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Am 5. Dezember 1988 erschien die Nullnummer der Streikzeitung der Befreiten Universität Berlin (B*FU Berlin). Nach einem Namen für das täglich erscheinende Blatt brauchte die Redaktion nicht lange zu suchen. Sie wählte einen Schriftzug, mit dem die Universität in der Woche zuvor in Form von Graffiti und Transparenten bepflastert worden war. Die hohe Rekurrenz des Prädikats 'Besetzt' prädestinierte es als Logo der Streikzeitung.

Das Adjektiv stand entweder allein oder in Verbindung mit Namen von Instituten, Fachbereichen oder Gebäuden der Universität. Über dem Portal der Hochschule der Künste wölbte sich die Inschrift 'Besetzt' in einem roten Halbkreis, eine besetzte Toilette simulierend. Eine als 'Besetzt' markierte Tür wird zum Kollektivsymbol. Für diejenigen, die außen vor stehen, ist es ein "Alptraum des Alltags", der die Befriedigung drängendster Bedürfnisse verhindert.

Die Institutstüren waren aber während der Besetzungen, von wenigen Sonderfällen abgesehen, auch für den "Lehrkörper" durchlässig. Allein die materielle Wirkung der Graffiti auf manche ProfessorInnen war enorm. Sie fühlten sich "persönlich inkriminiert" und standen angesichts "unibuntistisch" veränderter Räumlichkeiten unter einem psychischen Druck, der wissenschaftliches Arbeiten "unzumutbar" mache.

Kollektivsymbol "besetzt"

Das Kollektivsymbol 'Besetzt' erhält, unter einem anderen Licht betrachtet, noch einen weiteren Akzent. Fast gleichrangig, aber eben nur fast, wurde der im tarifvertraglichen Diskurs zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verwendete Begriff "Streik" genutzt. So hieß die kultuRRevolutionäre Tageszeitung der Studentinnen 'Besetzt' und erst im Untertitel Streikzeitung. Dies war kein Zufall.

Es handelt sich um den Vergleich von "innen" und "außen", wonach "innen" als in oder auf etwas setzen, als occupieren und einfassen, mit etwas versehen oder ausrüsten, aber auch, und somit deutlicher, etwas anfüllen, schmücken oder in Beschlag nehmen verstanden wird, hingegen "außen" als etwas, was den Zugang zum "Inneren" verwehrt. Wir wählten das "Innere", identisch mit einer "Liebeserklärung an die Universität". "Besetzt" und "Streik" oder "innen" und "außen" sind Ausdruck zweier verschiedener Traditionslinien. Das "Äußere", der "Streik", versucht das Arbeitgeber- und -nehmerverhältnis über die Universität zu stülpen.

Diese Aktionsform wurde an der Unversität in den siebziger Jahren fast ausschließlich gewählt, und als Erscheinung und als Bewußtsein ist es bei einzelnen, freilich in der Minderheit befindlichen noch heute vertreten, aber überlagert durch ein anderes Kollektivsymbol, eben 'Besetzt'. Andeutungsweise ist die Verinnerlichung der Universität mit dieser Aktionsform Ende der sechziger Jahre präsent, so bei der einwöchigen Besetzung des Germanischen Seminars an der FU Berlin und der demonstrativen Umbenennung in "Rosa-Luxemburg-Institut". Dieses andere, der Moderne entsprechende Verhältnis gewann die Hegemonie, ein Engagement für und nicht allein gegen etwas.

Die defensive Haltung wurde zugunsten einer offensiven aufgegeben. Diese Begrifflichkeiten lassen sich auch politisch verorten. 'Besetzt' fand vorzüglich bei jenen Verwendung, deren politische Argumentation kaum mit Begriffen wie Klassenkampf, tendentieller Fall der Profitrate, Gewerkschaftsorientierung, etc. hantierte, denen vielmehr die 'Begriffe' Selbstbestimmtheit, Konsens, Pragmatismus, etc. geläufiger sind. Letztere erhielten im Wechselspiel der politischen Argumentationen endlich die Hegemonie und verwiesen traditionellere politische Gruppen in ihre Schranken oder, gewendet, diese mußten ihre Einflußlosigkeit letztlich eingestehen.

Eröffnung

Besetzungen haben in West-Berlin Tradition. Zu erinnern wäre an die HausbesetzerInnenbewegung und zuletzt an die spektakuläre Besetzung des Kubat-Dreiecks im Sommer 1988. Diese diente StudentInnen als automatisierte Folie für eine Besetzung des Innenhofs der Rost- und Silberlaube, also dem Zentralgebäude der FU Berlin. Sie nannten das besetzte Terrain ironisch "Heckel-Eck", eine Anspielung auf den skandalumwobenen Universitätspräsidenten Heckelmann. Die Dreiecks-BesetzerInnen in der Stadt hatten mit ihrer Umbenennung an Norbert Kubat erinnert, der sich nach den Kreuzberger Kiezkrawallen vom 1. Mai 1987 in der Untersuchungshaft das Leben genommen hatte. Das Novum "Heckel­-Eck" ließ nun keine solche Denotation zu. Auch sollte Heckelmann keinesfalls Ehre als 'Märtyrer der Bewegung' zugesprochen werden.

Die Funktion des Camps verwies bereits auf Praxisformen der StudentInnenbewegung im Wintersemester. Auf der Ebene der elementaren Soziokultur, bei der Inszenierung kultureller Happenings und Festivitäten gegen konservative Universitätspolitik, knüpften Fachschaftsinitiativen aus bislang streng getrennten Bereichen wie Medizin und Geschichte, Chemie und Philosophie erste Kontakte. Die Aktion war ein Protest gegen die Pläne einer Universitätskommission zur Umstrukturierung der FU Berlin in den neunziger Jahren. Geplant war eine Zerschneidungs-, Zusammenlegungs- und Stellenkürzungsoffensive vor allem gegen kleine gesellschaftswissen-schaftliche Fachbereiche, die den entscheidenden, von Konservativen dominierten Universitätsgremien als politisch nicht opportun erschienen.

Unsere BesetzerInnenbewegung im Wintersemester 1988/89 entstand, als die sich bundesweit ungünstig entwickelnden Studienbedingungen von Berlin-spezifischen Determinanten überlagert wurden. Die Sozialpolitik der Bundesrepublik hatte den "BAföG-Kahlschlag" gebracht und bringt nun mit der Blümschen "Gesundheitsreform" die Verdoppelung der Krankenkassenbeiträge ab dem 14. Semester. Der Berliner CDU/FDP-Senat hatte mit der Aufhebung der Mietpreisbindung und dem in ihrem Gefolge einhergehenden Anwachsen des Mietenniveaus eine Steigerung auch der studentischen Wohnungsnot produziert. In den neunziger Jahren sollte nach dem Ablauf von Übergangsregelungen der endgültige Startschuß für den "freien Wohnungsmarkt" erfolgen. Die traditionell auf den eher günstigen Altbaubestand West-Berlins angewiesenen StudentInnen erwarteten einen Preisschub auf Münchener und Hamburger Niveau. Schließlich regierte der CDU/FDP-Senat von der politischen Ebene aus direkt in die Wissenschafts- und Strukturpolitik der Universität hinein. Der Wissenschaftssenator machte regen Gebrauch von seinem Recht, von bei ihm eingereichten Berufungslisten die ihm von Fall zu Fall jeweils genehmen WissenschaftlerInnen von den hinteren Rängen und nicht die Erstplazierten zu berufen.

Zu Beginn des Wintersemesters 1988/89 spitzte sich die Lage an der FU Berlin zu. In seinen Novembersitzungen setzte das höchste universitäre Gremium, das Kuratorium, die konservativen Strukturplanungen durch. Dort war ein zweiter Punkt, wo die konservative Hegemonie in der Stadt auf die wissenschaftspolitische Ebene der Universität durchschlug. Im Kuratorium war der CDU/FDP-Senat mit fünf Senatoren vertreten. Dort konnte er der Universität in letzter Instanz seine Vorstellungen von konservativer Modernisierungspolitik aufdrängen.

Am 28. November 1988 gliederte das Kuratorium aus dem kleinen Lateinamerikainstitut den sprach- und literaturwissenschaftlichen Teil aus und ordnete ihn dem romanischen Seminar unter. Damit hätte das mit interdisziplinärem Anspruch arbeitende Institut ein zentrales Arbeitsfeld der politischen Kontrolle eines bekanntermaßen konservativen und auf Philologie spezialisierten Fachbereichs übergeben müssen.

Die StudentInnen des Lateinamerikainstituts, die zuvor monatelang versucht hatten, ihr Institut argumentativ in den Universitätsgremien zu verteidigen, gingen nun in die Offensive. Sie besetzten ihr Institut und zogen demonstrierend durch die Hörsäle.

Am 1. Dezember 1988 hatte der AStA eine Vollversammlung (VV) anberaumt. Auf diesen Fokus wurde nun intensiv hinmobilisiert. Diese VV markierte den Bruch zwischen "Freier" und Befreiter Universität. Als Enzym der BesetzerInnenbewegung fungierte eine beeindruckende Anahl von StudentInnen, die sich unerwarteterweise in einem aus allen Nähten platzenden Hörsaal drängelte.

Den gewiß aufmerksam verfolgten Medien mußte fortan eins ums andere entnommen werden, daß jene, die politischen Protest erhoben, als "unpolitisch" stigmatisiert wurden. Hatte es Methode oder war es Ergebnis einer sorgsam erwogenen Analyse? Letzteres wohl kaum! Aufmerksames Studium unserer Publikationen von jenen, die leichthin, wie wir meinen, so urteilten, hätte frühzeitig einsichtig gemacht, daß hinter unserem Lächeln schon längst der Aufruhr stand. Im Frühjahr 1988 wurden in AStA-Kreisen Überlegungen angestellt, wonach ein Unbehagen über die Situation an der FU Berlin festzustellen wäre, und daß bei einer Gegenwehr andere Aktionsformen als die bisher gewählten gefunden werden müßten.

Szenarios wurden entworfen, wonach, so wie 1968, von zwei Seiten, nämlich von uns und (aber ohne direkten Bezug) dem Kapital dem bestehenden unzumutbaren Universitätszustand ein Ende bereitet werden müßte. Das Thema Universität sollte nicht dem kleinen Dienstweg zwischen modernen konservativen PolitikerInnen und dem Kapital überlassen werden, sondern zu einer von möglichst vielen StudentInnen angestrengte Debatte werden. "Unpolitisch" als Schlagwort signalisiert die Ignoranz sowohl der alten ProfessorInnen, als auch der gestrauchelten, resignierten oder etablierten 68er, denen die nötigen Instrumente zur Analyse ermangelten.

Unsere Generation erwählte einen eigenen Stil, ihren Generationsstil. Dieser ist ebenso politisch wie andere zuvor, trägt aber ein anderes Gewand und ist konsequenter als jener der 68er, die ihrem nachweislich auch selbst produzierten Mythos auf den Leim gingen und uns heute dreist an ihrer ehemaligen Phraseologie messen. Sind wir es doch, die die Moderne praktizieren und damit gegenüber denen politischer sind, die ehemals als Hasch-Rebell und in proletarischer Kampfgebärde der zwanziger Jahre auf der Bewegungsskala als Medienrevolte abgebucht werden konnten. Die eigentliche Sprengkraft und eine andere Ebene erreichte doch diese StudentInnenbewegung, die die Idee der Selbstbestimmung als politisch machbar dachte – eigentümlich idealistische Sehnsüchte in ihrem Imaginären dabei in Kauf nehmend.

Garde

In der kulturellen Dimension waren an der FU Berlin für den 4. Dezember 1988 Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der FU angesetzt worden. Wir erwarteten, daß auf dem offiziellen Festakt ungeachtet eines offensichtlichen Krisenprozesses ein Selbstbeweihräucherungsritual vollzogen werden sollte. Angesichts der Gremienpolitik wirkte die 40-Jahr-Feier als Provokation.

Vor dem mit US-amerikanischen Mitteln erbauten Henry-Ford-Bau der Universität demonstrierten von "draußen" 3.000 StudentInnen ihre Unzufriedenheit mit denen, die "drinnen" ihre Stimmen zur 40-Jahres-Feier der Universität erhoben. "Innen" saßen die GründerInnen, die 1948 aus einer Bewegung heraus gegen Skeptizismus und Kommunismus und für (freilich westliche) Freiheit stritten, die Universität mitinszenierten. Auch solche, die 68 gegen imperiale Mächte, für Internationalismus stritten, neben all den 'Extremisten der Mitte' der wohlgefälligen Konservativen, die befriedet darauf zurückblickten, wie erfolgreich sie es geschafft hatten, nahezu alle Bewegungserfolge aus dem Leben in die Geschichtsbücher zu verbannen. Das war bereits die Situation des Umschlagens, denn wenig später wurde das "Innere" ins "Äußere" gewendet und umgekehrt.

Es fiel kein Donnerschlag, kein Signal für den Sturm auf die "Bastille" und dennoch, gleich einer nonverbalen Absprache ging es ans Werk, es folgte die Besetzung, ohne Fanal. Eine Spannung unter uns führte wie unsichtbare Fäden die Aktion. Selbstbestimmte Seminare, Cafés, aus dem Nichts und doch immer mit den gleichen Modellen, als wäre die Aufführung einer Besetzung von langer Hand erdacht worden.

Magische Zahlen

Die StudentInnenbewegung inszenierte ihr Anwachsen in den Anfangsnummern der BesetzerInnenzeitung mit magischen Zahlen, die in Kurven rasch nach oben stiegen.

Am 29. November 1988 ist das von den Umstrukturierungsmaßnahmen besonders betroffene Lateinamerika-Institut besetzt worden. Aus Solidarität folgten am 1. Dezember 1988 weitere sechs Institute. Am 2. Dezember seien 17 und am 3. Dezember 22 Institute besetzt gewesen. Am 8. Dezember hieß es schließlich: "Alle 36 (?) Institute sind besetzt und es werden über 300 selbstbestimmte Seminare durchgeführt" ('Besetzt', 8. 12. 88).

