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Interdisziplinarität – kritischer Eingriff oder magische Formel?

Als die Studentinnen durch die Besetzung der Universität im Dezember in das Funktionieren der Lehrapparate eingegriffen haben, war dies ein spontaner Vorgang, der seine Verstärkung nicht nur durch parallele Aktionen im Bundesgebiet erfuhr, sondern vor allem durch die Vielfältigkeit und Geschwindigkeit, mit der – zumindest am Anfang – der unverhofft gewonnene Freiraum genutzt wurde. Lange zurückgestaute Kreativität war jetzt gefragt, fast täglich neu hinzukommende Projekte und Arbeitsgruppen erhöhten den Reiz des Möglichen.

Zu den auf neue Weise möglich gewordenen Ideen aus der prospektiven Phase der Besetzungen gehörte die Devise der Interdiszipli-narität, die wir – auch retrospektiv – für wichtig genug halten, als eigenes Problemfeld der aktuellen studentischen Intervention untersucht zu werden. "Interdisziplinarität" war nicht nur ein Dauerbrenner in allen während der Besetzung vorgebrachten Forderungskatalogen, sie war eine Parole in Vollversammlungen wie in Privatgesprächen, stets präsent, ohne daß wir hätten sagen können, wie oder von wem dieses Stichwort unserem Sprechen in der neuen Situation souffliert worden war. Interdisziplinarität gehörte zum Kernbestand der Begriffe, an deren Gebrauch – vergleichbar der 'Besetzt'-Lektüre – Zugehörigkeit und Zustimmung zu unseren UNiMUTs-Äußerungen ablesbar waren.

Über das Abspielen der Erkennungsmelodien hinaus hatte die Devise von der Interdisziplinarität jedoch von Anfang an eine praktisch-politische Bedeutung, an die das problematisierende Reden über Interdisziplinarität und ihre Funktion als BesetzerInnenforderung rückgebunden bleibt. Die Besetzung der Universitäten, die Aktionen im Dezember waren Kampfmaßnahmen gegen den neokonservativen "Roll-Back" an den West-Berliner Hochschulen, gegen dessen Strategie des "Survival Of The Most Efficient", und als Aktionen gegen diesen drittmittelträchtigen Instituts-Darwinismus waren sie selbstverständlich und notwendig interdisziplinär. Das Gegeneinander-Ausspielen von Fächern, womöglich noch in den überkommenen Gegensatz der Snowschen "zwei Kulturen" von Natur- vs. Gesellschaftswissenschaften zurückfallend, und das Herausschneiden von "Leckerhappen" aus zusammengehörigen Disziplinen hatte hochprivilegierte Reservate inmitten eines immer untragbarer werdenden "Massen"-Studiums (wer so redet, wähnt sich selbst schon im Reservat) zum Ziel – und dagegen wehrten sich alle Disziplinen gemeinsam, und nicht nur die, die auf der Liste aussterbender Orchideenfächer standen. Wirksam gekontert wurde mit den gemeinsamen Aktionen aller Fachbereiche auch die Strategie der sogenannten "Strukturkommission" an der FU Berlin, vermeintlich "linke" Fachbereiche durch zwangsweise Zusammenlegung mit entsprechend gestärkten "rechten" Pendants zu einem sich selbst blockierenden Apparat zu neutralisieren.

Ausdruck dieser (uni)politischen Dimension der Devise der Interdisziplinarität ist die Tatsache, daß Auslöser und Adressat der Proteste zunächst die Beschlüsse des FU-Kuratoriums waren, deren Eingriffe in multidisziplinär arbeitende Einrichtungen (Lateinamerika-Institut, Osteuropa-Institut, FB Philosophie und Sozialwissenschaften) eine Zurücknahme bzw. Zerstörung interdisziplinärer Arbeiten zur Folge gehabt hätte: Philosophie sollte von den Sozialwissenschaften getrennt, Lateinamerikanistik zur puren Philologie werden. Im Protest gegen diese völlig unsinnigen – inzwischen aufgrund der Bewegung teilweise suspendierten – Beschlüsse zeigte sich allerdings auch schon ein argumentatives Dilemma: Die Verteidigung von Instituten gegen die neokonservative Wende lief, als Verteidigung nicht der Wirklichkeit, sondern des Anspruchs dieser Einrichtungen, Gefahr, zum Plädoyer für den Status quo zu werden.

Das emphatische Argumentieren mit dem Anspruch der Interdisziplinarität erwies sich zwar schnell als über die Bewegung der StudentInnen hinaus konsensfähig: Gerade an den "bedrohten" Instituten bildeten sich überdurchschnittlich harmonische Bündnisse mit linksliberalen ProfessorInnen heraus, in denen – im Interesse eines gemeinsamen Vorgehens gegen die konservative Destruktionspolitik – der studentische Protest von der Logik akademischer Besitzstandswahrung vereinnahmt wurde. Jedoch zeigte der schnell gescheiterte Versuch, dort den vermeintlichen Konsens beim Wort zu nehmen und viertelparitätische Mitbestimmung in diesen "Bündnissen" zu realisieren, daß StudentInnen und ProfessorInnen keineswegs immer "im gleichen Boot" sitzen – anders ausgedrückt: das partielle Entgegenkommen "linker" ProfessorInnen und das gemeinsame Engagement um den Erhalt "kritischer" Institute ersetzen nicht die Kritik an den Herrschaltsverhältnissen in den Instituten und der in ihnen praktizierten Wissenschaft. Das Beispiel Interdisziplinarität zeigt, daß dieser kritisch motivierte Anspruch selbst in eine Krise geraten ist, die schon vor dem konservativen "Roll-Back" nur durch penetrante Betriebsamkeit überdeckt wurde.

Daß der Erhalt bestehender, ihrem Selbstverständnis nach "interdisziplinär" arbeitender Institute nicht unser einziges, vielleicht überhaupt nicht unser Ziel sein kann, wurde uns in den ersten Besetzungswochen klar, als die Eigendynamik neuer Ideen und die Initiativen zu selbstbestimmten Seminaren, deren Themenstellung quer zur Logik der Aufteilung der Disziplinen lag, die anfängliche Orientierung am Vorgefundenen verdrängten. Zentrale Arbeitsinteressen und Bedürfnisse, die nun entwickelt und artikuliert werden konnten (Feminismus, Faschismusforschung, hedonistisches Verhältnis zum eigenen Studium), fallen in der bisherigen universitären Kompetenzverteilung durch die Lücken. Dabei stellte sich eben nicht bloß das Problem einer neuen "Gebietsaufteilung", die Nischen und Überlappungen zwischen den traditionellen Disziplinen zuläßt. Stark und brisant werden die Forderungen nach anderen Forschungsinhalten und Methoden, indem sie die Territorialaufteilung des Fächerkanons selbst in Frage stellen. Das Ziel der Interdisziplinarität wurde zur Frage nach der Form der universitären Arbeitsteilung. Ein Beispiel für die Problematisierung und Weiterentwicklung des Begriffs ist die Initiative zur Gründung eines "Bertolt-Brecht-Instituts für interdisziplinäres Arbeiten", die Mitte Dezember gestartet wurde. Interdisziplinarität, so wurde bei der Gründungsdiskussion deutlich, kann kein Selbstzweck sein, den die StudentInnenbewegung zustimmend aus dem herrschenden Wissenschaftsbetrieb übernimmt – die technisch und administrativ koordinierte Zusammenarbeit von Einzeldisziplinen ist längst gängige Praxis, wenn es um Effizienz und Verwertbarkeit geht**.

