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89 war nicht 68

Die StudentInnenbewegung 1988/89 interessierte sich für die Erfahrungen der 68er Generation nicht mehr die Bohne!

Waren damit auch die alten Politikkonzepte out? Auch die traditionellen linken StudentInnenorganisationen spielten für uns keine Rolle. Welchen Gründen verdankt sich ihr Absturz, und welche Art von Politik setzten wir denen entgegen? Hätten wir von '68 nicht vielleicht doch was lernen können? Aber was war denn nun das Neue an uns? Und wie geht’s weiter, jetzt eineinhalb Jahre nach den Besetzungen? Wir wollen versuchen, einige dieser Fragen anzureißen.

Wenn wir vielleicht herausfinden könnten, wie die Gesellschaft beschaffen ist, in der wir uns als StudentInnen zur Zeit verhalten, könnten wir vielleicht alte und neue Widerstandskonzepte auf ihrem Wirklichkeitsgehalt und in der Treffsicherheit der Kritik, also in ihrer Gültigkeit, für das Ende der 80er Jahre einschätzen.

Kurz gesagt:

Die materialistischen Gesellschaftsanalysen haben für die StudentInnengeneration von 1988/89 ihren Utopiegehalt verloren. Einerseits lag dies sicher an der desillusionierenden Aufdeckung staatssozialistischer Praktiken im Osten. Aber auch zu der mumifizierten Zufriedenheit von linkem Mittelbau und ProfessorInnenschaft blieb uns angesichts ihrem Eingerichtetsein in den unmöglichen Verhältnissen an den Hochschulen nur das Kopfschütteln. Ihre Angepaßtheit mag durch die ökonomische Abhängigkeit von ihren ArbeitgeberInnen verständlich sein. Aber gerade ihre Berufssparte war doch in den letzten Jahren mit verheerenden Stellenstreichungen von den konservativen HochschulstrategInnen im Senat überzogen worden. Trotzdem führten sie im WS 1988/89 eher die Dialogangebote an, als ihrer einst lauthals angeeigneten Rolle von unruhestiftenden Gespenstern auch wieder öffentlich gerecht zu werden.

Die StudentInnen waren aus anderem Holz geschnitzt.

Auch von den Gewerkschaften (insbesondere von der für den Hochschulbereich zuständigen ÖTV) war während der Streikaktionen nicht viel zu hören. Die Bewegung stand links (!) vom sozialpartnerschaftlichen Mischmasch. Das Bert-Brecht-Institut für interdisziplinäre Forschung kommentierte in der Besetzt vom 13.12.1988: "Ängstlich den Vergleich mit ‚68 scheuend, sind wir vorsichtig geworden, uns auch in gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Wir fürchten den inneruniversitären Konsens herauszufordern – und unsere Forderungen zu hoch zu hängen."

Apropos Gesellschaftsveränderung war bis dahin immer noch die 68er Bewegung der Maßstab gewesen:

Die von den StudentInnen um den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) initiierte Außerparlamentarische Opposition (APO) schuf ihre Mobilisierung mit inhaltlicher Brisanz: Der US-Krieg gegen das vietnamesische Volk war Angelpunkt eines antiimperialistischen Bewußtseins, das in der Kritik der zunehmenden Faschisierungsprozesse in der BRD gipfelte. Der bürgerliche Staat erschien dem antiautoritärem Flügel aus der Keimzelle Kleinfamilie zu entwachsen. Hierzu entstand das Gegenmodell der Kommune. Das Medienmonopol war Ziel der Anti-Springer-Kampange. Protest gegen die Notstandsgesetzgebung, die Einbeziehung der ArbeiterInnen und Gewerkschaften, die Lehrlings- und SchülerInnenbewegung, und der Widerstand gegen die "Klassenjustiz" waren Aspekte einer gesellschaftsverändernden Initiative, die das Thema Hochschule, den Aufstand gegen die Ordinarienuniversität und die Kritik an der positivistischen Wissenschaftstheorie nur als Ausgangspunkt empfand.

