Mehr als 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung scheint die düstere Prophezeiung des sozialistischen deutschen Studentenbundes aus dem nebenstehenden Zitat eingetreten zu sein: der Diskurs um und an den Universitäten dreht sich längst nicht mehr um Demokratisierung, vielmehr findet eine autoritäre Formierung statt. Die vorhandenen, wenn auch marginalen, Mitbestimmungsrechte nicht nur der Studierenden werden geschleift, die Macht konzentriert sich zunehmend in den Händen von Rektoren und Präsidien. Immer wieder wird die Idee externer Hochschulräte diskutiert, die die Universitäten "managen" sollen wie der Aufsichtsrat einen Großkonzern.
Der Versuch, diese autoritären Leitungsformen in den Hochschulen durchzusetzen, entspricht dem Funktionswandel, dem die Universitäten derzeit unterliegen. Diente die klassische Ordinarienuniversität als autonome "Gelehrtenrepublik" letztlich allein der Reproduktion einer schmalen gesellschaftlichen Elite, so brachte der Übergang zur staatlich kontrollierten Gruppenuniversität nicht zuletzt durch die Kämpfe der 68er eine gewisse Öffnung für breitere Schichten der Gesellschaft mit sich. Die steigenden Bildungsinvestitionen, vor allem aber die Abschaffung der Studiengebühren und die Einführung des BAföG machten dies möglich.
Das fordistische Gesellschaftsmodell, daß diese hohen Bildungs- und Sozialleistungen beinhaltete, neigt sich jedoch mittlerweile endgültig dem Ende zu und reißt die Universitäten mit sich. Der Klassenkompromiß, der die Überschüsse einer prosperierenden Wirtschaft zu einem gewissen Anteil ins Gemeinwesen investierte, ging an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde. Die ewige Sicherung der Prosperität durch staatliche Investitions- und Konjunkturprogramme blieb eine Illusion. Die bei diesem hilflosen Versuch zur Konstruktion eines krisenfreien Kapitalismus angehäufte immense Staatsverschuldung dient heute als Startrampe für das neue, neoliberale Gesellschaftsprojekt.
Mit dem Sparzwang als Moralkeule wird nun die marktförmige Steuerung nahezu aller bisher öffentlich-staatlich organisierten Lebensbereiche forciert Gesundheitswesen, Rentenversicherung, Müllabfuhr und auch das Bildungswesen. Das neoliberale Versprechen besserer Effizienz und Kostenersparnis verschleiert dabei nur notdürftig die Hoffnungen auf Profite, die sich diverse Anbieter in allen Bereichen machen.
Woher die Profite im Bildungsbereich kommen sollen, ist bereits ausgemacht: Rückmeldegebühren, Langzeitstudiengebühren, Studienkonten und ähnliche Maßnahmen gewöhnen die Studierenden langsam an ihren Status als zahlende Kunden der universitären Dienstleister.
Die letzten Reste jeder Art von Bildungsideal werden damit aus den Hochschulen hinausgefegt. Mit der Herauslösung der Universität aus dem staatlichen Sektor und ihrer Integration in die Sphäre der Kapitalverwertung reduziert sich ihr Sinn endgültig auf die Produktion verwertbarer Waren in Form von AbsolventInnen mit modular genormten, am Arbeitsmarkt orientierten Kenntnissen ohne zusätzlichen "Wissensballast".
Diesen Prozess zu verstehen, ihn von verschiedenen Seiten zu beleuchten und Perspektiven des Widerstandes aufzuzeigen ist Sinn dieser Sammlung. Es geht nicht um die Verteidigung der staatlich-bürokratischen Universität der Vergangenheit, sondern um eine emanzipatorische Stoßrichtung, eben um die Mitwirkung an der "dynamischen Weiterentwicklung zur sozialen Demokratie und der Demokratisierung der Gesellschaft".
Es finden sich in diesem Band sowohl Texte zu den äußeren Rahmenbedingungen der universitären Transformation, wie etwa die Analysen zum GATS-Abkommen als Instrument zur Herstellung eines Weltmarktes für Bildung. Aber auch die subjektive Ebene wird nicht ausgelassen: Lars Bretthauers Text zum "studentischen Arbeitskraftunternehmer" beleuchtet das veränderte Studierverhalten in einem zunehmend wettbewerbsförmigen Bildungssektor und sucht nach Ansätzen für eine emanzipatorische Hochschulpolitik, die diese Realitäten anerkennt ohne sich selbst aufzugeben.
