... möchte ich meine subjektive, wissenschaftstheoretische Verortung an den Ausgangspunkt dieser Abhandlung stellen.
Dieses ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass ich jeglichen Anschein eines neutralen, vermeintlich objektiven Standpunktes vermeiden möchte. Zum zweiten erschließt sich die Fragestellung dieser Arbeit nur aus einer speziellen Perspektive auf die momentanen Veränderungen der Hochschullandschaft in Deutschland, die sich im Schlagwort der 'Verbetriebswirtschaftlichung der Universitäten' ausdrückt. Mein wissenschaftlicher Standpunkt wird in der Rechts-Links-Verortung der politischen Strömungen an den Universitäten als "basisdemokratisch" [1] bezeichnet.
Hinzu kommt, dass ich für meine Fragestellung nur eine dünne wissenschaftliche Quellenlage nachweisen kann. Ein breit gefächertes Referenzsystem wissenschaftlicher Literatur, auf das ich in dieser Einleitung rekurrieren könnte, bleibt mir somit verwehrt.
Grundlegend für meine Auseinandersetzung mit dem Thema der studentischen Hochschulpolitik ist mein eigenes Studium am Otto-Suhr-Institut (OSI), vor allem meine Beteiligung am studentischem Protest im Wintersemester 2000/2001. [2] In diesem versuchten die Studierenden eine Kürzung der Politikwissenschaft an der FU Berlin entsprechend der Maßgaben eines Gutachtens des Wissenschaftsrats zu verhindern. Ziele dieses Protests waren die Erhaltung einer breit gefächerten integralen Politikwissenschaft mit besonderem Augenmerk auf die wissenschaftlichen Ansätze, die in ihren Methodologien explizit eine Kritik der kapitalistischen Vergesellschaftung und eine Beförderung emanzipativer Politik anstrebten. Dieses wurde unter dem Schlagwort "kritische Wissenschaft" (Politische Ökonomie, Genderwissenschaften, politische Theorie und die integrationswissenschaftliche Perspektive auf andere wissenschaftssystematische Bereiche wie Recht, Soziologie, Geschichte u.a.) subsumiert. Weitere Hauptbestandteile der politischen Agenda bildeten Themen wie gleiche Zugangschancen zu Bildung (NC und Studiengebühren), die Belebung der Universität als sozialem Ort und die Aufrechterhaltung eines selbstbestimmtem Studiums bezüglich der Lehr- und Lernformen. Letzteres zeigte sich vor allem in der Kritik an der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die in ihrer inhaltlichen Verkürztheit, ihren verschulten Lernformen und den neuen Selektionsmechanismen kritisiert wurden. Der studentische Protest zeigte seinen Erfolg in einer Politisierung einer Minderheit des Instituts, die sich in Teilen in der Fachschaftsinitiative institutionalisierte und einer Verzögerung der Entscheidung über die zukünftige Gestaltung des OSIs, die nun über eine weithin vertagte Evaluation vonstatten gehen wird. Die oben genannten Themen kamen nicht zu ihrer Verwirklichung: so folgte trotz der ausführlichen Kritik am Master und Bachelor dessen Einführung in die Prüfungsordnung des Instituts.
Im Resumé des Semesters, an dem sich die (wenigen) DozentInnen beteiligten, die den Protestaktionen unterstützend beigestanden hatten, äußerte Hasko Hüning, ein Arbeitssoziologe mit geschlechtsspefizischem Schwerpunkt am OSI, seine Kritik an der politischen Agenda des Protestes. Seiner Ansicht nach seien die traditionellen 'linken' Themenfelder (kritische Wissenschaft, Chancengleichheit beim Hochschulzugang, Universität als sozialer Ort) nicht die Ansatzpunkte für eine fruchtbare Hochschulpolitik. Statt dessen müsse der Arbeitsmarkt als Ansatzpunkt gewählt werden, da sich im Zuge dessen Umstrukturierung individuelle Unsicherheiten und neue Politisierungspotentiale ergeben würden. Ohne seine Intention wirklich zu verstehen, erschien mir der methodologische Ansatzpunkt des Arbeitsmarktes auf Grund meiner Vorbildung in der politischen Ökonomie zumindest als ein wichtiger. Die Frage der Verknüpfung von Hochschulpolitik und der Arbeitsmarktsituation erschien mir jedoch als sehr schwierig.