Natürlich konnte es kein Aufwärmen angesichts von zwanzig Jahren Geschichte und veränderten objektiven Bedingungen an den Hochschulen geben. Jedoch standen die StudentInnen damals wie heute dem Schrott einer konservativen Hochschulpolitik gegenüber. Die These ist: 1988/89 waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, auch in ihrem Ausschnitt an den Hochschulen, für emanzipatorisches Handeln in weit größerem Maße perspektivloser, als in den sechziger Jahren. Waren im Ausklang der adenauerschen Wirtschaftsrestauration noch grundlegend neue Fragen stellbar, so sind sie dies 1988 nicht mehr gewesen, zumindest nicht mehr in derselben Form. Der neue Beton im Dschungel der Industriegesellschaft manifestierte sich eben auch in einer Zurückdrängung traditionell linker Politikformen. Die alten Fragen und Aktionskonzepte fruchten heutzutage nicht mehr so richtig in einer Gesellschaft, in der die Abstände sozialer Ungleichheit zwar gleich geblieben sind, aber das gesamtgesellschaftliche Niveau an Wohlstand auch der ArbeiterInnen gewaltig gestiegen ist. Marx` Kritik der politischen Ökonomie bestimmt die grundlegenden Prozesse unser gesellschaftlichen Verhältnisse immer noch richtig. Aber Geschichte wird gemacht, es ging vorran in den letzten 100 Jahren. Es wurden nicht nur neue Produktionsweisen eingeführt. Die HERRschaftsverhältnisse im Patriarchat, die Krise der revolutionären Subjektivität der ArbeiterInnenklasse, und die Bedeutung des alltäglichen Reproduktions-, Freizeit- und Konsumbereichs fordern eine Neubestimmung der alten, ehedem erfolgreichen, politischen Handlungskonzepte der ArbeiterInnenbewegung. Wir haben Fragen an das, was linke Politik heißt!

Der Ost-West-Konflikt schwenkt seine Achse auf Nord-Süd. Das allerdings wurde von der 68er Bewegung sehr genau vorhergesehen. Die sozialdemokratische Aufweichung des Internationalismus in den Siebzigern beschert uns heute in Forschung, Lehre und Lernen an den Hochschulen die Unfähigkeit, global zu denken. Das scheinbar "alte" antiimperialistische Thema rauschte 1988 hochaktuell in Gestalt der bundesweiten und insbesondere Berliner Anti-IWF-Kampagne an der StudentInnenbewegung vorbei.

Mag sein, daß an der FU das Projekt "Bedrohte Welt" am Otto-Suhr-Institut für Politologie entstanden ist: aber erst nach dem Streik.

Einerseits spitzt sich die weltpolitische Lage seit den 60gern unaufhaltsam zu, aber die Bedingungen für ein gleichzeitiges Denken dieser Entwicklung in ökologischen und weltwirtschaftlichen Kategorien wurde nach ‚68, der darauffolgenden sozialdemokratischen Hochschulreform und Unterdrückung radikaler Inhalte und der konservativen Wende an den Hochschulen nachhaltig zerstört. Tatsache ist, daß die wichtigen außerparlamentarischen und oppositionellen Bewegungen (Anti-AKW, neuer Internationalismus, Häuserkampf, etc.) außerhalb der Unis passierten. Zu der seit dem Schock von 1977 staatlich eingeimpften Verunsicherung der Linken kommt in den 80gern die Demontage der staatssozialistischen Systeme. Zwar ist das bestimmende Moment, die Verelendung der sog. 3. Welt und ihre Raubausbeutung durch die modernen Industriegesellschaften, nur weiterhin durch fundierte Kritik der weltwirtschaftlichen kapitalistischen Ökonomie begreifbar, aber was diese Entwicklung für Folgen für breites politisch effektives Handeln im Westen bedeutet, ist seit '68 nicht (in den Hochschulen) beantwortet worden. Im Gegenteil: Forschung und Lehre ist meistens Forschung für Hochtechnologie, Rüstung und Ausbeutung mit stillschweigender Duldung der StudentInnen gewesen.

