Das projekt archiv mit seinem Institut für Sonologie gründete sich aus dem großen UNiMUT-Streik 1988/89. Ziel war und ist es, ein kollektives Gedächtnis (nicht nur) studentischer Bewegungen aufzubauen, damit beim nächsten Mal alles besser wird.
Wir sind inzwischen als gemeinnütziger Verein organisiert. Zu erreichen sind wir in der Lychener Str. 60 in 10437 Prenzl’Berg zu den Büroöffnungszeiten (sa, 16 – 18 Uhr oder nach Vereinbarung) oder telefonisch unter 030/4477008 bzw. 4523258 oder elektronisch unter projektarchiv@web.de.
Das Archiv verfügt über ca. 3.200 Bücher und eine ähnliche Anzahl an Broschüren, Zeitschriften und Zeitungen zu den Themen Uni (insbesondere Geschichte der FU und TU), Geschichte der Studierendenschaft, Wissenschaft, (Berliner) Sozialgeschichte und Geschichte der BRD (mit den aktuellen Schwerpunkten Antirassismus und Antisemitismus), politische Theorie.
Zu den genannten Themen sammeln wir entsprechende Literatur. Wer was übrig hat: vorbeibringen! Anbieten können wir im Gegenzug einige Duplikate (Zeitschriften, aber auch Bücher, z. B: "FU Berlin – ein pechschwarzes Gebilde").
Darüber hinaus waren wir in den letzten Jahren auch mit Veranstaltungen präsent zu jenen Themen, zu denen wir Material gesammelt haben, z. B. mit einer Ausarbeitung zu dem Thema "Politisches Mandat der Studierendenschaft", einer Veranstaltungsreihe zum Thema Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen (Filme, Diskussionsabende mit Vertretern der ZwangsarbeiterInnen), Organisierung eines Treffens zum 60. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes zwischen Berliner Schülern und damaligen Akteuren.
Der folgende Text entstand kurz nach den Ereignissen des Wintersemesters 1988/89 und gibt das damalige Selbstverständnis des Projekt-Archivs wieder. Der Text wurde für diese Ausgabe redaktionell bearbeitet und aktualisiert.
Vor mittlerweile gut 14 Jahren ging das projekt archiv aus Arbeitszusammenhängen der UNiMUT-Bewegung des WS 1988/89 hervor. Gerade auch im damaligen Uni-Streik war es eine Erfahrung, daß vieles an Informationen über die Uni fehlte, wie sie funktioniert, welche Machtgruppen hier herrschen, wozu und wem sie dient, und oft von null an sich neu angeeignet werden mußte.
Und das, auf was da zurückgegriffen wurde, war nicht viel. Dies galt vor allem für die Kritik an den Zuständen und Verhältnissen. Diese äußerte sich zunächst in Unmut und Unbehagen, bemäntelte so jedoch zunächst die schlechten Bedingungen und thematisierte nur spärlich den Lehr- und Forschungsbetrieb und das vielbeschworene Verhältnis von "Uni und Gesellschaft" als deren Ursachen. Damit blieb die Kritik in den Anfängen stecken.
Die Besetzung der Uni war zwar geeignet und als Form bzw. Mittel erst einmal Voraussetzung sämtliche im ("studentischen") Alltag vorhandenen gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb einer radikalen Bewegung zu reflektieren und ihre Aufhebung zu organisieren. Eine erste wichtige Ahnung von dem, wie es "nicht-entfremdet" eben befreit sein könnte, entstand. Insofern beinhaltete der UNiMUT eben jene Kraft, die anders auch in der erstaunlich motivierenden Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1987 in K 36 zum Ausdruck kam, die zeigt: es geht. Doch nicht erst der Ausgang, sondern bereits der Verlauf des UNiMUTs zeigt aber, daß nicht aufgehoben, sondern nur beiseitegeschoben worden war in manchen Bereichen nicht einmal dies.
