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Statt vereinzelter Verstrickung: gemeinsame Vernetzung?!

Zunächst einmal zum Wort "Vernetzung": In den letzten (mindestens) 2-3 Jahren ist "Vernetzung" ein echter Renner geworden. Alles soll sich möglichst mit allem vernetzen: linke Gruppen miteinander, in der Stadt, der BRD, EG und weltweit sowieso – und jetzt auch noch die einzelnen autonomen Seminare (as) an der Uni? Wie auch immer es zu solchen Modewellen einzelner Wörter kommt – im Grunde genommen geht es bei "Vernetzung" um das Problem, das früher "die Organisationsfrage" genannt wurde.

Im Gegensatz zu dem starren, hierarchischen und lustfeindlichen Bild, welches sich aufgrund zahlreicher furchterregender Beispiele meist zurecht mit "Organisation" verbindet, soll Vernetzung eher ausdrücken, daß es um die Verflechtung vieler einzelner Fäden und Knoten zu einem effektiven Ganzen geht. Besonders wichtig sind dabei die bei einem so flexiblen Gebilde prinzipiell sich schwerer einstellende Hierarchie, die Aufnahmebereitschaft individueller Fähigkeiten (ein Netz kann aus schwarzen und roten, aus dicken und dünnen Fäden bestehen), sowie die Notwendigkeit, sich Flexibilität, d.h. Toleranz und Selbstkritik zu erhalten, denn ein verkrustetes Netz taugt ebenfalls nichts.

Was bei dem Bild vom Vernetzen offen bleibt, ist das "wie", d.h. die Art und Weise, in der die einzelnen Bestandteile die Knoten knüpfen sollen. In der derzeitigen Situation weit verbreiteter politischer Ratlosigkeit und weiterhin starker Neigungen, sich um die Diskussion wirksamer Organisierungsstrukturen mit dem Verweis auf die persönliche Stimmungslage ("kein Bock") herumzudrücken, ist das Bild vom "Vernetzen" vielleicht auch gerade deshalb so beliebt geworden, weil sich jedeR dieses "wie" recht beliebig ausmalen kann: Über Vernetzung läßt sich leicht reden, ohne daß jedeR sagen müßte, was er/sie dazu beitragen kann.

Tatsächlich gibt es ja auch – um im Bild zu bleiben – viele Möglichkeifen, Fäden zu verknüpfen oder zu verknoten. Möglichkeiten im Uni-Bereich sind z.B.:

Jedes Modell hat Vor- und Nachteile, braucht mehr oder. weniger Engagement mehr oder weniger Leute, und birgt demgemäß unter- schiedlich große Gefahren in Bezug auf Bildung informeller Hierarchien, Verkrustung, Männerseilschaften etc. Wichtig ist auch, sich die Gefahr jeder Art von Organisierung vor Augen zu halten: Viele fahren unheimlich auf Orga-Kram ab, beschaffen detailverliebt Geld, Räume, bedrucktes Papier, archivieren den ganzen Prozeß säuberlich ab – und vernachlässigen dabei, die Inhalte, Methoden und Ziele des ganzen weiterzuentwickeln. Angesichts dieser Probleme muß natürlich die Frage kommen: wozu das ganze eigentlich, warum nicht einfach sich solange und zu so vielen treffen, wie mensch lustig ist, und alles weitere sein lassen. Wir denken, daß der Unterschied, ob mensch sich im as oder auch mit anderen as auseinandersetzt, letztendlich der zwischen zwei Zielen ist, die mensch mit as verfolgen kann.

Das eine Ziel ist, sich den Raum für alternatives Lernen, in anderen Formen, mit anderen Methoden und Zielen zu nehmen. Das ist in jedem Fall auch sinnvoll und muß auch am Anfang stehen. Die von der Uni angebotene "Qualifikation" wird nicht unhinterfragt angenommen, sondern mensch erarbeitet sich eine andere Art von Qualifikation, die evt. in "befreiungsorientierte" politische Prozesse sinnvoll eingebracht werden kann. Dies ist, den eigenen Willen vorausgesetzt und abgesehen von Zeitproblemen bei verschulten Studiengängen, auch problemlos möglich.