Genau das aber wurde von der StudentInnenbewegung 1988/89 aufgegriffen! Dem blinden Fleck auf dem internationalistischen Auge entspricht der radikale Abgesang auf die traditionellen linken Organisationsformen in der StudentInnenbewegung 1988/89. Diese konnten die unmittelbar wichtigen Themen an den Hochschulen nicht mobilisierungskräftig aufgreifen. Mit den Nachwirkungen der staatlichen Repression, der eigenen Zersplitterung und Hilflosigkeit angesichts der globalen Fanfaren des Kapitalismus und der Infragestellung des Sozialismus beschäftigt, verpennten sie die neuen unmittelbaren Ansatzpunkte für eine radikale Hochschulpolitik.

Unser Interesse galt erst einmal nicht den Verhältnissen in der sog. 3. Welt. Sondern wir waren daran interessiert, die uns betreffenden Mißstände an der Uni abzuschaffen. Die Vermittlungschritte von diesen Mißständen, unserer privilegierten Situation, und den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen, haben wir in der Kürze der Zeit nicht geschafft. Wir hätten uns in dem Nachdenken darüber auch selbst behindert können. Denn wir wollten handeln!! Ob in diesem Prozeß dann neue Perspektiven auftauchen würden, konnten wir Anfang November 1988 noch gar nicht beantworten. Uns ging es um die eigene Befreiung. Wir kämpften nicht stellvertretend für eine Klasse oder für den Trikont. Selbstverständlich tauchten während der Besetzungen alle die genannten politischen Perspektiven mehr oder weniger prägnant dann auch auf. Wir konnten sie nur nicht für unsere Aktionen voraussetzen!

Wie wenig wir letztendendes voraussetzen konnten, zeigten dann unsere inneren Widersprüche, mit denen wir im Verhältnis zum äußeren Druck zerbrachen. Insofern ist die These von der "entpolitisierten StudentInnenschaft", die sich erst 1988/89 "repolitisieren" (Kraushaar) konnte, schon richtig. Sie greift aber zu kurz, wenn die StudentInnen für die Fehler der konservativen Hochschulstrategen verantwortlich gemacht werden sollen. Unser Protestvermögen haben wir uns selber geschaffen. Viele von uns sind in den letzten Jahren in den außeruniversitären Basisbewegungen aktiv gewesen, weil an der Hochschule Totentanz angesagt war. Das politische Betätigungsfeld Hochschule war infolge des steigenden Oualifikationsdrucks nach technokratischen Mustern entpolitisiert, nicht die StudentInnenschaft als solche. Natürlich kommt von Nix nix. In Westberlin z.B. wurde durch jahrelange Kleinarbeit der AktivistInnen etwa zum Hochschulgesetz dafür gesorgt, daß überhaupt irgendjemand etwas gemacht hat. Zudem stand die StudentInnenbewegung 1988/89 im Zusammenhang mit einigen Wegbereitern: 1986 streikten die Westberliner TutorInnen mit Unterstützung der ÖTV. 1987 erzwangen französische StudentInnen den Rücktritt eines Ministers, an der Hannoveraner Uni regte sich Protest gegen Studiengebühren, und SchülerInnen starteten eine Kampange gegen die "Abi-Deform". Das heißt, mit der Erfahrung aus den außeruniversitären Kämpfen (Anti-AKW, Friedensbewegung, § 129a, Häuserkampf; SchülerInnenbewegung etc.) und den inneruniversitären Ansätzen war die Chance der Stunde da, den Restriktionen an den Hochschulen nicht nur einen Abwehrkampf entgegenzusetzen. Aber die Bestimmungen des Politikbegriffs der 68er waren verschwunden und machten – ähnlich wie bei den undogmatisch Linken Ende der Siebziger – gerade jenen Platz, die das Desaster der linken Zersplitterung in den 70gern überwinden sollten: Feminismus, Dezentralität und Basisorientierung, Selbstbestimmung, Besetzungen, Alltagsnähe – Das stellte sich in Westberlin so dar:

