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Die ANDERE Forschung, oder: die Forschung der ANDEREN

Drittmittel und An-Institute. Versuch einer Annäherung

Begriffsdefinition: Drittmittel sind Forschungs(geld)mittel, die von Dritten, d.h. nicht aus dem Universitätstöpfen stammen.

An-Insititute sind – definitionsgemäß – (Forschungs-) Institute, die Forschungsinhalte bearbeiten, die an der FU nicht bearbeitet werden. Diese können von der FU als Institute der FU kooptiert werden (dürfen z.B. FU Briefköpfe verwenden, Einrichtungen der Hochschule nutzen usw.), wenn diese Forschung auch der FU nützt (z.B. Praktikaplätze etc.), bleiben jedoch organisatorisch unabhängig.

Kooperationsverträge sind Verträge zwischen der FU und – im Normalfall – einem Unternehmen, gedacht zur Einrichtung eines gemeinsam finanzierten Forschungsinstituts (kann auch An-Institut werden), wobei die Forschungsergebnisse dem Unternehmen zur alleinigen Verwertung zur Verfügung stehen. (Es gibt allerdings auch einen Kooperationsvertrag mit dem DGB).

Hört sich ja eigentlich alles mehr oder weniger – positiv an. Die politische Verortung von Drittmitteln, An-Instituten und Kooperationsverträgen gestaltet sich allerdings komplizierter.

1. Drittmittel

Die größten Drittmittelgeber in der BRD und Westberlin sind die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und die Stiftung Volkswagenwerk: Beide sind "quasi-staatlich", d.h. die Fördermittel werden von einer "Kommission" vergeben, die sich aus VertreterInnen des Staates und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zusammensetzt: Die Förderungsstruktur besteht darin, daß Forschungsbereiche ausgeschrieben werden, von Profs (z.T. auch von anderen WissenschaftlerInnen) Anträge eingereicht werden und dann über die Förderung entschieden wird: Beide vergeben auch Promotionsstipendien. Daß die Summen für naturwissenschaftlich/technische Forschung größer sind, als für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung, versteht sich bei der in dieser (wie anderer) Gesellschaft einseitigen Ausrichtung auf Naturwissenschaft und Technik (auch Fortschritt genannt) fast von selbst.

Neben diesen zwei großen Drittmittelgebern gibt es verschiedene kleinere Stiftungen, die unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten Förderungen vergeben: Dies reicht von Friedensforschung, z.B.: die "Reentsma-Stiftung" (der mit der Hafenstraße), über parteinahe Stiftungen bis zu Stiftungen von Thyssen und Krupp:

Bei beiden bislang genannten Gruppen werden die Forschungsergebnisse normalerweise veröffentlicht, industrielle Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse ist nicht condition sine qua non für eine Förderung. Die dritte Gruppe der Drittmittelgeber sind Industrieunternehmen, das BmVg, das BmFT, die NATO und ähnliche obskure Vereinigungen: Die von diesen ergebenen Drittmittel sind "anwendungsorientiert"; d.h.: das Ergebnis bleibt normalerweise der Verwertung durch den Drittmittelgeber vorbehalten, wird somit in klingende Münze umgesetzt. In dieser Gruppe , der "Drittmittelgeber" liegt das größte Problem. Hier werden die "Freiheit der Wissenschaft und Forschung", eingeengt (NATO, BmVg und Unternehmen), Forschungsprioritäten vorbestimmt (z.B. durch die einseitige Ausrichtung der Mittelvergabe durch das BmFT in Richtung Raumfahrt und GenTech) und – zumindest indirekt – Lehrinhalte bestimmt.

Neben der grundsätzlichen Kritik an Rüstungsforschung (Forschung zum Töten, soziale Auswirkungen des Wettrüstens etc.) und GenTech sind hier insbesondere die Abhängigkeitsverhältnisse von WissenschaftlerInnen an die Industrie und das damit einhergehende, faktische Verbot der "verantwortlichen", d.h. dem eigenen Forschungsergebnis kritisch gegenüberstehenden, auf die gesellschaftlichen Folgen achtenden Forschung zu nennen. Die Korrumption der Wissenschaft für Kapitalverwertungs- und Kriegsinteressen.

