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Bert-Brecht-Institut
Institut für eingreifendes Denken

Aufruf zum Bau eines Bertolt-Brecht-Instituts für interdisziplinäres Arbeiten

"Oder wie sollte man sich einrichten in einer Welt, die in keiner Weise fertig war, sich abfinden mit Änderbarem? Sicher war es weise, den nicht abwendbaren Schlag in einer bestimmten Haltung zu empfangen, aber den abwendbaren?"

Bertolt Brecht, GW 20, S. 163

Vor den Besuch der ersten universitären Veranstaltung hat die Studienordnung die Qual der Fächerwahl gesetzt. Zwar befreit sie von der Last, sich interessieren zu müssen für alles, was nur Langeweile verspricht, aber gleichzeitig fordert sie die verengende Konzentration auf die eine Sache, von der man noch nicht weiß, ob es die eigene Sache ist oder werden kann.

Die eigene Sache – damit ein Berufsziel, ein Wissensfeld oder gesellschaftliches Engagement dazu gemacht werden können, ist es notwendig, diese Elemente zu verschmelzen, nicht alchimistisch, denn es gibt keine Zauberformel. Auf alle Fälle: Es heißt, Feuer zu fangen.

Nun setzt die Universität nicht nur bei besonderen politischen Anlässen Wasser ein. Auch im alltäglichen Betrieb kann administratives Löschwasser den Feuereifer ersticken. Das einladend offene Wissensfeld entpuppt sich als zurechtgestutzte Parkanlage mit vorgebahnten Wegen (Betreten der Rasenfläche verboten!), von den fehlenden Berufsperspektiven ganz zu schweigen. Eine beliebte Reaktion auf diese Misere ist der Studienfachwechsel. Das Leben ist immer anderswo. Neues Spiel, neues Glück.

Der Streik der Berliner StudentInnen im Wintersemester hat eine andere, kollektive Strategie entwickelt: nicht zuvörderst die Subjekte den Strukturen anpassen, sondern versuchen, die universitären Strukturen nach den Bedürfnissen der in ihnen arbeitenden Subjekte zu verändern. Viele Initiativen sind gestartet worden, darunter die zur Errichtung des "Bertolt-Brecht-Instituts für interdisziplinäres Arbeiten". Dieses Institut verfolgt zwei Hauptziele: Zum einen die Verknüpfung der universitären Wissenschaft mit derjenigen, die in sozialen Bewegungen wie der Frauenbewegung, der Ökologiebewegung und anderen produziert wird; zum anderen die Forcierung fächerübergreifender Veranstaltungen in Forschung und Lehre.

Zur Interdisziplinarltät

Das Arbeiten am Institut soll den Forderungen nach einer kritischen Interdisziplinarität entsprechen. Der Kritikcharakter muß sich beweisen in problemorientierter und sozial nützlicher Wissenschaft mit dem Ziel kollektiver Handlungsfähigkeit.

Das Institut stellt einen Rahmen dar für eine neue Form der Vergesellschaftung in der Universität: fächerübergreifende Projekte sollen in den verschiedenen Disziplinen vorhandenes Wissen zusammenführen zur Beantwortung gesellschaftlicher Fragestellungen, die sich ja nicht an die Grenzen der einzelnen Disziplinen halten: Die Kooperation der verschiedenen Disziplinen verstehen wir als Chance, eine kritische wissenschaftlich-politische Kompetenz zu erwerben, die Grundlagenprobleme, Forschungsinhalte und -methoden sowie deren Folgen der einzelnen Disziplinen zu reflektieren.

Zum Verhältnis Universität Gesellschaft

Die Aktualisierung der Universität als gesellschaftlicher Ort muß in zwei Richtungen wirksam werden: Die originellen, produktiven, aber in ihrer Tragfähigkeit leider verkannten Theorieansätze aus den sozialen Bewegungen steuern zur Lösung gesellschaftlich relevanter Probleme viel bei. Mit der Öffnung des Instituts nach außen in Form einer aktiven Zusammenarbeit mit allen emanzipatorischen Kräften, könnte die Universität ein wünschenswertes Maß an Aktualität und Streitbarkeit gewinnen.

