UNiMUT das war vor nunmehr 15 Jahren der große Streik im Wintersemester 1988/89 gegen die hochschulpolitische Wende und für eine andere Zukunft. Innerhalb weniger Tage wurden die West-berliner Universitäten und Fachhochschulen zur Speerspitze einer bundes- und europaweiten studentischen Protestbewegung. Die StudentInnen eigneten sich selbstbestimmt und in Selbstorganisation sowohl ihre Universitäten als auch ihr Studium an. Sie sprengten die verkrusteten Universitätsgremien mit ihren undemokratischen professoralen Sitzmehrheiten und Kungelrunden und setzten neben diese eine basisdemokratische Rätedemokratie. Hochschulpolitik begann wieder spannend zu werden.
Jahrelanger Unmut über eine Politik des Bildungs- und Sozialabbaus hatte sich aufgestaut, der nur noch einen Anlaß zu seiner Entladung benötigte. Die schwelende studentische Unzufriedenheit kristallisierte sich an den kollektiv erfahrenen Mißständen. Hieraus erwuchs die Bereitschaft zur gemeinsamen Bewältigung der erfahrenen Mißstände.
Die Berliner Proteste stehen jedoch nicht isoliert: Schon seit Frühjahr 1988 streikten die StudentInnen an der Uni Frankfurt. Dennoch wurde nicht Frankfurt, sondern Berlin zur Initialzündung einer allgemeinen Unzufriedenheit mit der Situation an der Hochschule und den gesellschaftlichen (Rahmen-)Bedingungen. Der bundesweite Streik setzte mit den Berliner Ereignissen ein.
Einige besondere Aspekte wurden in Berlin an der Freien Universität wirksam: Die 40 Jahre-Jubelfeier, die geplante Schließung des Lateinamerika-Instituts (LAI) und die geplante Zusammenlegung des Psychologischen Instituts (PI) und dem Institut für Psychologie (IfP), das auf die Liquidierung des PI hinauslief. Also zum einen das Fest, auf welchem sich die Honoratioren gegenseitig bescheinigen, was für ein toller Laden die FU doch sei, und zum anderen, gewissermaßen als Kontrapunkt, die dürftige finanzielle Lage, mit welcher wiederum gerade die Schließungen der beiden als fortschrittlich angesehenen Institute als verwalterische Leistung dargestellt und als solche gefeiert werden sollte. Diese Diskrepanz führte zu der großen Empörung, die ihren Verlauf im UNiMUT nahm.
Der erst wenige Semester zurückliegende Studentenstreik gegen die Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes im WS 1985/86 und der Berliner Tutorenstreik im Januar und Februar 1986 hatten zudem gezeigt: Innerhalb eines breiten Bündnisses sind Erfolge machbar. Die Gegenveranstaltungen zum Weltbank- und IWF-Gipfel vom 26.-29. September 1988 in Berlin hatten die globale Dimension verdeutlicht. Viele StudentInnen sahen nun die Situation an den Hochschulen nicht mehr als isoliertes Phänomen, sondern als Ausdruck eines größeren politisch-ökonomischen Zusammenhangs.
Der Hauptantrieb des studentischen Unmuts waren die verheerenden materiellen Studienbedingungen und diese hatten sich über viele Jahre verschlechtert.
"Die Studienbedingungen waren schon lange katastrophal, ein Stehplatz im Seminar, der alltägliche Kleinkrieg um Bücher und Praktikumsplätze gehören zum Studienalltag der Achziger. Immer weniger Studis kommen in den Genuß immer kärglicher BAföG-Raten und auch das nur auf Pump. Mit dem schmalen Budget der allermeisten geht nichts mehr auf dem Wohnungsmarkt, und nicht wenige warten semesterlang auf einen Wohnheimplatz in trostlosen Bettenburgen." (Kraus 1989: 15).Noch die sozialliberale Regierung hatte die Reformen vom Beginn der 70er Jahre bereits wieder zurückgenommen. Ab 1982 erfolgten dann weitere Umstrukturierungen durch die konservativ-liberale Koalition: 1982 die Umstellung des BAföG auf Volldarlehen (Vgl. www.bafoegini.de). 1984 der leistungsbezogene Darlehensteilerlaß. Hierin spiegelt sich die Hoffnung der Bildungsplaner auf wachsenden Studienverzicht:
"Studienförderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), 1972 von der sozialliberalen Koalition zur Egalisierung von Bildungschancen eingeführt, ist längst zur Restgröße eines studentischen Budgets verkommen. Finanzierten sich damals noch knapp die Hälfte aller Studierendenganz oder teilweise durch die als Zuschuß gewährte staatliche Ausbildungsförderung, so sind es mittlerweile nur noch 20 Prozent: Die Umstellung auf Darlehensförderung 1983 hatte ihre beabsichtigte Wirkung. Noch nicht einmal 6 Prozent erhalten den Höchstsatz von derzeit 845 Mark und auch der reicht selten zum Leben. Viele verzichten von vornherein auf BAföG (...). Längst fungiert das BAföG mehr als ordnungspolitisches denn als sozialpolitisches Instrument, nicht nur wegen des Förderungsstopps nach der Regelstudienzeit." (Kraus 1989: 46)"Bummelstudiengebühren" durch die Hintertür brachte schließlich Bundesarbeitsminister Norbert Blüm auf den Weg. Gemäß dem Gesetz zur sog. "Gesundheitsreform" mußten Studierende, die 30 Jahre und älter waren, bzw. im 14. oder einem höheren Semester eingeschrieben waren, den doppelten Krankenkassenbeitrag zahlen.
1985 wurde das neue Hochschulrahmengesetz (HRG) verabschiedet mit den ersten Versuchen, ein Zweiklassenstudium (Masse Elite) zu etablieren, die demokratischen Strukturen weiter zu demontieren und die Drittmittelforschung jeglicher Kontrolle zu entziehen. Ab 1985 verlagerten sich die Auseinandersetzungen um Landeshochschulgesetze (LHG), sogenannte Strukturpläne und Sparpolitik verstärkt auf die Bundesländer.
Auf das latente Konfliktpotential dieser Politik des Bildungs- und Sozialabbaus und der damit verbundenen Vorverteilung von Lebenschancen wurde nicht alleine von Soziologen wie Ulrich Beck hingewiesen:
"Wie lange dieser Rückfall der Nachbildungsgesellschaft in die Chancenzuweisungsgesellschaft noch hingenommen oder wann er politisch explosiv wird und zu neuen Protestwellen führt, kann heute noch nicht abgesehen werden." (Beck 1986: 248).Auch der Verband deutscher Studentenschaften (VDS) sagte immer wieder vergeblich die Entstehung breiter Proteste für das jeweilige Semester voraus. Der VDS lag allerdings 1988 also noch vor 1990 bereits im Sterben, nachdem die DKP-dominierten Gruppen den schleichenden Abgang machten und sich die U-Fraktion bildete. Der ehemalige Frankfurter AStA-Vorsitzende Wolfgang Kraushaar stellte vor diesem Hintergrund die These auf, daß trotz des Bestehens der objektiven Faktoren für eine Studentenbewegung erst die Herausbildung einer neuen "entpolitisierten" StudentInnengene-ration notwendige Voraussetzung einer Protestbewegung gewesen sei.