Mensch trifft sich, ob zu zweit oder zu zehnt, macht eine AG, nennt sich as und organisiert vielleicht eine Veranstaltung. Schon dies ist mit genügend Schwierigkeiten konfrontiert. Die verschiedenen Interessen, Ideen, Prioritäten usw. können leicht zum vorzeitigen Ende von as führen. Diese negativen Erfahrungen haben Leute, die in den letzten Semestern an verschiedenen Fachbereichen an as beteiligt waren, immer wieder mal gemacht. Deshalb ist es wohl zunächst am wichtigsten, das jeweilige as mit Motivation, Lust und Inhalten voranzubringen, anstatt sich primär um Vernetzung zu kümmern. Denn dann werden aus den zu verbindenden Fäden allzuleicht Fallstricke des Orga- Wahns.

Falls es aber einige as gibt, die so einigermaßen laufen, kann vielleicht doch noch ein weiteres – mögliches – Ziel von as verfolgt werden: Nicht nur "sich" als einzelnem as, sondern auch "uns zusammen" als mehreren as den politischen Raum nehmen, um – etwas plakativ ausgedrückt – Gegenmacht an der Uni aufzubauen. Möglichst viele as können sich zu einer tragfähigen Alternative verbinden mit dem Ziel, sich und möglichst viele Studis der Wissensvermittlung der Uni zu "entfremden". Oder auch: um politische Qualifikation als befreiungsorientierteR WissenschaftlerIn statt Berufsqualifikation als Schreibtisch(wohl)täterIn zu erlangen.

Je wirksamer eine solche Vernetzung zu einer echten Alternative wird, desto eher wird sich zeigen, welche Studis/Dozis/Profs solch ein Konzept unterstützen oder tolerieren können, und welche die "Aufgabe" von Universität (und damit ihre Machtstellung) derart untergraben sehen, daß sie sich dagegen stellen. Konkret werden solche Konflikte, sobald ein as den "privaten" Rahmen verläßt und Räume, Geld oder Scheine beansprucht.

Gegenmacht kann mensch sich dabei als aus drei Ebenen zusammengesetzt vorstellen: einer "ökonomischen", einer "politischen" und einer "sozialen" Ebene. Die Begriffe sind hier nur zur Erläuterung so getrennt, real hängt natürlich mal wieder alles mit allem zusammen. Außerdem geht es im Folgenden nicht darum, einen Berg an Ansprüchen aufzuhäufen, sondern darum, anzudeuten, was für Möglichkeiten der Entwicklung es gibt.

Für einige Leute, die 1988/89 bei dem Uni-Streik dabei waren, stellt sich das so dar, daß nach dem Streik diese Vernetzung nicht zustande gekommen ist und daß sich u.a. deshalb für viele danach Vereinzelung und Frust einstellten. Allerdings konnten diejenigen, welche danach in anderen Bereichen (der Streik war so etwas wie ein Durchlauferhitzer) politisch aktiv blieben, enorme Kraft aus der in Teilen entstandenen "sozialen Vernetzung" ziehen.

Diese war durch das Zusammenkommen der verschiedenen AG’s aus den verschiedenen Fachbereichen im Streik viel leichter entstanden. Denn im Gegensatz zu den vereinzelten as in den Semestern vorher und nachher lasteten nicht alle Ansprüche auf inhaltliches Vorankommen, politische praktische Aktion, hierarchiefreie Organisation und Freundschaften untereinander auf ein und denselben fünf Leuten desselben as, was ja meist alle überfordert. Mensch konnte bei eigenen Problemen im as auch von den anderen was abgucken, Ansprüche auf z.B. praktische Aktionen durch Teilnahme an Gemeinschaftsaktionen befriedigen und so auch wieder Motivation fürs eigene as bekommen.

Der Aufbau dieser Vernetzung und vor allem seiner "sozialen Ebene" (also Feten, gemeinsame Wochenendfahrten usw.) kann dann auch darüber hinweghelfen, daß das eigene as mal völlig scheitert, ohne daß die Beteiligten mit "Nie wieder autonome Seminare" reagieren und sich wieder dem Konsum des Uni-Angebots hingeben. In diesem Sinne wirkt jeder Erfolg beim Aufbau von "Gegenmacht im Uni-Alltag" als Motivation auch auf den Verlauf der einzelnen as zurück. Oder auch: Ein Netz ist halt mehr als ein Haufen von Einzelfäden.