Auch die Kurven der TeilnehmerInnenzahlen bei den Demonstrationen zogen steil an. Am 4. Dezember 1988 seien es 4.000, am 6. Dezember 5.000 gewesen. Am 10. Dezember hätten sich an der Demonstration, die programmatisch für die Kopplung von Natur- und Geisteswissenschaften unter dem Motto "Wir lassen uns nicht spalten" angesetzt worden war, bereits 10.000 StudentInnen beteiligt. Am 13. Dezember erreichte das Zahlenspiel einen vorläufigen Höhepunkt: 30.000 – so die Besetzt am Tag danach – hätten sich nach einem Sternmarsch mit den Demonstrationszügen der verschiedenen Universitäten und Schulen vor dem Rathaus Schöneberg, dem Sitz des zu dieser Zeit noch Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Diepgen, und seines Wissenschaftssenators Turner versammelt.

Schließlich konterte die Gegenseite: Universitätspräsident Heckelmann meldete finanziellen Bedarf für die FU Berlin an. Die 'Besetzt' (16.12.88) titelte: "Weihnachtsgeld: Zum Fest der Liebe von Heckelmann Streikverhütungsmittel in Höhe von 20 Millionen gefordert". Die diskursanalytische Untersuchung der Forderungen Heckelmanns für die FU Berlin im Leitartikel ergab: "Er redet von Studienbedingungen wie ein AKW-Betreiber von der Überschreitung 'zulässiger' Grenzwerte", und spielte am Ende Heckelmanns Rechnereien gegen die Unsummen aus, die in der BRD für den Jäger 90 verplant werden. Mit diesen Zahlen sollten die StudentInnen bei der Berechnung ihres tatsächlichen finanziellen Bedarfs an der Universität kalkulieren:

"Vergeßt nicht: Wir haben 100 Milliarden zur Verfügung. Seid realistisch, fordert das Unerhörte: Höhenflüge an der Uni statt Tiefflüge in der Innenstadt."
Ein Plan des Berliner CDU/FDP-Senats zur Bekämpfung der Hochschulmisere kam am 18. Dezember und wurde in der 'Besetzt' (19.12.88) unter dem Titel "Randglossen zum Hochschulprogramm von Diepgen und Turner" kritisiert:
"Diepgen erklärte einerseits, 'langfristig die Verhältnisse an den Hochschulen' verbessern zu wollen. Andererseits sollen in einem 'Sofortprogramm (...) mittelfristig' 20 Mio. DM (berlinweit – Vf.) 'zur Verfügung gestellt' werden. Noch schneller als das 'Sofortprogramm' sollen 'kurzfristige' Maßnahmen durchgeführt werden. Die Kategorien unseres Senats zur Messung der Zeit sind uns gänzlich unverständlich. Wir empfehlen ihm deshalb die Lektüre von Thomas Manns Zauberberg."
Der polemische Artikel wandte sich dann gegen Phrasen der einzelnen Punkte des Kurzprogramms:
"1. Paragraph: 'kurzfristig' sollen 'zusätzlich 100 wissenschaftliche Mitarbeiter / Lektoren sowie 100 studentische Hilfskräfte zur spürbaren Entlastung in besonders angespannten Studiengängen' eingestellt werden. Mit der Zahl 100 läßt sich zwar gut rechnen, aber über unseren wirklichen Bedarf sagt sie rein gar nichts. Genauso die unter 3. versprochene Million für wissenschaftliches Material."
Die StudentInnenbewegung versuchte, ihre Gewalt in der Zahl der TeilnehmerInnen an Demonstrationen auszudrücken. Trotz aller Aufrundungen war es ihr aber auch praktisch gelungen, immer größere Personenkreise in ihren antihegemonialen Demonstrationsblock einzubauen.

Die ideologischen Mächte des hegemonialen sozialhistorischen Blocks arbeiteten mit der Faszination, die von Millionenbeträgen in DM ausgeht, um bei der BesetzerInnenbewegung, vor allem aber bei der Öffentlichkeit, den Eindruck zu erwecken, daß etwas gegen die Krise des Bildungssystems getan werde.

KultuRRevolution

Die StudentInnenbewegung besetzte in der kultuRRevolutionären Phase das Feld 'Universität' auch auf der symbolischen Ebene. Signifikant für diesen Prozeß sind die vielen Institutsumbenennungen durch die StudentInnen. Die Namen waren zumeist Programm: Das, wofür sie standen, rekurrierte in Themenstellungen von selbstbestimmten Seminaren und fand sich schließlich im Forderungskatalog der BesetzerInnenbewegung wieder.

Am 8. Dezember 1988 regte das Redaktionsplenum der 'Besetzt' im Leitartikel dazu an, "dieser bisher un-'Freien' Universität einen neuen Namen zu geben", um auch symbolisch "die Gründung einer neuen Universität in Angriff" zu nehmen. Einen Tag später feierte die 'Besetzt' im Leitartikel "Eine Woche befreite Universität". Diese Schlagzeile der "Streikzeitung der StudentInnen an der FU-Berlin", die zu diesem Zeitpunkt mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren täglich erschien, wurde geschichtsmächtig. Am selben Abend fand auf der Universitäts-VV die "Umtaufung" statt ('Besetzt', 10.12.88). Der 'Heckelbär' (Vgl. S.53), der die erste Seite der Streikzeitung vom 9. Dezember 1988 schmückte, hielt in seiner Faust eine Fahne mit der Inschrift "FU-Befreit". Die 'Besetzt' (12.12.88) ersetzte sie durch den neuen Namen "B*freite Uni". An drei Stellen hatten sich Anarcho-sterne im Schriftzug festgesetzt. Dieses Ritual auf zentraler Ebene wiederholte sich auf Institutsebene. Die 'Besetzt' (21.12.88) beschrieb im Leitartikel mit dem Titel "kultuRRevolution oder C3H5O9N3" diesen Prozeß:

"Die JuristInnen nannten ihr Institut nach Karl Liebknecht, der im Dezember 1914 als einziger Reichstagsabgeordneter seine Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigert hatte. Der neue Name steht für eine Diskurstechnik gegen Krieg: 'Bildung gegen Jäger 90' (...). Die ChemikerInnen heißen jetzt Sigi-Möwe-Institut. Schon der Autor des Artikels, der dies in der 'Besetzt' Nr. 11 annoncierte, gab zunächst zu, möglicherweise 'kulturell nicht ganz auf der Höhe zu sein'. Dann enthüllte er die diskurstaktische Stoßrichtung des neuen Namens. Sigi Möwe ist 'der welterste Hausmeister, nach dem ein organisch-chemisches Institut benannt wurde'. Dies fügte sich nahtlos in den Rahmen unserer Forderungen nach viertelparitatischer Mitbestimmung in den Gremien auch für sonstige Beschäftigte an der Uni ein."
Anhand der Entwicklung am Fachbereich 'Geschichte' wollen wir nun Typisches für das, was sich auf Institutsebene tat, erläutern. In ihrem Beitrag für die Nullnummer der 'Besetzt' (5.12.88) rekapitulierten die HistorikerInnen noch einmal die Ereignisse seit dem Beginn der Besetzungen:
"Zwar ist unser Fachbereich so reaktionär (...), daß es gar nicht notwendig war, uns durch reaktionäre Umstrukturierungsmaßnahmen noch reaktionärer zu machen; aber: als am Donnerstag der Stein ins Rollen kam, standen wir nicht zurück und traten in den Streik, mischten die Seminare am FB auf und produzierten schließlich einen elaborierten Forderungskatalog, den wir auf der VV am Freitag verabschieden konnten".
Die Aktionsformen der StudentInnen an anderen Instituten glichen denen der HistorikerInnen. Mit selbstironischem Stolz berichteten diese, daß sie "zuverlässig und unermüdlich für den uniweiten Streik aktiv" ('Besetzt', 12.12.88) seien: "Ob in Diskussionen, internen Verfassungsentwürfen für die Studentinnen-Räte, in autonomen Seminaren oder beim Bierzapfen". Ihr Streikcafé (sic), das sie in einem von ihnen besetzten, zentralen Seminarraum der Rostlaube errichteten, entwickelte "sich zum Kommunikationszentrum für alle Studierenden". Bei den HistorikerInnen meldeten StudentInnen aus anderen Fachbereichen Bedarf für "interdisziplinäre Seminare" an. Die Themenstellung 'Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der einzelnen Institute' fand schließlich Eingang in den uniweiten Forderungskatalog unter Punkt 16: "Faschismusforschung und Aufarbeitung der Vergangenheit an den einzelnen Instituten" (Erstsemesterinfo SoSe 1989, 43).

Die Konstitutuierung eines antihegemonialen Blockprojekts bei den HistorikerInnen scheiterte am Ende der Mobilisierungsphase der Besetzungen an der Trennlinie zwischen ProfessorInnen und StudentInnen. Dies läßt sich exemplarisch an der Sitzung des Fachbereichsrats am 7. Dezember 1988 zeigen. Aus professoraler Arroganz waren die StudentInnen rechtswidrigerweise erst gar nicht eingeladen worden. Die StudentInnen, die am Fachbereich schon länger Politik gemacht hatten und eine Zeitung mit dem bezeichnenden Namen "Dissens" herausgaben, plädierten für eine Sprengung der Sitzung. Die Diskurse der StudentInnen aber waren seit der Besetzung nach dem Konsensprinzip organisiert. Dies legte den Versuch zur 'Blockbildung' mit konservativen Professoren (sic!) nahe. Anknüpfungspunkte zwischen beiden Universitätsgruppen gab es zum Beispiel in der Frage der 'Autonomie' der Hochschule.

Die Professoren versuchten, einen Teil der StudentInnen auf ihre Seite zu ziehen. Sie argumentierten, statt einer Besetzung der Universität müsse eine Allianz gegen die 'äußeren Feinde' eingegangen werden. Eine Schnittmenge scheinbar gemeinsamer Interessen ergab sich, denn die StudentInnen forderten die "Unabhängigkeit der Forschung von wirtschaftlichen Verwertungsinteressen". Ein Teil der Professoren hatte sich bei Wissenschaftssenator Turner schon vor den Besetzungen über dessen Berufungspraxis beschwert. Dieser hatte statt des renommierten und bei den StudentInnen angesehenen Faschismusforschers Wippermann auf Platz 1 einer vom Fachbereichsrat eingereichten Berufungsliste einen uns eher Unbekannten gewählt (Vgl. AStA-Info zur 'Berufungspolitik', Nov. 1988).

Im Fachbereichsrat der HistorikerInnen aber waren diese Professoren nicht bereit, mit den in den Saal drängenden StudentInnen zu diskutieren. Sie verwiesen auf die "gesetzlichen Strukturen", auf die Geschäftsordnung, die den Diskurs "Diskussion mit StudentInnen" ausschloß. Als das klar war, nahmen sich die StudentInnen das Rede- und Mitbestimmungsrecht. Sie stopften eine Unzahl von Stimmzetteln in die auf dem Tisch stehende FBR-Urne und machten eine Fortsetzung der Sitzung unmöglich.

Ihren Beitrag für die 'Besetzt' (8.12.88) eröffneten die HistorikerInnen mit der feierlichen Mitteilung, daß sie einen "klaren Bruch mit dem 'Friedrich-Meinecke-Institut' markiert" haben, "indem sie es in 'Klaus-Störtebeker-Institut' umbenannt haben". Als Begründung gaben sie an: "Damit wollen wir uns bewußt auf ketzerisch-aufsässige Traditionen in der Geschichte beziehen". Die 'Besetzt' (21.12.88) griff diesen kulturellen Bruch noch einmal auf:

"Den HistorikerInnen war es zu dumm geworden, daß ihr Institut ausgerechnet den Namen des ersten Rektors der FU, Friedrich-Meinecke, tragen sollte. Wo sie doch am 4. Dezember 1988 in einem akademischen Schmähakt zusammen mit anderen StudentInnen gegen die heuchlerische offizielle Jubelveranstaltung zum 40-jährigen Bestehen der FU (das ihnen die Austrocknung der Faschismusforschung gebracht hatte), protestiert hatten."
Was bei den HistorikerInnen geschehen ist, finden wir in der ganzen BesetzerInnenbewegung wieder:
"Die Trennung zwischen Privatsphäre und Uni löst sich auf. Die Studis schlafen nicht mehr in ihren Betten, sondern auf der Luma in der Uni. Tische und Stühle stehen nicht mehr im Seminarraum, sondern blockieren Eingangstüren. Wo vorher der 'Geist wohl dressiert' worden ist, sprießen Cafés, die einer ungezwungenen Kommunikation Raum geben. Zu unseren kultuRRevolutionaren Errungenschaften gehören autonome Seminare ohne die Normalität eines repressiv-zensierenden Scharfblicks der Professoralmacht. Die Universitätsgremien wurden von uns konsequent zum Schweigen gebracht. Ihre öffentliche Inszenierung haben wir gestoppt. Vom Fachbereichsrat über den Akademischen Senat bis hin zum Kuratorium werden alle Gremien gezwungen, ihre Politik jetzt offiziell dort zu machen, wo sie sie eh schon iminer gemacht haben: In der Mauschelatmosphäre von Hinterzimmern" ('Besetzt', 21.12.88).
Gerade bei der Sprengung von Vorlesungen, Seminaren und Universitätsgremien konnten wir uns praktisch unsere eigene, nie geahnte Stärke und Fähigkeit zur Überschreitung institutionalisierter Diskurse beweisen. Das scheinbare Ende der Selbstverständlichkeit, mit der uns die alten hegemonialen Diskursmächte regierten, war da. Deren Rituale wurden von uns durch ironischen Nachvollzug entritualisiert. Das Füttern der FBR-Urne mit studentischen Stimmzetteln durch die HistorikerInnen und damit die symbolische Entwertung der Stimmabgabe nach altem Ritus steht beispielhaft dafür.