Nach dem Ende des Streiks herrschten wieder Vereinzelung, Isolierung, Konkurrenz und "Leistung" vor. Es blieb bei dem Gefühl und trotz allem hoffentlich auch der Erinnerung im Rahmen einer scheinbar grenzenlosen Kommunikation im Prozeß von Selbstorganisierung eine Zeitlang handelndes Subjekt gewesen zu sein, das sich den Strukturen der Verwaltung nicht mehr unterwirft; der massenhafte, auf Emanzipation drängende Politisierungsprozeß jedenfalls wurde von einer ganz überwiegenden Mehrheit noch im Verlauf der Streikbewegung abgebrochen, als zu ausschließlich auf der "politischen Bühne" agiert wurde und (Selbst-) Reflexionen über politische Sozialisation und soziale Subjektivität neben der Organisierung des "anderen Alltags" nach außen schlicht nicht (mehr?) stattfanden. Die Forderung nach "Selbstbestimmung" und "Interdisziplinarität" wurde zwar weiterhin nach außen gerichtet, die subjektive und politische Bedeutung dieser beiden Begriffe aber verschwand hinter deren Umfunktionierung zum Legitimationsmittel der Formen des Protests im zum sinnlosen Hamsterlaufrad mutierten alternativen, selbstorganisierten Universitätsbetrieb, der folgerichtig sanft entschlummerte.
Es gibt viele Möglichkeiten, dies zu erklären. Eine davon unabhängig von Überlegungen zu "Kräfteverhältnissen" ist, daß breit verankerte Reflektionen bis hin zu den grundlegenden Wurzeln des UNiMUTS für uns alle schlicht eine Überforderung darstellten:
Opposition und Systemopposition in der Gesellschaft sind einige Jahrhunderte älter als wir; radikale, auf Emanzipation zielende Bewegungen an der Uni sind auch um einiges älter als wir. Das Wissen um die Erfahrungen all dieser Kämpfe, das notwendig ist, um uns unseren Protest in historischer Tradition selbst verstehbar zu machen und diesen weiter zu führen, muß sich jedes Subjekt, jede Gruppe, jede "Generation" selbst neu erarbeiten.
Die Geschichte jener Veranstaltung namens BRD, die wir gezwungen sind, zu besuchen, ist eine Geschichte der Unterdrückung und Zerschlagung eben solcher Kämpfe, der repressiven Toleranz der Herrschaft, des "Umdrehens" ihrer Kampfbegriffe und des Vergessenmachens ihrer Erfahrungen. So etwas wie ein "kollektives Gedächtnis" des Widerstandes gibt es daher allenfalls dort, wo in Bereichen sozialer Gegenmacht einige den Begriff der GEGENöffentlichkeit nicht aufgegeben haben, aber eben überhaupt nicht Bewegungen betreffend, die auf die eine oder andere Art an den Unis aktiv waren.
Damit meinen wir zum einen das weite Spektrum von Entwicklungen der erst "antiautoritären", dann "undogmatischen" und jetzt mehr oder weniger radikalen bzw. autonomen Linken an den Unis, zum anderen die aus einer Polarisierung zur traditionellen und Neuen Linken heraus entstandene feministische Frauenbewegung in ihren vielfältigen, historisch zu rezipierenden Strömungen eines Radikalfeminismus bis zu einem Anarcha- und marxistischen Feminismus.
