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Knackpunkte, Ursachen, Lösungsversuche bei Autonomen Seminaren

(AS = Autonome Seminare, P = Problem, L = Lösungsversuch)


Vorweg: Wir denken nicht, daß sich die Probleme, die bei der Durchführung autonomer Seminare regelmäßig entstehen, vollständig lösen lassen. Lösungsversuche verweisen auf die Notwendigkeit eines Rahmens, einer bewußten und halbwegs gemeinsamen Orientierung gegen den heimlichen Lehrplan der Uni: die Konditionierung auf Herrschen (der Männer, "Begabten", Deutschen, AkademikerInnen, usw.) und Gehorchen. Auch ein Versuch, GegenUni zu institutionalisieren, geht nur begrenzt tief und lang. Aber es ist ein Versuch wert.

Abbröckeln: P: Wenn die erste Euphorie (?) vorbei ist, Arbeiten schwerer, die Motivation geringer und der Alltag zeitintensiver wird, bröckeln alle Seminare. L: Nach den Gründen fragen; diejenigen, die Aufhören, sollen dies ehrlich begründen, zum Vorteil der Anderen. Auf Motivation, Hierarchien, Ansprüche usw. achten. Und sich mit etwas Bröckeln abfinden.

Diskriminierung: P: Wir sind Teil einer Gesellschaft, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft, anderer Fähigkeiten, diskriminiert. Zum Beispiel, indem wir Frauen in unserer Sprache nicht berücksichtigen, oder für einige zu schnell oder mit zu viel Fremdwörtern reden. L: Durch gegenseitige Kritik uns dieser Mechanismen bewußter werden und sie nicht als rein persönliches Fehlverhalten betrachten, sondern auch als Gesell-schaftsproblem, für das in der Arbeitsweise des Seminars Umgangsformen und Regeln gefunden werden müssen.

ExpertInnen: P: Mit dem Wasser antiautoritärer Versuche wird oft genug das Kind der ungleichen Wissensstände aus der Wanne des Seminars geschüttet. Es erweist sich als schwierig, wenn Leute, die mehr wissen, mit Leuten, die weniger wissen umgehen wollen, ohne dabei Hierarchien zu entwickeln. L: Unterschiedliche Wissensstände sich klar machen und zu nutzen versuchen. Wissen muß nicht immer Macht über andere SeminarteilnehmerInnen bedeuten, ein AS muß auch Leute mit unterschiedlichen Wissensständen produktiv zueinander bringen können. Hierarchien vermeiden und ExpertInnen zulassen.

Hierarchien: P: Irgendwann fängt es an, daß alle auf immer dieselben gucken, wenn strukturiert, Zielvorgaben gemacht und Unklarheiten gelöst werden sollen. Das liegt auch an unterschiedlicher Kompetenz, aber die Kompetenzzuschreibung schaukelt sich meist unangebracht hoch. L: Zusammen aufpassen, daß Menge und Qualität der Arbeiten bei allen ungefähr gleich verteilt sind, daß Ziel und Zweck individueller Vorleistungen gemeinsam vorbereitet wird (Kleingruppen statt einzelner Meister-Werke); breite gemeinsame Aufgabenverteilung und Kontrolle (nicht immer dieselben Doofen die schriftlichen Vorlagen machen); rundum wechselnde Funktionen (Protokoll, Redeleitung, Vorbereitung, Vertretung nach außen); für alle und immer verbindliche Rederegeln (z.B. ausreden lassen) und regelmäßige Gruppenkritik.

In-group-AS: P: An den meisten Unis und Fachbereichen werden die Leute, die AS machen, als kleine und feste, geschlossene Gruppe empfunden, immer dieselben Gesichter (oder Klamotten). L: Sich ein paar Mechanismen der Ausgrenzung klarzumachen; AS auch für Leute möglich werden zu lassen, die sich "nicht für dazugehörig" empfinden, erfordert schon beim Versuch eine Menge Toleranz, und auf jeden Fall eine klar dargelegte Idee, warum uns nicht nur ein Thema, sondern die Form der Seminare wichtig ist und warum es für viel mehr Leute als jetzt sinnvoll sein kann, AS zu machen.