Aber es geht nicht nur um eine Belebung der Universität durch das Aufgreifen der Diskussionen progressiver Gruppen der Gesellschaft, sondern auch darum, die vielfältigen Produktivkräfte der Universität für deren Forschungs- und Wissenschaftsbedarf verfügbar zu machen.

Arbeitsformen

1. Projektplanung mit sozial engagierten Wissenschaftsinstitutionen, -zentren, Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, Ökoinstituten, regionalen und kommunalen Technikzentren, fortschrittlichen Bildungseinrichtungen von Gewerkschaften und Kirchen etc. Das Institut sucht KooperationspartnerInnen in der Universität, die mit diesen Gruppen Konzepte und Fragestellungen für deren Forschungsbedarf entwickeln und Projekte durchführen. Hierbei sollen einerseits Lehrveranstaltungen einbezogen werden, andererseits sind neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

2. Koordination und Initiierung von Projekten, die zu einem übergreifenden Thema in verschiedenen Fachbereichen stattfinden. Hier soll das Spezialwissen der einzelnen Disziplinen genutzt werden, parallel aber die laufende Arbeit diskutiert und Ergebnisse zusammengeführt werden. Nicht additiv, sondern durch die Konfrontation und Einmischung von unterschiedlichen Blickwinkeln aus, können Fragestellungen und Methoden relativiert und qualifiziert verbessert werden. Als Ergebnis erwarten wir die umfassende Behandlung eines komplexen Themas, die sowohl spezielle Erkenntnisse als auch Zusammenhänge vermittelt. In Form einer Publikation können die Arbeiten einer breiteren Interessengruppe zugänglich gemacht und das forschende Studium gesellschaftlich nützlich und relevant werden. Themenbeispiele sind "Europa 1992", "AIDS", "Neue Informationstechnologien", "Technikfolgenforschung".

3. Interdisziplinär angelegte Veranstaltungen mit TeilnehmerInnen aus verschiedenen Fachbereichen. Bei dieser Arbeitsform können die während des Streiks erarbeiteten Kommunikationsformen zwischen den Wissenschaftsbereichen, insbesondere die zwischen Natur- und Geistes-/Sozialwissenschaften weiter ausgebaut werden.

4. Infothek – Aufbau eines Informationsnetzes über laufende interdisziplinäre Projekte, Tagungen; Veranstaltungen, Kongresse, das Sammeln von Kontaktadressen möglicher MitarbeiterInnen innerhalb und außerhalb der Universität und vieles andere mehr.

5. Lektürekurse – die demokratischste Art des Lernens, vorausgesetzt, die Einigung wird eingehalten, sich in der Diskussion weitestgehend auf die Basis des herangezogenen Textes zu beziehen. (Wir denken dabei an die beispielhafte Praxis der am Philosophischen Institut verankerten "Kapital"-Lektürekurse.)

6. Organisation von Einzelveranstaltungen, Vortragsreihen, Tagungen und anderem.

Zur Form des Instituts

Längerfristiges Ziel ist die Installation eines basisdemokratisch verwalteten Instituts an der Universität. Dies impliziert die Forderung nach Mitteln und bezahlten Stellen. Diese sollen allein nach Kriterien der Kompetenz besetzt werden. Insbesondere für die inhaltliche Arbeit sollen Fachleute auch ohne Durchlauf der regulären Universitätslaufbahn berücksichtigt werden. Quotierung ist selbstverständlich. Die Teilnahme von StudentInnen an Veranstaltungen des Instituts soll in den jeweiligen Fachbereichen anerkannt werden. Kurzfristig wird sich das Institut in Form eines Büros etablieren. Von da aus sollen erste praktische Projekte geplant und die Perspektiven des Instituts weiterentwickelt werden.

Zu den Chancen der Realisierung

Das Institut wird nur dann verwirklicht werden können, wenn es von vielen nicht nur gefordert, sondern auch tatkräftig mitgebaut und ausgearbeitet wird. Wir rufen daher alle Interessierten, insbesondere aus naturwissenschaftlichen Fächern, zur inhaltlichen und organisatorischen Unterstützung auf. Persönlich, brieflich oder telefonisch erreicht Ihr das BertoltBrecht-Institut hier:

BBI c/o Petra Jobner im J.F.K.-Institut, Zimmer 306a, Lansstr. 5-9, 1/33, Tel: 838-3492 (privat: 456 5803, 624 5142)