Dem gegenüber muß sich der studentische Anspruch der Interdisziplinarität ebenfalls sozial und politisch definieren, indem das Ziel der "Forcierung fächerübergreifender Veranstaltungen in Forschung und Lehre" verbunden wird mit dem Eingreifen in die gesellschaftlichen Determinanten der universitären Arbeitsteilung. Die Initiative formulierte daher das übergreifende Ziel einer "Verknüpfung der universitären Wissenschaft mit derjenigen, die in sozialen Bewegungen, wie der Frauenbewegung, der Ökologiebewegung und anderen, produziert wird" und veränderte ihren Namen, ausgehend von Brechts TUI-Kritik, zur politischen Kenntlichkeit in: "Institut für eingreifendes Denken". Antihegemoniale Bewegungen wie Feminismus, Marxismus, Ökologiebewegung, so das Konzept des "eingreifenden Denkens", sind interdisziplinär durch die Art ihres politischen Eingriffs: indem sie auf Problemzusammenhänge reagieren, die die Grenzen der Einzeldisziplinen überschreiten oder durch diese Grenzziehungen mit hervorgerufen werden (Beispiel: Gentechnologie, bei deren Diskussion alle Aspekte, welche die medizinisch-technischen Manipulationsmöglichkeiten übersteigen, an sogenannte Ethik-Kommissionen delegiert werden.) Sie sind auch insofern interdisziplinär, als sie die Theorie/Praxis-Trennungen verwerfen, einer Vergesellschaftung der Universitätsressourcen zuarbeiten und wissenschaftliche Kompetenz in politischen Druck transformieren (Beispiel: Unterstützung der Sinti und Roma bei ihrer Anerkennung als Faschismusopfer durch HistorikerInnen).

Neben der Einbindung des Interdisziplinaritäts-Konzepts in eine Strategie antihegemonialen politisch-kulturellen Eingreifens wurden in den selbstbestimmten Seminaren auch Auseinandersetzungen über die Kritik der wissenschaftlichen Arbeitsteilung selbst geführt. Liegt das – auch von selbstkritischen ProfessorInnen eingeräumte – Nicht-Funktionieren interdisziplinärer Arbeit nur am Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit oder ist bereits die Losung der Interdisziplinarität innerhalb der herrschenden Wissenschaftspraxis nur ein Kompensationseffekt?

In einem selbstbestimmten Seminar zur "Kritik der Philosophie" wurde das Verhältnis von wissenschaftlicher Arbeitsteilung und ideologieförmigem Interdiskurs (Funktion von Theologie, Philosophie, neuerdings Wissenschaftstheorie) anhand von Althussers Vorlesung "Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler" (Althusser, 1985) erarbeitet. Althusser unterscheidet, grob formuliert, drei Formen interdisziplinärer Praxis: 1. eine technisch strukturierte Kooperation von Einzeldisziplinen im Rahmen eines klar definierten "Auftrags" ("Die Interdisziplinarität, die entsprechend den technischen Erfordernissen eines Auftrags definiert wird (...) als die Wiederzusammensetzung der Teilarbeiten zur Realisierung eines kollektiven Werkes" – 35), 2. organische Austauschbeziehungen zwischen unterschiedlichen (natur)wissenschaftlichen Disziplinen, durch die sich neue Disziplinen konstituieren (Althusser nennt beispielhaft "physikalische Chemie, Biochemie" – 39) und 3. die – nach Althusser – überwiegend von "Geisteswissenschaftlern" bestrittenen "Round-Table-Gespräche", deren kritische Beschreibung bei vielen von uns Assoziationen zu der uns bekannten Wissenschaftspraxis weckte:

"Die Soziologie, die politische Ökonomie, die Psychologie, die Literaturgeschichte usw. sind unaufhörlich damit beschäftigt, Grundbegriffe, Methoden, Verfahrensweisen von anderen, bereits existierenden Disziplinen (...) zu entleihen. Dies ist die eklektische Praxis der interdisziplinären 'Round-table-Gespräche'. Man lädt seine Nachbarn ein, wie es der Zufall gerade fügt, um bloß niemanden zu vergessen, denn man kann ja nie wissen". (51)
Wenn die "interdisziplinäre" Zusammenarbeit an den Universitäten meist in Form solcher wahllos zusammengewürfelten Gesprächsrunden stattfindet, so ist dies für Althusser ein Symptom für die Äußerlichkeit, in der sich die beteiligten Disziplinen gegenüberstehen, und, im Fall der sogenannten "Geisteswissenschaften", Ausdruck ihrer Theorielosigkeit. Die Losung der Interdisziplinarität wird, so Althusser, zu einem ideologischen Satz, da sie sich nicht auf tatsächliche Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen bezieht, sondern einer "imaginären Vorstellung von der wissenschaftlichen Arbeitsteilung" entspricht (52); sie ist die "spontane Ideologie der Spezialisten".

Althussers Fazit:

"Mit Ausnahme bestimmter, genau umrissener Fälle meist technischer Art (...) bleibt die Interdisziplinarität eine magische Praxis, die als Magd einer Ideologie fungiert" (52),
ist auch in unserem selbstbestimmten Seminar kontrovers diskutiert worden. Trifft seine – nach unseren Erfahrungen berechtigte – Kritik des Eklektizismus auch die Interdisziplinaritäts-Forderung des studentischen "Projekts"? Inwieweit arbeitet die während der Besetzung artikulierte Sehnsucht nach einer Überwindung der 'disziplinierenden' Eingrenzung einer imaginären Wiederaufhebung der Arbeitsteilung im Ideologischen zu?

Freilich haben umgekehrt gerade die besetzungspraktischen Erfahrungen dieses Wintersemesters gezeigt, daß es auch möglich ist, Interdisziplinarität nicht im Sinne der herrschenden Wissenschaft, als Inszenierung eines nichtabreißensollenden Miteinanderredens, zu verstehen. Es gab Kooperation (also "technisches" Zusammenarbeiten von SpezialistInnen) ohne die Kategorie des "Auftrags", die vom Organisieren der physischen Subsistenz im besetzten Campus bis zu öffentlichkeitsintensiven Kunst-Wissenschafts-Theater-usw-Aktionen reichten. Es gab respektlose Ein- und Übergriffe in die terminologischen Abschottungen, mit denen sich "wissenschaftliche" Spezialdiskurse vor dem Interesse und der Mitarbeit fach- oder universitäts"fremder" Gruppen schützen wollen. Und vor allem gab es – gegen die "Case-by-case-Repressionen" der Universitätsleitungen und Fachbereiche – einen solidarisch-interdisziplinären Protest, mit dem niemand schon immer gerechnet hatte.