Die Idee zu diesem Buch entsprang ursprünglich einem autonomen Seminar namens "Hochschule und Gesellschaft", das von einer Gruppe Studierender am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft im Sommersemester 2001 durchgeführt und durch die freundliche Unterstützung von Prof. Peter Grottian auch ins offizielle Vorlesungsverzeichnis gehievt wurde.
Das von Vorbereitungsgruppe und TeilnehmerInnen sehr engagiert betriebene Seminar bot die Möglichkeit, sich intensiv und wissenschaftlich mit dem Thema Hochschulpolitik auseinanderzusetzen. Die Anbindung an den normalen Seminarbetrieb hatte den Vorteil einer größeren Öffentlichkeit und der Möglichkeit des Scheinerwerbs, so daß der beträchtliche Aufwand auch als Studienleistung angerechnet werden konnte.
Die Veranstaltung diente vielen auch als Nachbereitung und Reflektion der im Winter 2000 ablaufenden Proteste gegen Kürzungen am Institut. Die Proteste, die in einer eintägigen Institutsbesetzung gipfelten und dann leider abflauten, wurden damals explizit für den Erhalt "kritischer Wissenschaft" geführt. Sie waren sich also der Tatsache bewußt, daß neben der mit dem "Sparzwang" begründeten Kürzungspolitik auch eine Umstrukturierung und Neuausrichtung der Universitäten im Gange war. Dennoch, und das mag vielleicht auch sein Scheitern begründen, nahm der Protest den Charakter eines Abwehrkampfes zum Erhalt des Bestehenden an. Schon während des Protestes begann daher eine breite Diskussion um Inhalte, Aktionsformen und Rahmenbedingungen des Protestes, als deren Fortsetzung sich das Seminar verstand.
Wenn man auch heute sagen muß, daß nach der Einführung der neuen, bemerkenswert repressiven Prüfungsordnungen für Bachelor, Master und Diplom zum 30. September dieses Jahres die Ambitionen des "OSI-Protestes" gescheitert sind, so hat er doch in der Wiederentdeckung studentischer Strukturen, wie eben der des Autonomen Seminars seine Berechtigung gehabt.
Diese selbstständige wissenschaftliche Erarbeitung von Kritik und Inhalten möchten wir daher mit diesem Band propagieren und einige Ergebnisse dieses autonomen Lernprozesses für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich machen. Konkret aus dem Seminar hervorgegangen sind der Text von Lars Bretthauer zum "studentischen Arbeitskraftunternehmer", sowie der historische Vergleich verschiedener Studierendenbewegungen von Ralf Hoffrogge. Die weiteren Beiträge stammen aus anderen Zusammenhängen, beschäftigen sich allerdings ebenfalls mit den aktuellen hochschulpolitischen Umbrüchen.
Den Anfang machen zwei Texte von David Hachfeld (Das GATS-Abkommen und die Kommerzialisierung von Bildung in der BRD) und Ralf Hoffrogge (Die Auswirkungen von GATS und Bologna-Prozess auf die deutschen Hochschulen), die sich mit dem bei der Welthandelsorganisation WTO angesiedelten GATS-Abkommen zur weltweiten Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen beschäftigen. Das GATS mit seinem allumfassenden Dienstleistungsbegriff spart auch die Bildung nicht aus und strebt danach, sie warenförmig zu organisieren um sie dann auf einem globalen Bildungsmarkt handelbar zu machen. Die Arbeiten beleuchten Geschichte und Funktionsweise des GATS und analysieren die konkrete Umsetzung am Beispiel der Hochschulen.
Der Text von Ralf Hoffrogge beschäftigt sich zusätzlich mit dem von der EU-angestoßenen Bologna Prozess zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes. Dieses Projekt der Vereinheitlichung der europäischen Bildungssysteme wird hier als eine wesentliche Voraussetzung zur Schaffung einer warenförmigen Bildung im Sinne des GATS begriffen und analysiert.