Der geschichtslose Protest der aufeinanderfolgenden Generationen bleibt der Kontinuität der Herrschaft gegenüber hilflos: je selbstbewußtloser, desto "pragmatischer" und kurzatmiger bleiben seine Bewegungen in den vorbestimmten korporativen Bahnen verhaftet. Die verschiedenen Spuren von diversen Kämpfen und Bewegungen einerseits und Umstrukturierungen andererseits sind für viele nicht mehr "lesbar". Allein die Strukturen, innerhalb der wir studieren, auf einer deskriptiven Ebene zu verstehen, ist anstrengend genug. Der UNiMUT war schon an den richtigen Fragestellungen dran: die Kritik an Form, Inhalt und Funktion des Wissenschaftsbetriebs, an seinen Vermittlern und an der Realität des Verhältnisses von Uni "und" Gesellschaft und der des Geschlechterverhältnisses, die Fragen nach den immer noch wirkenden faschistischen Kontinuitäten all das steht weiterhin im Raum. So selbstverständlich es aber war, dieser Universität einen selbstorganisierten Seminarbetrieb entgegenzusetzen und Zwänge des Alltags eine kurze Zeit lang über den Haufen zu werfen, so schwierig (und unzulänglich) war es, sich auf einen Forderungskatalog zu einigen und für dessen Durchsetzung einzutreten und dabei dann auch noch über die Rolle der Universität in der Gesellschaft nachzudenken und schließlich die eigene soziale Subjektivität vor allem hinsichtlich des Geschlechter- und Klassenverhältnisses und der damit einhergehenden strukturellen Gewaltformen zu reflektieren und diese Selbstkritik praktisch werden zu lassen. Ein Element dieser Schwierigkeit, aufgrund der die Selbstverständlichkeit des radikalen Agierens kein entsprechendes Selbstbewußtsein, sondern nur ein auf den Forderungskatalog beschränktes fand, war und ist, daß sich die Kontinuität in der Kritik bisher allenfalls bruchstückhaft über einzelne Personen oder bei mühsamer Suche auszugrabender Broschüren vermittelte, die früher schon mal an ähnlichen Problemen arbeiteten.
Ansonsten wurden bestimmtes Wissen, Erfahrungen, Analysen und Konzepte vor allem privatisiert, nicht zuletzt auch aufgrund politischer Differenzen oder Niederlagen im tagespolitischen Geschäft, oder aufgrund von Integration bzw. Wechsel der Barrikadenseite. Demgegenüber steht die Kontinuität der Herrschaft und eben jener (die Seite gewechselter) "Pentiti", die schon längst den verlorengegangenen Kontakt zur "Basis" allenfalls nur zur individuellen Vorteilsbeschaffung suchen. Eine Kontinuität, die ab und an infragegestellt und angegriffen wurde und wird, sich aber bisher wohl nicht nur an der FU immer durchgesetzt hat. (Jene informellen Hierarchien, Kungelgroups und Männerseilschaften, die die Entscheidungen des Verwaltens fällen, gilt es weiterhin aufzuspüren und anzugehen).
Wer z.B. zwischen 1983 und 1986 einmal in den AStA FU hereinschaute, konnte dort den rot-grünen Prozeß des "Aufsaugens" von Oppositionellen ziemlich exemplarisch erleben: ob der allgemeinen Bewegungslosigkeit und gefördert durch das Nicht-Reflektieren ganz persönlichen materiellen Glücks fingen Leute plötzlich an, von der Auflösung des rechts/links-Schemas zu reden, rotierten dann beispielsweise nahtlos aus solchen alternativen Verwaltungsapparaten wie dem AStA heraus erst in das Präsidialamt der FU, um anschließend im Wissenschaftssenat zu landen, d.h. also Karriere-Machen in der gesellschaftlichen Sphäre, die ihnen individuell aufgrund ihrer Sozialisation immer vorbestimmt schien, deren Wesen sie aber immer noch aus den gleichen Gründen hätten ablehnen können wie "vorher". Mit den Leuten verschwand dieses "vorher", aus dem es Konsequenzen zu ziehen gälte (1983-1986ff).
Wir haben uns als halbwegs einheitliche Zusammenhangslosigkeit seit 1985/86 bzw. 87 organisatorisch im Rahmen des AStA FU auch an der Uni bewegt. Die anfänglich geschichtslose Theorie und Praxis im Rahmen des Aktionsrates gegen das BerlHG und eines wie wir lange dachten ersten autonomen Seminars (das "Bullenseminar" nach Brockdorf/Kleve und Hamburger Kessel, WS 1986/87), die daraus hervorgehende ebensowenig erste mehrtägige Institutsbesetzung; die StruKo-Kampagne als seit längerem wider grundsätzliches Thematisieren der Uni an Punkten wie Machtverhältnisse, Umstrukturierung und den inhaltlichen Ansätzen von Wissenschaft und Forschung; die 68er Film- und Diskussionsreihe unter dem Motto "20 Jahre sind genug" (WS 1987/88); der Frauenhochschultag (u.a. Furiosa als ein Ergebnis) und die Aktionstage gegen Gen- und Reproduktionstechnologien; das "Heckel-Eck" als Pendant zum Kubat-Dreieck und ungeahnter Vorbote des UNiMUTs (SoSe 1988: interdisziplinäres Fernsehgucken); die IWF-Kampagne, der Schmähakt und die "Sonderzeitung" zum 40. Geburtstag der FU ... all das endete vorerst in den mageren Früchten unserer Träume: in dem Zustand allgemeiner Paralyse und Verknotung.