Trotz dieser Teilerfolge eines gemeinsamen Widerstandes bleibt die theoretische Gretchenfrage nach dem Status der Interdiszipli-naritätsforderung und ihrem kritischen Potential innerhalb der StudentInnenbewegung noch ungeklärt. Seltsam ist es schon, wenn der neue UNiMUT seinen Einspruch mit einem Begriff artikuliert, der in der Wissenschaftskultur, gegen die sich der Eingriff richtet, einen ideologischen Grundpfeiler darstellt.

Wenn die Losung der Interdisziplinarität nicht die von Althusser konstatierte "Theorielosigkeit" der Kulturwissenschaften fortschreiben und als Theoriefeindlichkeit (vgl. Kongreßbericht) in die Praxis der Studierenden hinein verlängern soll, darf interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht als Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, als Wissenschaft zu herabgesetztem Preis, betrieben werden. Wo dies der Fall ist, baut sich das berechtigte Kritikpotential an der herrschenden Wissenschaftspraxis selbst ab, und die technokratische Interdisziplinarität funktioniert umso reibungsloser: Technologiefolgenabschätzung und die kulturelle Abfederung eines selbstredend zustimmungspflichtigen High-tech-Kapitalismus sind deren politische Aufträge.

Um auch in der Theorie Gegenposition beziehen zu können, schlagen wir, die Harmonie des round-table-Gespräches verlassend, eine doppelte Radikalisierung der Interdisziplinarität vor: in Richtung auf eine metadisziplinäre "Theorie der wissenschaftlichen Arbeitsteilung", die gegenüber den Einzeldisziplinen "totalisierende" Effekte geltend macht und deren Restriktionen und Kompetenzverteilungen analysiert. Für eine solche "metadisziplinäre" Ausweitung steht beispielsweise Foucaults Arbeit an der Geschichte der Humanwissenschaften, die in selbstbestimmten Seminaren und Diskussionen während der Besetzungen stark rezipiert wurde, was für den Bedarf an übergreifenden theoretischen Ansätzen spricht.

Eine zweite Strategie der Radikalisierung liegt in den transdisziplinären Grenzüberschreitungen. Was bei den Veränderungen des Wissenschaftsjargons als unbewußte Modernisierung erfolgt, nämlich das Ausborgen von Fachterminologie beispielsweise aus der Computersprache oder der Systemtheorie, kann ja auch gezielt und polemisch eingesetzt werden, um die Verfahrensweise einer Disziplin mit den Codes einer anderen zu reformulieren. So plädiert Fredric Jameson für eine marxistische Ideologiekritik mit semiotischem Instrumentarium, die "den Keil des 'Text'-Begriffs in die traditionellen Disziplinen" schlagen soll (Jameson 1988, 292). Umgekehrt könnte dann auch Beethovens Neunte im Teilchenbeschleuniger simuliert werden – hier kann es gar nicht genug HackerInnen geben!

Autonom von Staats wegen – die Neuauflage der "Idee der Universität"

"Humboldt ist wieder 'in'", konstatierte die FAZ noch vor drei Jahren anläßlich des 600-Jahr-Jubiläums der Universität Heidelberg: "Das Bekenntnis zu Humboldt ist die Lebenslüge unserer Universitäten. Sie haben keine Idee" (24.3.86), so hat dasselbe Blatt angesichts des studentischen Aufbegehrens gegen die geistlose Technokraten-Universität den Kampf um den unzeitgemäßen Klassiker der akademischen Freiheit neu eröffnet:

"Es wäre falsch, wenn man es allein den Marxisten überließe, Wilhelm von Humboldts Ideal von der zweckfreien Universität zu beschwören" (2.12.88).
Ein direkter Zusammenhang zwischen neuerlicher Berufung auf das normative Leitbild des preußischen Universitätsgründers und den studentischen Besetzungsaktionen läßt sich zwar nicht festmachen – erschallt die Parole von der Freiheit der Wissenschaft doch, wie die Reaktionen auf die angekündigte Auflösung der West-Berliner Akademie der Wissenschaften zeigen, selbst bei neoliberalen Wirtschaftslobbyisten wie Lambsdorff (Aktuelle Stunde im Bundestag, 15.3.89). Aber der von eben diesem neoliberalen Gesellschaftsmodell seit der Wende auf die Universitäten politisch ausgeübte Verwertungs- und Vermarktungsdruck, der die Universität als Institution in ihrer Selbständigkeit bedroht, macht eine emphatische Rückkehr zu der Rede von der "Autonomie der Hochschule" zumindest politisch und strategisch sinnvoll. Doch der Verlust, der damit aufgezeigt ist, umfaßt mehr als nur das Schwinden korporativer Einflußnahme auf die Wissenschaftspolitik. Kommentare wie der Klaus Heinrichs, der die "Geistlosigkeit der Universität heute" und das gänzlich unerotische Verhältnis zum universitären Arbeitsplatz beklagte, gehören schon zum kulturellen Umfeld der 88er StudentInnenbewegung, wurden von ihr nicht zuletzt deswegen positiv aufgegriffen, weil sie eine Erfahrung und ein Grundinteresse reflektieren, die den UNiMUT prägten: den Verlust und die mögliche Wiedergewinnung der Universität als selbstbestimmter Lebensform.

Politischer Widerstand, der sich – merkwürdig vage – gegen Fremdbestimmung durch die Verwertungsinteressen der "Wirtschaft" richtete, und die Utopie eines selbstbestimmten Lebens und Arbeitens konvergierten in der StudentInnenbewegung zu der institutionell-politisch und subjektiv-individualistisch aufgeladenen Forderung nach Autonomie.

So ganz von ungefähr freilich kommt diese Überlagerung verschiedener Dimensionen in der studentischen Autonomie-Forderung nicht. Schon das Humboldtsche Projekt einer "Beamtenwissenschaft" betrieb die institutionelle Absicherung des Bildungs- und Wissenschaftskonzepts auf mehreren Ebenen. Da wird zunächst im Zuge einer umfassenden Säkularisierung die aristotelische Idee einer "Wissenschaft um ihrer selbst willen" wieder ausgegraben (metaph. 982a, 15); diese "höchste Wissenschaft" – bei Aristoteles die Philosophie – wird nicht "um eines Nutzens willens" betrieben (frei von Verwertungsinteressen würden wir heute sagen) und erweist sich dadurch als soziales Attribut des von der Sklavenhaltergesellschaft alimentierten "freien Menschen" und seiner Muße (982b, 25).