"Erst ohne analytisches Vermögen, ohne perspektivische Überlegungen und ohne politische Ambitionen konnte sie den Schock erleben, den das Studium objektiv darstellt. (...) Die Studenten mußten in ihrer Allgemeinheit erst wieder so unpolitisch werden, um die Naivität aufbringen zu können, einen unbegrenzten Streik für die Verbesserung ihrer Studienbedingungen zu beginnen." (Beuker 1990: 77).Die Bewegungsformen und Inhalte der StudentInnenbewegung des Winters 1988/89 in Hessen, Berlin und anderswo kann Kraushaar allerdings nur aus der Distanz wahrgenommen haben. Seiner Auffassung wurde entgegengehalten, daß
"sich für Teile der Linken die Bewegung als unpolitisch darstellen mußte, um einen Begründungszusammenhang konstruieren zu können, der ihnen erklärt, warum sie keine relevante Rolle während der Proteste spielten." (Beuker 1990: 78)Auch die StudentInnenbewegung 20 Jahre zuvor gewann ihre Motivation aus durchaus vergleichbaren Erfahrungen:
"Aber die TrägerInnen der Revolte ab dem heißen Sommer von '67 waren doch die jungen StudentInnen, die für ihre Empörung über die bornierten Ordinarien und den repressiven Staat mit seinen knüppelnden Polizisten keiner theoretischen Begründung bedurften. Die speisten ihr Engagement doch eher aus dem Entsetzen, weil sie nicht wußten, wie versteinert die Verhältnisse waren." (Kraus 1989: 14).Denn in (West-)Berlin und ebenso bundesweit ging es den Student-Innen nicht allein um Bildungs- und Sozialabbau, um Polit-Skandale in der Freien Universität (Heckelmann & Co) und West-Berlin (Antes & Co). Die Ursachen des Protests liegen tiefer. Sie gründen in der tief empfundenen Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Vor dem Hintergrund dieser Unzufriedenheit erlangen die Skandale eine besondere Brisanz, sind sie doch Ausdruck einer bornierten Selbstgefälligkeit, Selbstbedienungsmentalität und Zukunftsblindheit des Establishments an den Hochschulen, in Politik und Wirtschaft. Die studentischen Reaktionen pendeln zwischen Resignation und Verweigerung sowie Rebellion und Einmischung.
Wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 1980 über die politischen Einstellungen von Studierenden erläutert,
"finden die von den Werten und der Realität unserer Gesellschaft enttäuschten Studenten keinen Rückhalt in den dominierenden Denktraditionen an unseren Hochschulen und versuchen sich so eigene Räume zu schaffen, in denen sie mit neuen Lebensformen experimentieren können. Häufigste Reaktion der Öffentlichkeit und der staatlichen Institutionen darauf war ein von Verständnislosigkeit geprägtes Abwehren dieser Experimente und der Versuch, die Studenten in unserer Gesellschaft zu marginalisieren." (Krause 1980: 12).Anstatt Problemlösungen aufzuzeigen, finden die StudentInnen an der Universität eine Wissenschaft vor, die vielmehr die erfahrenen Probleme und die wahrgenommenen Gefährdungen mitverursacht und sich als Destruktivkraft erweist:
"Die Studenten und Studentinnen treibt heute vor allem ein generationsspezifisches Krisenbewußtsein um, dessen zentrale Erfahrung die Verwandlung der Wissenschaft von einer Produktiv- in eine Destruktivkraft ist. Das Wissenschaftssys-tem scheint seine humanistische und vernunftsgemäße Perspektive verloren zu haben." (Weber-Wernz 1989: 568)Das Krisenbewußtsein kann als das charakteristische und generati-onsspezifische Merkmal der 88er StudentInnenbewegung angesehen werden. Dieses existenzielle Krisenbewustsein unterscheidet die 88er StudentInnenbewegung sowohl von der 68er Bewegung als auch von den protestierenden Studierenden seit den späten 90er Jahren. Die Erfahrung dieses Bewußtseins trägt zur Erklärung der zum Teil erheblichen Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten zwischen diesen Generationen bei. Im Lebensgefühl dieser Generation findet das als komplexe Krise erfahrene Ende der Industrie-, also der Fabrik- und somit auch der Arbeitsgesellschaft seinen bewußten Ausdruck und den Versuch deren Aufhebung. Der vom Industriesystem und seiner von technischem Fortschritt und ökonomischem Wachstum geprägten technologischen Rationalität kolonisierte Wissenschaftsbetrieb gerät ins Zentrum der Debatten um zukünftige alternative Entwicklungswege. In diesem Sinne ist die neue StudentInnen-bewegung keineswegs unpolitisch. Vielmehr läßt sie sich nicht ohne weiteres in die bestehenden Schemata des politischen Koordinatensystems einordnen. Sie weist vielmehr darüber hinaus:
"In diesem Sinne ist die Studentenbewegung auch Teil einer neuen verantwortungsethischen Koalition im Wissenschaftssektor, die sich quer zu allen politischen Lagern herauszuschälen beginnt und zu deren oberster Zielsetzung eine Erneuerung von Wissenschaft und ihren Konstitutionsbeding-ungen werden könnte." (Weber-Wernz 1989: 568).Doch der etablierte Wissenschaftsbetrieb zeigte sich den Student-Innen als ein hierarchisches System, nahezu frei von Mitbestimmung und beherrscht von einer Oligarchie professoraler Experten, die sich in ihrer Mehrheit durch Ignoranz gegenüber den bestehenden Problemen und anwachsenden globalen Gefährdungen, aber durch gewinnbringende Nutzung ihrer Privilegien auszeichneten. Die StudentInnen deckten auf, daß sich Professoren zu Verteidigung und Ausbau dieser Privilegien in Kartellen zusamengeschlos-sen hatten, als deren einflußreichstes sich die "Notgemeinschaft für eine Freie Universität" (NofU) herausstellte. Mithilfe von Verflechtungen mit Politik, Wirtschaft und Medien wehrt(e) dieses Kartell sowohl neue Ideen wie auch deren TrägerInnen ab. Nach umfassenden Recherchen fanden die StudentInnen heraus,