Ein Jahr nach dem UNiMUT sahen wir nicht viel mehr, als die persönliche, individualisierte Kontinuität von "uns" und einigen anderen (Schweinemensa, ExBrümmerstraße; BBI, PfiFf, Projekttutorien, Autonome Seminare und rot-grüner Salat: so oder so wenig genug), aber (noch) keine "politische", keine "kollektive" Kontinuität, wenig Perspektivisches. Der Zustand des Umherwuselns vielzähliger eigenständiger Klein- und Kleinstgruppen (eine derer wir jetzt sind) ist an sich nicht schlecht; es ist aber zu konstatieren, daß das Suchen-ohne-voneinander-etwas-zu-wissen sich derzeit ungeheuer aufreibend darstellt. Wir befürchten, daß, wenn die Resignation dieser neuen Vereinzelung nicht auch zum Thema gemacht wird, eine Chance vertan wird, als ein politisch kollektives Subjekt auch dem UNiMUT anders als einem Mythos nämlich ahistorisch ziemlich verständnislos gegenüber zu stehen, Erfahrungen schlicht zu vergessen. Ziel des projekt archiv soll es dabei NICHT sein, eine neue, zentrale politische Gruppe zu konstruieren.
Wer weiß noch, was die Basisgruppen waren (an der FU z.B. 1979-83)? Was wäre gewesen, wenn etwa die Erfahrungen des großen Streiks an der FU 1977/78, innerhalb dessen auch mit uns allen nur allzugut bekannten Konflikten umgegangen werden mußte, z.B. während des UNiMUTs oder gar im jüngsten Streik im WS 1997/98 greifbar gewesen wären? So eine Institution wie der AStA, der an der FU nach dem Streik 1977/78 vom SPD-Wissenschaftssenat mit dem Ziel eingerichtet worden war, eine bestimmte Schicht von Grenzgängern der Macht zur Verfügung zu haben, deren möglicherweise vorhandenes subversives Potential sich aber immer an den Zwängen eines "eigenen" Verwaltungapparates zu reiben hat, kann die Funktion eines "kollektiven" Gedächtnisses immer nur zufällig einnehmen: im Laufrad der Versuche der hier "arbeitenden" Menschen, die "eigene" Institution zu bestimmen und nicht von ihr bestimmt zu werden.
Deshalb ein unabhängiges projekt archiv als ein kollektives Gedächtnis! Oder schlicht und einfach: die Suche nach alten Erfahrungen und vorhandenem Wissen leicht gemacht.
Die Perspektive, der ein projekt archiv dienen soll, ist nach wie vor und kategorisch wie platt: "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein unterdrücktes, verächtliches, erniedrigtes, geknechtetes Wesen ist". Der Weg dahin läuft nur über soziale Emanzipation(sbewegung) von unten; als Kampf gegen kapitalistisch-patriarchale Gewaltverhältnisse. Eine Möglichkeit der Realisierung des idealtypischen Entwicklungsprozesses unzähliger autonomer Basisgruppen nicht nur an der Uni zu einer sozialen Bewegung sehen wir kurzfristig nicht: wo sind die Gruppen, die zur Zeit nicht nur mit sich selbst beschäftigt sind, aber trotzdem diskutieren?