Diese fand ich schließlich in einem Aufsatz von Frank Hermann [3]. Dieser analysiert als Antwort auf die zunehmende Marginalisierung linker Positionen im hochschulpolitischen Kontext und besonders der niedrigen Rezeption durch Studierende ein Vermittlungsproblem zwischen den Lebensrealitäten von Studierenden unter den Bedingungen einer sich flexibilisierenden Arbeitswelt und den normativ-gesamtgesellschaftlich fundierten Konzeptionen linker Hochschulpolitik. Sein Beitrag zielt auf eine Anknüpfung an die Lebensrealitäten der Studierenden ab, deren primäres Interesse an der Universität der des Qualifikationserwerbs ist. Als neue Kategorie führt Hermann die des 'studentisches Arbeitskraftunternehmers' ein. Hierunter subsumiert er die subjektive Vergesellschaftungsform von Studierenden, die sich durch eine Verbetrieblichung der individuellen Lebensführung auszeichnet.
An diesem Punkt setzt meine Arbeit an, die der Fragestellung nachgehen wird, wie sich Formen studentischer Interessensvertretung und Protestpolitik [4] mit der zunehmenden Entwicklung von Studierenden zum Leitbild des studentischen Arbeitskraftunternehmers theoretisch verknüpfen lassen. Der Fokus dieser Arbeit liegt dabei auf einer konzeptionellen Entwicklung und Beurteilung von politischen Strategien zur Fruchtbarmachung linker, studentischer Hochschulpolitik.
Um diese Fragestellung in ihrer Entwicklung nachzuzeichnen, werde ich zuerst das Spannungsfeld zwischen bisherigen inhaltlichen Konzepten studentischer Hochschulpolitik (Gliederungspunkte I.1.- I.3) und den Entwicklungen der Studierendenschaft in den 90er Jahren bezüglich der politischen Ausrichtung (Entpolitisierung) und den persönlichen Gestaltungspräferenzen (Individualisierung) [5] öffnen (Gliederungspunkte II.1. II.3). Damit ich die Entwicklungen in der Studierendenschaft in ihrer gesellschaftlichen Gesamtheit stringenter nachzeichnen kann, werde ich diese Tendenzen zu universitären Umstrukturierungen und neuen Anforderungen in der Arbeitswelt in Beziehung setzten (Punkt III). Als vorläufiges Resumé werde ich dieses Ergebnis wieder auf den Bildungssektor rückübertragen (Punkt IV). Abschließend werde ich versuchen, neue Konzeptionen studentischer Hochschulpolitik, die auf das Modell des studentischen Arbeitskraftunternehmers eingehen, vor der entwickelten, theoretischen Folie vorzustellen und zu diskutieren (Punkt V).
Im folgenden möchte ich aktuelle Konzepte studentischer Hochschulpolitik vorstellen, unter der besonderen Berücksichtigung der inhaltlichen Konzeptualisierung und des Subjektes, auf das rekurriert wird.
Der Großteil der Konzepte studentischer Hochschulpolitik verfolgt die Strategie einer Rückgewinnung der Deutungshoheit über strukturelle Veränderungen an der Hochschule. Unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Beiträge aus der linken Theoriebildung wird versucht, die historische Entwicklungssituation der Universitäten an normativ fundierten Gesellschaftskonzeptionen zu messen. Elementare Bestandteile dieser theoretischen Messlatte sind Werte wie Chancengleichheit, die Notwendigkeit einer Wissenschaft, die sich ein Aufdecken von unterdrückten Emanzipationspotentialen zu eigen macht und das Menschenbild eines selbstbestimmten Individuums. Letzteres dient vor allem dem methodologischen Zugang zu einer Kritik der hochschulinternen Organisation des Lehrens und Lernens, wie der verschulten Lehre.
Aus der Differenz zwischen diesen Entwürfen und der universitären Realität wird im folgenden das politische Spannungsfeld eröffnet, das gleichzeitig in seiner Skandalisierung als Politisierungspotential dient. Ziel dieser Strategie ist es, innerhalb der Hochschule eine Wiedergewinnung der Deutungshoheit über Strukturveränderungen zu erlangen.
Durch die Rekurrierung auf das normative Fundament können Strukturveränderungen der universitären Landschaft, wie die Einführung von Studiengebühren, als ein erneuter Selektionsmechanismus kritisiert werden, der den chancengleichen Zugang zu Bildung strukturell verunmöglicht. Ebenso verhält es sich mit der Einführung von Master- und Bachelorstudiengängen, die durch ihre verschulten Lernformen eine Abnahme selbstbestimmter Studienorganisationen befördern. Dieses erfolgt in Form einer Zunahme von Klausuren und der Anzahl der abzulegenden Prüfungsleistungen.