"daß es nicht ein Thema aus dem UNiMUT gab, mit dem die NofU nicht in einem direkten oder entfernteren Zusammenhang stand. (...) so gibt es z.B. von der Wissenschaftsverwal-tung bis hin zu den Unigremien nicht eine einzige rechte Hochschulorganisation oder Partei, die nicht von der NofU durchsetzt wäre." (Informationsausschuß 1989: V).Entsprechend wurde der Lehrbetrieb Gegenstand und Anlaß studentischer Kritik. Anstatt die Themen der Studierenden aufzugreifen und interdisziplinär, im Rahmen einer Problemwissenschaft Lösungswege zu entwickeln, war er darauf ausgerichtet, zertifizierte und lizenzierte Fachidioten für Wirtschaft und Verwaltung auszubilden, deren Aufgabe die bloße Reproduktion des Bestehenden ist. Entsprechend der Anpassungsleistung werden Lebenschancen und Positionen in der Gesellschaftshierarchie zugewiesen, wofür die Studierenden dem Konkurrenz-, Leistungs- und Opportunitätsprinzip unterworfen werden. Der gesamte Lehr- und Forschungsbetrieb zeigte sich den StudentInnen als hochgradig vermachtet und zukunftsuntauglich:
"Statt Risikowissen wird immer mehr Innovationswissen produziert, statt eine gleichgewichtige und interdisziplinäre Wissenschaftsförderung vorzunehmen, findet ein selektiver Ausbau der anwendungsorientierten Natur- und Technikwissen-schaften statt, statt die Chancen für Konstruktionskritik, Querdenken und Alternativen zu erhöhen, erleben wir eine affirmative Integration der Hochschulforschung in vorgefundene Technik- und Gesellschaftslinien." (Weber-Wernz 1989: 565).Ein auf die Ausweitung der Herrschaft des Menschen über die Natur und die Verwaltung der sozialen Organisation des Menschen reduzierter wissenschaftlich-technischer Fortschritt, sowie das Dogma ökonomisch-industriellen Wachstums, das die Konservativen wieder erneut als die kaum hinterfragten Grundlagen und Zielsetzungen des Wissenschaftsbetriebs reinstalliert hatten, geraten wieder verstärkt in studentische Kritik:
"Die Konservativen schienen in der Lage, ihre Uni 2000 eine der Industrie vorgelagerte High-Tech-GmbH mit integrierter Rerparaturwerkstatt für die Folgen störungsfrei zu installieren; denn den lehrenden Linken an der Uni fiel schon lange nichts mehr ein, und dem 'neuen Sozialisationstypus traute niemand etwas zu." (Kraus 1989: 16).Der Einfluß der Industrie in Zusammenarbeit mit einer neokonservativen Forschungs- und Technologiepolitik und professoralen Seilschaften vor Ort beschränkte sich dabei nicht auf die Forschung, sondern bemächtigte sich zunehmend auch des Lehrbetriebes und gestaltete ihn nach den eigenen Interessen um:
"ungeniert wird heute seitens der Industrie in die Curricula natur- und ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge der Universitäten interveniert." (Weber-Wernz 1989: 558).Unternehmen drängten in die Universitäten, um diese so zu formieren, daß "für den Kapitalverwertungsprozess" funktionierende AkademikerInnen produziert werden. Heftig protestierten die StudentInnen gegen Drittmittelforschung und An-Institute, um die reine Forschung und Lehre zu bewahren und die Industrie aus der Universität herauszuhalten, die da versuchte, ihre Forschung in die Uni zu verlagern, auch, um damit eigene Kosten zu sparen und staatliche Mittel abzuschöpfen.
In Sonntagsreden wurde zwar weiterhin das Humboldtsche Bildungsideal beschworen, dessen Bestandteil die Einheit von Forschung und Lehre sowie die Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden ist. Doch in der Realität war die Trennung zwischen Forschung und Lehre an der Universität längst durchgesetzt und auch die Idee der Universitätsdemokratie wurde seit dem Bundesverfas-sungsgerichtsurteil von 1973 zunehmend zur Farce entstellt.
"Die universitäre Selbstverwaltung verkam zwischen Staatseingriffen, industrieller Auftragsforschung und den Sachzwängen einer ausufernden Bürokratie zum partizipato-rischen Ornament." (Kraus 1989: 15).Gegen die taylorisierte Massenuniversität mobilisierten die Student-Innen ein sehr emphatisches Bildungsideal und eroberten die Universität als Politikfeld zurück. Der Protest beschränkte sich jedoch nicht auf die Universitäten, sondern erfaßte ebenso Fachhochschulen und Schulen. Dies ist hervorhebenswert, weil ja allgemein die technischen Disziplinen, und dann auch noch die der mehr verschulten Form wie an den Fachhochschulen, als eher angepasst und weniger politisch agierend angesehen werden. Das war 1988/89 aber keineswegs der Fall.
Die neue StudentInnenbewegung beschränkte sich daher nicht auf einen Abwehrkampf gegen Verschlechterungen, sondern besetzte kurzerhand ihre Universität. Die StudentInnen zogen durch die Hörsäle, sprengten die Seminare und sperrten das Lehrpersonal aus. In diesem selbstgeschaffenen Freiraum formulierten sie Forderungen zur Veränderung der Hochschulen und erprobten diese zugleich selbst in der Praxis. Der Elfenbeinturn verwandelte sich in eine brodelnde Zukunftswerkstatt. Befreit von Gängelung und weitgehend unbelastet durch einengende theoretische Denkgebäude lag die Zukunft offen vor den StudentInnen zu ihrer gemeinsamen Gestaltung. Kulturrevolutionär befreiten sie die Universität vom Opportunitäts-, Konkurrenz- und Leistungsprinzip und entwickelten vielfältige Aktions- und Kommunikationsformen.
"Zu Beginn hatten sich die Besetzer und Besetzerinnen schnell die technische Infrastruktur des Wissenschaftsbetriebs zu eigen gemacht (vom Kopierer zum Computer) und ein funktionierendes Kommunikationsnetz aufgebaut: Die Streikzeitung 'Besetzt, ein Streikradio, eine Video-Zeitung, Streikcafés, Streikräte, Presseräte und dergleichen mehr sorgten dafür." (Beck 1989: 174).Die erzielten schnellen Erfolge, die große öffentliche Aufmerksamkeit und positive Medienresonanz führten zu einem großen Selbstbewußtsein der Bewegung, das sich in dem Slogan "Die Uni gehört uns!" Ausdruck verschaffte. Zusammen mit den Autonomen Seminaren, den Räten, mit Vollversammlungen und Demonstrationen entstand so eine Stärke und Einigkeit, die es ermöglichte, die Besetzungen über Monate aufrecht zu halten.