Daß Drittmittelforschung z.Zt. zu einem hochschulpolitischen Problem ersten Ranges geworden ist, hat vor allem zwei Ursachen: Zum einen werden den Hochschulen in den letzten Jahren große Haushaltsmittel gestrichen, so daß für die eigene, von der Hochschule finanzierte Forschung immer weniger Geld zu Verfügung stand. Drittmittel schienen dann als verhältnismäßig einfacher Ausweg, Forschung zu finanzieren und – auch daß darf nicht vergessen werden – als Möglichkeit WissenschaftlerInnen (die an den Hochschulen nicht mehr beschäftigt werden konnten) eine wissenschaftlich Arbeit zu ermöglichen. Zum zweiten aber, und das ist das größte Problem, wurde die reine Menge der eingeworbenen Drittmittel von konservativer Seite aus als Indikator für die "Effizienz und Leistungsfähigkeit" einer Wissenschaft und einer/eines WissenschaftlerIn ausgegeben. Der darauf erfolgende Run auf die Drittmittel versperrt die Sicht auf die vorrangige Funktion einer/eines Profs – die Lehre.

Daß "Effizienz und Leistungsfähigkeit" hier im Sinne von Verwertbarkeit für das Kapital und nicht im Sinne einer gesellschaftlichen Verwertbarkeit zu verstehen ist, wird nicht dazu gesagt. Die Wissenschaft unterwarf sich einer Verwertungslogik, ohne auf die dahinterstehenden Interessen zu achten oder diese gar zu hinterfragen.

2. An-Institute / Kooperationsverträge

In der Praxis der FU sind An-Institute und Kooperationsverträge zumeist nicht sauber zu trennen. An-Institute entstehen in den allermeisten Fällen in Folge von Kooperationsverträgen zwischen der FU und "Dritten".

Die bislang abgeschlossenen Kooperationsverträge an der FU zeichnen sich im Wesentlichen dadurch aus, daß die Kosten der entstehenden (An-) Institute jeweils zu etwa 50% von beiden Seiten getragen werden, die Ergebnisse der Forschung jedoch von dem nicht-universitären "Partner" exclusiv verwertet werden kann. Dieser kann sogar einseitig die Veröffentlichung von Ergebnissen verbieten. Vereinfacht kann somit gesagt werden, daß sich ein Industrieunternehmen (wie z.B. das "Schering-Institut") eine billige (nur zur Hälfte finanzierte) Forschungseinrichtung schaffen kann, von den Ergebnissen jedoch allein profitiert.

Ein zweites Problem ergibt sich aus der sozialen Stellung der MitarbeiterInnen in solchen Instituten. Sie sind, anders als die Drittmittelbeschäftigten, nicht an der FU angestellt, sondern in einem "normalen" Wirtschaftsunternehmen (normalerweise einer GmbH), die in aller Regel weniger als die zur Gründung eines Betriebsrats nötigen Personen beschäftigt. Sie arbeiten also unter Bedingungen, die nicht denen entsprechen, denen ihre KollegInnen an der FU unterliegen. Die Profs allerdings sind, bleiben und werden Profs der FU – mit allen Rechten (aber herabgesetzter Lehrverpflichtung).

Kooperationsverträge und An-Insitute sind somit zumeist eine konsequente Fortsetzung der industriellen Drittmittel. Die Industrie sichert sich hier ein Eingriffsrecht in Forschung und Entwicklung, das ihr bei der reinen Drittmittelvergabe verwehrt bleibt. Sie ist Miteigentümerin der Forschungseinrichtung, trägt aber nur die Hälfte (nicht die Gänze) der finanziellen Risiken. Die Hälfte der Uni kommt auf jeden Fall. Sie kontrolliert als Arbeitgeber die Angestellten und ist weisungsbefugt – gerade hinsichtlich der Geheimhaltung von Forschungsergebnissen.

3. Sonderfälle

Zwei "Sonderfälle" von An-Instituten, die aus der "Normalität" herausfallen, sind das "Weltrauminstitut (WIB)" und das "Berliner Institut für deutsche und internationale Politik (Anti-OSI)".