Eine neue Kultur entstand: Eine Autorin, "die sich kein Etikett geben lassen will", schrieb in der 'Besetzt' (7.12.88) über "Besetzungskultur": "Stichworte, die diese 'Kultur' beschreiben, sind Transparenz, Toleranz, Eigenverantwortlichkeit, Diskussion und Offenheit".

Die StudentInnen wollten sich kein Etikett ankleben lassen. Während für die 68er noch ein marxistischer Interdiskurs signifikant war, fehlt dieser hier. Während die 68er das "Kapital" von Marx wiederentdeckt hatten, lehnten die 88er BesetzerInnen diese Redeweise ab. Bereits zu Beginn der Besetzungen hatten sie festgelegt:

"Es geht uns um die Herstellung der Autonomie der Universität zum Zweck einer kritischen, problem- wie konfliktorientierten Wissenschaft, losgelöst von den Verwertungsinteressen der Wirtschaft" ('Besetzt', 7.12.88).
Die Ungenauigkeit der Redeweise von den 'Verwertungsinteressen der Wirtschaft', deren sozialer Träger in erster Linie die jüngere StudentInnengeneration war, besaß kulturelle Distinktionsfunktion gegenüber den 68ern. Sie wurde fast ausnahmslos bis zur letzten Fassung des Forderungskatalogs (Erstemester-Info, SoSe 89, 42) durchgehalten; zum Leidwesen derjenigen – vor allem der älteren StudentInnen – deren Kategorien eben durch Marx' "Kapital" geprägt worden waren. Die Abgrenzung zu den 68ern war notwendig, um die Eigenständigkeit der 88er hervorzuheben, zu der die ehemaligen AktivistInnen der APO ein distanziertes Verhältnis einnahmen und ihr immer die eigene Bewegung als Meßlatte vor die Nase hielten. So unterstrichen die 88er ihre Neuartigkeit auch in Graffiti: "Gestern 68 – heute 88" prangte es im Hörsaal 1, dem Ort, von dem die BesetzerInnenbewegung ausgegangen war.

Die Frage, ob ein antihegemoniales Blockprojekt an der Universität auch mit ProfessorInnen zusammen durchgeführt werden kann, blieb innerhalb der StudentInnenschaft strittig. Im Fall Otto-Suhr-Institut (OSI) spaltete sie sich sogar entlang dieser Frage.

Die PolitologInnen vom OSI hatten sich ins "Ingrid-Strobl-Institut" (ISI) verwandelt. Sie bekundeten so ihre Solidarität mit der nach §129a seit 1987 inhaftierten Frau. Mit diesem Namen protestierten sie gegen die Praxis willkürlicher Verhaftungen bei Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. In einem Brief an Ingrid Strobl formulierten die ISIanerInnen ihre Vorstellungen von "Wissenschaft". Sie soll "an den Erfahrungen und Leiden aller Unterdrückten" ansetzen "und zur Orientierung Befreiung" haben.

"Ingrid Strobl steht für diese Wissenschaft. Als Frau konkret von Gen- und Reproduktionstechnologien betroffen, analysierte sie deren wirtschaftlichen und politischen Hintergrund und leistete damit Widerstand gegen die Anpassung an den Produktionsprozeß hier, gegen Eugenik, gegen imperialistische Bevölkerungspolitik, kurz: gegen die faschistische Kontinuität von Auslese und Ausmerze" ('Lieblingszeitung', 3.1.89).
Die 'Lieblingszeitung' vom 30.12.88, das während der Besetzungen geschaffene gemeinsame Sprachrohr aller West-Berliner Schulen und Hochschulen, berichtete, daß die seit Besetzungsbeginn andauerende Aussperrung der ProfessorInnen am OSI beendet worden war:
"Der Leerkörper (sic) kann das Otto-Suhr-Institut wieder betreten. Diese Tatsache war nicht Konsens. Vielmehr setzte eine Minderheit der BesetzerInnen im Einklang mit anderen PlenumsteilnehmerInnen diesen Beschluß durch – gegen das Konsensprinzip."
Die Regelverletzung war für die auf dem Plenum unterlegene Minderheit (die aber die Mehrzahl der BesetzerInnen bildete) eklatant. Sie spaltete sich vom OSI ab und besetzte Kellerräume des Instituts, um "Uni von unten" zu machen. Eine Minderheit der BesetzerInnen bildete zusammen mit denjenigen, die die Plenumstermine wahrnahmen und ProfessorInnen ein gemeinsames Instituts-Blockprojekt: Sie schalteten ihrem Fachbereichsrat eine "viertelparitätische Kommission" vor, die vom Keller-ISI aus attackiert wurde: Sie sei "nichts anderes als die Vereinnahmung der Streikziele der StudentInnen". Die Keller-ISIs grenzten sich scharf von der ProfessorInnenschaft ab. Damit isolierten sie sich aber von potentiellen BündnispartnerInnen und trotzdem blieben sie solidarisch in die BesetzerInnenbewegung integriert.

Einen Versuch, die Besetzungen von "links" aufzubrechen, gab es nur einmal – von Teilen des AStA ausgehend. Das Projekt blieb aber bedeutungslos, da die InitiatorInnen nirgends in der BesetzerInnen-bewegung eine Basis besaßen. Ihr Aufruf "Streik dem Streik!" (LZ, 10.1.89) war widersprüchlich, weil die UnterzeichnerInnen sich von vornherein nicht beteiligt hatten. Ihre Forderung, sich "offensiv vom Streik zu entsolidarisieren", begründeten sie damit, daß die Bewegung es nicht geschafft hat, sich angemessen mit den vier bekannt gewordenen Vergewaltigungen in den 'befreiten' Räumen der Rostlaube auseinanderzusetzen. Anstatt sich aber konstruktiv an Versuchen zur Lösung des Problems wie der Bildung von Raumpatrouillen in der Rostlaube zu beteiligen, distanzierten sie sich von einem "Streik", den sie nicht mitgetragen hatten.

Koordiniert wurde die StudentInnenbewegung nicht vom AStA, sondern von einer neuen, basisdemokratischen Institution, dem Besetzungsrat (B*Rat): Jedes Institut besaß eine Stimme. Es holte sich dort eine Beschlußvorlage ab, ließ sie auf dem Fachbereichsplenum diskutieren und abstimmen. Das weitere Procedere sah vor, zwei Delegierte, ausgestattet mit einem imperativen Mandat in den geschlechterparitätisch-quotierten B*Rat zurückzuschicken. EineR der Delegierten rotierte nach dem zweiten Besuch im B*Rat heraus, um einem/R NachrückerIn Platz zu machen. Auf diese Weise sollte die Transparenz des zentralen Gremiums für möglichst viele StudentInnen gewährleistet werden. Sie mußten sich aber auch aktiv an der Besetzung beteiligen, um am Entscheidungsprozeß beteiligt zu sein. Die basisdemokratischen Verkehrsformen brauchten Zeit und zogen auch schon mal bissigen Spott auf sich: "Die Anzahl der Räte an der Befreiten Uni steht in reziprok proportionalem Verhältnis zur Anzahl sinnvoller Entscheidungen", war in der 'Besetzt' (12.12.88) zu lesen.

Ende Januar unterbreitete Universitätspräsident Heckelmann dem B*Rat schriftlich ein kurzfristiges Gesprächsangebot. Die LZ (30.1.89) fragte: "Ist dieser Brief der erste Schritt der herrschenden Mächte hin zu einer Anerkennung unserer antihegemonialen Strukturen?" Doch dann lehnte der B*Rat Heckelmanns Angebot ab, denn der Präsident hatte sich darin nicht an die neuen Diskursformen an der b*freiten Universität gehalten. Da er den Brief an den "Besetzerrat" adressiert hatte, wurde er im Antwortschreiben berichtigt: "Es heißt 'Besetzungsrat' oder auch 'BesetzerInnenrat". Auch das von Heckelmann "vorgeschlagene Verhandlungskomitee" wurde abgelehnt, da "selbiges nur aus Männern besteht". Außerdem sah sich der B*Rat außerstande, im Rahmen der "freiheitlich-basisdemokratischen Grundordnung" (fbdG) an der B*FU Berlin, in der von Heckelmann gebotenen Kürze die nötigen Voten zur Verhandlungserlaubnis von den einzelnen Fachbereichsplena einzuholen ('Besetzt', 31.1.89).

Die Universität hatte indes Farbe bekommen. Slogans überwucherten die trostlose Atmosphäre der "Betonuni". Gänge verwandelten sich in "Gedanken-Gänge" und wurden mit Wandgemälden versehen. Ein neuer Stil entstand, den die BesetzerInnen "Unibuntismus" nannten ('Besetzt', 21.12.88). Die materielle Gewalt, die von der Bemalung auf die alten hegemonialen Mächte ausging, dokumentiert ein Thesenpapier der "Hochschullehrer und Akademischen Mitarbeiter der Abteilung 'Neuzeit' des FB Geschichtswissenschaften" (16.1.89). Dort hieß es:

"Spraydosensprüche an den Wänden sind nicht immer witzig, sondern oft aggressiv und brutal. Es ist uns nicht zuzumuten, unter diesen Bedingungen Lehrveranstaltungen anzubieten".
Was den Lehrkörper verunsicherte, wirkte auf einige von uns befreiend. Die Phantasie der StudentInnen, lange aufgestaut und eingezwängt, war explodiert. Die Wellen aus dem besetzerischen Epizentrum erreichte schnell die Stadt. Die Wartesäle der U-Bahnhöfe wurden zu Vorlesungssälen, zu Seminar- und "Übungsräumen für schrilles Theater umfunktioniert" ('Besetzt', 21.12.88). MusikstudentInnen übten unüberhörbar, KunststudentInnen malten unübersehbar. Der Grad an Aufmerksamkeit, den die StudentInnenbewegung in den Medien genoß, stieg rasch an. Eine täglich erscheinende Videozeitung lockte fernsehsüchtige studentische StubenhockerInnen an die Universität.

An der TU Berlin wuchs trotz aller Bemühungen des Staatsapparats immer wieder ein "autonomer Zebrastreifen" nach, wo vorher die "Autokultur mit ihrem dubiosen Freiheitsbegriff hegemonial" war. Was die "BullInnen" wiederholt mühsam wegschrubbten, markierte Stunden später wieder wie von Zauberhand einen FußgängerInnen-überweg. ('Besetzt', 21.12.88).

Auch an der TU Berlin signalisierte der Fachbereich "Umwelttechnik" internationale Solidarität, als er den Namen "Chico-Mendes-Institut" übernahm. Der brasilianische Umweltschützer Mendes war von brasilianischen Großgrundbesitzern erschossen worden. Der neue Name verwies auf die ökologische Notwendigkeit zur Rettung des Regenwaldes. Die UmwelttechnikerInnen sperrten ihren Lehrkörper das ganze Wintersemester aus dem besetzten Institut aus, damit beide Gruppen in Ruhe ein Umweltbewußtsein ausbilden konnten.

Ebenfalls an der TU Berlin wurde ein "Fritz-Storim-Institut für angewandte Utopie" gegründet ('Besetzt', 26.1.89). Fritz Storim war am 17. Januar 1989 in Hamburg "aufgrund des Willkür-Staatsschutzparagraphen 129a" wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu "einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt" worden. Die InstitutsgründerInnen erklärten: "Wir haben uns den Namen Fritz-Storim-Institut gegeben, um deutlich zu machen, daß wir uns nicht in dem begrenzen lassen, was wir unter uns diskutieren, veröffentlichen, denken". Es ging ihnen darum, die "Staatsschutzmaschinerie endlich wieder zum Stehen zu bringen und zurückzuschlagen". Sie kritisierten, daß "dieser Streik nur symbolisch betrieben wird. Es wird symbolisch besetzt, symbolisch die Uni beschlafen, symbolisch geredet". Den Bruch mit der alten Universitätsordnung wollten sie aufrechterhalten. Die neuen Zustände sollten nicht nach Erfüllung bestimmter Forderungen zurückgenommen werden.

"Die Räume, Cafés, bunten Wände, Foren, die Menschlichkeit in den Universitäten wieder herzugeben, – dazu sind wir nicht bereit. (...) Auch wir streiken an der Uni nicht für die baldige Wiederinbetriebnahme der alten Lernfabrik, sondern für die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes: STREIK! (...) Lieben, lachen, streiken – der Scheiß-Symbolik ein Ende bereiten! (...) Weg mit den verwässernden Forderungskatalogen – wir bleiben".
Die Fritz-StorimianerInnen forderten, daß die alte Universitätskultur komplett durch die neue Besetzungskultur substituiert werden sollte. Insofern propagierten sie die kultuRRevolution schlechthin. Sie gingen davon aus, daß in der Besetzungsymbolik die 'Utopie' einer anderen Universität lediglich durchschimmerte, die sie "angewandt" wissen wollten. Sie fürchteten, daß die Praktiken der BesetzerInnen-kultur mit Symbolcharakter einer schnellen Halbwertszeit unterliegen würden, daß selbstbestimmte Seminare und Besetzungseinheiten wieder verschwinden würden. In der Tat war zu fürchten, daß die Reproduktionsfähigkeit der alten, institutionell, juristisch und finanziell abgesicherten Universitätsstruktur die andere Kultur überdauern wird. Diese realistische Perspektive vielleicht ahnend, steckten die StorimianerInnen aber den Kopf in den Sand:
"Wir stellen keine Forderungen, ja wir haben ganz einfach keine, die wir mit Unileitung, Profs usw. diskutieren könnten. Keine Verhandlungen!"
Dieses überaus untaktische Verhältnis zur Politik war so untypisch nicht für die Besetzung. Im Endeffekt nahm die BesetzerInnenbewegung nur schwerfällig Verhandlungen auf. Sie hatte sich in einen Räte-Dschungel aus Besetzungsrat, Presserat, Kulturrat, berlinweitem 'Rat der Räte', Sondierungsrat und zuletzt einer 'Berlin-Komission' verwickelt, in dem Verhandlungskompetenzen nicht klar definiert worden waren.