Für soziale Autonomie, Demokratie und (Selbst-)Befreiung in allen Bereichen. Erlernung des "aufrechten Ganges" hier und jetzt, immer objektiv verzerrt bleibende Antizipation durch eine verändernde und veränderbare Praxis, als Selbst-Bewußtwerdung gegen die "Umstrukturierungen" und die darin transportierten "Werte" und Ideologien.
Kritische Interdisziplinarität heißt für uns dabei den Blick auf dieses Ganze, das die herrschende Bildungsideologie ausschließt, die ja bestenfalls auf kritische Unmündigkeit bzw. affirmative Kritik abzielt.
Es wäre eine Selbstreduzierung, die unserem Alltag nicht entspricht, zu behaupten, unser Dasein spiele sich nur in der Uni ab. Gerade die Schizophrenie der Aufspaltung der Individuen in verschiedene Lebensbereiche ist ein wirksames Mittel, Protestbewegungen begrenzt zu halten und ihre Entwicklung zur sozialen Bewegung zu verhindern. Dabei ist es doch so, daß zum Beispiel unsere Jobberei sehr viel mit dem, was wir und wie wir was in der Uni machen, zu tun hat (und der Angriff auf "gesicherte" Arbeitsverhältnisse allein durch das Vorhandensein "studentischer" Jobberei als Teil der Deregulierung ist doch auch offensichtlich: allein ist es ungeheuer schwierig, das eigene soziale Bewußt-Sein als "studentisches" und als das eines unfreiwillig diesen Prozeß vorantreibenden Subjekts/Objekts der Neustrukturierung der Arbeit und der Spaltungen der Klasse durch das Kapital zu begreifen).
Durch unsere Existenz an der Uni sind wir Teil eines Wissenschaftsapparates, der uns als Voraussetzung der permanenten Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft, in der der soziale Konflikt allenfalls innovativ auf kapitalistische Modernisierung wirken darf, zu deren IdeologInnen, TechnologInnen, HerrschaftsträgerInnen oder AkzeptanzforscherInnen deformieren will. Das studentische Dasein läßt sich generell nicht vom Produktionsprozeß trennen, und zwar nicht nur deshalb, weil viele von uns sich als JobberInnen verkaufen müssen. Während nämlich der angepaßte naturwissenschaftlich-technische Teil der bereits ausgerichteten "educated society" bspw. an immer effektiveren technischen Methoden zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur Zerstörung von Kommunikation als Voraussetzung von kollektivem Widerstand forscht dies bis hin zur destruktiven Regulierung von städtischer als auch "natürlicher" Umwelt trägt der angepaßte sozialwissenschaftliche Teil der Intelligenz sein Schärflein bei, indem er beispielsweise Technikfolgenabschätzung als Krisenmanagement betreibt.
Sozialtechniker, Therapeuten, Psychologen und andere sorgen dafür, daß Nonkonformismus und Systemopposition fundamentaler Natur "behandelt" wird: sie lenken Widerstand in geordnete Bahnen oder befrieden ihn unter die Maßnahmen der "Humanisierung der Arbeitswelt".
Der "Freiraum" Uni erweist sich damit als Mythos, auch für die, denen die Uni immer unverhüllter ausschließlich als (befriedendende) "Arbeits"losenverwahranstalt gegenübertritt. So wie das Kapital den ReformerInnen immer wieder die Profitberechnung als Grenze ihrer Tätigkeit entgegenstellt, so werden Prüfungsordnungen und Durchfallquoten kalkuliert. Wer sich aus den Verwertungsbedingungen "rauszieht", hat um seine Existenz zu kämpfen, und zwar auch um die "studentische", wenn die Gesamtinteressen der Kapitale und des Staates eine neue (noch weniger "liberale") Profitrechnung aufmachen.
All das, was immer wieder unseren UNMUT verursacht, läßt sich nicht durch die eine oder andere Annehmlichkeit in dem einen oder anderen Bereich lösen, allenfalls vorläufig befrieden. Sicher: Reformen einfach nur ablehnen, griffe zu kurz, sich aber darauf zu beschränken, immer wieder nur Motor der Modernisierung, der Verwaltung vieler durch wenige zu sein, die Zwänge zu erneuern und zu verfeinern, befriedigt eben nicht.
