1988/89, sondern will vielmehr zu einer weiteren Aufarbeitung anregen.
Hochschulreferat des AStA der FU Berlin, Oktober 2003