BäuerInnenoffensive

Der Organisation und Durchführung des UNiMUT-Kongresses zu Beginn des neuen (BesetzerInnen-) Jahres kam eine für die Bewegung zentrale Bedeutung zu.

Die inhaltlichen Forderungen wurden im Kongreß-Programm umgesetzt (praktiziert) und als Themenschwerpunkte auf einem überuniversitären Forum theoretisch problematisiert und diskutiert.

"Der große internationale Kongreß", so definiert die Lieblingszeitung (LZ) (30.12.88) seine Funktion,

"soll den Rahmen bieten, Diskussionen, die bislang (...) vereinzelt und isoliert geführt worden sind, zu koordinieren. (...) Damit ist der Kongreß ein Versuch, den Horizont studentischer Belange auch zu überschreiten und den universitären mit gesamtgesellschaftlichem (? – Vf.) Widerstand zu koppeln".
Neben kritischer Reflexion der eigenen Vorstellungen und deren Koppelung mit außeruniversitären widerständischen Gruppen spielten zweifellos auch pragmatischere Funktionen eine Rolle: Die erneute Mobilisierung der BesetzerInnen nach der Weihnachtsflaute und die Selbstdarstellung nach außen. Vornehmlich gegenüber der abstrusen Kritik, mensch wolle nicht studieren, galt es zu zeigen, daß auch und gerade während der Besetzungen gearbeitet wird.

Die Nachahmung eines wissenschaftlichen Kongresses hatte freilich gleichzeitig die Offenlegung und Kritik am Happeningcharakter derartiger internationaler Showveranstaltungen mit dem alleinigen Zweck der Selbstinszenierung zur Folge. Aufschlußreich ist hier der entlarvend-ironische Titel des zitierten Artikels: "UNiMUT – Die zarteste Versuchung seit es internationale Kongresse gibt".

Ohne eine genaue Analyse der TeilnehmerInnen an dem Kongreß vorzunehmen, wollen wir hier die These aufstellen, daß neben den erwarteten internationalen TeilnehmerInnen, den außeruniversitären Gruppen und der wissenschaftlichen Prominenz, die sich alle wie geplant einfanden, auch eine signifikante Verschiebung in den Reihen der teilnehmenden West-Berliner StudentInnen stattfand: Neben den aktiven BesetzerInnen trat hier eine Vielzahl von älteren und bislang eher passiv gebliebenen StudentInnen auf den Plan und zeigte ein lebhaftes Interesse an der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den "besetzungsrelevanten" Themen. Oft StudentInnen, die sich einst in Fachschaftsinitiativen engagiert, in Gremienarbeit aufgerieben hatten und mit inhaltlichen Argumenten gegen BerlHG und Hochschulpolitik vergeblich vorgegangen waren.

Schon vor der Besetzung waren diese durch eine "neue" StudentIn-nengeneration abgelöst worden, die einem weitaus aktionistischeren Vorgehen verschrieben waren. An Stelle von theoretischen Überlegungen und hochschulpolitischem Taktieren wurden aus Ohn-machtsgefühlen und Wut nun in erster Linie handfeste Taten, wie z.B. eine am Vorabend der Besetzungen stattfindende und "als schwerstes Attentat an der FU seit 68" (Berliner Morgenpost) bezeichnete "Eier-Aktion" des Lateinamerika-Instituts. Was zunächst nur verzweifelter Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit war, bewies sich mit dem solidarischen Vorgehen während der Besetzungen als geschichtsmächtig. Das durch die Besetzungen freigesetzte Kräftepotential war enorm. "Doch die Entfesselung erzeugt auch ihre eigenen Fesseln", so die Analyse der Argument-Redaktion. "Ein vielfältiges Gewirr von Stimmen, eher Stimmungen denn begriffliche Konzepte, eine breite theoretische Basis ist nicht vorzufinden" (173,3).

Gerade in dem Aktionismus der Besetzungen und dem Fehlen von "TheoretikerInnen" liegt eine entscheidende Ursache einerseits für das Zustandekommen der BesetzerInnenbewegung und der Ausdauer, andererseits aber auch für ihre theoretische Schwäche – bis hin zur Theoriefeindlichkeit (an einer der vielen Universitatswände prangte programmatisch das Wort "Theorismus"). Diese aber scheint weit mehr als die Schwierigkeiten demokratischer Strukturen ein Hemmschuh für die definitive Artikulation und postive Bestimmung der eigenen Forderungen geworden zu sein. Weit mehr an Einzelaspekten – häufig in Analogie zu Fragestellungen sozialer Bewegungen – als in einem umfassenden Entwurf einer universitären und gesellschaftlichen Utopie wird deutlich, was mensch nicht will: Unabhängig von "Verwertungsinteressen der Wirtschaft" sollen Rüstung, Atomkraft, Gen- und Hochtechnologie usw. von einer kritischen (feministischen?) Wissenschaft problematisiert werden.

Dies läßt sich gut an der Thematik des Kongresses, die parallel zu den dominierenden Fragestellungen der selbstbestimmten Seminare formuliert war, ablesen: Zum einen das enorme Bedürfnis nach bestimmten Fragestellungen und Inhalten, zum anderen aber auch die – zumindest als solche empfundene – Ausweglosigkeit und Ohnmacht angesichts der Komplexität und Vielzahl der Problemfelder Überblick zu gewinnen und Zusammenhänge aufzudecken. Daher wohl auch der Hilfeschrei nach dem "Allheilmittel" Interdisziplinarität.

Zur Verdeutlichung genügt ein Blick in das Kongreßprogamm: Neben Fragestellungen mit starken Praxisbezug wie "Spielerisch Widerstand leisten, Spiele mit Ernst und Ernst mit Spielen", "Wie mache ich eine Streikzeitung?" oder "Interdisziplinärer Stadtrundgang" liest sich das Programm streckenweise wie Auszüge aus dem Forderungskatalog: "Quotierung und Feminismusforschung", "Internationaler Widerstand von Studentinnen", "Kritische Interdisziplinarität", "Philosophie im Faschismus", "Faschismusforschung. Inhaltliche Konzeption eines interdisziplinären Instituts", "Gentechnologie", "Mitbestimmung – Autonomie. Modell einer neuen Hochschulstruktur", "Universität und Gesellschaft. Soll- und Istzustand", "Neokonservativismus und Bildungssystem. Kampf um kulturelle Hegemonie" u.a.

Angeordnet und gruppiert war all dies entsprechend der "Tagesthemen": "Universität und Gesellschaft" (1. Tag), "Feministische Wissenschaft und Patriarchat" (2. Tag) und "Alternativen zur Fremdbestimmung" (3. Tag und Kongreßthema).

Bedeutsam erscheint uns hier vor allem der zweite Tag, der mit "Feministischer Wissenschaft und Patriarchat" nicht zufällig eines der dominierenden Themen der Besetzungen herausgriff. Die Einhelligkeit, mit der das groß geschriebene "i" während der Besetzungen überall auftauchte, Quotierung und feministische Wissenschaft in die Forderungskataloge aller Fachbereiche Eingang fanden, ist verblüffend. Obwohl die Universität eine der am stärksten männlich dominierten Institutionen ist, gelang es zumindest im Rahmen der Besetzungen, die verknöcherten Strukturen aufzubrechen und feministische Forderungen durchzusetzen. Daß die Veränderungen an der Universität in dieser Hinsicht nicht isoliert dastehen, sondern diese viel eher eine Vorreiterrolle im gesamtgesellschaftlichen Umbauprozeß einnimmt, beweist nicht zuletzt der neue, nach der Abgeordnetenhauswahl vom 29.1.1989 gebildete West-Berliner Senat.

Frauen sind 'in', doch daß die Forderung nach feministischer Wissenschaft und Quotierung bei vielen StudentInnen wohl lediglich Opportunismus oder "vulgärfeministischer common sense" (taz, 21.1.89) ist und ihre Durchsetzung nach wie vor schwierig bleibt, zeigen viele Beispiele an der Befreiten Universität: Rückzieher bei konkreten Stellenbesetzungen (Vgl. Frauen-Besetzt, 7.2.89); der erschreckende Tatbestand von Vergewaltigungen an der besetzten Universität, sowie die daraus resultierende Verhärtung der (Geschlechter-) Verhältnisse; die immer wieder auftretende Unfähigkeit zu einer produktiven Diskussion (hier sprechen die oftmals plumpen Polemiken in der 'Besetzt' Bände).

Erfreulich ist da schon eher der auf dem Kongreß – aber auch in manch einem selbstbestimmten Seminar – erreichte Diskussionsstand. So wurde auf dem UNiMUT-Kongreß immer wieder die Frage umkreist, was feministische Wissenschaft zu leisten vermag. Im Rahmen der Besetzungen stellt sie sich auf zwei Ebenen: Kann das, was als "feministische Wissenschaft" 1988 bereitwillige Forderung aller StudentInnen ist, eine Lücke füllen, die nicht zuletzt durch Theoriefeindlichkeit entstanden ist? – Die von vielen FeminstInnen zur Methode proklamierte "Selbsterfahrung" paßt überraschend gut zu dem spontanen "acting out" des studentischen Protests, läuft aber auch Gefahr, eher zu einer Entwissenschaftlichung der Wissenschaften als zu deren Revolutionierung beizutragen. Und: Können die hinter dem Schlagwort einer "befreiten Wissenschaft" stehenden Forderungen durch den Feminismus eingelöst werden, und kann die solcherart an die Spitze "linker" Wissenschaftsansätze gestellte "feministische Wissenschaft" als neues wissenschaftstheoretisches Paradigma für uns heute das bieten, was der Marxismus im Gefolge von 68 versprach? – Zu problematisieren ist hier die Heterogenität feministischer Ansätze, die sich nicht einfach zu einer feministischen Wissenschaftstheorie verschmelzen lassen, ebenso wie der seitens feministischer Wissenschaftsansätze proklamierte generelle Verzicht auf Hegemonieansprüche.

Der Podiumsdiskussion des 2. Kongreßtages ließ sich zu diesen Fragestellungen einiges entnehmen. Christina Thürmer-Rohr versuchte zunächst einmal zu definieren, was unter "feministischer Wissenschaft" zu verstehen sei, und hat dabei einige wesentliche Punkte aufgezeigt: "Feministische Wissenschaft ist", so Thürmer-Rohr, "nicht ein wissenschaftliches Spezialgebiet (...), sondern immer auch Gesellschaftskritik und Herrschaftskritik", sie bedeute "eine umfassende Wert-Demontage" und bezichtige "viele der vorliegenden Theorien und Annahmen über den Menschen und seine Gesellschaften der Lüge. (...) Eine solche Arbeit ist nie wertneutral", sondern immer auch ein "Beitrag zur Kritik an gesellschaftlichen Strukturen" (taz, 14.1.89). Schon eine oberflächliche Betrachtung einer solcherart definierten "feministischen Wissenschaft" zeigt, daß sie tatsächlich alle BesetzerInnen-Forderungen in ihrer Selbst-Definition untergebracht hat. "Feministische Wissenschaft" ist, will mensch dem folgen, "prinzipiell interdisziplinär" (Gerburg Treusch-Dieter; vgl. 'Besetzt', 8.1.89), per se Gesellschaftskritik, Wissenschaftskritik und Ideologiekritik – und, so bleibt hinzuzufügen, widersetzt sich den Verwertungsinteressen der Herrschenden. Feministische Ansätze überschreiten den Bereich frauenbezogener Forschung ebenso wie den konventionellen Rahmen der Institution Universität.*

Viele der Essentials ferninistischer Wissenschaft – Kritik am und Abweichung vom herrschenden wissenschaftlichen Diskurs; Überschreitung des akademischen Rahmens; Infragestellung der fundamentalen Prinzipien der sozialen Organisation; Hegemonieverzicht und Aufgabe eines Totalitätsanspruchs zugunsten kritischer (Selbst-) Reflexion und ständiger Relativierung und Historisierung der eigenen Erkenntnis – sind durchaus positiv zu bewerten, doch bergen sie auch Gefahren in sich. So ist das Postulat einer prinzipiell 'anderen' Wissenschaft einzig und allein aufgrund der Tatsache, daß Frauen die Subjekte dieser Wissenschaft sind, oftmals ein Rückfall, allerdings unter gynozentrischem Vorzeichen, in den alten und kritisierten Gegensatz von Mann/Vernunft vs. Frau/Natur und somit Rationalismuskritik (Vgl. Elvira Scheich; 'Besetzt', 8.1.89) Auch sollte das als androzentrisch abgelehnte Objektivitäts- und Rationalitätsideal herrschender Wissenschaftsdiskurse nicht durch ein entsprechend aufgewertetes Subjektivitätsideal ersetzt werden und berechtigte – auch von nicht-feministischen Theorieansätzen geübte – Kritik an Totalitäts- und Ganzheitsansprüchen so einer postmodernen "anything-goes"-Beliebigkeit weichen. Solange herrschaftsfreie Räume nur im theoretischen Vakuum möglich sind, kann auch auf den Kampf um Hegemonie nicht verzichtet werden. "Feministische Wissenschaft" trifft mit ihren Fragestellungen sicherlich die grundlegenden Probleme der heutigen Gesellschaft, doch müssen die Lösungsansätze größtenteils erst noch erarbeitet und kritisch reflektiert werden. Hierzu scheint vor allem eine konstruktive Zusammenarbeit mit nicht-feministischen Theorieansätzen ähnlicher Couleur verstärkt notwendig.