Auch die idealistischen Reformer um 1800 sahen in der Philosophie, der aus den artes liberales mit hervorgegangenen "unteren Fakultät", die Verkörperung der freien, gegenüber Kirche, Politik und Ökonomie autonomen Wissenschaft, da sich die staatliche Einflußnahme auf die von diesen Instanzen direkt abhängigen Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin, als den zweckbestimmten "Brotberufen", konzentrierte (Vgl. Schnädelbach 1983,39ff). Kants "Streit der Fakultäten" geht zugunsten der Philosophie und ihrer normativen Ideale Vernunft und Kritik aus, da sie zugleich das humanistisch-ganzheitliche Bildungsideal repräsentiert und gegenüber einer sich abzeichnenden wissenschaftlichen Spezialisierung verteidigt. Statt der Sklaven soll nun der Staat die Freisetzung vom Reproduktionsprozeß finanzieren und dadurch die für die esoterische "Wissenschaft um ihrer selbst willen" nötige materielle Sorglosigkeit herstellen.

Die Universität als "Einheit von Forschung und Lehre" unter dem Primat des philosophischen Bildungsideals dient also zunächst der ökonomischen und institutionellen Absicherung einer sich als autonom begreifenden Wissenschaft: zwischen dem Säkularisierungsschub der Aufklärung und dem Spezialisierungsdruck der industriellen Revolution entsteht die Imagination einer selbstbestimmten, wissenschaftlichen Lebensform.

Von der Selbständigkeit und Freiheit der akademischen Institutionen profitiert, so Humboldt, letzten Endes gerade der Staat, der für sie aufzukommen hat: durch die freigesetzte Dynamik eines nie abschließbaren Forschungsprozesses ebenso wie durch die integrationsstiftenden ethischen Humanitätseffekte bei den in die Universität eingelassenen Subjekten (deren affirmatives Verhältnis zur Macht dieses Kalkül dann auch bestätigt hat).

Von 'rechts' und 'links' gleichermaßen beschworen, stellt das Humboldtsche Ideal universitärer Autonomie keinen Wert an sich dar. Um die Frage zu beantworten, welche Aussagekraft und Aktualität dieses Ideal dennoch für die heutige BesetzerInnenbewegung haben kann, wollen wir nochmal das Spannungsfeld, in dem der Autonomiegedanke steht, seine Heranziehung zur De- und Reformierung der Universität seit Humboldt skizzieren.

Zentral ist für den Autonomiegedanken die Idee der "Zweckfreiheit", mit der die Autonomie unpolitisch und bar jeglicher gesellschaftlicher Relevanz gehalten wird. Dies hat dazu geführt, daß die Autonomie zur "Ideologie eines Berufsstandes" verkommen konnte, der in individueller Forschungstätigkeit ohne Praxisbezug und Nutzbarkeit für die Gesellschaft verharrte. Die Notwendigkeit von Distanz und politischer Unabhängigkeit hat de facto zu einem weltabgewandten 'Elfenbeinturm' und dem Verzicht auf Stellungnahme geführt. So hat die staatlich garantierte Autonomie dazu beigetragen, daß sich das "neuhumanistische Bildungsideal zu dem geistesaristrokratischen, unpolitischen, obrigkeitskonformen Selbstverständnis einer praxisfernen, nach innen autonomen, forschungsintensiven Bildungsanstalt verformt" hat (Habermas, 1987,86).

Hatte schon Max Weber die Unmöglichkeit solcher Zweckfreiheit für die moderne kapitalistische Gesellschaft und eine sich vollziehende Reorganisierung der Universität im Sinne eines kapitalistischen Großbetriebes konstatiert, so bedeutete die Forderung nach technischer Neuerung und Leistung für die Universität: Anpassung statt Autonomie.

Zwischen den zwei Extrempolen Bürokratisierung und Privatisierung stehend, wurde die Autonomie zunehmend zurückgedrängt zugunsten der Unterwerfung des Wissenschaftsbetriebes unter die Prinzipien der Marktrationalität – ob als staatskapitalistisch oder privatkapitalistisch organisierter Betrieb. Stichworte wie Effizienzsteigerung und Verwertung, Funktionalisierung innerhalb des bestehenden Fortschrittsmodells unter Ausschluß kritischer und alternativer Forschungsrichtungen und Lehrinhalte skizzieren diese moderne Denkfabrik. Gleichzeitig verkommt die Universität als ideologischer Staatsapparat durch verstärkte staatliche Eingriffe zu einer doktrinären Ideologieverarbeitungsmaschine entsprechend der jeweils herrschenden (partei)politischen Ausrichtung; ebenso wie auch die Universität als privatwirtschaftliches Unternehmen, ausgerichtet auf kurzfristig profitable Wissensproduktion, jeglicher kritischer Reflexion entbunden wird.

Deutlich läßt sich auch an der Geschichte der FU Berlin ablesen, mit welch unterschiedlicher politischer Zielsetzung die Autonomieforderung von verschiedenen Gruppen instrumentalisiert wurde. An den Fixpunkten 1948, 1968 und 1988 läßt sich aufzeigen, welchen Projekten das Humboldtsche Ideal jeweils unterworfen wurde (Vgl. auch im weiteren Bernd Rabehl 1988).

1948 war das Gründungsideal der FU Berlin zum Teil geprägt durch die Berufung auf Humboldt (v.a. dessen Gedanken einer universitären Autonomie und einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden), aber auch durch US-amerikanische Gedanken einer marktwirtschaftlich organisierten Universität, die sich mit Prinzipien von Effizienzsteigerung, Konkurrenz und Leistungskontrolle gegen die Ordinarienuniversität (und deren Bürokratie und feudales Standesdenken) wandte. Die Rücknahme der Ideale dieser gegen Ost- und westdeutsche Universitäten gleichermaßen gerichteten Gründung erfolgte bereits von 1952 an – zum einen durch die allmähliche Verbeamtung, zum anderen durch die Bestrebungen, die akademische Selbstverwaltung, die relative Autonomie der Universität zurückzudrängen und sie verstärkt unter staatliche Kontrolle zu stellen. Der Autonomiegedanke war 1948 in erster Linie gen Osten gerichtet: gegen die zentral verwaltete und staatliche kontrollierte Humboldt-Universität (wobei die Erfahrung der Gleichschaltung und Funktionalisierung der Universität unter dem Nationalsozialismus mit einem neuen alten Antikommunismus gekoppelt werden konnte) setzte mensch die Forderung, Staat und Politik fernzuhalten von der Universität. Solcherart Entpolitisierung aber ist ebenfalls politisch – Idee und Realität der FU Berlin waren sofort eingebunden in Frontstadtdenken und Kalten Krieg.

Auch die 1969 gegründete NofU forderte später eine politik- und ideologiefreie Universität: Der Schrei nach Entpolitisierung und Wissenschaftspluralismus war dabei vor allem gegen eine wissenschaftliche Methode (die des Marxismus) gerichtet und gegen den Versuch, als WissenschaftlerIn Stellung zu beziehen, die "autonome" Distanz aufzugeben und Bezug zur Praxis zu suchen.