Hauptbestandteil der Kritik bleibt jedoch die "in blinder Gefolgschaft des ökonomischen Blicks" [6] vorgenommene Ausgestaltung der Universitäten über Verwertbarkeits- und Marktmechanismen. Dieses äußert sich vor allem in einem zunehmenden verbetriebswirtschaftlichten Verständnis von Studierenden als Kunden in der neuen Dienstleistungshochschule, die zudem noch vermittelt über ihr Streben nach einer beruflichen Erfolgaussicht in ein individualisiertes Konkurrenzverhältnis zueinander gesetzt werden. Diesem wird von linker, studentischer Seite ein Verständnis von Universitäten, "in denen kommuniziert werden kann, in denen das Einzelne (und der Einzelne) nicht länger vereinzelt bleibt" [7] entgegengesetzt. In ihnen soll "die reflektorische Durchdringung des Ganzen durch den Einzelnen, damit dieser zum Ganzen sich verhalten kann, ohne ihm ausgeliefert, unterworfen zu sein" [8] möglich sein.
Grundlage für den Erfolg dieser Konzeption ist, dass der Wertekontext, an dem gesellschaftliche Entwicklungsstände gemessen werden, von einer möglichst hohen Anzahl von Studierenden geteilt wird oder zumindest partiell Anklang findet. In der historischen Perspektive lässt sich jedoch seit den Studierendenprotesten von 1968 eine Abnahme dieses Wertefundaments in der Studierendenschaft beobachten. Es wird deutlich, daß sich "die Nachhaltigkeit des durch die 68er Revolte ausgelösten linken Politisierungsschub erschöpft hat [...]" [9] . Dieses stellt die beschriebene Konzeptualisierung nicht in ihren Inhalten in Frage, die Gültigkeit der Forderungen und Analysen bleibt weiterhin bestehen. Jedoch lässt sich für die angestrebte Politisierung und das Ringen um die Deutungshoheit innerhalb der Hochschule eine deutlich schlechtere Ausgangsbedingung feststellen. Dieses werde ich unter Punkt II meiner Arbeit explizieren.
Neben der beschriebenen Form von Interessensvertretung existiert als Folge der zunehmenden Abkehr der Studierendenschaft von basisdemokratischen, linken Positionen eine Konzeption studentischer Hochschulpolitik, die sich dadurch auszeichnet, einen möglichst großen gemeinsamen Nenner unter Studierenden zu finden. Dieser soll als Fundament für die Formierung einer studentischen Protestbewegung und einer starken Interessensvertretung dienen. Im Gegensatz zur erst genannten Konzeption, die auf ein zu emanzipatorisches Subjekt abzielt, wird hier unvermittelt ein Querschnitt durch die politische Ausrichtung der Studierendenschaft gezogen. Der bildet dann die theoretische Folie für die politische Arbeit. Diese Strategie drückt sich beispielsweise in der Forderung 'Mehr Geld für Bildung' aus, die in der Außenwahrnehmung des studentischen Protestes 'Lucky Streik' von 1997 bestimmend war [10].
Der Einsicht in die Gespaltenheit der Studierenden bezüglich der politischen Orientierungen folgt jedoch die Verkennung der identitätsbildenden Unterschiede. Für einen politisch liberalen Studenten ist die Forderung nach mehr Geld für Bildung eventuell das Höchstmass seiner politischen Forderungen, während es für Studierende aus dem basisdemokratischen Spektrum mit der Hoffnung auf eine breite, politische Veränderung verbunden ist. Diese Differenzen werden jedoch in studentischen Protestbewegungen und den folgenden inhaltlichen Diskussion wieder sichtbar. Aus der Perspektive basisdemokratisch orientierter Studierender bedeutet dieser Querschnitt der politischen Meinungen eine zunehmende Verschiebung der Forderungen in die politische Mitte, die eine 'für den Protest tödliche Umarmung der Studierenden' durch Politiker des Parteienspektrum ermöglicht. Dieses geschah im 1997 stattfindenden 'Lucky Streik'.