Gleichfalls brisant war das Thema des 1. Kongreßtages. Unter der recht allgemeinen Fragestellung "Universität und Gesellschaft" stand vor allem die Forderung der BesetzerInnen im Vordergrund, die Universität – und die studentischen Belange – mit denen anderer gesellschaftlicher Gruppen zu koppeln. Für die universitäre Forschung wird konkrete gesellschaftliche Relevanz eingefordert, gleichzeitig aber soll sie antihegemonial und herrschaftskritisch sein. Wie die Forderungen nach Autonomie der Hochschule und gegen 'Drittmittel' mit denen nach eingreifendem Denken und gesellschaftlicher Relevanz unter einen theoretischen Hut zu bringen sind, blieb die heiß diskutierte Frage dieses Kongreßtages.

In der Praxis des BesetzerInnenalltags konnte dieses Problem – zumindest scheinbar – viel einfacher gelöst werden. Auf die Kongreßtage folgten vehemente Polizeieinsätze vor den medizinischen Instituten, wo auf dem – damit nicht mehr autonomen – Campus den "Studierwilligen" der Zugang zu ihren Prüfungen und Praktika freigeknüppelt werden sollte. Ein Vorgehen, das nochmals Sympathien für die BesetzerInnen seitens "der Bevölkerung" mobilisieren konnte. Der Abzug der "Freunde und Helfer" konnte zwar als Teilerfolg verbucht werden, hinterließ aber unter den BesetzerInnen neben einer ordentlichen Erkältung auch massiven Frust.

Was in der Folge zu einer Normalisierung der Besetzungen führen sollte (Wiederaufnahme der selbstbestimmten Seminare mit geregelten Stundenplänen; Verfestigung der neuen Strukturen und konstruktive Arbeit, etc.), hatte eher gegenteiligen Erfolg: ein allmähliches Abbröckeln der Besetzungsfassaden war unverkennbar.

Die verlockende politische Großwetterlage in West-Berlin während der Wahlkampfendphase ließ zwei Handlungsoptionen sinnvoll erscheinen:

Erstens: die bekundete Bereitschaft zu – bisher abgelehnten – Verhandlungen mit dem Senat resp. einer eigens zu diesem Zwecke zu bildenden Kommission, was aufgrund von Kompetenzschwierigkeiten der Rätestrukturen und einem fehlenden konkreten Verhandlungspaket scheiterte und letztlich zu überhaupt nichts führte. Die Teilrücknahme der Kuratoriumsbeschlüsse im Januar 1989 konnte kaum als großer Erfolg der BesetzerInnenbewegung gefeiert werden, war dies doch die geringste der Minimalforderungen.

Zweitens: eine Verlagerung des Aktionsfeldes aus der Universität heraus. Unter dem Motto "Vom UNiMUT zur Bürgerwut" sollte eine stärkere Ausweitung auf außeruniversitäre Themen und gesellschaftliche Gruppen erzielt werden und aktiv in den Wahlkampf eingegriffen werden (Großdemonstration am 28. Januar 1989). Diese Verschiebung hielt auch nach der Wahl an – mit dem Einzug der 'Republikaner' (REP) in das Schöneberger Rathaus stand ein dringendes – scheinbar außeruniversitäres – Thema an. Demonstrationen waren jetzt vor allem gegen die REPs gerichtet. An der Universität wurde alle Hoffnung bis auf weiteres auf Rot-Grün gesetzt, es stellten sich – viel zu spät – BAföG- und andere Scheinfragen. Auseinandersetzungen mit von "liberalen" ProfessorInnen zugestandenen (Schein-) Paritäten in fiktiven Instituts- oder Fachbereichsräten begannen und führten zu einer Sitzblockade. Ansonsten sahen viele fröhlich einem kollektiven Urlaub in Kleinst-BesetzerInnengruppen zur Erholung von dem anstrengenden Besetzungssemester entgegen.

Während seitens der StudentInnen kein geordneter Rückzug stattfand (allmähliches Abbröckeln und Abfahren in die Semesterferien ersetzte eine bewußte Aussetzung oder Aufhebung der Besetzung), hatten die in derartigen Fragen weitaus besser beschlagenen Strategen der Konservativen leichtes Spiel. Das verlassene Feld wurde zunehmend von hinten aufgerollt: Die letzten wackeren Institute wurden von privaten Wachtrupps geräumt; die Kultusministerkonferenz beschloß, die zu verteilenden Gelder lieber gleich nur noch Betriebswissenschaften, Informatik und Ingenieurwissenschaften zugute kommen zu lassen und die bisherige – "zu großzügige" – Verteilung wurde flugs zurückgepfiffen; den Wissenschaftssenator ereilte auf seine letzten Amtstage eine wahre Berufungswut – er unterschrieb, was ihm zu diesem Thema unter die Finger kam, auf daß so schnell kein Nicht-Konservativer mehr in den Genuß eines universitären Arbeitsplatzes komme; die Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU) legte eine 'Dokumentation' mit 'schwarzen Listen' der namentlich erfaßbaren AktivistInnen an. Der Tageszeitung 'Besetzt' blieb ob dieser Rückschläge nur noch die Umbennung in Entsetzt.

Interdisziplinarität – kritischer Eingriff oder magische Formel?

Als die Studentinnen durch die Besetzung der Universität im Dezember in das Funktionieren der Lehrapparate eingegriffen haben, war dies ein spontaner Vorgang, der seine Verstärkung nicht nur durch parallele Aktionen im Bundesgebiet erfuhr, sondern vor allem durch die Vielfältigkeit und Geschwindigkeit, mit der – zumindest am Anfang – der unverhofft gewonnene Freiraum genutzt wurde. Lange zurückgestaute Kreativität war jetzt gefragt, fast täglich neu hinzukommende Projekte und Arbeitsgruppen erhöhten den Reiz des Möglichen.

Zu den auf neue Weise möglich gewordenen Ideen aus der prospektiven Phase der Besetzungen gehörte die Devise der Interdiszipli-narität, die wir – auch retrospektiv – für wichtig genug halten, als eigenes Problemfeld der aktuellen studentischen Intervention untersucht zu werden. "Interdisziplinarität" war nicht nur ein Dauerbrenner in allen während der Besetzung vorgebrachten Forderungskatalogen, sie war eine Parole in Vollversammlungen wie in Privatgesprächen, stets präsent, ohne daß wir hätten sagen können, wie oder von wem dieses Stichwort unserem Sprechen in der neuen Situation souffliert worden war. Interdisziplinarität gehörte zum Kernbestand der Begriffe, an deren Gebrauch – vergleichbar der 'Besetzt'-Lektüre – Zugehörigkeit und Zustimmung zu unseren UNiMUTs-Äußerungen ablesbar waren.

Über das Abspielen der Erkennungsmelodien hinaus hatte die Devise von der Interdisziplinarität jedoch von Anfang an eine praktisch-politische Bedeutung, an die das problematisierende Reden über Interdisziplinarität und ihre Funktion als BesetzerInnenforderung rückgebunden bleibt. Die Besetzung der Universitäten, die Aktionen im Dezember waren Kampfmaßnahmen gegen den neokonservativen "Roll-Back" an den West-Berliner Hochschulen, gegen dessen Strategie des "Survival Of The Most Efficient", und als Aktionen gegen diesen drittmittelträchtigen Instituts-Darwinismus waren sie selbstverständlich und notwendig interdisziplinär. Das Gegeneinander-Ausspielen von Fächern, womöglich noch in den überkommenen Gegensatz der Snowschen "zwei Kulturen" von Natur- vs. Gesellschaftswissenschaften zurückfallend, und das Herausschneiden von "Leckerhappen" aus zusammengehörigen Disziplinen hatte hochprivilegierte Reservate inmitten eines immer untragbarer werdenden "Massen"-Studiums (wer so redet, wähnt sich selbst schon im Reservat) zum Ziel – und dagegen wehrten sich alle Disziplinen gemeinsam, und nicht nur die, die auf der Liste aussterbender Orchideenfächer standen. Wirksam gekontert wurde mit den gemeinsamen Aktionen aller Fachbereiche auch die Strategie der sogenannten "Strukturkommission" an der FU Berlin, vermeintlich "linke" Fachbereiche durch zwangsweise Zusammenlegung mit entsprechend gestärkten "rechten" Pendants zu einem sich selbst blockierenden Apparat zu neutralisieren.

Ausdruck dieser (uni)politischen Dimension der Devise der Interdisziplinarität ist die Tatsache, daß Auslöser und Adressat der Proteste zunächst die Beschlüsse des FU-Kuratoriums waren, deren Eingriffe in multidisziplinär arbeitende Einrichtungen (Lateinamerika-Institut, Osteuropa-Institut, FB Philosophie und Sozialwissenschaften) eine Zurücknahme bzw. Zerstörung interdisziplinärer Arbeiten zur Folge gehabt hätte: Philosophie sollte von den Sozialwissenschaften getrennt, Lateinamerikanistik zur puren Philologie werden. Im Protest gegen diese völlig unsinnigen – inzwischen aufgrund der Bewegung teilweise suspendierten – Beschlüsse zeigte sich allerdings auch schon ein argumentatives Dilemma: Die Verteidigung von Instituten gegen die neokonservative Wende lief, als Verteidigung nicht der Wirklichkeit, sondern des Anspruchs dieser Einrichtungen, Gefahr, zum Plädoyer für den Status quo zu werden.

Das emphatische Argumentieren mit dem Anspruch der Interdisziplinarität erwies sich zwar schnell als über die Bewegung der StudentInnen hinaus konsensfähig: Gerade an den "bedrohten" Instituten bildeten sich überdurchschnittlich harmonische Bündnisse mit linksliberalen ProfessorInnen heraus, in denen – im Interesse eines gemeinsamen Vorgehens gegen die konservative Destruktionspolitik – der studentische Protest von der Logik akademischer Besitzstandswahrung vereinnahmt wurde. Jedoch zeigte der schnell gescheiterte Versuch, dort den vermeintlichen Konsens beim Wort zu nehmen und viertelparitätische Mitbestimmung in diesen "Bündnissen" zu realisieren, daß StudentInnen und ProfessorInnen keineswegs immer "im gleichen Boot" sitzen – anders ausgedrückt: das partielle Entgegenkommen "linker" ProfessorInnen und das gemeinsame Engagement um den Erhalt "kritischer" Institute ersetzen nicht die Kritik an den Herrschaltsverhältnissen in den Instituten und der in ihnen praktizierten Wissenschaft. Das Beispiel Interdisziplinarität zeigt, daß dieser kritisch motivierte Anspruch selbst in eine Krise geraten ist, die schon vor dem konservativen "Roll-Back" nur durch penetrante Betriebsamkeit überdeckt wurde.

Daß der Erhalt bestehender, ihrem Selbstverständnis nach "interdisziplinär" arbeitender Institute nicht unser einziges, vielleicht überhaupt nicht unser Ziel sein kann, wurde uns in den ersten Besetzungswochen klar, als die Eigendynamik neuer Ideen und die Initiativen zu selbstbestimmten Seminaren, deren Themenstellung quer zur Logik der Aufteilung der Disziplinen lag, die anfängliche Orientierung am Vorgefundenen verdrängten. Zentrale Arbeitsinteressen und Bedürfnisse, die nun entwickelt und artikuliert werden konnten (Feminismus, Faschismusforschung, hedonistisches Verhältnis zum eigenen Studium), fallen in der bisherigen universitären Kompetenzverteilung durch die Lücken. Dabei stellte sich eben nicht bloß das Problem einer neuen "Gebietsaufteilung", die Nischen und Überlappungen zwischen den traditionellen Disziplinen zuläßt. Stark und brisant werden die Forderungen nach anderen Forschungsinhalten und Methoden, indem sie die Territorialaufteilung des Fächerkanons selbst in Frage stellen. Das Ziel der Interdisziplinarität wurde zur Frage nach der Form der universitären Arbeitsteilung. Ein Beispiel für die Problematisierung und Weiterentwicklung des Begriffs ist die Initiative zur Gründung eines "Bertolt-Brecht-Instituts für interdisziplinäres Arbeiten", die Mitte Dezember gestartet wurde. Interdisziplinarität, so wurde bei der Gründungsdiskussion deutlich, kann kein Selbstzweck sein, den die StudentInnenbewegung zustimmend aus dem herrschenden Wissenschaftsbetrieb übernimmt – die technisch und administrativ koordinierte Zusammenarbeit von Einzeldisziplinen ist längst gängige Praxis, wenn es um Effizienz und Verwertbarkeit geht**.

Dem gegenüber muß sich der studentische Anspruch der Interdisziplinarität ebenfalls sozial und politisch definieren, indem das Ziel der "Forcierung fächerübergreifender Veranstaltungen in Forschung und Lehre" verbunden wird mit dem Eingreifen in die gesellschaftlichen Determinanten der universitären Arbeitsteilung. Die Initiative formulierte daher das übergreifende Ziel einer "Verknüpfung der universitären Wissenschaft mit derjenigen, die in sozialen Bewegungen, wie der Frauenbewegung, der Ökologiebewegung und anderen, produziert wird" und veränderte ihren Namen, ausgehend von Brechts TUI-Kritik, zur politischen Kenntlichkeit in: "Institut für eingreifendes Denken". Antihegemoniale Bewegungen wie Feminismus, Marxismus, Ökologiebewegung, so das Konzept des "eingreifenden Denkens", sind interdisziplinär durch die Art ihres politischen Eingriffs: indem sie auf Problemzusammenhänge reagieren, die die Grenzen der Einzeldisziplinen überschreiten oder durch diese Grenzziehungen mit hervorgerufen werden (Beispiel: Gentechnologie, bei deren Diskussion alle Aspekte, welche die medizinisch-technischen Manipulationsmöglichkeiten übersteigen, an sogenannte Ethik-Kommissionen delegiert werden.) Sie sind auch insofern interdisziplinär, als sie die Theorie/Praxis-Trennungen verwerfen, einer Vergesellschaftung der Universitätsressourcen zuarbeiten und wissenschaftliche Kompetenz in politischen Druck transformieren (Beispiel: Unterstützung der Sinti und Roma bei ihrer Anerkennung als Faschismusopfer durch HistorikerInnen).