Das Weltrauminstitut wird vom BmFT finanziert und wurde speziell für "unseren" ersten Teutschen Astronauten eingerichtet. Furrer – so heißt der nämlich – sollte SEIN Institut zunächst an der TU am Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik eingerichtet bekommen. Die TU wehrte sich erfolgreich gegen Furrer, wobei sie dessen wissenschaftliche Qualifikation für diesen Job stark in Zweifel zog. Der FU wurde Furrer unter Androhung von negativen Konsequenzen (Stellengenehmigungen, Haushaltsmittel) aufgenötigt. So haben WIR (?) denn einen echten Raumfahrer als Prof.

Das BIDIP (nomen est omen?), das Anti-OSI, ist das Lieblingskind von Diepgen und anderen. Aus dem Gründungsmoratorium läßt sich ohne größere Schwierigkeiten entnehmen, welche Funktion diesem Institut zugedacht ist. Es soll – und das wird nicht nur aus der vorgesehenen Stellenbesetzung deutlich – ein außen-, berlin- und sicherheitspolitischer Think-Tank für die CDU sein. Die in der CDU zu beobachtende "Neuformulierung" der Außen-, Berlin- (Deutschland)- und Sicherheitspolitik soll mit diesem Institut öffentlichkeitswirksam "wissenschaftlich" abgesichert werden.

Nachdem das OSI gegen dieses An-Institut vehement Widerstand geleistet hat (und nachdem das "Gründungsmoratorium" inzwischen mindestens 3x "verbessert" worden ist), wurde im Dezember 1988 der Kooperationsvertrag zwischen FU und Anti-OSI (bewilligt im Zusammenhang mit den Kuratoriumsbeschlüssen) unterzeichnet.

Das Anti-OSI soll in den ersten fünf Jahren von der VW-Stiftung, danach von der FU (evtl. über den Umweg einer "Senatsfinanzierung") bezahlt werden. Die drei Prof-Stellen werden dem OSI aufgedrückt, ohne daß der Fachbereich auf die Stellenbesetzung irgendeinen Einfluß hätte.

4. Akademie der Wissenschaften

Die Akademie der Wissenschaften gehört, obwohl immer gern im Zusammenhang mit "An-Instituten" und Drittmitteln genannt, eigentlich nicht in diesen Bereich. Ihre Struktur und Geschichte als Prestige-Objekt eines CDU-Senats weisen jedoch starke Parallelen zum AntiOSI und zum Furrer-Institut auf. Die Akademie der Wissenschaften ist das erste große Wissenschaftsobjekt der CDU in Berlin. Nachdem sie ihre Macht an den Hochschulen auch über die BerlHG-Novelle endgültig gesichert hatte, machte sie sich mit der Akademie der Wissenschaften an ihr erstes großes Vorhaben zur Auslagerung von Forschung aus den Hochschulen und zur Stützung ihrer Elite-Ideologie. Die Kosten: schlappe 49 Millionen für die Aufrüstung eines ehemaligen Botschaftsgebäudes im herrlichsten Fascho-Stil aus den 30ern und zwischen 5 und 10 Millionen jährlich für Personal, Tagungen Kongresse und ... – Forschung.

Eine würdige Umgebung für die Creme der in- und ausländischen Forschung. Die Binnenstruktur entspricht dieser Elitekonzeption und der Umgebung. Der Vorsitzende der Akademie herrscht – mehr oder weniger – unbeschränkt, die Mitglieder treffen sich einmal im Jahr um zu tratschen und – natürlich auf Vorschlag des Vorsitzenden den Beirat, der den Vorsitzenden kontrollieren soll, zu wählen. Auch der Generalsekretär wird auf Vorschlag des Vorsitzenden akklamiert. Eine "Mitbestimmung" der Angestellten wurde gar nicht erst ins Auge gefaßt – Friede, Freude, Eierkuchen in der Wissenschaftselite.

Der Katalog der vorgeschlagenen Forschungs- und Konferenzthemen liest sich dementsprechend wie der Otto-Katalog: für jeden ein bißchen. Da steht neben den "Lebensbedingungen in der Dritten Welt" die Gen-Technologie, die Technikfolgenabschätzung, Kaiser Wilhelm der 75., das Transatlantische Verhältnis und die Ost-West-Beziehungen wahllos nebeneinander. Aber diese Akademie soll ja auch die "Legitimationskrise der Wissenschaft" überwinden und "der Bevölkerung das Vertrauen in die Wissenschaft" wiedergeben. Da braucht Mann eben einen Warenhauskatalog – wer weiß, was nach Tschenobyl noch alles legitimiert werden muß (aber das waren ja glücklicherweise die Russen).