1. Frauenforderungen
konnten sich in weit größerem Maß als je zuvor und von Anfang an artikulieren. Auch wenn von Durchsetzung angesichts von vier Vergewaltigungen während der Aktionen nicht die Rede sein konnte, waren die verschiedenen Quotierungsmodelle ein zentrales Ergebnis der Bewegung: "Wie bei näherem Hinsehen leicht festzustellen ist, bedeutet der Kampf gegen HERRschende Strukturen für die Allgemeinheit der Studierenden in Wirklichkeit nur Kampf gegen die Regierenden, die die Stellvertreter des Kapitalismus / Imperialismus sind. Kampf gegen Hierarchien, Kampf wogegen auch immer, JEDOCH IMMER UNTER AUSSPARUNG DES KAMPFES GEGEN DAS PATRIARCHAT: Doch ein politischer Kampf, der nicht selbstverständlich den Kampf gegen das Patriarchat impliziert, ist und kann kein allgemeiner (sprich für Männer und Frauen gleicher) Kampf sein!" (Frauen- und Lesbenzeitung / Besetzt 7.2.1989).

2. Antifaschismus
ist als Frage an alle wissenschaftlichen Bereiche gestellt worden. Als Aufgabe entgegen dem Wiedererstarken neonazistischer Strömungen, als Forderung zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit und gegen die Herrschaft rechtsradikaler Organisationen wie der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" (NofU). Aus der antifaschistischen Organisation entstand im Anschluß an den Streik das PfIFf (Projekt für interdisziplinäre Faschismusforschung) am FB Geschichte.

3. Die Autonomie der Hochschule
ist angesichts der zunehmenden Anbindung der Unis an die Privatwirtschaft durch Drittmittelforschung und AN-Institute als Gefasel, Kalkül und Illusion entlarvt. Gegen High-Tech- und Akzeptanzforschung im kapitalistischen Verwertungsinteresse wurden von uns Konzepte wie die der "Kritischen Interdisziplinarität" und der "Befreiungsorientierten Wissenschaft" entwickelt. Da die Aktionen zeitweilig von allen Fachbereich mitunterstützt wurden, kam entlang diesen Wissenschaftsmodellen auch endlich wieder die Überwindung der Trennung von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften in die studentische Diskussion.

4. Subjekt
der angestrebten Veränderung wollten wir selber sein, wir kämpften nicht stellvertretend und organisierten uns rätedemokratisch: "Im universitären Kontext hieß Mitbestimmung (1/4-Parität) bisher stets, daß dieser Zustand immer nur kurzfristig eingehalten, dann aber zurückgenommen wurde. Deshalb muß unsere Forderung ‚Selbstbestimmung’ lauten, die hier seit dem ersten Dezember gelebt wird. Selbstbestimmung fördert die Entwicklung nicht mehrheitsorientierter, selbstverwalteter Strukturen, die als Gegenmodell zu (noch!) bestehenden Rahmenbedingungen zu sehen sind." (Diskussionspapier der AG "Universität im gesellschaftlichen Zusammenhang", Besetzt 12.12.1988).

5. Wissensvermittlung
ist in der Lernfabrik nur voneinander entfremdet möglich. Dagegen setzte die Bewegung auf den Zusammenhang von Wissensaneignung und alltäglicher Lebenswelt. Wir erfuhren, daß kollektives Lernen Spaß machen kann, wenn wir die Inhalte selbst bestimmen. Die unzähligen autonomen Seminare waren zusammen mit Gremien- und Reproduktionsarbeit in das Leben an der Universität integriert. Die Hausarbeit war weder nebensächlich, noch Frauen vorbehalten. Dreck wegmachen, putzen, kochen, etc., funktionierten gemeinsam. Ohne Mampf kein Kampf! Wie schwierig war es, abseits politischer Phrasen ein Kollektiv zu leben? Die Erfahrungen dabei verschlangen bei vielen Kraft, und wir wollen das Erlernte daraus doch nicht missen.