Neben der Einbindung des Interdisziplinaritäts-Konzepts in eine Strategie antihegemonialen politisch-kulturellen Eingreifens wurden in den selbstbestimmten Seminaren auch Auseinandersetzungen über die Kritik der wissenschaftlichen Arbeitsteilung selbst geführt. Liegt das – auch von selbstkritischen ProfessorInnen eingeräumte – Nicht-Funktionieren interdisziplinärer Arbeit nur am Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit oder ist bereits die Losung der Interdisziplinarität innerhalb der herrschenden Wissenschaftspraxis nur ein Kompensationseffekt?

In einem selbstbestimmten Seminar zur "Kritik der Philosophie" wurde das Verhältnis von wissenschaftlicher Arbeitsteilung und ideologieförmigem Interdiskurs (Funktion von Theologie, Philosophie, neuerdings Wissenschaftstheorie) anhand von Althussers Vorlesung "Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler" (Althusser, 1985) erarbeitet. Althusser unterscheidet, grob formuliert, drei Formen interdisziplinärer Praxis: 1. eine technisch strukturierte Kooperation von Einzeldisziplinen im Rahmen eines klar definierten "Auftrags" ("Die Interdisziplinarität, die entsprechend den technischen Erfordernissen eines Auftrags definiert wird (...) als die Wiederzusammensetzung der Teilarbeiten zur Realisierung eines kollektiven Werkes" – 35), 2. organische Austauschbeziehungen zwischen unterschiedlichen (natur)wissenschaftlichen Disziplinen, durch die sich neue Disziplinen konstituieren (Althusser nennt beispielhaft "physikalische Chemie, Biochemie" – 39) und 3. die – nach Althusser – überwiegend von "Geisteswissenschaftlern" bestrittenen "Round-Table-Gespräche", deren kritische Beschreibung bei vielen von uns Assoziationen zu der uns bekannten Wissenschaftspraxis weckte:

"Die Soziologie, die politische Ökonomie, die Psychologie, die Literaturgeschichte usw. sind unaufhörlich damit beschäftigt, Grundbegriffe, Methoden, Verfahrensweisen von anderen, bereits existierenden Disziplinen (...) zu entleihen. Dies ist die eklektische Praxis der interdisziplinären 'Round-table-Gespräche'. Man lädt seine Nachbarn ein, wie es der Zufall gerade fügt, um bloß niemanden zu vergessen, denn man kann ja nie wissen". (51)
Wenn die "interdisziplinäre" Zusammenarbeit an den Universitäten meist in Form solcher wahllos zusammengewürfelten Gesprächsrunden stattfindet, so ist dies für Althusser ein Symptom für die Äußerlichkeit, in der sich die beteiligten Disziplinen gegenüberstehen, und, im Fall der sogenannten "Geisteswissenschaften", Ausdruck ihrer Theorielosigkeit. Die Losung der Interdisziplinarität wird, so Althusser, zu einem ideologischen Satz, da sie sich nicht auf tatsächliche Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen bezieht, sondern einer "imaginären Vorstellung von der wissenschaftlichen Arbeitsteilung" entspricht (52); sie ist die "spontane Ideologie der Spezialisten".

Althussers Fazit:

"Mit Ausnahme bestimmter, genau umrissener Fälle meist technischer Art (...) bleibt die Interdisziplinarität eine magische Praxis, die als Magd einer Ideologie fungiert" (52),
ist auch in unserem selbstbestimmten Seminar kontrovers diskutiert worden. Trifft seine – nach unseren Erfahrungen berechtigte – Kritik des Eklektizismus auch die Interdisziplinaritäts-Forderung des studentischen "Projekts"? Inwieweit arbeitet die während der Besetzung artikulierte Sehnsucht nach einer Überwindung der 'disziplinierenden' Eingrenzung einer imaginären Wiederaufhebung der Arbeitsteilung im Ideologischen zu?

Freilich haben umgekehrt gerade die besetzungspraktischen Erfahrungen dieses Wintersemesters gezeigt, daß es auch möglich ist, Interdisziplinarität nicht im Sinne der herrschenden Wissenschaft, als Inszenierung eines nichtabreißensollenden Miteinanderredens, zu verstehen. Es gab Kooperation (also "technisches" Zusammenarbeiten von SpezialistInnen) ohne die Kategorie des "Auftrags", die vom Organisieren der physischen Subsistenz im besetzten Campus bis zu öffentlichkeitsintensiven Kunst-Wissenschafts-Theater-usw-Aktionen reichten. Es gab respektlose Ein- und Übergriffe in die terminologischen Abschottungen, mit denen sich "wissenschaftliche" Spezialdiskurse vor dem Interesse und der Mitarbeit fach- oder universitäts"fremder" Gruppen schützen wollen. Und vor allem gab es – gegen die "Case-by-case-Repressionen" der Universitätsleitungen und Fachbereiche – einen solidarisch-interdisziplinären Protest, mit dem niemand schon immer gerechnet hatte.

Trotz dieser Teilerfolge eines gemeinsamen Widerstandes bleibt die theoretische Gretchenfrage nach dem Status der Interdiszipli-naritätsforderung und ihrem kritischen Potential innerhalb der StudentInnenbewegung noch ungeklärt. Seltsam ist es schon, wenn der neue UNiMUT seinen Einspruch mit einem Begriff artikuliert, der in der Wissenschaftskultur, gegen die sich der Eingriff richtet, einen ideologischen Grundpfeiler darstellt.

Wenn die Losung der Interdisziplinarität nicht die von Althusser konstatierte "Theorielosigkeit" der Kulturwissenschaften fortschreiben und als Theoriefeindlichkeit (vgl. Kongreßbericht) in die Praxis der Studierenden hinein verlängern soll, darf interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht als Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, als Wissenschaft zu herabgesetztem Preis, betrieben werden. Wo dies der Fall ist, baut sich das berechtigte Kritikpotential an der herrschenden Wissenschaftspraxis selbst ab, und die technokratische Interdisziplinarität funktioniert umso reibungsloser: Technologiefolgenabschätzung und die kulturelle Abfederung eines selbstredend zustimmungspflichtigen High-tech-Kapitalismus sind deren politische Aufträge.

Um auch in der Theorie Gegenposition beziehen zu können, schlagen wir, die Harmonie des round-table-Gespräches verlassend, eine doppelte Radikalisierung der Interdisziplinarität vor: in Richtung auf eine metadisziplinäre "Theorie der wissenschaftlichen Arbeitsteilung", die gegenüber den Einzeldisziplinen "totalisierende" Effekte geltend macht und deren Restriktionen und Kompetenzverteilungen analysiert. Für eine solche "metadisziplinäre" Ausweitung steht beispielsweise Foucaults Arbeit an der Geschichte der Humanwissenschaften, die in selbstbestimmten Seminaren und Diskussionen während der Besetzungen stark rezipiert wurde, was für den Bedarf an übergreifenden theoretischen Ansätzen spricht.

Eine zweite Strategie der Radikalisierung liegt in den transdisziplinären Grenzüberschreitungen. Was bei den Veränderungen des Wissenschaftsjargons als unbewußte Modernisierung erfolgt, nämlich das Ausborgen von Fachterminologie beispielsweise aus der Computersprache oder der Systemtheorie, kann ja auch gezielt und polemisch eingesetzt werden, um die Verfahrensweise einer Disziplin mit den Codes einer anderen zu reformulieren. So plädiert Fredric Jameson für eine marxistische Ideologiekritik mit semiotischem Instrumentarium, die "den Keil des 'Text'-Begriffs in die traditionellen Disziplinen" schlagen soll (Jameson 1988, 292). Umgekehrt könnte dann auch Beethovens Neunte im Teilchenbeschleuniger simuliert werden – hier kann es gar nicht genug HackerInnen geben!

Autonom von Staats wegen – die Neuauflage der "Idee der Universität"

"Humboldt ist wieder 'in'", konstatierte die FAZ noch vor drei Jahren anläßlich des 600-Jahr-Jubiläums der Universität Heidelberg: "Das Bekenntnis zu Humboldt ist die Lebenslüge unserer Universitäten. Sie haben keine Idee" (24.3.86), so hat dasselbe Blatt angesichts des studentischen Aufbegehrens gegen die geistlose Technokraten-Universität den Kampf um den unzeitgemäßen Klassiker der akademischen Freiheit neu eröffnet:

"Es wäre falsch, wenn man es allein den Marxisten überließe, Wilhelm von Humboldts Ideal von der zweckfreien Universität zu beschwören" (2.12.88).
Ein direkter Zusammenhang zwischen neuerlicher Berufung auf das normative Leitbild des preußischen Universitätsgründers und den studentischen Besetzungsaktionen läßt sich zwar nicht festmachen – erschallt die Parole von der Freiheit der Wissenschaft doch, wie die Reaktionen auf die angekündigte Auflösung der West-Berliner Akademie der Wissenschaften zeigen, selbst bei neoliberalen Wirtschaftslobbyisten wie Lambsdorff (Aktuelle Stunde im Bundestag, 15.3.89). Aber der von eben diesem neoliberalen Gesellschaftsmodell seit der Wende auf die Universitäten politisch ausgeübte Verwertungs- und Vermarktungsdruck, der die Universität als Institution in ihrer Selbständigkeit bedroht, macht eine emphatische Rückkehr zu der Rede von der "Autonomie der Hochschule" zumindest politisch und strategisch sinnvoll. Doch der Verlust, der damit aufgezeigt ist, umfaßt mehr als nur das Schwinden korporativer Einflußnahme auf die Wissenschaftspolitik. Kommentare wie der Klaus Heinrichs, der die "Geistlosigkeit der Universität heute" und das gänzlich unerotische Verhältnis zum universitären Arbeitsplatz beklagte, gehören schon zum kulturellen Umfeld der 88er StudentInnenbewegung, wurden von ihr nicht zuletzt deswegen positiv aufgegriffen, weil sie eine Erfahrung und ein Grundinteresse reflektieren, die den UNiMUT prägten: den Verlust und die mögliche Wiedergewinnung der Universität als selbstbestimmter Lebensform.

Politischer Widerstand, der sich – merkwürdig vage – gegen Fremdbestimmung durch die Verwertungsinteressen der "Wirtschaft" richtete, und die Utopie eines selbstbestimmten Lebens und Arbeitens konvergierten in der StudentInnenbewegung zu der institutionell-politisch und subjektiv-individualistisch aufgeladenen Forderung nach Autonomie.

So ganz von ungefähr freilich kommt diese Überlagerung verschiedener Dimensionen in der studentischen Autonomie-Forderung nicht. Schon das Humboldtsche Projekt einer "Beamtenwissenschaft" betrieb die institutionelle Absicherung des Bildungs- und Wissenschaftskonzepts auf mehreren Ebenen. Da wird zunächst im Zuge einer umfassenden Säkularisierung die aristotelische Idee einer "Wissenschaft um ihrer selbst willen" wieder ausgegraben (metaph. 982a, 15); diese "höchste Wissenschaft" – bei Aristoteles die Philosophie – wird nicht "um eines Nutzens willens" betrieben (frei von Verwertungsinteressen würden wir heute sagen) und erweist sich dadurch als soziales Attribut des von der Sklavenhaltergesellschaft alimentierten "freien Menschen" und seiner Muße (982b, 25).

Auch die idealistischen Reformer um 1800 sahen in der Philosophie, der aus den artes liberales mit hervorgegangenen "unteren Fakultät", die Verkörperung der freien, gegenüber Kirche, Politik und Ökonomie autonomen Wissenschaft, da sich die staatliche Einflußnahme auf die von diesen Instanzen direkt abhängigen Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin, als den zweckbestimmten "Brotberufen", konzentrierte (Vgl. Schnädelbach 1983,39ff). Kants "Streit der Fakultäten" geht zugunsten der Philosophie und ihrer normativen Ideale Vernunft und Kritik aus, da sie zugleich das humanistisch-ganzheitliche Bildungsideal repräsentiert und gegenüber einer sich abzeichnenden wissenschaftlichen Spezialisierung verteidigt. Statt der Sklaven soll nun der Staat die Freisetzung vom Reproduktionsprozeß finanzieren und dadurch die für die esoterische "Wissenschaft um ihrer selbst willen" nötige materielle Sorglosigkeit herstellen.

Die Universität als "Einheit von Forschung und Lehre" unter dem Primat des philosophischen Bildungsideals dient also zunächst der ökonomischen und institutionellen Absicherung einer sich als autonom begreifenden Wissenschaft: zwischen dem Säkularisierungsschub der Aufklärung und dem Spezialisierungsdruck der industriellen Revolution entsteht die Imagination einer selbstbestimmten, wissenschaftlichen Lebensform.

Von der Selbständigkeit und Freiheit der akademischen Institutionen profitiert, so Humboldt, letzten Endes gerade der Staat, der für sie aufzukommen hat: durch die freigesetzte Dynamik eines nie abschließbaren Forschungsprozesses ebenso wie durch die integrationsstiftenden ethischen Humanitätseffekte bei den in die Universität eingelassenen Subjekten (deren affirmatives Verhältnis zur Macht dieses Kalkül dann auch bestätigt hat).

Von 'rechts' und 'links' gleichermaßen beschworen, stellt das Humboldtsche Ideal universitärer Autonomie keinen Wert an sich dar. Um die Frage zu beantworten, welche Aussagekraft und Aktualität dieses Ideal dennoch für die heutige BesetzerInnenbewegung haben kann, wollen wir nochmal das Spannungsfeld, in dem der Autonomiegedanke steht, seine Heranziehung zur De- und Reformierung der Universität seit Humboldt skizzieren.