1968 war der Autonomiegedanke eingebettet in die studentische Forderung, den Tendenzen der Spezialisierung, des "Fachidiotentums" und der Universität als "Privatindustrie" ebenso wie denen der Restauration der Ordinarienuniversität entgegenzuwirken. Diese beiden Tendenzen – Einbindung der Univesität in die Arbeitsteilung der kapitalistischen Gesellschaft plus Funktionalisierung für Privatinteressen, wie auch ihre Absorption durch den Staat – wurden gewertet als Zerstörung einer universitären Autonomie, die als Grundlage für die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung gegenüber der als reaktionär empfundenen Universität eingeklagt wurde. Die SDS-Schrift "Hochschule in der Demokratie" sah den Autonomiestatus als Grundlage für einen Demokratisierungsprozeß der Universität an, der in einer Öffnung der Universität für alle Schichten, einer "Entrümpelung" und Weiterentwicklung der Universität als Forschungsstätte und als Ort der Qualifikation und Weiterqualifikation (im Rahmen eines technischen Rationalisierungsschubs) und letztlich in einer von der Universität ausgehenden Demokratisierung der Gesellschaft bestehen sollte. Ebenso sollte mit der Gründung einer "Kritischen Universität" die politische Autonomie der Universität genutzt werden, um eine neue kritische Wissenschaft zu schaffen, die engagiert und politisch den Bezug zu anderen gesellschaftlichen Gruppen suchen sollte und über selbstorganisierte und -bestimmte Lernprozesse praktische Aufklärungsarbeit leisten und Kritik an der Staatsmacht üben sollte.

Trotz oder eher wegen solcher Ziele wurde eine Reform der Universität nie wirklich durchgesetzt, sondern vielmehr schon in ihren Anfängen zurückgenommen. Bereits von 1969 an fand die Aufhebung des bis dato vorhandenen Sonderstatus der Universität, der Verlust ihrer noch vorhandenen Autonomie statt. Durch sich ständig verstärkende staatliche Kontrolle wurde von der SPD ein Entdemokratisierungsprozeß mit der Kehrseite des Autonomie-Arguments eingeleitet. Taktisch geschickt wurde nun Autonomie – gleichgesetzt mit Bürokratie und Ordinarien – als größtes und daher zu beseitigendes Hindernis für eine "gesellschaftliche Kontrolle" und "Modernisierung" der Universität deklariert. Was aber wirklich mit "Modernisierung" und "gesellschaftlicher Kontrolle" gemeint war, hat sich in immer stärkeren Maß v.a. auch unter dem CDU/FDP-Senat entpuppt. Zum einen als Ausverkauf der Universität an die Privatwirtschaft: Sparmaßnahmen führten zu einer privaten Förderung qua Drittmittel und einer Auslagerung der Forschung, bei gleichzeitiger Austrocknung kritischer Fachbereiche. Zum anderen als staatlich-parteipolitische Bevormundung: beispielhaft abzulesen an der Realität des Kuratoriums, das anstelle des konzipierten gesellschaftlichen Kontrollorgans zu einem parteipolitisch dominierten Entscheidungsgremium wurde. Die Folgen dieser Veränderungen sind nicht zuletzt Anlaß für die 88er BesetzerInnenbewegung gewesen.

Neben den Ähnlichkeiten, welche die studentischen Forderungen im allgemeinen über die Jahre aufweisen, verblüfft die zentrale Stellung des Autonomie-Begriffs ebenso wie seine Verwendung für unterschiedliche politische Zielsetzungen. Herauszuheben ist vor allem der 68er- (und heute ähnliche) Gebrauch des Autonomie-Begriffs seitens der StudentInnen, um einen Freiraum zu schaffen für eine durchaus politische und praxisbezogene Wissenschaft, ohne sich um das Argumentieren der Konservativen mit dem Humboldtschen Ideal zu scheren.

Für die heutige BesetzerInnenbewegung lassen sich in erster Linie zwei Begriffsverwendungen und Zielsetzungen unterscheiden. Zunächst läßt sich eine inflationäre Verwendung des Begriffs auf einer subjektiv-individuellen Ebene feststellen. Seit den "Autonomen" und der Verlagerung der politischen Auseinandersetzung auf spontan aufgegriffene, konkrete Sachfragen rückte – wohl eher unbewußt – ein bürgerlicher Subjektbegriff in den Mittelpunkt solcherart mit einem Selbstverwirklichungsideal gekoppelter 'Kleinpolitik'. Dieser wurde auch deutlich in den während der Besetzung entstandenen und fälschlicher- aber bezeichnenderweise so genannten "autonomen" Seminaren. Daß es hier in erster Linie um selbstbestimmtes Lernen und nicht um institutionelle Autonomie ging, zeigt schon die Forderung nach "Gleichstellung und Anerkennung sowie materielle(r) Absicherung autonomer Seminare" (Erstsemester-Info SoSe 1989, 43, Forderungskatalog, Punkt 12). "Autonome" Seminare beinhalten vor allem die individuelle Forderung nach einer Selbstverwirklichung durch Bildung, die aufgehen soll in einer kritischen und gesellschaftlich aufklärenden Wissenschaft. Daß Bildung und Wissenschaft in der modernen Universität nicht mehr Hand in Hand gehen, hatte allerdings schon Weber konstatiert. Ob eine Restauration des bürgerlichen Bildungs- und Wissenschaftsideals in der heutigen Gesellschaft noch oder wieder möglich ist, scheint mehr als fraglich. Die Gefahr ist groß, daß statt dessen der individuelle Aspekt der Autonomieforderung die Universität zu einem Spielplatz für Selbsterfahrungstrips verkommen läßt, während die wissenschaftliche Forschung weiterhin ausgelagert wird.

Was nun die politisch-institutionelle Ebene der Autonomieforderung anbelangt, so hat hier die Formulierung im Forderungskatalog ihre Tücken:

"Es geht um die Herstellung der Autonomie der Universität zum Zweck einer problemorientierten sowie konfliktbereiten Wissenschaft losgelöst von den Verwertungsinteressen der Wirtschaft (...)"
heißt es in der Präambel (ebd., 39).

Mit einer derart unscharfen Formulierung wird auf jeglichen (ökonomischen) Nutzen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit verzichtet. So verstandene Autonomie klingt nach einer Totalverweigerung – der Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz wird negiert und auf den Kampf um Hegemonie wird verzichtet. Autonomie bleibt dann im Subjektiven verhaftet und führt, anstatt die Ergebnisse einer kritischen Wissenschaft politisch einzusetzen, ins gesellschaftliche Abseits.

Ja mehr noch, sie führt zurück in den "Elfenbeinturm", zurück zur auf Sklavenhaltung basierenden "Zweckfreiheit" bei Aristoteles oder – moderner – in die Nähe einer "wahren Wissenschaft", die bei Nolte und den Damen und Herren der NofU der "Auffindung von Wahrheiten, die keinen Nutzen haben", dienen soll (Nolte 1970, 9). Daß wir solch einen Fundamentalismus nicht wollen, versteht sich und beweisen die Forderungen nach "Einbeziehung der Universität in die gesamte Gesellschaft" (Erstmesterinfo SoSe 89, 39) und nach "Verbindung zur gesellschaftlichen Praxis" (ebd., 43). – Auch waren es andersherum gerade die Damen und Herren der NofU, die für die Restauration ihrer professoralen Rechte die heilige Kuh der Autonomie opferten (Vgl. NofU-Informationen, 15.4.71).