6. Kultur
war kein Anhängsel nach getaner politischer Arbeit. Die großen und kleinen Feste, Benefizveranstaltungen bekannter KünstlerInnen, die Spaßguerilla-Aktionen, das Symphonieorchester im Hörsaal, die Nacktdemo, Wandmalereien ... . Wir brauchten Kultur, weil wir uns Bedingungen geschaffen hatten, in denen Selbstverwirklichung keine Privatangelegenheit mehr war.

Die StudentInnen holten 1988/89 im Druck der Verhältnisse zum Befreiungsschlag aus. Daß dieser zum Schlag ins Wasser wurde, war schon bald danach im folgenden Semester klar. Aber lieber ein Sturm im Wasserglas als ohne Wasser in der Wüste! Die Spontaneität und Kraft der Proteste waren schließlich nur in den Verhältnissen machbar, zu denen in den Besetzungen das Gegenmodell gelebt wurde. Der Campus war und blieb Eigentum des Staates, unsere Perspektiven waren und blieben von der Qualifikation im regulären Studium bestimmt, unser Geld war und blieb vom Job, BAföG oder Eltern außerhalb der Uni abhängig, Heckelmonster war und blieb Präsident der FU Berlin. Ökonomisch abgesichert hatten einige der StudentInnen – ja längst nicht alle der 60.000 an der FU, oder gar alle in Berlin oder der gesamten Bundesrepublik – das Privileg diesen Streik zu organisieren. Die Radikalität, mit der dies viele StudentInnen vorantrieben, schien schnell alle bürgerlichen Lebensbedingungen hinter sich zu lassen. In der Begeisterung, in der uns der selbstbestimmte Lebensraum offen zu stehen schien, vergaßen wir aber, uns selbst nach den Bedingungen des realisierten Traums zu fragen. Anders ausgedrückt: Wir stellten uns selbst nicht in Frage. Wir merkten nicht, daß die Realisierungsmöglichkeit unseres Traums auf den Bedingungen des bürgerlichen Staats aufgebaut war und blieb, und wir (be)griffen nicht diese selbst an. Der grundlegende Widerspruch unser Gesellschaft, der von kapitalistischer Industrie und ArbeiterInnen hier und in der sog. 3. Welt wurde nie konsequent in Frage gestellt. Derjenige Flügel unser Bewegung, der sich dessen bewußt war, konnte sich letztlich nicht durchsetzten. Schon von daher ging das Interesse der traditionell linken Organisationen und der Gewerkschaften gegen Null. Anderseits zeigten wir auch ihnen, was eine Harke ist. Auch wir waren das Volk, auch wir wollten Gesellschaftsveränderung, aber wollten dazu eben nicht den ArbeiterInnen hinterherlaufen müssen, und erreichten auch mit der Rücknahme der Strukturveränderung an der FU eines unser wichtigsten Ziele. Da mögen einige GewerkschaftlerInnen spotten: Was sind die Ergebnisse der Besetzungen gegen die historische Unterdrückung der Arbeiterklasse! – "Ach GenossIn", könnten wir da leise antworten, "die ArbeiterInnenbewegung ist auch nicht mehr das, was sie mal war!"

Zugegeben: Die gesellschaftskritischen Potentiale versanken zunehmend im inneruniversitären Sumpf – vielleicht als Konsequenz eines verkürzten Selbstverständnisses mit dem Begriff der "Selbstbestimmung" als unmittelbarer Reflex auf die jahrzehntelange Verschulung, Restriktionen und Fremdbestimmung des Studiums. Der entscheidende Unterschied von 68 zu 88/89 fällt unschwer ins Auge, auch wenn sich die MarxistInnen noch so sehr die Augen reiben: Das internationalistische/antiimperialistische Thema ist nicht im Erkenntnisinteresse der StudentInnen gewesen. Trotz Nicaragua, Palästina, IWF, und katastrophaler Verschuldung der Trikontländer. Vielleicht war nur so die Leichtigkeit möglich, mit der die Proteste ausbrachen – ohne verknöcherte Phraseologien und Kaderorganisation –, und mit der sie zusammenbrachen – in hochschulpolitisch fixiertem Engagement.