Zentral ist für den Autonomiegedanken die Idee der "Zweckfreiheit", mit der die Autonomie unpolitisch und bar jeglicher gesellschaftlicher Relevanz gehalten wird. Dies hat dazu geführt, daß die Autonomie zur "Ideologie eines Berufsstandes" verkommen konnte, der in individueller Forschungstätigkeit ohne Praxisbezug und Nutzbarkeit für die Gesellschaft verharrte. Die Notwendigkeit von Distanz und politischer Unabhängigkeit hat de facto zu einem weltabgewandten 'Elfenbeinturm' und dem Verzicht auf Stellungnahme geführt. So hat die staatlich garantierte Autonomie dazu beigetragen, daß sich das "neuhumanistische Bildungsideal zu dem geistesaristrokratischen, unpolitischen, obrigkeitskonformen Selbstverständnis einer praxisfernen, nach innen autonomen, forschungsintensiven Bildungsanstalt verformt" hat (Habermas, 1987,86).

Hatte schon Max Weber die Unmöglichkeit solcher Zweckfreiheit für die moderne kapitalistische Gesellschaft und eine sich vollziehende Reorganisierung der Universität im Sinne eines kapitalistischen Großbetriebes konstatiert, so bedeutete die Forderung nach technischer Neuerung und Leistung für die Universität: Anpassung statt Autonomie.

Zwischen den zwei Extrempolen Bürokratisierung und Privatisierung stehend, wurde die Autonomie zunehmend zurückgedrängt zugunsten der Unterwerfung des Wissenschaftsbetriebes unter die Prinzipien der Marktrationalität – ob als staatskapitalistisch oder privatkapitalistisch organisierter Betrieb. Stichworte wie Effizienzsteigerung und Verwertung, Funktionalisierung innerhalb des bestehenden Fortschrittsmodells unter Ausschluß kritischer und alternativer Forschungsrichtungen und Lehrinhalte skizzieren diese moderne Denkfabrik. Gleichzeitig verkommt die Universität als ideologischer Staatsapparat durch verstärkte staatliche Eingriffe zu einer doktrinären Ideologieverarbeitungsmaschine entsprechend der jeweils herrschenden (partei)politischen Ausrichtung; ebenso wie auch die Universität als privatwirtschaftliches Unternehmen, ausgerichtet auf kurzfristig profitable Wissensproduktion, jeglicher kritischer Reflexion entbunden wird.

Deutlich läßt sich auch an der Geschichte der FU Berlin ablesen, mit welch unterschiedlicher politischer Zielsetzung die Autonomieforderung von verschiedenen Gruppen instrumentalisiert wurde. An den Fixpunkten 1948, 1968 und 1988 läßt sich aufzeigen, welchen Projekten das Humboldtsche Ideal jeweils unterworfen wurde (Vgl. auch im weiteren Bernd Rabehl 1988).

1948 war das Gründungsideal der FU Berlin zum Teil geprägt durch die Berufung auf Humboldt (v.a. dessen Gedanken einer universitären Autonomie und einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden), aber auch durch US-amerikanische Gedanken einer marktwirtschaftlich organisierten Universität, die sich mit Prinzipien von Effizienzsteigerung, Konkurrenz und Leistungskontrolle gegen die Ordinarienuniversität (und deren Bürokratie und feudales Standesdenken) wandte. Die Rücknahme der Ideale dieser gegen Ost- und westdeutsche Universitäten gleichermaßen gerichteten Gründung erfolgte bereits von 1952 an – zum einen durch die allmähliche Verbeamtung, zum anderen durch die Bestrebungen, die akademische Selbstverwaltung, die relative Autonomie der Universität zurückzudrängen und sie verstärkt unter staatliche Kontrolle zu stellen. Der Autonomiegedanke war 1948 in erster Linie gen Osten gerichtet: gegen die zentral verwaltete und staatliche kontrollierte Humboldt-Universität (wobei die Erfahrung der Gleichschaltung und Funktionalisierung der Universität unter dem Nationalsozialismus mit einem neuen alten Antikommunismus gekoppelt werden konnte) setzte mensch die Forderung, Staat und Politik fernzuhalten von der Universität. Solcherart Entpolitisierung aber ist ebenfalls politisch – Idee und Realität der FU Berlin waren sofort eingebunden in Frontstadtdenken und Kalten Krieg.

Auch die 1969 gegründete NofU forderte später eine politik- und ideologiefreie Universität: Der Schrei nach Entpolitisierung und Wissenschaftspluralismus war dabei vor allem gegen eine wissenschaftliche Methode (die des Marxismus) gerichtet und gegen den Versuch, als WissenschaftlerIn Stellung zu beziehen, die "autonome" Distanz aufzugeben und Bezug zur Praxis zu suchen.

1968 war der Autonomiegedanke eingebettet in die studentische Forderung, den Tendenzen der Spezialisierung, des "Fachidiotentums" und der Universität als "Privatindustrie" ebenso wie denen der Restauration der Ordinarienuniversität entgegenzuwirken. Diese beiden Tendenzen – Einbindung der Univesität in die Arbeitsteilung der kapitalistischen Gesellschaft plus Funktionalisierung für Privatinteressen, wie auch ihre Absorption durch den Staat – wurden gewertet als Zerstörung einer universitären Autonomie, die als Grundlage für die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung gegenüber der als reaktionär empfundenen Universität eingeklagt wurde. Die SDS-Schrift "Hochschule in der Demokratie" sah den Autonomiestatus als Grundlage für einen Demokratisierungsprozeß der Universität an, der in einer Öffnung der Universität für alle Schichten, einer "Entrümpelung" und Weiterentwicklung der Universität als Forschungsstätte und als Ort der Qualifikation und Weiterqualifikation (im Rahmen eines technischen Rationalisierungsschubs) und letztlich in einer von der Universität ausgehenden Demokratisierung der Gesellschaft bestehen sollte. Ebenso sollte mit der Gründung einer "Kritischen Universität" die politische Autonomie der Universität genutzt werden, um eine neue kritische Wissenschaft zu schaffen, die engagiert und politisch den Bezug zu anderen gesellschaftlichen Gruppen suchen sollte und über selbstorganisierte und -bestimmte Lernprozesse praktische Aufklärungsarbeit leisten und Kritik an der Staatsmacht üben sollte.

Trotz oder eher wegen solcher Ziele wurde eine Reform der Universität nie wirklich durchgesetzt, sondern vielmehr schon in ihren Anfängen zurückgenommen. Bereits von 1969 an fand die Aufhebung des bis dato vorhandenen Sonderstatus der Universität, der Verlust ihrer noch vorhandenen Autonomie statt. Durch sich ständig verstärkende staatliche Kontrolle wurde von der SPD ein Entdemokratisierungsprozeß mit der Kehrseite des Autonomie-Arguments eingeleitet. Taktisch geschickt wurde nun Autonomie – gleichgesetzt mit Bürokratie und Ordinarien – als größtes und daher zu beseitigendes Hindernis für eine "gesellschaftliche Kontrolle" und "Modernisierung" der Universität deklariert. Was aber wirklich mit "Modernisierung" und "gesellschaftlicher Kontrolle" gemeint war, hat sich in immer stärkeren Maß v.a. auch unter dem CDU/FDP-Senat entpuppt. Zum einen als Ausverkauf der Universität an die Privatwirtschaft: Sparmaßnahmen führten zu einer privaten Förderung qua Drittmittel und einer Auslagerung der Forschung, bei gleichzeitiger Austrocknung kritischer Fachbereiche. Zum anderen als staatlich-parteipolitische Bevormundung: beispielhaft abzulesen an der Realität des Kuratoriums, das anstelle des konzipierten gesellschaftlichen Kontrollorgans zu einem parteipolitisch dominierten Entscheidungsgremium wurde. Die Folgen dieser Veränderungen sind nicht zuletzt Anlaß für die 88er BesetzerInnenbewegung gewesen.

Neben den Ähnlichkeiten, welche die studentischen Forderungen im allgemeinen über die Jahre aufweisen, verblüfft die zentrale Stellung des Autonomie-Begriffs ebenso wie seine Verwendung für unterschiedliche politische Zielsetzungen. Herauszuheben ist vor allem der 68er- (und heute ähnliche) Gebrauch des Autonomie-Begriffs seitens der StudentInnen, um einen Freiraum zu schaffen für eine durchaus politische und praxisbezogene Wissenschaft, ohne sich um das Argumentieren der Konservativen mit dem Humboldtschen Ideal zu scheren.

Für die heutige BesetzerInnenbewegung lassen sich in erster Linie zwei Begriffsverwendungen und Zielsetzungen unterscheiden. Zunächst läßt sich eine inflationäre Verwendung des Begriffs auf einer subjektiv-individuellen Ebene feststellen. Seit den "Autonomen" und der Verlagerung der politischen Auseinandersetzung auf spontan aufgegriffene, konkrete Sachfragen rückte – wohl eher unbewußt – ein bürgerlicher Subjektbegriff in den Mittelpunkt solcherart mit einem Selbstverwirklichungsideal gekoppelter 'Kleinpolitik'. Dieser wurde auch deutlich in den während der Besetzung entstandenen und fälschlicher- aber bezeichnenderweise so genannten "autonomen" Seminaren. Daß es hier in erster Linie um selbstbestimmtes Lernen und nicht um institutionelle Autonomie ging, zeigt schon die Forderung nach "Gleichstellung und Anerkennung sowie materielle(r) Absicherung autonomer Seminare" (Erstsemester-Info SoSe 1989, 43, Forderungskatalog, Punkt 12). "Autonome" Seminare beinhalten vor allem die individuelle Forderung nach einer Selbstverwirklichung durch Bildung, die aufgehen soll in einer kritischen und gesellschaftlich aufklärenden Wissenschaft. Daß Bildung und Wissenschaft in der modernen Universität nicht mehr Hand in Hand gehen, hatte allerdings schon Weber konstatiert. Ob eine Restauration des bürgerlichen Bildungs- und Wissenschaftsideals in der heutigen Gesellschaft noch oder wieder möglich ist, scheint mehr als fraglich. Die Gefahr ist groß, daß statt dessen der individuelle Aspekt der Autonomieforderung die Universität zu einem Spielplatz für Selbsterfahrungstrips verkommen läßt, während die wissenschaftliche Forschung weiterhin ausgelagert wird.

Was nun die politisch-institutionelle Ebene der Autonomieforderung anbelangt, so hat hier die Formulierung im Forderungskatalog ihre Tücken:

"Es geht um die Herstellung der Autonomie der Universität zum Zweck einer problemorientierten sowie konfliktbereiten Wissenschaft losgelöst von den Verwertungsinteressen der Wirtschaft (...)"
heißt es in der Präambel (ebd., 39).

Mit einer derart unscharfen Formulierung wird auf jeglichen (ökonomischen) Nutzen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit verzichtet. So verstandene Autonomie klingt nach einer Totalverweigerung – der Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz wird negiert und auf den Kampf um Hegemonie wird verzichtet. Autonomie bleibt dann im Subjektiven verhaftet und führt, anstatt die Ergebnisse einer kritischen Wissenschaft politisch einzusetzen, ins gesellschaftliche Abseits.

Ja mehr noch, sie führt zurück in den "Elfenbeinturm", zurück zur auf Sklavenhaltung basierenden "Zweckfreiheit" bei Aristoteles oder – moderner – in die Nähe einer "wahren Wissenschaft", die bei Nolte und den Damen und Herren der NofU der "Auffindung von Wahrheiten, die keinen Nutzen haben", dienen soll (Nolte 1970, 9). Daß wir solch einen Fundamentalismus nicht wollen, versteht sich und beweisen die Forderungen nach "Einbeziehung der Universität in die gesamte Gesellschaft" (Erstmesterinfo SoSe 89, 39) und nach "Verbindung zur gesellschaftlichen Praxis" (ebd., 43). – Auch waren es andersherum gerade die Damen und Herren der NofU, die für die Restauration ihrer professoralen Rechte die heilige Kuh der Autonomie opferten (Vgl. NofU-Informationen, 15.4.71).

Die Frage nach der Autonomie der Universität ist auf das engste verbunden mit dem Problem der Finanzierung. An einer nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionierenden Universität scheint die Ausrichtung von Lehre und Forschung auf eine kritische Wissenschaft nicht möglich. Der Entwurf langfristiger Strategien zur alternativen Lösung komplexer Probleme widerspricht einer Finanzierung der Universität, die der kapitalistischen Logik kurzfristiger Verwertbarkeit gehorcht. Dennoch ist auch ein vollständiger Verzicht auf Drittmittel in der heutigen Situation nicht mehr möglich. "Nehmen, aber nicht instrumentalisieren lassen" – kann die Devise nur lauten. Die Autonomieforderung läuft in dieser Hinsicht Gefahr, sich notwendige Geldquellen zu verschließen und die Universität noch stärker ins 'Aus' zu manövrieren. Die Folge wäre eine weiter verstärkte Trennung von Forschung und Lehre: die Auslagerung relevanter Forschungsgebiete und hochqualifizierter "Techniker und Technikfolgenkompensierer" aus der Universität, die dann einzig und allein als Auffangbecken für "Linke" und andere Outcasts und zur Kaschierung der Arbeitslosenstatistik dienen würde.

Während auf der einen Seite mit der Autonomieforderung zurecht privatwirtschaftliche Einflußnahme auf die Universität eingeschränkt werden soll, gilt sie andererseits auch der sich in den letzten Jahren mehrenden staatlichen Eingriffen. Gegenüber der Präsenz von Polizei auf dem Campus, der Privilegierung konformistischer Fachbereiche, bzw. entsprechender Forschungsrichtungen an einzelnen Fachbereichen, der Berufungspraxis v.a. unter Wissenschaftssenator Turner und des Kuratoriums als regierungsdominierten Entscheidungsgremium, soll durch Autonomie der Universität entgegengewirkt, eine von staatlichen bzw. jeweiligen Regierungsinteressen unabhängige Forschung gewährleistet werden.