Hinzu kommt, dass die in der politischen Mitte verorteten politischen Positionen wiederum in vielen Fällen Gegenstand basisdemokratischer Kritik sind. Daher treten heftige politische Grabenkämpfe ein, die einer studentischen Interessenvertretung jegliche politische Durchschlagskraft nehmen. Eine Kritik dieser linken Identitätspolitik ist allemal von Nöten, denn dieses
"Modell des symbolischen Bürgerkriegs führt zu einer polizeilichen Ab- und Ausgrenzung und ist dem politischen Versuch, Individuen für eine konkrete emanzipatorische Politik zu gewinnen, eher hinderlich" [11].Jedoch kann sich eine unvermittelte Politik der Mittelwertbildung von politischen Meinungen, die sich allein aus der Notwendigkeit einer großen Anzahl von beteiligten Studierenden speist, in ihrer Wirkungsmächtigkeit nicht mit linken, identitätsbildenden Konzepten von Hochschulpolitik messen. Sie scheitert, da sie die Annäherung an rechts von basisdemokratischen Positionen stehenden Orientierungen und Interessenslagen statisch vornimmt.
Statt dessen muss eine theoretische Auseinandersetzung mit konservativen Orientierungen und Interessenslagen innerhalb der linken Studierenden Ausgangspunkt für einen Umgang mit diesen sein.
Im studentischen Protest am Otto-Suhr-Institut aus dem Wintersemester 2000/2001 zeigte sich die Andeutung einer neuen Form des Protestes, im speziellen des Verhältnisses von Theorie und Praxis. [12] Dieser neue Typus zeichnete sich phasenweise weniger durch die Konterkarierung gesellschaftlicher Entwicklung mit normativen Idealen, sondern durch eine ausgiebige theoretische Arbeit aus, die in ihren Inhalten eine Anschlussfähigkeit an die Handlungsrationalitäten von Studierenden finden wollte. In Form einer breit angelegten Analyse des Bestehenden, die an einem sehr geringen Abstraktionsgrad ansetzte, sollte die Sinnhaftigkeit des Protestes verdeutlicht werden. Dieses bedeutete jedoch nicht den Verzicht auf eine basisdemokratische oder marxistisch inspirierte Literatur.
Die Initiatoren des Protestes hatten das Ziel, eine Verständlichkeit des Protestes zu erreichen, die eine theoretische Vorbildung bei den Protestierenden nicht zum Kriterium für die Nachvollziehbarkeit des Protestes machen sollte. Im Aufbau dieser studentischen Protestbewegung sollte die Vermittelbarkeit dieses Wort entwickelte sich innerhalb der Protestbewegung zu einem entscheidenden Kriterium der inhaltlichen Forderungen angelegt sein. Dieses bedeutete jedoch nicht, dass Inhalte für unvermittelbar erklärt wurden, statt dessen wurde die Methode der Politisierung zum Diskussionsgegenstand gemacht. Eher intuitiv wurden klassische Methoden der Entlarvung vermieden, ohne dass genau die Gründe bestimmt wurden. Statt dessen wurde eine Verortung im Bestehenden gesucht, die zu einer möglichst breiten Bewusstseinbildung führen sollte.
Eine theoretische Konzeption der anderen Studierenden existierte jedoch nicht, in inhaltlichen Debatten wurde aber indirekt auf das Ideal eines basisdemokratischen Subjekts rekurriert. Im Unterschied zu der Strategie der Erlangung der Deutungshoheit von außen wurde jedoch versucht, die Entwicklung eines emanzipiertes Subjekts aus den bestehenden Verhältnissen zu antizipieren. Eine klassische Konterkarierung fand jedoch nicht statt. Die Zielsetzungen des Protestes unterschieden sich in der Rückbetrachtung nicht von denen anderer studentischer Proteste der letzten 20 Jahre, wie aus internen Diskussion hervorging.
Der Protest endete damit, dass sich nach einem kurzen aber eindrucksvollen Politisierungsschub die Bewegung in die vermeintlichen 'Theoretiker' und in die 'Aktionisten' spaltete. Diese Zersplitterung der Intentionen bezüglich des Protestes brachte den selbigen zum Erliegen.
Die Folgekraft der Studentenbewegung der 68er hat, wie oben bereits erwähnt, innerhalb der Studierendenschaft ihre hegemoniale Stellung verloren. Statt dessen zeigen die empirischen Studien zur politischen Einstellung der Studierendenschaft ein stark ausdifferenziertes Bild bezüglich der politischen Orientierungen, Interessens- und Lebenslagen der Studierenden. Ich möchte trotzdem versuchen, aktuelle Trends herauszuarbeiten, um die Entwicklungstendenzen innerhalb der Studierendenschaft zu bestimmen.