Anscheinend waren weder GenossInnen noch StudentInnen Ende November 1988 ausgeschlafen genug. Die Besetzungen wurden von der organisierten Linken im nachhinein als Reformismus belächelt. Umgekehrt diagnostizierten die StudentInnen den Altlinken Avantgardearroganz. Beide Schubladen passen nicht. Sie verweisen eher auf die jeweils eigene schmutzige Wäsche und behinderten eine gemeinsame Entwicklung. Mehr Selbstkritik und historisches Bewußtsein hätte den StudentInnen BündnispartnerInnen bescheren können. Das einzige "Bündnis" mit außeruniversitären Gruppen setzte an einem aktuell brennenden Problem an: Die studentischen Wohnungsnot war Anlaß, daß in Zusammenarbeit mit der "Szene" in Berlin wieder Häuser besetzt wurden. Mehr Selbstkritik und Spürsinn für die aktuellen Problematiken und die Bedürfnisse an den Hochschulen hätte den organisierten Linken gut getan. Der Streit zwischen 68 oder 89 ist in gewisser Weise auch ein Scheingefecht. Es kommt einerseits vor allem auf inhaltliche Diskussionen an, und anderseits haben in den letzten Jahren auch noch einige andere Strömungen eine Rolle im linken Kunterbunt gespielt:

Zu nennen sind hier die "undogmatischen Linken", die " GRÜNEN", und die "Autonomen". Mit Militanz hatten wir nichts am Hut, Gewaltfreiheit war Konsens, ene mene muh – autonom war unser Konsens nicht. Eene mene miste – es rappelt in der grünen Kiste! An die rosa-grünliche Koalition wurden so viele Hoffnungen geknüpft, daß der Streikkonsens hier zu verorten wäre, wenn sie uns nicht so bitter enttäuscht hätten mit ihrer neuen Hochschulsenatorin. Undogmatisch? Na klar! Aber links? Das Spiel funktioniert nicht mehr. Wir sind nicht einzuordnen gewesen! Es haben Leute aus allen Spektren mitgemacht, ohne daß eine wie auch immer geartete Organisation oder Strömung eine bestimmende Rolle gespielt hätte.

Letztenendes warfen die StudentInnen ihre Spontaneität zuungunsten einer effektiven Organisation mit BündnispartnerInnen in die Waagschale des politischen Handelns. Diese tatsächlich revolutionäre Schwäche hatte keinen langfristigen Atem. Alle legalen Organisationsformen müssen sich mehr oder weniger den bestehenden Verhältnissen anpassen, um überlebensfähig zu sein. Da die Frage der Illegalität zu stellen, für uns absurd gewesen wäre, wir aber ein wirklich radikales Gegenmodell gelebt haben, saßen wir zwischen so ziemlich allen Stühlen. Und hatten uns zudem mit der Sortierung des Schutthaufens jahrzehntelangen Bildungsabbaus eine riesige Aufgabe vorgenommen. Das gelang, und ist in dem Gesamtber!iner Forderungskatalog in allen Einzelheiten nachzulesen. Wir sollten die Besetzungen als das nehmen, was sie waren: Ein kurzes Aufbegehren mit vielen Merkmalen revolutionärer Begeisterung, das durch den Druck der Verhältnisse kam wie ging. Für streikheroische Mythenbildung war die Normalstudiums-Daumenschraube wieder allzu schnell angelegt. Aber das Aufbegehren artikulierte allgemeine Interessen. Ja, wir waren wirklich politisch!