Protest, der eines "kollektiven Gedächtnisses" entbehrt, reproduziert sich unter neuen Vorzeichen immer wieder neu. Mit dem projekt archiv wollen wir dazu beitragen, darüber hinaus zu kommen, d.h. die Selbstbeschränkung auf die Akzeptanz "unserer" Ohnmacht als Objekte (d.h. den "Reformismus") zu überwinden. Daß dies geht, zeigt sich immer wieder: der UNiMUT, wie auch die großen Bewegungen trugen immer auch Elemente der Antizipation einer solchen "umstürzlerischen" Utopie in sich.
Es geht nicht darum, "wissenschaftliche" Erkenntnisse auf den "Markt" zu werfen. Sogenannte linke WissenschaftlerInnen, die, nachdem sich die 68er Bewegung aus den Unis zurückgezogen hatte, das erkämpfte Angebot der Integration im Sinne eines langen Marsches durch die Institutionen annahmen, gingen der Subversi-vität ihrer Unternehmungen verlustig, weil sie sie als "wissenschaftliche" weiterbetrieben, das heißt: auf eine bestimmte Art losgelöst von der sozialen Bewegung erfüllten sie mehr und mehr die Funktion von "Regimeseismographen" (gerade im Bereich der Sozialwissenschaften), indem sie die Bedingungen von Widerstand erforschten und nach oben übersetzten, anstatt "das System" für die (sozialen) Bewegungen.
Marx-Kurse, die unter demselben Leistungszwang wie andere Veranstaltungen durchgeführt werden und mit der gleichen Erkenntnisinteresselosigkeit abstrakt ablaufen, haben nichts Emanzipatorisches mehr. Die "linken WissenschaftlerInnen" werden VerwalterInnen des Zwangsapparates, den sie ursprünglich einmal abschaffen wollten.
Grundsätzlich gibt es nur eine Perspektive: entweder in der sozialen Autonomie gegen die Leistungsgesellschaft aufzugehen und Selbstbestimmung als befreit-egalitäre und menschenwürdige Selbst-ständigkeit mit allen zu erkämpfen, oder als sozialtechnisches Anhängsel der Macht wieder zu erscheinen. Es geht darum: horizontale Kommunikation über den Austausch von technics hinaus zu erweitern, sie nicht nur gelegentlich privat oder von Zeit zu Zeit auf Kongressen oder (Aktions-)Treffen stattfinden zu lassen, sondern ständig und über Uni hinaus, und ohne einen weiteren bürokratischen Apparat, ohne eine Vermittlung nach "oben": Das projekt archiv ist für uns!
Insofern erstreben wir auch eine Art Infoladen für Inhalte und Perspektiven. Ein Archiv kann dabei Gegenöffentlichkeit nicht ersetzen, ist aber eine konstituierende Grundlage dafür.
Wir brauchen ein Archiv, das zunächst durch Dokumentation und Aufarbeitung eine inhaltliche Grundlage für eine perspektivische Bewertung von all den Diskussionen und Initiativen schaffen soll, die (nicht nur) an der FU in den letzten Jahren gelaufen sind ausgehend von der radikalen Kritik aus linken-alternativen-feministischen Zusammenhängen an Uni, Wissenschaft, Forschung und Technologie.
Es mangelt an einer genauen Auseinandersetzung bzw. Untersuchung (mit) der herrschenden Politik an/mit der Uni, mit Wissenschaft und Forschung, die über eine ideologisch-moralische Kritik und UNiMUT hinausgeht bzw. diese im Kontext gesellschaftlicher Totalität weiterentwickelt: erklärt, klärt, aufklärt! Nicht nur, aber selbstverständlich auch hier, gilt es festzustellen, daß diese Analyse/Kritik größtenteils von einer männlichen ganz konkret und existentiell gewaltförmigen Lebensrealität an der Uni, in "Wissenschaft" und Gesellschaft dominiert ist bzw. ausschließlich aus einer solchen heraus artikuliert wird!