Die Frage nach der Autonomie der Universität ist auf das engste verbunden mit dem Problem der Finanzierung. An einer nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionierenden Universität scheint die Ausrichtung von Lehre und Forschung auf eine kritische Wissenschaft nicht möglich. Der Entwurf langfristiger Strategien zur alternativen Lösung komplexer Probleme widerspricht einer Finanzierung der Universität, die der kapitalistischen Logik kurzfristiger Verwertbarkeit gehorcht. Dennoch ist auch ein vollständiger Verzicht auf Drittmittel in der heutigen Situation nicht mehr möglich. "Nehmen, aber nicht instrumentalisieren lassen" – kann die Devise nur lauten. Die Autonomieforderung läuft in dieser Hinsicht Gefahr, sich notwendige Geldquellen zu verschließen und die Universität noch stärker ins 'Aus' zu manövrieren. Die Folge wäre eine weiter verstärkte Trennung von Forschung und Lehre: die Auslagerung relevanter Forschungsgebiete und hochqualifizierter "Techniker und Technikfolgenkompensierer" aus der Universität, die dann einzig und allein als Auffangbecken für "Linke" und andere Outcasts und zur Kaschierung der Arbeitslosenstatistik dienen würde.

Während auf der einen Seite mit der Autonomieforderung zurecht privatwirtschaftliche Einflußnahme auf die Universität eingeschränkt werden soll, gilt sie andererseits auch der sich in den letzten Jahren mehrenden staatlichen Eingriffen. Gegenüber der Präsenz von Polizei auf dem Campus, der Privilegierung konformistischer Fachbereiche, bzw. entsprechender Forschungsrichtungen an einzelnen Fachbereichen, der Berufungspraxis v.a. unter Wissenschaftssenator Turner und des Kuratoriums als regierungsdominierten Entscheidungsgremium, soll durch Autonomie der Universität entgegengewirkt, eine von staatlichen bzw. jeweiligen Regierungsinteressen unabhängige Forschung gewährleistet werden.

Strategisch ist – unter den gegebenen (hochschul)politischen und ökonomischen Bedingungen – die Autonomie der Universität durchaus einzuklagen, gerade gegenüber Gruppen, die diese Forderung ideologisch occupiert haben. Es versteht sich, daß in diesem Sinne geforderte Autonomie nicht für eine unpolitische Wissenschaft oder gegen berufliche Praxis gerichtet sein darf – auch wenn ihr diese Konsequenzen seit Humboldt anhaften.

Gleichzeitig muß kritisch reflektiert werden, daß die eingeklagten Nischen für offiziell disqualifizierte und finanziell restringierte Bereiche die Gefahr bergen, die Universität zum bloßen Reservat zu machen, in dem aussterbende Theoriearten unter Naturschutz gestellt werden, anstatt konstruktiv-kritisch in die gesamtgesellschaftliche Entwicklung einzugreifen.

Langfristig kann unser Ziel nur sein, die Universität über eine wirkliche Demokratisierung so in die Gesellschaft zu integrieren, daß sie von dieser Aufträge erhält und sich ihr gegenüber verantwortungsvoll und kritisch verhält. Staatliche Kontrolle wäre dann ebenso überflüssig wie die ohnehin problematische Forderung nach Autonomie.

Eine der erstaunlichsten Perspektiven für unsere BesetzerInnenbewegung scheint in der 'Autonomie-Frage' vom rot-grünen Senat zu kommen. Wird doch in dessen Koalitonspapier die Autonomie von Staats wegen verordnet. Doch damit nicht genug, auch die meisten anderen unserer Forderungen haben in diesem Papier auf die eine oder andere Weise Eingang gefunden. Das größte Hintertürchen, das Ausweg aus der Verwirklichung solcher hehrer Worte bietet, ist wohl die Wissenschaftssenatorin Riethmüller-Seel selbst. Hat sie sich doch während der Besetzung so gar nicht für die StudentInnen und ihre Forderungen interessiert. Sollte die Ernennung der Senatorin für die Taktik eines geschickten Ausmanövrierens des studentischen Widerstandes stehen, so ist – wie schon das allmähliche Abbröckeln der Besetzung und das hoffnungsvolle Abwarten auf den neuen Senat Ende letzten Semesters zeigte – zu befürchten, daß dies gelingen könnte.

Wohin denn wir?

An verschiedenen Punkten unserer gemeinsamen Arbeit an diesem Artikel haben wir einen (vielleicht etwas großspurigen) Vergleich mit den 68ern gezogen, um uns über die Spezialitäten der 88er klar werden zu können. So wenig die heutige StudentInnenbewegung mit 68 zu tun hat, so naheliegend ist andererseits doch dieser Vergleich: Der beschaulich jubiläumsfeierliche Rückblick auf "68 und die Folgen" (so eine Ringvorlesung an der FU Berlin) gehörte, wie in Berlin noch das zusätzliche Abfeiern von 40 Jahren "Freier" Universität Berlin, zu den Duftmarken, die das von uns im WS 88/89 angeeignete Terrain begrenzen. Auch der Hang zur Neu- und Selbstbestimmung im Symbolischen (siehe Embleme und kultuRRevolutio-näre Umbenennungen) forcierten den Blick auf größere historische ("Damals": Die 68er) und geographische Zusammenhänge (Internationaler Widerstand). Die großen Hausnummern täuschen etwas darüber hinweg, daß unsere Bewegung zwar weit politischer motiviert war, als die bürgerliche Presse wahrhaben wollte, aber im Gegensatz zu diesen Vergleichspunkten politisch bis jetzt nichts "bewegt" hat, mit ihren Forderungen nicht nach oben "durchgesickert" ist.

Bewegt hat sich allerdings etwas anderes. Der Campus hat im letzten Wintersemester in seinen besten Momenten etwas von dem Charme eines selbstverwalteten Betriebes gehabt (wir hoffen, das wir einen Teil wenigstens des Arbeitsgefühls, mit dem die 'Besetzt', die selbstbestimmten Seminare oder die Flugis gemacht wurden, in diese "Analyse" retten konnten); theoretische Kompetenzen mußten neu erobert und angeeignet werden, um die eigenen Interessen artikulieren und in praktische Arbeit transformieren zu können. Das ging nicht ohne zuweilen unfreiwillig komische Schwierigkeiten ab – etwa, wenn ein "autonomes" Seminar konsterniert auf seinen "Leiter" wartete und an eine Nullösung bei dieser Position gar nicht glauben mochte: Stell' dir vor, du fährst an die Kreuzung, und alle haben grün!