Und die Zeit war reif dafür: Um Weihnachten 1988 herum waren alle Institute der FU besetzt, alle anderen Westberliner Hochschulen teilbesetzt, 16 Schulen streikten, aus der BRD und aus dem Ausland kamen Meldungen über Besetzungen, Teilbesetzungen und Aktionen in über 20 Universitätsstädten! In den vorhanden gewesenen Kräftekonstellationen setzte sich schließlich nicht der linke Flügel der Bewegung durch, sondern- die rein hochschulpolitisch Engagierten und die Finanzschreihälse. Immerhin noch "links" genug um den Streikkonsens (Rücknahme der Strukturbeschlüsse, Finanzmittel, Mitbestimmung) zu sichern. Im spontanen Aufbegehren kam dann der Hilfeschrei nach besseren Ausbildungsbedingungen prompt als Lied eines lobenswerten Pragmatismus in die Hirne der ZeitungsleserInnen gedudelt. Die unspezifische Forderung nach besseren Studienbedingungen und "Interdisziplinarität" lassen das Interesse der Herrschenden und der Industrie an gerade ebensolcher Modernisierung außer acht. Diese Tendenz war das Ergebnis des Streikkonsens, der anderseits die Bewegung erst so öffentlichkeitswirksam und zahlreich machte. Dokumentiert ist dies z.B. in einer Bemerkung zur Entwicklung des Forderungskataloges der b*freiten Universität Berlin vom 17.1.1989 im Buch des Informationsausschusses der B*FU, S. 3: "(...) gab es doch auch verschiedene Interessen unter uns KommilitonInnen. Z.B. die Forderung nach einem Verbot von Gen-, Nuklear-, und Rüstungsforschung wurde bei den NaturwissenschaftlerInnen nicht sonderlich gut aufgenommen (zumal in jenen FBs, die mit diesen Wissenschaften zu tun haben) ... also einigte man/frau sich auf die Formel: 'Wir fordern Transparenz und institutionelle Möglichkeiten zur kritischen Reflexion und wirksamen gesellschaftlichen Kontrolle von Hochtechnologien ... etc.'" [1] Diese inneren Widersprüche markieren dann auch die Bruchstelle entlang der – nach der Abwehr der Polizeieinsätze auf dem Campus Anfang des Jahres 89 – immer deutlicher zutagetretenden inhaltlichen Differenzen. Unileitung und die in Berlin bis dato noch regierenden CDU-Politikerlnnen konnten zudem in den Medien und in der Öffentlichkeit das Bild der pragmatisch-unpolitischen und lediglich auf materielle Verbesserungen bedachten StudentInnen plazieren, und mit dieser spalterischen Propagandalüge sogar noch als TrittbrettfahrerInnen aufspringen. Auf diese Art der Information bezog sich auch größtenteils das wohlwollende Interesse der sog. liberalen Öffentlichkeit. Unklar bleibt, wer denn nun was bewirkte: Ob die Unileitung von vornherein aufs richtige Pferd setzte, oder ob sich ihre Verlautbarungen auch als ein Teil unseres Selbstverständnisses einnistete. Die Litaneien der propagandistischen Vereinnahmungen beschleunigten zumindestens das Auseinanderdriften der Gegensätze:

Auch in großverlegerischen Buchveröffentlichungen nach den Aktionen kommt derjenige Flügel zu Wort, der zwar die Besetzungen eine Zeit lang mittrug, aber im Zuge der sich abzeichnenden rosa-grünlichen Koalition schließlich absprang.