5. Versuch einer Annäherung

Das Thema Drittmittel, An-Institute und Kooperationsverträge ist nicht ganz so einfach, wie es zunächst den Eindruck macht. Zunächst ist die Situation an den Hochschulen in Rechnung zu stellen, die es z.Zt. kaum noch gestattet, Forschung aus Hochschulmitteln zu betreiben. Zum zweiten ist aber auch zu sehen, daß weite Teile der "kritischen" Forschung über Drittmittel finanziert werden (so z.B. ein großer Teil der Friedensforschung). Auf der anderen Seite ergeben sich aus der Drittmittelforschung und den An-Instituten Probleme, die kontraproduktiv zu einer positiven Entwicklung der Wissenschaft und der Hochschule sind. Da steht die Verlagerung von Forschung aus der Hochschule an die An-Institute an erster Stelle. Diese Institute, von jeglicher gesellschaftlichen Kontrolle ausgeschlossen, produzieren Wissenschaft ohne Anbindung an gesellschaftliche Notwendigkeiten nur im Hinblick auf industrielle und wirtschaftliche Verwendbarkeit. Schon die Frage nach den Folgen dieser Wissenschaftsproduktion verbietet sich für die MitarbeiterInnen. Aber dadurch, daß in diese Institute viel Geld gepumpt wird, verändern sich auch die Lehrinhalte an den Hochschulen. Gerade in den naturwissenschaftlich-technischen Bereichen verlagert sich die Ausbildung immer weiter zu einer Spezialisierung in Richtung auf bestimmte, gerade besonders geförderte Foschungsbereiche, nicht zuletzt einfach dadurch, daß nur noch dort ausreichende Praktikaplätze vorhanden sind. (z.B. die Gentechnologie in der Biologie).

Die "wissenschaftlich-technische" Entwicklung, die "Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt", die eine stetige Hochtechnologieentwicklung zu fordern scheint, und das Argument, daß die Hochschulen für die Wirtschaft "geöffnet" werden müßten, um dies mit zu gewährleisten, stellen die ideologische Basis für die neokonservative Wissenschaftspolitik der 80er Jahre dar. Das alte Argument "wenn ich’s nicht mache macht’s ein anderer" tut sein übriges dazu, daß auch die Wissenschaft diesem Kurs folgt. Darüber hinaus kriechen der Muff von tausend Jahren – inzwischen unter den Anzügen – und verschiedene "unbeglichene Rechnungen" für die 68er Revolte immer mehr in die Leitung der Hochschulen, den Wissenschaftsbetrieb.

Elitekonzepte à la Turner geben sich die Hand mit den Weltraumträumen von Riesenhuber und Konsorten, den Absatzinteressen von MBB, Dornier, Schering und wie sie alle heißen.

Die Forderung "Weg Mit" ist leicht gestellt. Soll sie sinnvoll umgesetzt werden, ist eine Umdefinition der Funktion von Wissenschaft und Forschung, eine Neubestimmung der "Zielgruppe" von Wissenschaft und last but not least eine Umstrukturierung der Hochschule und der universitären Forschungsstruktur (und Finanzierung) notwendig. Solange die hegemoniale Ideologie von der "Effizienz und Leistungsfähigkeit" einer Wissenschaft als Funktion von eingeworbenen Drittmitteln, beschriebenem Papier und Umsatzsteigerungen mehr oder weniger unumstritten bleibt, nicht durch eine neue, an gesellschaftlichen Anforderungen und Bildung und Ausbildung orientierte ersetzt wird, bleiben Forderungen Schall und Rauch.

Nachdem der Protest der StudentInnen diesen Winter gezeigt hat, daß der herkömmliche Wissenschaftsbetrieb nicht mehr unseren Vorstellungen und Forderungen entspricht, sind Konzeptionen gefragt, die einen Weg aufzeigen können, aus der Misere der Wissenschaft auszubrechen. Notwendig dafür sind nicht nur Struktur, sondern auch ideologiekritische und gesellschaftskritische Analysen, die das Umfeld der Forschungsorganisation beleuchten.

Arend Wellmann