Interdisziplinarität: Die meisten studentischen Seminare beanspruchen sie, weil sie mindestens offen für Menschen anderer Fachbereiche oder Lebensbereiche sein wollen, eigentlich sogar verschiedene fachspezifische Sichtweisen und Vorgehensweisen eines Problems in die Arbeit einbringen wollen. Interdisziplinarität bleibt ein fast nie eingelöster Anspruch, zumindest was das Zusammenbringen verschiedener disziplinärer Perspektiven angeht. L: Den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit aushalten. Probieren: a) das eigene AS auch außerhalb des eigenen Fachbereichs bekannt machen, b) auch AS außerhalb des eigenen Fachbereichs besuchen, c) das AS auch außerhalb des eigenen Fachbereichs stattfinden lassen, d) gucken, wie andere Fächer an ein Problem herangehen.

Isoliertheit: P: Ein Seminar in einem universitären Raum zu einem Thema in einem Semester: (auch) AS kämpfen mit der Isoliertheit des Wissenserwerbs. L: AS können mit einem Konzept der GegenUni verbunden werden. Zumindest ein Austausch über den Umgang mit Knackpunkten könnte laufen, und eine Vorstellung der Seminarergebnisse (gerade bei AS mit nötigem Mut zur Vorläufigkeit und Unfertigkeit), schriftlich und/oder mündlich. Außerdem gibt es in Berlin zu jedem Thema mindestens zwei Seminare oder (außeruniversitäre) Arbeitsgruppen, mit denen Mensch sich austauschen kann; sie wollen nur gefunden werden.

Konsumhaltung: P: Von normalen Seminaren übertragene Gewohnheit, nicht selber aktiv werden zu müssen, abwartende Haltung. L: Menschen, die ein Thema vorschlagen, halten sich in der folgenden Phase im eigenen Interesse zurück und die Ohren auf. Vermeiden, daß sich AdressatInnen für Konsumerwartung finden (-> Hierarchien); gemeinsame Zieldefinition und Aufgabenverteilung; Integration durch bewußte Rücksichtnahme auf die Interessen und Bewertungen besonders neuer, stiller usw. TeilnehmerInnen (nur etwas gemeinsam Gewolltes läuft nicht Gefahr, distanziert konsumiert zu werden). Gucken, ob mein Interesse in der Gruppe verwirklicht ist und daran mitarbeiten, sonst kritisieren.

Lernformen: P: Die gewohnten, bekannten und also erwarteten Lernformen werden auch in AS angewandt, aus "wissenschaftlichem Anspruch u.ä., und fördern Hierarchien und Motivationsverlust. L: Die nichtendende Suche nach anderen Formen. Gruppenarbeit, vorbereitete Diskussionen/Rollenspiele, Planspiele, Fingerfarben und alles, wofür wir so Verachtung haben, überlegt einsetzen. Und auf alte Bücher zum Thema zurückgreifen (Antiquariate), sich über Ideen und Erfahrungen AS-übergreifend austauschen, vielleicht eine Lernformen-AG gründen, nur als Forum zum Ausprobieren und Ver-breiten.

Motivation: P: Wenn diese abflaut, hat das meist etwas mit der Bedeutung zu tun, die ich meinem AS zumesse, und den Maßstäben, mit denen ich den Erfolg messe. L: Sich bewußt für oder gegen ein AS entscheiden, nicht einfach mal so mitmachen; definieren, welche Ziele und Fragen in welchem Zeitrahmen (weniger ist realistischer) verfolgt werden sollen und die Erfüllung bewußt kontrollieren.

Praxis: P. Praktische Umsetzung von Arbeitsergebnissen fehlt im Elfenbeinturm logischerweise. L: Wir alle haben immer auch Praxis, zu der wir unsere Seminararbeit in Beziehung setzen können, zumindest können wir es langsam und zäh lernen . Dazu gehört der Kontakt zu Leuten außerhalb der Uni, eigene Aktionen oder das Veröffentlichen der Ergebnisse. Es ist wichtig, sich die Frage ‘Was können wir mit den erarbeiteten Ergebnissen sinnvoll bewirken?’ regelmäßig zu stellen.