Die Uni-Gremien existierten auch während der Besetzung weiter, und zwar in ihrer bisherigen Form mit professoraler Mehrheit, wenn auch mit zeitweilig sehr konsternierten Akteuren, die nicht mehr alles so locker durchsetzen konnten, wenn z.B. 1000 Leute vor der Türe sitzen und etwas zu vermelden haben. Die Rätestrukturen bestanden daneben, sie waren etwas Neues. Es wurde versucht, ein selbstorganisiertes Lernen möglich zu machen. Diese Strukturen waren rein studentisch und betrafen damit nur einen Teilaspekt der Universität. Doch die StudentInnen versuchten, auch Einfluss auf die Struktur der Universität zu nehmen, auf die Ausübung der Lehre, auf den Einfluss von Unternehmen, die in die Unis drängten, um diese so zu formieren, dass, wie es hieß "für den Kapitalverwer-tungsprozess" funktionierende Akademiker produziert werden. Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, wie heftig damals gegen Entwicklungen wie An-Institute protestiert wurde, um die reine Forschung und Lehre zu bewahren und die Industrie rauszuhalten aus der Universität, die da versuchte, ihre Forschung in die Uni zu verlagern, auch, um damit zu sparen und staatliche Mittel abzuschöpfen. Heute glaubt uns das keineR mehr, weil die Realität schon viel weiter ist.
Bisher hatten die StudentInnen die Universität als einen Ort erfahren, wo kaum angemessene Antworten auf die globalen Gefährdungen entwickelt werden. Zugleich bestand der Anspruch, die Universität zu einem solchen Ort zu machen. Kurzerhand gründeten die StudentInnen Ihre Universität an der Freien Universität Berlin (FU) in Form der "Befreiten Uni" (B*FU) neu und entdeckten fortan Wissenschaft in Gestalt einer "Befreiungsorientierten Wissenschaft" in nahezu 400 selbstbestimmten autonomen Seminaren neu. Entsprechende Vorgänge fanden an allen Hochschulen und Fachhochschulen sowie zahlreichen Schulen in West-Berlin, aber auch im übrigen Bundesgebiet statt.
Unübersehbar deutlich wurde der Anspruch: Man will anders leben, anders studieren, anders miteinander umgehen, anders denken, anders kommunizieren. Institute werden umbenannt. Als Manifeste des politischen und progressiven Veränderungswillens der neuen StudentInnenbewegung werden anspruchsvolle Programme und Forderungskataloge entwickelt, um in der Öffentlichkeit den Protest legitimieren zu können. Zwei Forderungen durchziehen die Forderungskataloge wie ein roter Faden: die nach Demokratisierung von Universität und Wissenschaft sowie die nach gleichberechtigter Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen der Hochschulen und ihrer Karriereleiter. Quotierung, Frauenförderung und Frauenforschung sind in sämtliche Forderungskataloge integriert. Fast überall werden Diskussionen um den Paragraphen 218, um Gewalt und Sexismus geführt.
Die Forderungskataloge ähneln sich bundesweit, auch deshalb, weil hier die Akteurinnen und Akteure ihre Interessen direkt hineinformulieren konnten. Daher bestehen sie oftmals aus einem Konglomerat an Forderungen von verschiedenen Interessengruppen und spiegeln so die große Breite verschiedenen Strömungen der Bewegung wieder.
Die Forderungskataloge wurden zwar an die Öffentlichkeit getragen, allerdings fehlten meist Strategien zu ihrer Durchsetzung. Gleichwohl zeigen die Forderungskataloge, daß der Protest seinen Antrieb in dem Unmut über die bestehenden unzumutbaren Zustände fand und weniger in dem Denken einer konkreten Utopie. Eine solche zu erarbeiten, war Aufgabe der Autonomen Seminare. So stellten sich Streik und Besetzung vielmehr auch als Freiraum dar, Träume und Utopien auf Zeit zu verwirklichen.
"Anders als die 68er Bewegung stellten die 88/89er die Machtfrage (noch) nicht, ihr Impetus ist keine revolutionäre Gesellschaftstheorie, aber sie sind deswegen nicht weniger mächtig und radikal." (Weber-Wrenz 1989: 568)Die Studentinnen des Winters 1988/89 treten nicht wie die 68er an zum langen Marsch durch die Institutionen, sondern mobilisieren zum Marsch gegen die Institutionen, gegen Hochschulen und Schulen, Parteien und Behörden, von denen sie keine problemlösungsrelevanten Beiträge erwarten. Die besetzten Institute bilden den erforderlichen Raum, um Wissenschaft und auch Gesellschaft neu zu erfinden. Forderungskataloge und Autonome Seminare zu selbstbestimmten Themen sollen den etablierten Wissenschaftsbetrieb nach Maßgabe der StudentInnen verändern.
Die Forderungen und die Experimente mit dem selbstorganisierten Wissenschaftsbetrieb bildeten die Grundlage für eine neue Studien-reformdebatte und die Suche nach wissenschaftlichen Alternativen. Diese münden an der Freien Universität schließlich im Projekt-tutorienmodell.
Eine Neubelebung der Studienreformdebatte war dringend geboten. Seit dem vorletzten Jahrhundert verkürzt Bildungspolitik Bildung auf berufliche Ausbildung und drängt ihre allgemeinbildenden und aufklärerischen Momente in den Hintergrund ebenso wie die Einheit von Bildung und Erziehung, Wissen und Moral, von Kenntnissen und Inhalten. Die Proteste sind daher Ausdruck des Bestrebens, Aufklärung wieder in die Wissenschaft zurückzuholen und den Bildungsauftrag der Universität im Sinne einer neuen, kritischen, auf demokratische, gesellschaftliche und ökologische Verantwortung zielende Problemwissenschaft wiederzubeleben.
Das fehlende kritische Reflektionspotential an den Hochschulen äußerte sich in defizitären Problemgenerierungskapazitäten und disziplinärer Kleinstaaterei sowie einem Mangel an interdisziplinärer Lehre und Forschung. Kaum ein Fachbereich war in der Lage, den Vorstellungen der StudentInnen nach einer den gesellschaftlichen Problemen angemessenen interdisziplinären Wissenschaft entgegenzukommen:
"Die Hochschullehrerinnen und -lehrer verfügen in der Regel nicht über das notwendige Methodenwissen und die Qualifikationen, um Curricula und Forschungsprojekte multidis-ziplinär zu gestalten. Doch auch die Hochschul-strukturen versperren eine Hinwendung zu disziplinenüberschreitender Lehre und Forschung. Ihre Karrieremuster orientieren sich an den Einzeldisziplinen, einzig sie scheinen Sicherheit, Reputation und Erfolgserlebnisse zu versprechen." (Weber-Wernz 1989: 559).Doch keineswegs zogen sich die StudentInnen in ihre besetzten Universitäten zurück. Im Gegenteil weitete sich die antiautoritäre Basisbewegung bunt und geräuschvoll von den Universitäten über die ganze Stadt aus, wandte sich gegen den strukturellen Totschlag der Universität und benennt die dafür Verantwortlichen in Universitätsleitung und Berliner Senat. Täglich gibt es Demonstrationen und phantasiereiche Aktionen in der Stadt. Bildungs- und Sozialabbau, Kürzungspolitik und Politskandale werden das beherrschende Thema in Berlin. Eine informierte und sensibilisierte Öffentlichkeit beendet mit den Abgeordnetenhauswahlen von 29.1.1989 das konservative Wendeprojekt des Diepgen-Senats.
