Im vorletzten Semester habe ich einen Kommilitonen kennengelernt, der hatte einmal gerade wieder den Studiengang gewechselt. Sein letzter Aufenthaltsort: der Fachbereich für Physik. Sein Kommentar:
"Da sitzen die nun rum in ihren Seminaren und dann passiert diese Katastrophe in Chernobyl. Ich denke noch, da bin ich in der Physik ja gerade richtig und begebe mich am nächsten Tag mit Spannung ins' Institut. Aber nichts. Die machen einfach weiter. Das ist doch einfach unglaublich."
Viele StudentInnen heutzutage sind von ihrem Studiengang enttäuscht. Vielfach werden sie zu FachidiotInnen ausgebildet, denen jeglicher aktuelle, kritische und vor allem gesellschaftliche Bezug abhanden kommen muß. Ihre Ausbildung ist alles andere als flexibel und immer stärker leistungsorientiert.
Wir lernen, daß Wissenschaftlichkeit darin besteht, komplexe Probleme zu reduzieren. Dies führt zu einer immer stärker werdenden Spezialisierung. Informelle Fach- und Sondersprachen der verschiedenen Wissenschaftsausrichtungen sind die Folge, die es z.B. WissenschaftlerInnen einzelner Disziplinen nicht mehr erlauben, untereinander "fachlich" zu kommunizieren, geschweige denn Laien, nachzuvollziehen, was denn etwa der Gegenstand der Forschung sei.
Einen allgemeinen Überblick über Wissenschaft und Forschung zu erzielen, ist heute nicht mehr möglich, ja selbst in einzelnen Disziplinen, z B. Rechtswissenschaften, gilt es als unmöglich, sich einen mehr als oberflächlichen Gesamtüberblick zu verschaffen. Der Fächerkatalog des Hochschulverbandes zählt bereits über 4000 Fächer eine beängstigende, für Unübersichtlichkeit im Wissenschafts- und Hochschulbereich sorgende Zahl. Die Gliederung des Systems der Wissenschaften hat sich in eine Abdichtung der einzelnen Wissenschaften gegeneinander verkehrt.
Spezialisierung ist für den wissenschaftlichen Fortschritt notwendig. Ihre Überwindung aber ohne Zweifel auch. Hier setzt auch die Forderung nach Interdisziplinarität ein; und zwar zunächst einmal Interdisziplinarität verstanden als Wille zum Wissens-, Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Heute steht die Wissenschaft z.B. vor Umweltproblemen (Klimakatastrophe, Waldsterben) globalen Ausmaßes. Probleme, denen das lineare und eindimensionale Denken disziplinärer Wissenschaft sich nicht mehr gewachsen sieht, dessen Struktur diesen praktischen Problemen gar nicht entspricht, zu deren Lösung es doch beitragen sollte. Fragen nach der Bedeutung von Wechselwirkungen und der Möglichkeit einer Steuerung von Entwicklungen stehen dabei im Vordergrund.
Dies ist nur ein Beispiel und bei weitem nicht der einzige Grund, weshalb interdisziplinäre Forschung zu fordern ist. Forschung eben, die die Forschungsinstitutionen (z.B. Hochschulen) gemäß der Probleme, die sich dem Menschen stellen, ordnet, und nicht umgekehrt. Bereits in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben empirische Forschungen (Gegensatz: theoretische Forschungen) einen Zusammenhang von Waldschäden und Industrieabgasen bewiesen. Doch diese Ergebnisse liefen wirtschaftlichen Interessen zuwider und wurden also nicht weiter beachtet. Hier erweitert sich dann auch das Verständnis der Interdisziplinarität, in dem sie sozusagen als Reparaturphänomen dort ansetzt, wo eine Aufhebung erkenntnisbegrenzender (Wissenschafts-) Disziplinarität nur als aktuell und gesellschaftlich wie im Fall der Umweltproblematik deutlich notwendig angesehen werden kann.
Interdisziplinarität an sich ist aber keine Erscheinung (Forderung) unserer Tage. Die heute eigenständige Disziplin Biochemie z.B. ist eine interdisziplinäre "Zweckehe" von Biologie und Chemie, die zu einem Zeitpunkt entstanden ist, als die biologische Diskussion plötzlich ohne die Chemie gar nicht mehr auskam, weil sie sich im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Entwicklung nun auch den bis dato den ChemikerInnen vorbehaltenen molekularen Bereich zu eigen machte. Nach dem zweiten Weltkrieg kam dann ein großer Aufschwung, als z.B. von den PhysikerInnen erkannt wurde, daß sie eine viel zu wichtige und problematische Wissenschaft betrieben (Stichwort: Atombombe), als daß sie nicht das Gespräch mit MedizinerInnen, BiologInnen, PhilosophInnen, Ökonomen ete. suchen sollten. Bis Mitte der siebziger Jahre machte sich dann eine regelrechte Euphorie breit. In der Interdisziplinarität wurde die Wissenschaftsformel 2000 gesehen. Heute ist es wieder ruhiger geworden, Interdisziplinarität ist zu einem bloßen Schlagwort degradiert, dem WissenschaftlerInnen zum großen Teil ablehnend gegenüberstehen. Das Hauptargument, welches hierbei zu Felde geführt wird, lautet, die Interdisziplinarität führe zu Oberflächlichkeit.