Daß wirklich von vorne und "ohne Leitbild" angefangen werden konnte, hat seine Gründe sicherlich in dem Überdruß an unipolitischer Gremienarbeit und den Initiativen-Cracks, die sich darin bewegt haben (die meisten aktiven BesetzerInnen waren im 1.-4. Se­mester); andererseits haben die großen Theorie-Paradigmata gefehlt, die – wieder der Vergleich mit 68 – vor 20 Jahren durch die Neurezeption von Marxismus und Psychoanalyse bereit standen. Ein Analogon hierzu war im letzten Wintersemester (trotz Feministischer Wissenschaft, Interdisziplinarität, etc.) nicht auszumachen; hier erweist sich die auch in der Terminologie vollzogene Abkehr von der alten "Linken" leider als eine Rückkehr ins Ungenaue und zeigt, daß, von den wenigen der Erosion noch nicht anheim gefallenen monolithischen "Kapital"-Kursen abgesehen, in Sachen Marxismus nicht weitergedacht, sondern einfach der Rezeptionsstrang unterbrochen wurde.

Sind wir, mit dem Vortragen von Forderungen (Interdisziplinarität, Autonomie), die als Vokabeln auch technokratische und neokonservative Hochschul-Dressings zieren, selbst zu Wende-Bojen geworden? (Womöglich gar als letzte, während schon der rot-grüne Wildwuchs durchbricht?) Eine der Schwierigkeiten, die uns bei der politischen Artikulation unserer wissenschaftlichen Interessen begegnet ist, wird uns auch in Zukunft noch zu schaffen machen: es gibt keine Matrix mehr, die bestimmt, daß "politisch links" und "wissenschaftlich progressiv" automatisch zusammenfallen. Die Neokonservativen von heute sind keineswegs allesamt wissenschaftskonservativ; viele haben – daher das "neo" – die letzten zwanzig Jahre zu einer umfassenden Modernisierung genutzt oder sind als progressive wissenschaftliche Vordenker ins "rechte" politische Lager gewechselt, während umgekehrt die traditionelle "Linke" mit oft hausbackenen Theoriekonzepten daher kommt: Nicht nur Ernst Jandl hat da seine Probleme mit "lechts" und "rinks".

Die heutige StudentInnenbewegung hat den Kampf um die Selbstbestimmung auch in der Theorie noch nicht aufgenommen; die selbstbestimmten Seminare werden, wenn sie denn weitergehen, auch an einer Neubestimmung dessen, was progressive und zugleich kritische linke Wissenschaft sein kann, arbeiten müssen. Wenn die vielbeschworene Theoriefeindlichkeit der StudentInnen, die nicht mit dem skeptischen Pragmatismus vieler kooperierender "MacherInnen" während der Besetzungen verwechselt werden darf, erst den Spaß an der ungefragten Aneignung der Lehr- und Forschungskompetenz gewichen ist, wird sich zeigen, daß das letzte Semester lediglich eine Kostprobe dessen war, was möglich ist.

Das Bild der Universität wird auch durch die darin agierenden politischen Gruppen bestimmt. Auf die radikal-demokratischen einen Blick zu werfen scheint uns sinnvoll, um zu ermessen, was von ihnen im Sommersemester zu erwarten sein wird: Innerhalb des vielfältigen Spektrums des Hochschulbereichs der Alternativen Liste (AL) lassen sich vergröbernd drei Strömungen ausmachen: Es gibt diejenigen, die reformerische Ansätze trotz konservativem Gegenwind umzusetzen versuchen, jene, die das Augenmerk auf eine eher gewerkschaftliche Orientierung werfen, und letztlich die, vor allem unter den StudentInnen, die auf ihre Schultern das ganze Gewicht der Weltrevolution laden. Diese zuletzt genannte Strömung sieht in der heutigen StudentInnenbewegung, romantisch vergleichend, die Tradition so mancher Vorhut gewahrt. Gemeinsam ist in Abstufungen diesen Strömungen in der Hochschul-AL der Mangel an Universitätsszenarien außerhalb einer technokratischen Herangehensweise. Nur da, wo einzelne ihre Organisationserfahrung zur Verfügung stellten, wirkten sie als Schubkraft. Für das Sommersemester würde für Überraschung gesorgt werden, sollten von dieser Seite Impulse für einen Entwurf eines solchen Szenarios zu erwarten sein.

Die zukünftigen Kader der SPD signalisierten bereits während der Besetzungen, daß sie zu ihrem politischen Vorteil bereit waren zu agieren, ihre Wahl für den AStA und die Wahl der SPD für den Senat zu favorisieren. Ihr Pragmatismus bewegt sich immer auch zwischen den Leitplanken des der SPD Nützlichen, freilich grün-layoutet. Ihre Szenarien, soweit sie ernsthaft so genannt werden dürfen, werden überlagert durch ein personalpolitisches Machtkalkül. Die VertreterInnen der romantischen Orthodoxie, verwickelt in das Pulverfaß SEW, rödeln trocken weiter und ihre Verve bedient das Kalkül der Perspektivpläne einer blockierten Partei. Der starke Einfluß der ÖTV reduziert alle Wünsche auf klassisch Gewerkschaftliches, darüber Hinausgehendes ist modisches Beiwerk.

Alle diese Gruppen waren nicht konstitutiv für die Besetzungen, die sich an ihnen vorbei entwickelte. Diese in Gruppenkategorien nicht zu fassende Stimmung setzt allem Anschein nach auf den rot-grünen Senat.

Es ist zu vermuten, daß die Aktivitäten der Breite, wie in den letzten Wochen des Wintersemesters, an wenige delegiert werden. Der wirklich notwendige Schritt, geballt sich den Mühen der Ebene und der Höhen auszusetzen, fehlt. Entsprechende Signale gegen diesen Trend sind nicht auszumachen. Dieses Delegieren lähmt die Euphorie und wandelt konstruktives Wirken in ein dumpfes 'dagegen' um. Daran tragen die politischen Gruppen an der FU Berlin mit ihren klassischen Instrumentarien und Interessen einen nicht unerheblichen Anteil. Ihr Ringen um Hegemonie formalisiert und bürokratisiert jegliche Ansätze einer breiten Diskussion. Das Chaolitionspapier der rot-grünen Koalition verspricht die Einlösung einiger Forderungen unserer Besetzungen. Sie bleiben mit Sicherheit unerfüllt, wenn nicht die BesetzerInnen sie mit Leben und Kritik füllen. Das wäre doch nur konsequent, wenn nach dem ersten Schritt der Thematisierung der Universität der zweite unter rot-grünen Vorzeichen folgt, indem nunmehr die Praxis und die Theorie organisiert wird.

Ein weiteres Ergebnis der Besetzung könnten Projekttutorien darstellen, die in einer zusätzlichen, aber anderen Studienorganisation Themen aufbereiten und nicht den Seminarritualen unterworfen sein wollen. Diese erst durch die selbstbestimmten Seminare mit Leben gefüllten Projekttutorien benötigen dringend den Schub der Interessenten, damit die bürokratische Verschüttung durch die Hegemonie der bisher Organisierenden durch eine multiideologische Vertretung abgeräumt werden kann.