Doch über den Wahlausgang waren alle sehr erschrocken, da die rechtsradikale Partei der Republikaner (REP) den Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus geschafft hatte. Obwohl sich dann ein SPD/AL-Senat konstituierte, war die damals herrschende Auffassung die, daß es einen beträchtlichen Rechtsruck gegeben habe. Antifaschismus wurde wieder zu einem zentralen Thema der StudentInnen.
Nachdem die Konservativen 1981 in Berlin mit Wissenschaftssenator Kewenig und 1982 auf Bundesebene mit der Umstellung des BAföG auf Volldarlehen ihr hochschulpolitisches Roll Back einleiteten, bestand die Einschätzung, die bildungspolitische Wende werde nun gnadenlos in einem Blitzfeldzug exekutiert.
Der Erfolg der UNiMUT-Bewegung zeigt, daß eine Revanche des Konservatismus für '68 zumindest bis zum Ende der 80er Jahre nicht gelungen war. Vor allem die Marktradikalen und ideologischen Rechten in Regierung, Planungsapparaten und Staatsverbänden hatten mit ihren Konzepten Schiffbruch erlitten. Das Unvermögen konservativer Hochschulpolitik und der staatlichen Planungsbürokratie, eine inhaltliche Studienreformdebatte führen zu können, zeigt sich in einer Bildungspolitik, die sich lediglich auf ordnungspolitische Maßnahmen beschränkt. Mehr Markt, mehr Wettbewerb, die Herausbildung von Eliten wurden als Allheilmittel gepriesen. Die rechte Hochschulformierung hat die Probleme der Hochschulen jedoch nicht gelöst, sondern zugespitzt:
"Die diversen Elite- und Wettbewerbsmodelle sind allesamt kläglich gescheitert. 'Steilkurse und 'Sonderlehrveran-staltungen, eliminatorische Eingangstests und Zwischenprüfungen, Studiengebühren und Bildungskredit, radikale Studienzeitverkürzungen durch Konsekutivmodelle, Privathochschulen all das und viel mehr sind Stilblüten geblieben." (Weber-Wernz 1989: 566)Der Winter 1988/89 zeigt, daß eine alternative Entwicklung, eine andere Geschichte möglich gewesen wäre. Durch die konservative Vereinigungspolitik wurde ab 1990 diese Möglichkeit jedoch verdrängt. Nicht nur den Menschen im Osten wurde die Chance auf die eigenständige Entwicklung und Erprobung von gesellschaftlichen Perspektiven verweigert. Der Ende der 80er Jahre unübersehbar gewordene "Reformstau West" wurde nach 1990 auf das ganze Berlin und Ostdeutschland übertragen und hat sich mittlerweile zu einer allgemeinen Krise ausgeweitet, in die die Universitäten mehr und mehr hineingezogen werden.
Der Versuch der Konservativen, die StudentInnenbewegung des Winters 1988/89 wie in Berlin durch massive Polizeieinsätze zu zerschlagen, scheiterte:
"Der Einsatz der Polizei wurde bereits ab dem 2. Tag von der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Dabei sprachen Journalisten genauso wie PolitikerInnen, ProfessorInnen und VertreterIn-nen der Gewerkschaften und anderen Verbänden. Die Univer-sitätsleitung und der damalige Innensenator wurden beschuldigt, die Probleme der Universität von der Polizei ausprügeln zu lassen." (Anti-Repressions-AG des AStA FU 1990: 33).Konservative Hochschulpolitik verlagerte daraufhin ihren Schwerpunkt von Ordnungspolitik auf Strukturpolitik und ist seit 1990 bemüht, die bis 1989 erreichten Errungenschaften der Studierendenbewegung zurückzudrängen und den Universitätsbetrieb strukturell so zu verändern, daß eine emanzipatorische Bewegung an der Uni trotz weiter anwachsender Mißstände nicht entstehen kann. (Vgl. auch die Veröffentlichungen der Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU) der Jahre 1988 und 1989). Die Kürzungspolitik dient dem Zweck, unter dem Vorwand der Fiskalpolitik Ordnungs- und Strukturpolitik betreiben zu können. Neben Studiengebühren, Studienzeitverkürzungen, Zwangsexmatrikulationen, Zwei-Klassen-Studium, Privatisierungen, Entdemokratisierung und Verschärfungen der Studien- und Prüfungsordnungen wie auch der Hausordnung ist flächendeckender Numerus clausus ein Instrument unter vielen im Zuge einer rechten Hochschulformierung, wie in einem Telegramm eines Jura-Professors der TU Berlin vom 16.1.1989 an die FAZ zum Ausdruck kommt:
"Als langfristige Maßnahme Korrektur der falschen Bildungspolitik, durch die zu viele Jugendliche auf das Gymnasium und in ein Studium geführt werden. Erheblicher Anteil der Gymnasiasten und Studenten für diesen Bildungsweg intellektuell und charakterlich ungeeignet. Daher nicht nur schwere Nachteile für die Betroffenen (...), sondern auch schwere Nachteile für die Volkswirtschaft (...). Daher keine Aufhebung, sondern Verschärfung des NC (...)."Die Forderungen konservativer Professoren in Reaktion auf den Universtiätsstreiks im WS 1988/89 sind heute zu einem zentralen Bestandteil der Bildungspolitik geworden. Bildungspolitik wurde in guter deutscher Tradition in den 90er Jahren erneut zunehmend als gesellschaftliche Prävention verstanden.
Die StudentInnen der B*FU wiederum versäumten es, die Besetzung über die Semesterferien auszusetzen, um im kommenden Semester mit frischer Kraft und neuen Utopien die Besetzungen fortführen zu können. Genau davon aber ging die Universitätsleitung aus, wie in einem Rundschreiben des FU-Präsidenten an die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer der FU vom 10.3.1989 deutlich wird:
"Es ist zu befürchten, daß es einigen radikalen Gruppen unter den Studenten gelingen wird, den Streik auch im Sommersemester 1989 vor allem in dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern fortzuführen."Es kam stattdessen auf der Seite der StudentInnen zu einem ungeordneten Rückzug ins Private. Der neue SPD-AL-Senat war es, der der FU-Leitung unter Heckelmann gewünschte Polizeieinsätze verweigerte und Lösungen auf Verhandlungsebene forderte, für welche sich auch der Berliner Landesverband der Gewerkschaft der Polizei ausgesprochen hatte: Die Polizei sei nicht bereit, "für politisches Versagen den Kopf hinzuhalten." (dpa: 28.2.1989). Daraufhin heuerte die Universitätsleitung Wachschutzpersonal an und vertrieb damit die verbliebenen StudentInnen aus den Befreiten Instituten, um "(...) einen geordneten Vorlesungsbetrieb für das Sommersemester vorzubereiten". Denn: "Es ist nicht zu erwarten, daß sich zum Sommersemester 1989 von selbst ein ordnungsgemäßer Lehrbetrieb einstellt." Deshalb "(...) sollen die Gebäude umgehend geräumt und erforderlichenfalls kurzzeitig verschlossen werden. Wird erneut besetzt, ist erneut zu räumen." (Aus einem Strategiepapier der Zentralen Universitätsverwaltung der FU Berlin vom 23.2.1989).