"´68 ´88 ´97 Von der Weltrevolution zur BAföG-Reform" ist der Titel des zweiten Beitrags von Ralf Hoffrogge. Er beinhaltet eine historische Analyse der Inhalte und Forderungen (west-)deutscher studentischer Protestbewegungen in den genannten Jahren. Der Text stellt den Wandel der gesellschafts- und hochschulpolitischen Vorstellungen der verschiedenen Studierendenbewegungen dar und unterstreicht die Notwendigkeit einer positiven Universitäts-Utopie, die sich jedoch nicht von praktischer und umfassender Gesellschaftskritik ablösen läßt.
Der nächste historische Beitrag beschäftigt sich mit der Geschichte des politisch-juristischen Kampfes um ein Politisches Mandats für die verfaßten Studierendenschaften. Der Autor Reinhard Neubauer zeichnet in seinem Beitrag "Nicht jeder Tod eines Studenten ist hochschulbezogen" die Geschichte der Repression nach, mit der den studentischen Organen untersagt wird, zu allgemein-politischen Themen Stellung zu beziehen. Denn nach geltender Rechtssprechung haben die Asten als gewählte Vertretungen der Studierendenschaft lediglich das Recht, sich zu sogenannten hochschulpolitischen Themen zu äußern. Mit dieser künstlichen Trennung von Hochschul- und Allgemeinpolitik wird ihnen bis heute die freie Meinungsäußerung verwehrt.
An fünfter Stelle steht der Beitrag "Das Konzept des studentischen Arbeitskraftunternehmers als Grundlage studentischer Interessenvertretung?" von Lars Bretthauer. Arbeitskraftunternehmer sind eben jene Unternehmer, die nichts als ihre eigene Arbeitskraft feilzubieten haben. Vom klassischen Proleten des 19 Jahrhunderts unterscheiden sie sich darin, daß sie für die Transformation ihrer Arbeitskraft selbst verantwortlich sind. Die Verwandlung ihrer Arbeit in marktfähige Waren fällt in die eigene Zuständigkeit, daher erscheinen ihnen die ArbeitskollegInnen eben nicht als solche, sondern als Konkurrenz auf dem Markt.
Auch das Studierverhalten beugt sich mehr und mehr diesem Muster, angesichts von Akademikerarbeitslosigkeit und medial überhöhter Zukunftsangst verlangt der Arbeitsmarkt nicht mehr einen einfachen Abschluß, sondern ein individuelles Qualifikationsprofil, eine maßgeschneiderte Biographie, eben die Fähigkeit zur Transformation der eigenen Arbeitskraft in intellektuelle Fertigprodukte. Das Studium verliert so endgültig seinen Charakter als Freiraum für die Verfolgung eigener Interessen, sondern dient völlig der späteren Verwertung am Arbeitsmarkt.
Anhand dieses Konzeptes wird die Möglichkeit einer neuen Hochschulpolitik untersucht, die den geänderten Anforderungen und Wahrnehmungen der studentischen AdressatInnen gerecht wird, ohne ihre basisdemokratischen Ziele aufzugeben
"Habitus und Zeitpräferenz Ein interpretatives Modell zur Erklärung von unterschiedlichen Bildungschancen" ist der Titel des sechsten Beitrags von Thomas Krikser. Er stellt eine soziologische Analyse des Bildungszugangs dar und weist nach, daß die Möglichkeit des Aufstiegs in unserem Bildungssystem eben nicht von einer wie auch immer gearteten Begabung bestimmt wird, sondern daß nach wie vor das soziale und kulturelle Milieu ausschlaggebend für die individuellen Bildungschancen sind daß somit unser Bildungssystem soziale Ungleichheit nicht abbaut, sondern reproduziert.
Wir hoffen, mit diesen Beiträgen die Debatte um emanzipatorische Hochschulpolitik wieder zu entfachen und den stattfindenden Protesten gegen Studiengebühren, Kürzungen etc. Perspektiven jenseits eines bloßen Abwehrkampfes anzudeuten.
Bedanken möchten wir uns bei allen Autoren und UnterstützerInnen, vor allem aber bei den OrganisatorInnen des autonomen Seminars, in dem die Idee zu diesem Sammelband entstand.
Dank an: Lars Bretthauer, Daniel von Fromberg, David Fuhr, Borislaw Janowski, Katharina Lenner.
Die Redaktion