Die Relevanz von politischen Themen und die Beteiligung an politischer Arbeit in der Studierendenschaft hat in den letzten 20 Jahren sukzessive abgenommen:
"Für nur noch 29% haben 'Politik und öffentliches Leben’ einen hohen Stellenwert; vor 15 Jahren waren es noch 39% ein erheblicher Rückgang, der das politische Klima an den Hochschulen merklich abgekühlt hat." [13]Bezüglich einer Beteiligung an Hochschulpolitik zeigen sich ähnliche Werte, die belegen, dass eine verschwindende Minderheit an politischen Projekten oder studentischen Vereinigungen partizipiert. Das Interesse an informellen Aktionsgruppen ist jedoch relativ konstant geblieben, jedoch handelt es bei diesen weniger um kurzzeitige, politische Projekte. Statt dessen
"geht es bei solchen Initiativen [...] mehr um unmittelbare Interessen, um Berufseinstieg und Karriere oder Kooperation mit der Wirtschaft, weniger um Ungleichheit und Chancengleichheit, um Solidarität mit den Entwicklungsländern, gar um sozialistische Ziele, die kaum noch Anhänger finden, oder grün-alternative Forderungen, die auch viel weniger engagierte Unterstützung erfahren" [14].Die These einer Entpolitisierung der Studierendenschaft erhält somit empirische Evidenz.
In den politischen Orientierungen lässt sich eine zunehmende Zersplitterung der Studierenden beobachten, die acht Kategorien umfassende Beurteilungen von Alex Demirovic geht von den linken Basisdemokraten (14%), über die optimistischen Liberalen (18%) bis zu den harten Rechten (13%) [15]. Die Hegemonie linker Deutungsmuster an den Universitäten hat sich aufgelöst, wobei auch unter sich selbst als links verortenden Studierenden "ein Schub zum Konventionellen" [16] und eine zunehmend schwächer werdende Wahrnehmung von Zielkonflikten zu beobachten ist. Dieses kann unter anderem an der breiten Zustimmung sowohl zum Umweltschutz als auch zu einer frei entfalteten Marktwirtschaft erkannt werden, die jegliche Vereinbarkeitsschwierigkeiten ausblendet.
Die abnehmende Auffassung der Universität als sozialem und vor allem politischen Ort korrespondiert mit einem zunehmendem Verständnis der Universität als Qualifikationsstätte. Entgegen des linken Entwurfes der Universität als 'Ort der kritischen Reflexion', stellt das Studium "für die meisten Studierenden keinen Selbstzweck dar, sondern soll auf einen Beruf hinführen und dafür qualifizieren" [17]. Entsprechend dieser berufsqualifizierenden Zielvorstellungen werden auch inhaltliche Kritik und Veränderungsvorschlage für die Universitäten geäußert. Diese beziehen sich vor allem auf den zu geringen Praxisbezug der Studiengänge, den mangelnden Erwerb von Schlüsselqualifikationen wie "Selbstständigkeit, Eigeninitiative und sozialer Kompetenz" [18] sowie der Forderung, dass angesichts "der Wissens- und Informationsexplosion [...] der bloße Erwerb von Faktenwissen [...] zugunsten eines vermehrten Prinzipienverständnisses" [19] zurücktreten solle. In der kritischen Auseinandersetzung mit Lehrmeinungen herrscht bei einem Grossteil der Studierenden ein Problembewusstsein über die geringen Anforderungen an sie selber. Problematisiert wird dieses vor allem vor dem Hintergrund von Kritikfähigkeit als Qualifikationshürde im späteren Beruf.
Direkte hochschulpolitische Forderungen und die Vorstellung einer politischen Interessensvertretung orientieren sich daher an dem Modell einer Universität, die die Studierenden mit einer ausreichenden Ausstattung bestmöglich auf den Arbeitsmarkt vorbereiten soll.