Auch einen Monat nach der Abwahl des CDU/FDP-Senats funktionierte die Zusammenarbeit zwischen dem noch amtierenden Innensenator Kewenig und FU-Präsident Heckelmann hervorragend, wie aus einem Schreiben Heckelmanns an Kewenig vom 27.2.1989 hervorgeht: "Für die Tage nach einer Räumung bitte ich um besonderen Schutz des Präsidialamtes."
Nach Vorstellungen der Universitätsleitung sollte die "Polizei-Uni-versität" Dauerzustand werden, wie der damalige Präsidialamtsleiter am 17.2.1989 in "Maßnahmen in der Boykottsituation" vorstellte:
"Denkbar ist eine intensive, aber kostenaufwendige Aufsicht durch eine Wachgesellschaft, die z.B. auch den laufenden Schließdienst für alle Hörsäle übernimmt."Im Sommersemester 1989 fand zum Mißmut der Aktiven der unbefreite Lehrbetrieb wieder ungestört statt.
Hier stellt sich die Frage nach Bilanz und Perspektiven der Student-Innenbewegung. Die politische Perspektive studentischer Bewegung entscheidet sich an der Frage, inwieweit es ihr gelingt, den Willen und die politischen Schritte zur gesellschftlichen Durchsetzung ihrer Forderungen zu entwickeln. Beispielhaft hierfür sind die Fragen der AG 'Perspektiven der Streikbewegung in West-Berlin auf dem UNiMUT-Kongreß vom 6.-9.1.1989: Wie lange können Streiks aufrecht erhalten werden? Was passiert in den Semesterferien? Sind Abbröcklungstendenzen aufzuhalten? Wie? Was geschieht nach den Streiks? Wie können Streiks beendet werden, ohne daß sich die Bewegung auflöst? Welche Forderungen können überhaupt mit dem Streik durchgesetzt werden? Für welche werden andere Aktionsformen gebraucht? Welche Druckmittel gibt es außer Streiks und Besetzungen? Wer sind die politischen Ansprechpartner für welche Forderungen?
Die Besetzungen verwandelten sich tendenziell von einer Protestform zu Inhalt und zur Struktur der Bewegung, mit der Gefahr, daß die Bewegung abflaut, sobald die Besetzung aufgegeben wird. Hier erwies sich die Entwicklung von Etappenzielen und Zwischenschritten als erforderlich. BündnispartnerInnen innerhalb und außerhalb der Hochschulen mußten gewonnen werden. Durch die Entwicklungen des Winters 1988/89 waren die ASten gefordert, ihre Arbeitsweisen umzustellen, um flexibler und bewegungsnäher zu werden und um die Anliegen der Betroffenen möglichst konkret aufzunehmen. Dazu gehört auch, daß die inhaltliche Arbeit, die während Streik und Besetzung begonnen wurde, in Arbeitsgruppen und Projekten weitergeführt wird.
Auch im Winter 1988/89 zeigte sich, daß nicht der zugespitzte Kampf um nötige Gelder allein aus aus der Hochschulmisere herausführt. Kurzfristig sind die Folgen neokonservativer Hochschulformierung und jahrelanger verfehlter Spar- und Strukturpolitik nicht umzukehren. Ebenso wurde deutlich, daß Gegenentwürfe zum neokonser-vativen Konzept weitgehend fehlten:
"Weder die Gewerkschaften noch die Grünen oder andere gesellschaftlichen Kräfte haben Reformalternativen anzubieten. Die gesamte Linke kommt nicht über so richtige wie abstrakte Schlagworte wie 'Chancengleichheit, Bildung für alle oder 'Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung hinaus." (Beck 1989: 178).Die StudentInnenbewegung des Winters 1988/89 hat auf ihre Weise in mehrfacher Hinsicht Spuren hinterlassen. Hochschule und Wissenschaft wurden wieder zu einem gesellschaftspolitischen Thema. Bei den an den Protesten Beteiligten hat die Bewegung zu einer Politisierung und zu gewachsenem Selbstvertrauen geführt. Des weiteren stellte die neue StudentInnenbewegung eine notwendigen Zäsur für die organisierte Hochschullinke dar, denn mit größeren studentischen Protesten hatte im Wintersemester 1988 niemand gerechnet, weder auf Seiten der Universitätsverwaltung und des Berliner Senats, noch auf Seiten der organisierten Hochschullinken:
"Die in der Verwaltung studentischen Protests erprobten linken Hochschulgruppen jedweder Couleur mußten reichlich hilflos mit ansehen, wie neben den von ihnen dominierten Gremien und Strukturen neue Zusammenhänge entstanden, die sich häufig bewußt von bestehenden traditionellen Organisationsformen abgrenzten." (Beuker 1990: 81).Auch deshalb bergen die Erfahrungen und Entwicklungen des Winters 1988/89 Potentiale und Chancen einer Neubegründung linker Politik. Erstmalig bestand die Möglichkeit, irrationale Fraktio-nierungen und Zersplitterungen, die in der Nachfolge der 68er Bewegung entstanden waren, zu überwinden. Deren Überwindung wird nicht unerheblich für die Rückdrängung des Konservativen Roll-back an den Hochschulen sein:
"Weder die linken Richtungsverbände noch die ausdifferenzierten, oft zersplitterten grün-alternativen und feministischen Zusammenhänge sind für sich genommen in der Lage, die Kluft zwischen Basisbewegung und politischem System zu schließen. Das Vakuum füllen könnte eine strömungsübergreifende links-pluralistische Studierendenorganisation ohne feste Parteibindung. Ihr Spektrum müßte von kritischen FachschafterInnen, über heimatlose Radikaldemokraten, Grüne bis hin zu SozialistInnen und MarxistInnen reichen. Eine Organisationsform wie der SDS vor der Spaltung, allerdings auf einer neuen links-oppositionellen, ökologisch wissen-schaftskritischen Plattform." (Klaus Dörre, zit. n. Beuker 1990: 87).Dieser Vorschlag hat seither an Aktualität nicht eingebüßt und fordert zu seiner Realisierung heraus.