Dies zu ändern, wäre nicht allein die Aufgabe eines Archivs; aber es wäre seine Aufgabe, dieses "Defizit" durch eine geeignete Heran-gehens- und Arbeitsweise weitestgehend aufzuheben. Es bedarf unter anderem einer Aufarbeitung der Entstehung, Entwicklung und Ziele der Alten und Neuen Frauenbewegung in Uni und Gesellschaft aus radikallinker-feministischer Perspektive, um eine auf männliche Organisations- und Widerstandsform zentrierte Sichtweise zu durchbrechen!
An dieser Stelle gälte es, den Widerspruch von gesellschaftlicher Re/Produktion und privater Aneignung unter Berücksichtigung eines soziologisch gewandelten Patriarchats, wie der Klassengesell-schaft zu erarbeiten; das hieße, die (heutige) subjektiv-polarisierte Interessenlage unter Frauen in ihrer objektiv systemimmanenten Ausbeutung aufzuzeigen.
Mit sich ändernden historischen Bedingungen ändern sich auch die Modalitäten der Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der Universität. Insofern kann vorhandenes Material als Anknüpfungspunkt, für Analysen und Theoriebildung etc. genutzt werden, aber nicht die eigene Praxis ersetzen. Genau zu dem Zeitpunkt, da sich, vermittelt über die Form der Universität, eine größere grenzenlose Kommunikation von Leuten ankündigt, die beiderseits der nicht mehr existierenden Mauern wenigstens eine zeitlang die Erfahrung machten, nicht mehr Objekte von Verwaltung, sondern handelnde Subjekte zu sein, wurden die Unis mittels des NC dichtgemacht.
Das Ende des "real existierenden Sozialismus" zeitigt nun keinesfalls Kräfteverhältnisse, die ein megahaftes Coming-out der undog-matischen Linken erwarten lassen. So sehr der Sieg des Westens im "Kalten (Rüstungs-, Wirtschafts- und pipapo-) Krieg" auch die Notwendigkeit der Betonung der Perspektive der Befreiung als einer antiautoritären, anti-nationalen, internationalistischen verdeutlicht, so sehr offenbart er doch auch, wie weit wir von dieser entfernt sind.
Und wenn es auch platt klingt: Ob die kommenden Revolten (und wie sie kommen) faschistisch, nationalistisch, rassistisch und/oder religiös motiviert sein werden, oder ob sie in der Lage sind, eine revolutionäre Perspektive in sich zu tragen, hängt auch von uns ab (eben, leider, d. S.).
Der Prozeß der "Wiedervereinigung", des Anschlusses der DDR an die BRD zu "Deutschland" stellt auch Fragen an die Konzeption der Unilandschaft in Berlin, gerade auch im Zusammenhang der Umstrukturierung zur neuen alten (deutschen) "Festung Europa". Ohne die Zeit und Möglichkeit, die eigene Geschichte, die Erfahrungen und das Denken zu reflektieren, wird umgestellt, aus den "sozialistischen Kadern" werden kapitalistische. Die autoritäre realsozialis-tische "Erziehung" erleichtert die Übernahme ungemein.
Biedenkopf und Turner, hier zurecht abgehalfterte konservative Ideologen (Tugendhat über Turner: "Dieser Mann ist einfach dumm"), werden als Künder und neue Demagogen der "sozialen Marktwirtschaft" in den DDR-Unis (in Leibzig und Berlin) effizient endgelagert.
Immer stärker (nicht nur) in der DDR-Gesellschaft werden Rassismus und Nationalismus, die zur bestimmenden Ideologie in der DDR nach dem Ende der "friedlichen Revolution" wurden. Hier zeigt sich, wie hilflos der verordnete Antifaschismus (als Legiti-mationsideologie) war und ist und was für ein riesiger Aufarbei-tungs- und Klär-ungsbedarf in der DDR-Gesellschaft noch besteht. Und es trifft sich mit einer rassistisch geschürten Stimmung in der BRD (siehe jüngste "Ausländergesetze"), die einhergegangen ist mit der ideologischen Geschichtsklitterung ("Historikerstreit", Bitburg, "Gnade der späten Geburt").