In allem fehlt das, was immer beklagt wurde: die Beteiligung vieler und das Verlassen der Konsumhaltung. Die Erfahrungen der Besetzungen können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn nicht unberufenen FunktionärInnen das Regiment überlassen wird und die dann ersticken, was gerade sich ein existentielles Recht errungen hat. Dieser Universität gehört eine zeitgemäße Vision verpaßt. Wer, wenn nicht wir, soll diese Aufgabe übernehmen? Da braucht es keine Aufforderung, kein Signal, sondern das Bewußtsein jedes einzelnen, jetzt einzugreifen! In diesem Sinne, wehe, wenn wir losgelassen werden!


Literatur

Louis Althusser, Philophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler, Berlin (West): Argument 1985.
Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, 31. Jg., H. 1 1988, Nr.173.
Aristoteles, Metaphysik. Übers. und hrsg. von Franz F. Schwarz, Stuttgart: Reclam 1984.
AStA-Info. Hrsg. vom Allgemeinen StudentInnenausschuß der FU Berlin, Berlin (West): AStA-Druck 1988.
Besetzt. Streikzeitung der StudentInnen an der B*FU Berlin, Jg. 1-2, 1988/89, Nr.0-35.
Erstsemesterinfo. Hrsg. vom Allgemeinen StudentInnenausschuß der FU Berlin, Berlin (West): AStA-Druck 1989.
Jürgen Habermas, 'Die Idee der Universität - Lernprozesse', in: Eine Art Schadensabwicklung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987.
Fredric Jameson, Das politische Unbewußte. Literatur als Symbol sozialen Handelns, Reinbek: Rowohlt 1988.
Jürgen Kocka (Hrsg.), Interdisziplinarität. Praxis - Herausforderung - Ideologie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987.
Lieblingszeitung. Berlinweite Streikzeitung, Jg, 1-2, 1988/89, Nr.1-12.
Ernst Nolte, Zeitgeschichte und Zeitgeschichtsforschung, in: Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte, 18. Jg., 1970, H. 1, S. 1-11.
Bernd Rabehl (unter Mitarbeit von Helmut Müller-Enbergs), Am Ende der Utopie. Zur politischen Geschichte der Freien Universität Berlin, Berlin (West): Argon 1988.
Herbert Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831-1931, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983.
Ferner wurden zitiert die beiden tragenden Säulen der westberliner und -deutschen Presselandschaft: Frankfurter Allgemeine und tageszeitung, sowie Herrn A. Springers Berliner Morgenpest.




"Heckel-Bär"

In der taz vom 24. Januar 1989 steht unter dem Titel "Die Gummibärchen beißen zurück" ein "kleiner historischer und werbesoziologischer Überblick über ein Symbol des studentischen Widerstands". Demzufolge hatte Habbisch, der offizielle "Organisator der 40-Jahr Feier der FU" die "Idee, daß die Uni zwei verschiedene Aufkleber bräuchte: Einen mit dem 'traditionellen' Bären, wie er das Universitätswappen ziert, und den zweiten mit einem 'etwas flapsigen neuen', einem orange-farbenen Gummibärchen mit Lesebrille". Der Publizistik-Student Mathias dachte, als er diesen Aufkleber zum ersten Mal sah, "das wär 'ne AStA-Persiflage". In der Tat existierte ja auch ein AStA-Aufkleber, der als Parodie zur automatisierten Folie des FU-Wappens verfertigt worden war. Die "Arroganz der Mächtigen" hatte die Studentinnen zu "Gummibärchen" gemacht. Dazu Mathias, der Zeichner der 'Besetzt': "Gummibärchen sind dehnbar, quetschbar, überleg Dir mal, was man mit denen vor dem Essen alles anstellt". Als Subscriptio unter dem FU-Aufkleber, der vorzugsweise geschmackvoll auf Mensa-Tischen ausgelegt worden war, könnte folgender Text stehen: "Wir StudentInnen werden von der Lernfabrik FU Berlin systematisch deformiert, schließlich geschluckt und als weiß Gott was wieder ausgeschieden". Die Mehrzahl der RezipientInnen decodierte die Subscriptio, die tatsächlich auf dem Aufkleber stand, ironisch: "Studieren" war eben nicht "dufte" und ein ausgeschiedenes Gummibärchen duftet auch nicht besonders angenehm.

Als heraus war, daß besagte Pictura der FU Leitung (Habbisch: "Natürlich hat der Präsident die Aufkleber vorher gesehen und zugestimmt" zu verdanken war, funktionierte der 'Besetzt'-Zeichner das Symbol um:

Zunächst produzierte er seine Antwort auf der automatisierten Folie von Antiatomkraftaufklebern und dem Präsident-Heckelmann-FU-Gummibärchen: In der Subscriptio wurde "Heckelbärs Gummi-Uni" abgelehnt. In der 'Besetzt' (5.12.88), also der Null-Nummer, schmückte noch ein schwarzer Stern die Frontseite, der "Heckelbär" fand sich erst auf Seite drei. Das war Ausdruck davon, daß in der Redaktion Linke mit eingespielter Organisationserfahrung saßen. Auch das StudentInnemnagazin AZ (AStA-Magazin), eine Kontrafaktur zur von Springer herausgegebenen BZ (Berliner Zeitung), war schon mit einem schwarzen Stern erschienen.

Am selben Abend zwangen aufgebrachte Studentinnen die Redaktion, den Stern wieder von der Titelseite ihrer BesetzerInnenzeitung zu nehmen. Sie fürchteten, als anarchistische Masse von Traditionslinken instrumentalisiert zu werden. Also erschien die nächste Nummer der 'Besetzt' (6.12.88), die 'Nikolausausgabe' mit einem Nikolaus-Heckelbär als Symbol.

In der darauffolgenden 'Besetzt' hatte der Gummi-'Heckelbär' bereits seine endgültige Gestalt angenommen: Die taz (24.1.89) schrieb: "Selbstironisch-souverän machen die wütenden Studis genau die (...) 'Fremdbestimmung' zu ihrer Identifikationsfigur – zurück-beißend, versteht sich".

In der 'Besetzt' vom 9. Dezember 1988 knallte das Lay-out-Team auch den schwarzen Stern wieder auf die Titelseite. In der 'Besetzt' vom 21. Dezember 88 wuchsen beide Symbole schließlich übereinander. Als Subscriptio wäre möglich: jüngere und ältere StudentInnengeneration haben sich gekoppelt.

Am 24. Januar 1989 – schätzte der Zeichner Mathias in der taz – war sein Gummibär bereits 1,3 Millionen Mal gedruckt worden. Zu diesem Zeitpunkt lief die eigene Presse der StudentInnen noch volle drei Wochen auf Hochtouren weiter. Der Gummibär war unser Kollektivsymbol schlechthin.