Der Winter 1988/89 zeigt, daß die Studierenden nicht hilflos den Entwicklungen ausgeliefert sind, sondern daß sie gemeinsam das ihnen aufgenötigte Opportunitäts-, Konkurrenz- und Leistungsdiktat aufheben und ihre Universität nach eigenen Vorstellungen gestalten können, sowie innerhalb eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses die Entwicklungen in der Stadt bestimmen können. Damit verweisen die Ereignisse des Winters 1988/89 mit Nachdruck auf die Gegenwart. An der Universität und in der Stadt herrschen erneut Verhältnisse, die nur durch ein breites gesellschaftliches Bündnis, durch die Selbstorganisation der Betroffenen aufgehoben werden können. Nicht zuletzt der Berliner Bankenskandal macht deutlich, daß die Krise der öffentlichen Haushalte erst ein Produkt jener Politik ist, die die Kürzungen im Bildungs- und Sozialbereich einfordert.
Die Akteure des Bildungs- und Sozialabbaus sind weitgebend die gleichen geblieben. Sie sind seit über 30 Jahren bekannt, auch wenn sie sich zwischenzeitlich teilweise umorganisiert haben. Ihre Politik, ihre Intentionen haben sich kaum geändert. Ein kurzer Blick auf diese Akteure, ihre Einflußmittel und ihre Entwicklung seit 1988 ist für das Gesamtverständnis des hier behandelten Themas sowie für eine Perspektivendiskussion nicht ohne Bedeutung:
Die Rede ist von der schon 1969 gegründeten "Notgemeinschaft für eine freie Universität" (NofU). sowie der "Liberalen Aktion" (LA) als ihr gremienpolitischer Arm innerhalb der Freien Universität. Ohne eine Betrachtung der NofU und ihres Wirkens muß der studentische Aufbruch des Winters 1988/89 unverständlich bleiben. In der NofU vereinigten sich die durch das Hochschulreformgesetz vom August 1969 entmachteten Ordinarien, um für den Erhalt ihrer Privilegien einzutreten. In der Wahl ihrer Mittel waren sie dabei nicht zimperlich. Die Hochschulreform denunzierten sie als kommunistischen Umsturzversuch und die erlangte studentische Mitbestimmung in den Universitätsgremien als "Terror". Uwe Wesel, von 1968 bis 2001 Professor für Rechtsgeschichte und Zivilrecht an der FU, beschreibt die Entwicklung der NofU und ihr Wirken in seinem jüngsten Buch zur Studentenbewegung:
"Bald hatten sie über 500 Mitglieder, ein eigenes Büro in Steglitz mit hauptamtlichem Geschäftsführer und einem Jahresetet von mehr als einer halben Million Mark durch Zuwendungen von Industrie und Verbänden. Ziemlich schnell ist es ihnen gelungen, auch die liberale öffentliche Meinung umzudrehen (...). Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und eine kräftige Lobby." (Wesel 2002: 193f).Ihr Lobbyeinfluß reichte insbesondere über ihre prominentesten Mitglieder Richard Löwenthal und Otto von Simson in die Redaktionen der Medien und zur Bundesregierung, doch er machte dort nicht halt:
"(...) er ging bis in die USA, zu denen, die Charles Wreight Mills die Machteliten genannt hat, und von dort wieder zurück nach Bonn und Berlin." (Wesel 2002: 194).Bekannt wurde die NofU insbesondere durch die schwarzen Listen, die sie von hochschulpolitisch aktiven Studierenden erstellte. Wesel: "Wer da genannt wurde, hatte kaum eine Chance, eine Anstellung in der Privatwirtschaft zu finden." (Wesel 2002: 194).
Auch das Konzept der Berufsverbote geht auf die NofU zurück:
"Die erste Idee dafür kam von einem Ethnologen der FU, der Mitglied in der Notgemeinschaft gewesen ist. Mitglieder der Roten Zellen dürften nicht eingestellt werden als studentische Hilfskräfte. 1972 wurde sie auf den gesamten öffentlichen Dienst ausgedehnt.". (Wesel 2002: 194).Die Aktivitäten der NofU begrenzten sich nicht auf die FU Berlin. Als bundesweiter Dachverband ging aus ihr der Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) hervor:
"Im November 1970 ist auf Initiative der Notgemeinschaft in Bad Godesberg von 1500 Teilnehmern eine entsprechende Gruppe auf Bundesebene gegründet worden. Ein junger Professor der FU war dort als Beobachter der Gruppe, die Präsident Kreibich unterstützte. (...) In seinem Bericht meinte er, drei Viertel der 1500 Anwesenden seien eine 'akademische NPD." (Wesel 2002: 196).Ihre Bundesgeschäftsstelle hat der BFW mittlerweile von Bonn nach Berlin-Mitte verlegt. Die NofU hat sich seither umbenannt in "Bund Freiheit der Wissenschaft Sektion Berlin-Brandenburg". Die konservativen Akteure der 80er Jahre sind während der Ära Kohl in die höchsten Staatsämter aufgestiegen. Jura-Professor und NofU-Beiratsmitglied Roman Herzog (vgl. Geißler 1986: 62ff) ist das bekannteste Beispiel. Heute treibt er unter Umgehung öffentlicher Meinungsbildung in einer eigens eingerichteten Kommission auf Bundesebene den Sozialabbau voran. Die konservative Strukturpolitik, die in den 80er Jahren am Widerstand der StudentInnen scheiterte, konnte auch deshalb in den 90er Jahren weitgehend durchgezogen werden, ohne einen Proteststurm auszulösen. Die Politik des letzten FU-Präsidenten Gaehtgens, die nach den Vorgaben des vom Bertelsmannkonzern finanzierten 'Centrum für Hochschulentwick-lung (CHE) und des rechtskonservativen 'Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) erfolgte, steht exemplarisch für diese Entwicklung. Heute tritt der Bertelsmannkonzern und das von ihm finanzierte "Centrum für Hochschulentwicklung" als bedeutender Akteur des autoritativen und marktradikalen Hochschulumbaus auf. Der Bertelsmannkonzern kann auf eine bewegte Firmengeschichte zurückblicken, die als aufschlußreiches Beispiel für erfolgreiche Unternehmensführung gelten kann: Der Bertelsmannkonzern entwickelte sich während des Dritten Reiches vom unbedeutenden westfälischen Provinzverlag zum Hauptproduzenten von kriegsverherr-lichender Literatur noch vor dem Eher-Zentralverlag der NSDAP und erschlich sich nach 1945 durch eine Widerstandslegende seine Widerzulassung durch die Britischen Militärbehörden. Der Bericht einer unabhängigen historischen Kommission, die die Geschichte des Bertelsmann-Konzern im Dritten Reich ausleuchtete, und die Ende 2002 ihren Abschlußbericht vorstellte, ist aus unbekanntem Grund mittlerweile nicht mehr im Internet verfügbar, ebenso auch die zahlreichen diversen Stellungnahmen und Kommentare dazu. Der Bertelsmann-Konzern ist heute über das in Zusammenarbeit mit der Hochschulrektorenkonferenz betriebene CHE der Hauptakteur der rechten Hochschulformierung.