"So führt beispielsweise das steigende Angebot interdisziplinärer Studiengänge dazu, daß die Studenten mehrere Fachgebiete in oberflächlicher Weise kennenlemen, ohne jedoch eines dieser Gebiete wirklich zu beherrschen. Eine hohe Qualifikation in einem Fach ist aber nach wie vor Voraussetzung für den erfolgreichen Einstieg in das Berufsleben." (Prof. Dr. K-H. Büchel, Mitglied des Vorstandes der Bayer AG L.everkusen, 1979).
Sicherlich sollte die Forderung nach Interdisziplinarität nicht (wieder) zu einem studium generale führen, dennoch ist diese unabdingbar, um die nötigen Schnittstellen beispielsweise im Grundstudium zur Kommunikation zwischen Einzelwissenschaften zu schaffen. Einzelwissenschaften, die sich mit zunehmender Spezialisierung z.T. immer weiter von den gesellschaftlichen Anforderungen entfernen und sich einem immer stärkeren Legitimationsdruck seitens wirtschaftlicher Interessen ausgesetzt sehen.
Das unbestrittene Problem der Finanzierung von Wissenschaft darf allerdings nicht dazu führen, im Namen von Leistungsorientierung und Wirtschaftlichkeit jeden interdisziplinären und in diesem Sinne dann sicher auch kritischen Ansatz als dilettantisch oder gar fortschrittsfeindlich zu verketzern. Wissenschaft darf nicht zu einer Alibifunktion für Politik und Wirtschaft verkommen. Wer braucht denn eine Auflockerung der einzig und allein historisch bedingten Grenzen der wissenschaftdisziplinären Zuständigkeiten zu fürchten? Zuständigkeitsbereiche, die sich aufgrund historischer Wertsetzungen herausgebildet haben, aber doch nichts Naturgegebenes sind. Zuständigkeitsbereiche, die wenig in Frage gestellt werden, obgleich es zwischen vielen Disziplinen weniger theoretische Grenzen als vielmehr Berührungsängste oder Prestigefragen sind, die sie als solche manifestieren.
Die Ängstlichkeit vieler WissenschaftlerInnen ist auch insofern schwer nachzuvollziehen, als Interdisziplinarität ja nicht als Opposition, als Gegner der Einzelwissenschaften anzusehen ist, sondern durchaus gleiche Ziele aufzuweisen hat, nämlich neue Theorien zu finden oder neue Anwendungen bestehender Theorien zu ermöglichen. Sie ist Mittel zum Zweck, den Einzelwissenschaften über ihre erkenntnistheoretischen Grenzen hinweg zu helfen und fach- und fächerübergreifende Kompetenz zu schaffen, eben indem EthnologInnen mit PhysikerInnen, PhilosophInnen mit BiologInnen oder WirtschaftswissenschaftlerInnen mit VerhaltensforscherInnen in einen Dialog treten.
Abschließend ein Zitat von Jürgen Mittelstraß, Professor für Philosophie an der Universität Konstanz, 1986:
"Im übrigen ist es so, daß Interdisziplinarität im eigenen Kopf anfangen muß als Querdenken; Fragen, wohin noch niemand gefragt hat, Lernen, was die eigene Disziplin nicht weiß. Wer hier allein auf großartige wissenschaftsorganisatorische Maßnahmen setzt, hat die eigentliche wissenschaftsfördende und wissenschaftsorientierende Idee schon verspielt. Interdisziplinarität beginnt auch nicht erst auf der Professorenebene, unter Einschaltung von Wissenschaftsministerien und Drittmittelgebern, sondern wenn sie denn tatsächlich ein Teil unseres wissenschaftlichen Lebens werden soll im Studium. Wer nicht interdisziplinär gelernt hat, kann auch nicht interdisziplinär forschen. Das sei Interdisziplinarität von unten genannt im Unterschied zur Interdisziplinarität als gehobener Veranstaltung von Wissenschaftssubjekten (Anm. d. Verf.: Hier sind die Profs gemeint) mit gutem disziplinären Auskommen. Letztere ist keine geeignete wissenschaftliche Organisationsform zur Überwindung disziplinärer Verlegenheiten."