Repressive Räumungsdrohungen und propagandistische Vereinnahmungstaktik waren letztlich Momente einer Konterstrategie, die von den eigenen Widersprüchen genährt, den Knockout zum Ende des WS 88/89 mit sich brachte. Denn so unter Druck gesetzt, und mit den eigenen Unklarheiten belastet, wendeten wir uns schließlich gegeneinander. Die rosa-grünliche Koalition gaukelte ab Ende Januar 1989 Hoffnungen auf Erfüllung wenigstens einiger Forderungen vor (Ouotierung, 1/4-paritätische Mitbestimmung, Entflechtung von Uni und Industrie, selbstbestimmte Seminare). Die Berliner Bewegung bröckelte dann ab, als die Gesprächsbereitschaft in dem sog. "Verhandlungsrat" institutionalisiert war. Anderseits wollen wir auch nicht verschweigen: Zum Schluß krochen die AktivistInnen auf dem Zahnfleisch in den Besetzungsrat. Die Aktionen hatten allen Beteiligten über die Monaten hinweg unheimlich viel Energie gekostet.

Sicher ist einiges erreicht worden, und konnte wohl auch nur in diesen Kräftekonstellationen erreicht werden. Mit der relativen gesellschaftspolitischen Etablierung des Themas Hochschule und dem gewachsenen Selbstvertrauen sind Vorraussetzungen geschaffen, daß StudentInnen wieder mit StudentInnen politisch reden. Finanzmittel sind eingetroffen. Kein Mensch kontrollierte allerdings, wohin die flossen. Das Projekttutorienprogramm wurde auch finanziert. Die Präsidialmannschaft hat nicht mehr gar so viel zu melden. Und kurz vor den Wahlen haben wir Wahlhelfer für die AL/SPD-Mogelpaekung gespielt. Umstrukturiert wird erst einmal nicht mehr. Ist das nix?

Das von vielen herbeigewünschte strömungsübergreifende und von Parteien unabhängige Bündnis der kritischen StudentInnen ist in den letzten fast anderthalb Jahren seit Ende des Streiks nicht zustande gekommen. Die Ereignisse im früheren "Ostblock" haben diese Diskussionen in den Hintergrund treten lassen. Für alle Diskussionen um linke Politik sind die Karten gemischter als je zuvor. Dabei ist’s angesichts der Restauration an den Hochschulen so nötig wie ehedem, daß wir uns weiter über Widerstandsformen unterhalten. Die lauthals von der SPD-Senatorin angekündigte Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes liegt immer noch in ihrer Schublade. Inzwischen ist die Einführung des flächendeckenden Numerus Clausus geplant! Wir brauchen aber die Viertelparität und die Quotierung und den freien Zugang zu Bildung, und ... !!! Holen wir sie uns?

Keine Frage, mit dem Aufbegehren 1988/89 war es nicht getan. Seitdem ist erstaunlich wenig für eine Reflektion der Erfahrungen getan worden. Die AktivistInnen erkennen sich noch mit einem Augenzwinkern, aber jeder weiß: wir haben nur einmal zugebissen, und der Apfel ist so sauer wie zuvor! Ob und wie die StudentInnenbewegung 1988/89 tatsächlich neue Wege für eine radikale Politik gezeigt hat, ob das Konzept und die Organisationsform so vielleicht auch andernorts eingesetzt werden kann, wer weiß? Eins scheint sicher: Marx ist tot, aber nicht out, sondern nur nicht mehr ganz frisch. Die Menschen in der sog. dritten Welt kämpfen schon länger als nur seit 1968. Um den internationalen Kampf als unseren begreifen zu können, müssen wir aber von unserem eigenen Leiden an Falschheiten und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft ausgehen. Zum Beispiel an den Hochschulen.


Anmerkung

[1] Informationsausschuß des UNiMUTs und AStA der B*FU Berlin (Hg.) 1989: FU Berlin – Ein pechschwarzes Gebilde – Geschichten über Ursachen und Hintergründe des UNiMUTs von den StudentInnen der b*freiten Universität Berlin. ISBN 3-926522-04-6.


aus: Anti-Repressions-Arbeitsgemeinschaft (ARAG) des AStA der Freien Universität Berlin (Hg.) 1990: Berichte, Fotos, Dokumentationen und Analysen der staatlichen Repressionen aufgrund des Universitätsstreiks im Wintersemester 1988/89. S. 39-51.