Gaehtgens wurde aufgrund seiner Erfolge beim konservativen Roll-Back an der FU Berlin während seiner Amtszeit als FU-Präsident (1998-2003) zum Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gewählt. Nun kann er an zentraler Stelle die konservative Hochschulformierung bundesweit vorantreiben. Seine Kampagne zur Einführung von Studiengebühren ist ein Schritt in diese Richtung.
Zum ersten Vizepräsidenten des neuen Präsidiums der FU wurde im Juni 2003 das ehemalige Vorstandsmitglied der NofU, der Professor für Romanistik Dr. Klaus Hempfer (Vgl. Geißler 1986: 62) "gewählt". An der FU stellt der 1. Vizepräsident erfahrungsgemäß den kommenden Präsidenten.
Seit dem Winter 1988/89 scheint sich im Universitätsbetrieb nichts verändert zu haben. Die alten gerontokratischen Seilschaften aus der Zeit des Berliner Mauerbaus sitzen nach wie vor fest im Sattel und blockieren jeglichen notwendigen gesellschaftlichen Fortschritt. Selbst die Projekttutorien hat die professorale Sitzmehrheit im Akademischen Senat im vergangenen Jahr entgegen einem studentischen Gruppenveto abgewickelt. Der Wissenschaftsbetrieb erweist sich nach wie vor als resistent gegenüber einer Reform, die ihren Namen verdienen würde.
Nach 15 Jahren haben die damals kritisierten Entwicklungen nur noch zugenommen. Wissenschaftlich-technische Rationalität und ökonomische Vernunft drohen heute, die Gesellschaft und das Leben selbst zur technisch beherrschbaren und vermarktbaren Materie zu machen. Wissenschaft und Technik dienen nicht dem Leben, sondern der Reputation einiger weniger hochbezahlter Experten und Spezialisten (der "Besten Köpfe" nach Gaehtgens) und verhalten sich wie eine Besatzungsmacht im Feindesland. So verstandene Freiheit der Wissenschaft ist die Freiheit von Moral und Verantwortungsethik. Professorale Souveränität offenbart sich als Willkür, und obwohl öffentlich finanziert, als Freiheit von öffentlicher Kontrolle. Eine nur den Marktgesetzen unterworfene Wissenschaft wird im Zeitalter des High-Tech-Kapitalismus Quelle einer neuen Biomacht. Das Prinzip gesellschaftlichen Fortschritts, verstanden als sittliche Vernunft, ist im Zuge der marktradikalen Einebnung und autoritativen Gleichschaltung der Universität als einem Ort der gesellschaftlichen Bewußtwerdung abhanden gekommen.
Die Forderung nach einer anderen Wissenschaft hat daher an Brisanz und Dringlichkeit nur gewonnen. Die schon in den 70er und 80er Jahren erkannten ökologischen und sozialen Krisen haben sich mittlerweile zu einer komplexen Globalkrise ausgeweitet. Gleichzeitig wurden diese Themen zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Hierzu haben nicht zuletzt die Umstrukturierungen und Kürzungen im Bildungsbereich und die Ersetzung einer von Selbstbegrenzung geleiteten Verantwortungsethik durch eine radikale Marktideologie entscheidend beigetragen. Doch aufgrund der Verfilzung des Wissenschaftsbetriebes mit Wirtschaft und Politik zur Bereicherung weniger "Bester Köpfe" ist dessen Änderung nur über ihre grundlegende Änderung erreichbar, die über die klassische Forderung nach Demokratisierung, erweiterter studentischer Mitbestimmung und ein nicht-autoritäres Studium hinausgeht. Auch die Forderung nach einer stärkeren Beteiligung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb eine wesentliche Forderung des Winters 1988/89 ist vor diesem Hintergrund mehr als ein Schritt zur Gleichberechtigung. Es ist sind notwendige Schritte zu einem zukunftsfähigen Wissenschaftssystem in einer Gesellschaft jenseits des Konkurrenz-, Opportunitäts- und Leistungsprinzips.
Den Entwicklungsweg hin zur profitorientierten Leistungsuniver-sität als Stätte der Produktion angepaßter und willfähiger Arbeitnehmer gilt es aufzuheben zugunsten eines Universitätskonzeptes, das die Grenze zwischen Universität und Gesellschaft hin zu einem allgemeinen öffentlichen Diskurs um die Zukunftsentwicklung der Gesellschft aufhebt, wobei die Universität letztlich in der Gesellschaft aufgeht. Es entsteht ein Raum, in dem insbesondere unterprivilegierte, abhängige und ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen, sowie neuartige und unterdrückte Lehr- und Forschungsgebiete Eingang in eine Wissenschaft finden, die als selbstorganisierter Prozeß der intellektuellen Emanzipation verstanden und organisiert wird.
Die StudentInnenbewegung des Winters 1988/89 zeigt, daß die "geistig-moralische Wende" noch bis Ende der 80er Jahre abgewehrt werden konnte. Sie konnte erst nach 1989/90 wirksam durchgesetzt werden, so daß erst danach der trostlose Zustand entstanden ist, der von konservativer Politik zu einer allgemeinen komplexen Krise vorangetrieben wurde.
Doch wie konnte es eigentlich sein, dass nach einer solchen emanzipatorischen und selbstbewußten Bewegung eine schon lange zuvor angekündigte "geistig-moralische Wende" durchsetzbar war, wie also passen diese beiden Entwicklungen zusammen und wie können sie sich bedingen? Sie können sich nicht bedingen, denn für die "geistig-moralische" Wende sind andere Faktoren ausschlaggebend gewesen, nämlich die politische Entwicklung von 1989/90 und eine hierauf in keiner Weise vorbereitete Linke. Zudem sei daran erinnern, daß bereits Mitte der 80er Jahre sich die REPs breit machten, REP-Hochschulvereinigungen gegründet wurden und die studentischen Verbindungen Zulauf erhielten – ein deutliches Zeichen einer restaurativen Entwicklung. Der UNiMUT war ein (wenn auch zeitlich kurzes) Aufbegehren gegen diesen Zustand und – das ist doch das Schöne an der Sache – er zeigte in dem konkreten Zeitraum den Akteuren der Macht auf, daß eine gewaltige Anzahl von Studierenden nicht bereit ist, alles mit sich machen zu lassen. Selbst der RCDS mußte mit, ob er wollte oder nicht.
Der Winter 1988/89 hat Potentiale der Befreiung aus der Krise aufgezeigt, die durch den konservativen Roll-back im Zuge der Vereinigungspolitik verdrängt und unterdrückt worden sind und seither ungenutzt brachliegen. An diese Potentiale kann ohne weiteres angeknüpft werden. Hochschulpolitik bleibt eine spannende und zukunftsrelevante Herausforderung.
Manfred Suchan