Raum: P: Wo können AS sich treffen? Natürlich in studentischen Cafés. Oder privat, dann am besten reih’ um.

Redeverhalten: P: Wieso sollten wir die die Gesellschaft durchziehenden Normen ablegen können, nur indem wir ein AS machen? Auch dort machen wir uns oft fertig, benutzen (unbewußt) Tricks, hören nicht zu, wollen unsere Ideen durchsetzen. L: Sich diese Strukturen bewußt machen und sich teilweise durch formale Dinge beim Bewußtmachen und bei Versuchen eines anderen Umgangs miteinander helfen, z.B. durch Rederegeln.

Scheitern: P: Das Gefühl entwickelt sich meist individuell, aufgrund diffus bleibender Ansprüche: irgendwie klappt das Seminar doch nicht. L: Sich Ansprüche gemeinsam klar machen und sie verändern. Vorteile nicht nur in der Masse erworbenen Wissens erkennen, sondern auch in den Erfahrungen in der Selbstorganisation.

Schwammigkeit: P: Ein zentrales Problem vieler Seminare. L: Konkretion der Fragen, Zielsetzungen und Möglichkeiten ist auch unangenehm, bedeutet nämlich den Abschied von manchen Illusionen, Ansprüchen und Hoffnungen. Da müssen wir aber durch, nur ein Seminar, das seinen Zweck erfüllt, ist ein gutes Seminar. Also muß der Zweck realistisch konkretisiert werden.

Zahl: P: Auch für AS gibt es natürlich ein Zuviel oder ein Zuwenig, was die Zahl der TeilnehmerInnen betrifft. Bei wenigen Teilnehmer-Innen wird von selbst klar, ob die Zusammenarbeit noch produktiv ist. Eher kommt es bei besonders interessanten Themen vor, daß AS mit einer zu großen Zahl sich heimlich tot laufen, also an irgendeinem Punkt plötzlich alle entnervt das Handtuch werfen. L: Schafft ein, zwei, viele Autonome Seminare, gerade zu einem Thema. Irgendwann zwischen zehn und fünfzehn Leuten wird eine Grenze erreicht, wo gleichberechtigtes und aufmerksames Diskutieren, oder auch selbstverantwortliches, motiviertes Arbeiten wirklich unmöglich wird. Habt also den Mut, Euch zu spalten, und den Austausch später wieder zu suchen.

Zeit: P: Wie findet ein AS einen gemeinsamen Termin? Die verfügbare Zeit ist durch Pflichtstudium, Jobzwang und Politikinteressen begrenzt, unter anderem verbirgt sich hier aber auch eine Geringschätzung des Wertes autonomer Seminare. L: Bewußte Prioritätensetzung für zeitaufwendigere AS; in einem GegenUni-Rahmen; gemeinsame für AS reservierte Zeiten; problematische Maßnahmen, die zwar die o.g. Probleme angehen, aber gefährliche Institutionsnähen produzieren: Forderungen nach Scheinerteilung, Projekttutoriengelder oder Orientierung auf politische Aktion sind problematisch und stellen eventuell eine Vereinnahmung der AS dar, da sich dann viele zu sehr um den Rahmen kümmern müßten. Insgesamt aber ist dies keine Frage, die allgemein beantwortet werden könnte. Jedes AS muß sie für sich selbst beantworten.

Zum Rahmen:
Manche Punkte (Isoliertheit, In-group-AS, Lernformen, und der ganze Motivationskram) erfordern geradezu, AS in einem größeren gemeinsamen Rahmen zu organisieren. Daß und wie weit das möglich ist, können vielleicht Erfahrungen mit VolksUnis (Berlin, Hamburg), Alternativen Unis (Bremen), Kritischen Unis (Ende der 60er Jahre in Berlin, Hamburg und Frankfurt), Projekttutorien usw. zeigen.