Strategisch ist – unter den gegebenen (hochschul)politischen und ökonomischen Bedingungen – die Autonomie der Universität durchaus einzuklagen, gerade gegenüber Gruppen, die diese Forderung ideologisch occupiert haben. Es versteht sich, daß in diesem Sinne geforderte Autonomie nicht für eine unpolitische Wissenschaft oder gegen berufliche Praxis gerichtet sein darf – auch wenn ihr diese Konsequenzen seit Humboldt anhaften.

Gleichzeitig muß kritisch reflektiert werden, daß die eingeklagten Nischen für offiziell disqualifizierte und finanziell restringierte Bereiche die Gefahr bergen, die Universität zum bloßen Reservat zu machen, in dem aussterbende Theoriearten unter Naturschutz gestellt werden, anstatt konstruktiv-kritisch in die gesamtgesellschaftliche Entwicklung einzugreifen.

Langfristig kann unser Ziel nur sein, die Universität über eine wirkliche Demokratisierung so in die Gesellschaft zu integrieren, daß sie von dieser Aufträge erhält und sich ihr gegenüber verantwortungsvoll und kritisch verhält. Staatliche Kontrolle wäre dann ebenso überflüssig wie die ohnehin problematische Forderung nach Autonomie.

Eine der erstaunlichsten Perspektiven für unsere BesetzerInnenbewegung scheint in der 'Autonomie-Frage' vom rot-grünen Senat zu kommen. Wird doch in dessen Koalitonspapier die Autonomie von Staats wegen verordnet. Doch damit nicht genug, auch die meisten anderen unserer Forderungen haben in diesem Papier auf die eine oder andere Weise Eingang gefunden. Das größte Hintertürchen, das Ausweg aus der Verwirklichung solcher hehrer Worte bietet, ist wohl die Wissenschaftssenatorin Riethmüller-Seel selbst. Hat sie sich doch während der Besetzung so gar nicht für die StudentInnen und ihre Forderungen interessiert. Sollte die Ernennung der Senatorin für die Taktik eines geschickten Ausmanövrierens des studentischen Widerstandes stehen, so ist – wie schon das allmähliche Abbröckeln der Besetzung und das hoffnungsvolle Abwarten auf den neuen Senat Ende letzten Semesters zeigte – zu befürchten, daß dies gelingen könnte.

Wohin denn wir?

An verschiedenen Punkten unserer gemeinsamen Arbeit an diesem Artikel haben wir einen (vielleicht etwas großspurigen) Vergleich mit den 68ern gezogen, um uns über die Spezialitäten der 88er klar werden zu können. So wenig die heutige StudentInnenbewegung mit 68 zu tun hat, so naheliegend ist andererseits doch dieser Vergleich: Der beschaulich jubiläumsfeierliche Rückblick auf "68 und die Folgen" (so eine Ringvorlesung an der FU Berlin) gehörte, wie in Berlin noch das zusätzliche Abfeiern von 40 Jahren "Freier" Universität Berlin, zu den Duftmarken, die das von uns im WS 88/89 angeeignete Terrain begrenzen. Auch der Hang zur Neu- und Selbstbestimmung im Symbolischen (siehe Embleme und kultuRRevolutio-näre Umbenennungen) forcierten den Blick auf größere historische ("Damals": Die 68er) und geographische Zusammenhänge (Internationaler Widerstand). Die großen Hausnummern täuschen etwas darüber hinweg, daß unsere Bewegung zwar weit politischer motiviert war, als die bürgerliche Presse wahrhaben wollte, aber im Gegensatz zu diesen Vergleichspunkten politisch bis jetzt nichts "bewegt" hat, mit ihren Forderungen nicht nach oben "durchgesickert" ist.

Bewegt hat sich allerdings etwas anderes. Der Campus hat im letzten Wintersemester in seinen besten Momenten etwas von dem Charme eines selbstverwalteten Betriebes gehabt (wir hoffen, das wir einen Teil wenigstens des Arbeitsgefühls, mit dem die 'Besetzt', die selbstbestimmten Seminare oder die Flugis gemacht wurden, in diese "Analyse" retten konnten); theoretische Kompetenzen mußten neu erobert und angeeignet werden, um die eigenen Interessen artikulieren und in praktische Arbeit transformieren zu können. Das ging nicht ohne zuweilen unfreiwillig komische Schwierigkeiten ab – etwa, wenn ein "autonomes" Seminar konsterniert auf seinen "Leiter" wartete und an eine Nullösung bei dieser Position gar nicht glauben mochte: Stell' dir vor, du fährst an die Kreuzung, und alle haben grün!

Daß wirklich von vorne und "ohne Leitbild" angefangen werden konnte, hat seine Gründe sicherlich in dem Überdruß an unipolitischer Gremienarbeit und den Initiativen-Cracks, die sich darin bewegt haben (die meisten aktiven BesetzerInnen waren im 1.-4. Se­mester); andererseits haben die großen Theorie-Paradigmata gefehlt, die – wieder der Vergleich mit 68 – vor 20 Jahren durch die Neurezeption von Marxismus und Psychoanalyse bereit standen. Ein Analogon hierzu war im letzten Wintersemester (trotz Feministischer Wissenschaft, Interdisziplinarität, etc.) nicht auszumachen; hier erweist sich die auch in der Terminologie vollzogene Abkehr von der alten "Linken" leider als eine Rückkehr ins Ungenaue und zeigt, daß, von den wenigen der Erosion noch nicht anheim gefallenen monolithischen "Kapital"-Kursen abgesehen, in Sachen Marxismus nicht weitergedacht, sondern einfach der Rezeptionsstrang unterbrochen wurde.

Sind wir, mit dem Vortragen von Forderungen (Interdisziplinarität, Autonomie), die als Vokabeln auch technokratische und neokonservative Hochschul-Dressings zieren, selbst zu Wende-Bojen geworden? (Womöglich gar als letzte, während schon der rot-grüne Wildwuchs durchbricht?) Eine der Schwierigkeiten, die uns bei der politischen Artikulation unserer wissenschaftlichen Interessen begegnet ist, wird uns auch in Zukunft noch zu schaffen machen: es gibt keine Matrix mehr, die bestimmt, daß "politisch links" und "wissenschaftlich progressiv" automatisch zusammenfallen. Die Neokonservativen von heute sind keineswegs allesamt wissenschaftskonservativ; viele haben – daher das "neo" – die letzten zwanzig Jahre zu einer umfassenden Modernisierung genutzt oder sind als progressive wissenschaftliche Vordenker ins "rechte" politische Lager gewechselt, während umgekehrt die traditionelle "Linke" mit oft hausbackenen Theoriekonzepten daher kommt: Nicht nur Ernst Jandl hat da seine Probleme mit "lechts" und "rinks".

Die heutige StudentInnenbewegung hat den Kampf um die Selbstbestimmung auch in der Theorie noch nicht aufgenommen; die selbstbestimmten Seminare werden, wenn sie denn weitergehen, auch an einer Neubestimmung dessen, was progressive und zugleich kritische linke Wissenschaft sein kann, arbeiten müssen. Wenn die vielbeschworene Theoriefeindlichkeit der StudentInnen, die nicht mit dem skeptischen Pragmatismus vieler kooperierender "MacherInnen" während der Besetzungen verwechselt werden darf, erst den Spaß an der ungefragten Aneignung der Lehr- und Forschungskompetenz gewichen ist, wird sich zeigen, daß das letzte Semester lediglich eine Kostprobe dessen war, was möglich ist.

Das Bild der Universität wird auch durch die darin agierenden politischen Gruppen bestimmt. Auf die radikal-demokratischen einen Blick zu werfen scheint uns sinnvoll, um zu ermessen, was von ihnen im Sommersemester zu erwarten sein wird: Innerhalb des vielfältigen Spektrums des Hochschulbereichs der Alternativen Liste (AL) lassen sich vergröbernd drei Strömungen ausmachen: Es gibt diejenigen, die reformerische Ansätze trotz konservativem Gegenwind umzusetzen versuchen, jene, die das Augenmerk auf eine eher gewerkschaftliche Orientierung werfen, und letztlich die, vor allem unter den StudentInnen, die auf ihre Schultern das ganze Gewicht der Weltrevolution laden. Diese zuletzt genannte Strömung sieht in der heutigen StudentInnenbewegung, romantisch vergleichend, die Tradition so mancher Vorhut gewahrt. Gemeinsam ist in Abstufungen diesen Strömungen in der Hochschul-AL der Mangel an Universitätsszenarien außerhalb einer technokratischen Herangehensweise. Nur da, wo einzelne ihre Organisationserfahrung zur Verfügung stellten, wirkten sie als Schubkraft. Für das Sommersemester würde für Überraschung gesorgt werden, sollten von dieser Seite Impulse für einen Entwurf eines solchen Szenarios zu erwarten sein.

Die zukünftigen Kader der SPD signalisierten bereits während der Besetzungen, daß sie zu ihrem politischen Vorteil bereit waren zu agieren, ihre Wahl für den AStA und die Wahl der SPD für den Senat zu favorisieren. Ihr Pragmatismus bewegt sich immer auch zwischen den Leitplanken des der SPD Nützlichen, freilich grün-layoutet. Ihre Szenarien, soweit sie ernsthaft so genannt werden dürfen, werden überlagert durch ein personalpolitisches Machtkalkül. Die VertreterInnen der romantischen Orthodoxie, verwickelt in das Pulverfaß SEW, rödeln trocken weiter und ihre Verve bedient das Kalkül der Perspektivpläne einer blockierten Partei. Der starke Einfluß der ÖTV reduziert alle Wünsche auf klassisch Gewerkschaftliches, darüber Hinausgehendes ist modisches Beiwerk.

Alle diese Gruppen waren nicht konstitutiv für die Besetzungen, die sich an ihnen vorbei entwickelte. Diese in Gruppenkategorien nicht zu fassende Stimmung setzt allem Anschein nach auf den rot-grünen Senat.

Es ist zu vermuten, daß die Aktivitäten der Breite, wie in den letzten Wochen des Wintersemesters, an wenige delegiert werden. Der wirklich notwendige Schritt, geballt sich den Mühen der Ebene und der Höhen auszusetzen, fehlt. Entsprechende Signale gegen diesen Trend sind nicht auszumachen. Dieses Delegieren lähmt die Euphorie und wandelt konstruktives Wirken in ein dumpfes 'dagegen' um. Daran tragen die politischen Gruppen an der FU Berlin mit ihren klassischen Instrumentarien und Interessen einen nicht unerheblichen Anteil. Ihr Ringen um Hegemonie formalisiert und bürokratisiert jegliche Ansätze einer breiten Diskussion. Das Chaolitionspapier der rot-grünen Koalition verspricht die Einlösung einiger Forderungen unserer Besetzungen. Sie bleiben mit Sicherheit unerfüllt, wenn nicht die BesetzerInnen sie mit Leben und Kritik füllen. Das wäre doch nur konsequent, wenn nach dem ersten Schritt der Thematisierung der Universität der zweite unter rot-grünen Vorzeichen folgt, indem nunmehr die Praxis und die Theorie organisiert wird.

Ein weiteres Ergebnis der Besetzung könnten Projekttutorien darstellen, die in einer zusätzlichen, aber anderen Studienorganisation Themen aufbereiten und nicht den Seminarritualen unterworfen sein wollen. Diese erst durch die selbstbestimmten Seminare mit Leben gefüllten Projekttutorien benötigen dringend den Schub der Interessenten, damit die bürokratische Verschüttung durch die Hegemonie der bisher Organisierenden durch eine multiideologische Vertretung abgeräumt werden kann.

In allem fehlt das, was immer beklagt wurde: die Beteiligung vieler und das Verlassen der Konsumhaltung. Die Erfahrungen der Besetzungen können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn nicht unberufenen FunktionärInnen das Regiment überlassen wird und die dann ersticken, was gerade sich ein existentielles Recht errungen hat. Dieser Universität gehört eine zeitgemäße Vision verpaßt. Wer, wenn nicht wir, soll diese Aufgabe übernehmen? Da braucht es keine Aufforderung, kein Signal, sondern das Bewußtsein jedes einzelnen, jetzt einzugreifen! In diesem Sinne, wehe, wenn wir losgelassen werden!


Literatur

Louis Althusser, Philophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler, Berlin (West): Argument 1985.
Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, 31. Jg., H. 1 1988, Nr.173.
Aristoteles, Metaphysik. Übers. und hrsg. von Franz F. Schwarz, Stuttgart: Reclam 1984.
AStA-Info. Hrsg. vom Allgemeinen StudentInnenausschuß der FU Berlin, Berlin (West): AStA-Druck 1988.
Besetzt. Streikzeitung der StudentInnen an der B*FU Berlin, Jg. 1-2, 1988/89, Nr.0-35.
Erstsemesterinfo. Hrsg. vom Allgemeinen StudentInnenausschuß der FU Berlin, Berlin (West): AStA-Druck 1989.
Jürgen Habermas, 'Die Idee der Universität - Lernprozesse', in: Eine Art Schadensabwicklung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987.
Fredric Jameson, Das politische Unbewußte. Literatur als Symbol sozialen Handelns, Reinbek: Rowohlt 1988.
Jürgen Kocka (Hrsg.), Interdisziplinarität. Praxis - Herausforderung - Ideologie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987.
Lieblingszeitung. Berlinweite Streikzeitung, Jg, 1-2, 1988/89, Nr.1-12.
Ernst Nolte, Zeitgeschichte und Zeitgeschichtsforschung, in: Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte, 18. Jg., 1970, H. 1, S. 1-11.
Bernd Rabehl (unter Mitarbeit von Helmut Müller-Enbergs), Am Ende der Utopie. Zur politischen Geschichte der Freien Universität Berlin, Berlin (West): Argon 1988.
Herbert Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831-1931, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983.
Ferner wurden zitiert die beiden tragenden Säulen der westberliner und -deutschen Presselandschaft: Frankfurter Allgemeine und tageszeitung, sowie Herrn A. Springers Berliner Morgenpest.