"Für die Studierenden stehen fünf Forderungen im Vordergrund: die Steigerung der Qualität der Lehre, die Ausstattung der Hochschulen mit mehr Stellen, hochschuldidaktische Reformen und Innovationen, inhaltliche Studienreformen (Entrümpelung der Studiengänge) sowie eine verstärkte Kooperation mit der Wirtschaft." [20]Die Organisation des eigenen Studiums gleicht sich ebenso wie die Vorstellungen der Universitäten an die von Studierenden antizipierten Anforderungen des Arbeitsmarktes an. Es werden immer kürzere Studienzeiten angestrebt, da "ein zügiges Studium für die Berufsaussichten häufiger als günstig bewertet wird" [21]. Das Studium wird effizienter geplant und stärker an den Signalen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Ebenso wie bei den politischen Orientierungen der Studierenden hat sich bezüglich der Studienorganisation ein Richtungswechsel vollzogen. War zu Beginn der 80er Jahre die bipolare Trennung zwischen "angepasst-konventionellen" und "ausgestiegen-alternativen" [22] Lebens- und Studienkonzeptionen noch möglich, haben sich diese im Zuge des Rückgangs alternativer Lebenskonzepte zugunsten einer arbeitsmarktorientierten Herangehensweise an das Studium aufgelöst. Die kritisch alternativen Studierenden haben sich nach Tino Bargel "weitgehend von der öffentlichen Bühne, an den Hochschulen wie außerhalb, zurückgezogen" [23].
Wie sich hier zeigt, ist die Hoffnung auf einen befriedigenden Beruf das Leitmotiv für die Lebensentscheidungen der meisten Studierenden. Als wirkliches Handlungskorrektiv funktioniert jedoch heute immer mehr ihr Negativ, die weit verbreitete Zukunftsangst vor einem Leben ohne feste, erfüllende Anstellung und soziale Absicherung. Sorgen und Befürchtungen bezüglich ihrer beruflichen Zukunft haben heute 45%, in einigen Fächern bis zu 2/3 der Studierenden, wobei sich eine besondere Zunahme seit Ende der 80er Jahre zeigt. Folgen dieser zunehmende Unsicherheit sind eine Verringerung der "Identifikation mit Studium und Fachwahl, [...] Verzögerungen beim Abschluss, und [...] manche Irritationen im Blick auf die Zukunft" [24]. So erklärt sich auch der stark angestiegene Bedarf an Beratung und Unterstützung bei der Stellenfindung.
Es lässt sich also festhalten, dass der Großteil der Studierenden die Qualifikation für den Arbeitsmarkt als die Hauptanforderung an die Universitäten formuliert. Die Sorge um die berufliche Zukunft veranlasst immer mehr Studierende zu einer Studienorganisation, die sich an den Anforderungen des Arbeitsmarktes orientiert. Diese sind jedoch häufig nicht exakt definiert. Das von Studierenden antizipierte Profil besteht daher eher aus Allgemeinplätzen, wie dem Besitz von Schlüsselqualifikationen und einem möglichst effizientes Studium, wobei Effizienz wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen als ein möglichst kleines Zeitquantum unter Vernachlässigung des inhaltlichen Erfolges gefasst wird.
Im Gegensatz zu dem Vorsatz vieler Studierender, ein möglichst kurzes Studium zu absolvieren, haben sich die durchschnittlichen Studienzeiten in Deutschland jedoch verlängert. Hauptursachen für die verlängerte Studiendauer sind die Struktur von Prüfungsordnungen und die zunehmende Erwerbstätigkeit. Mittlerweile sind zwei Drittel der Studierenden erwerbstätig [25]. Die Gründe für die zunehmende Erwerbstätigkeit sind je nach sozialer Herkunft unterschiedlich. Je höher die soziale Schichtung der Studierenden, desto höher steht die Motivation, sich Zusätzliches zu leisten, im Vordergrund.
Demgegenüber steht bei "Studierenden aus Arbeiterfamilien [...] die dringende Finanzierung des Studiums" [26] an erster Stelle. Studierende aus sozial schwächeren Verhältnissen arbeiten ebenfalls proportional mehr als Studierende, deren Eltern Selbstständige, höhere Angestellte oder Freiberufler sind. So lässt sich ebenso wie beim Zugang zu höherer Bildung in Deutschland ein neuer Modus sozialer Selektion feststellen, der auf der individuellen Zeitverfügbarkeit beruht. Studierende höherer Einkommensschichten können leichter auf eine Erwerbsarbeit verzichten, da sie finanziell nicht auf eine Erwerbstätigkeit neben dem Studium angewiesen sind [27].
Dass Erwerbstätigkeit neben dem Studium jedoch für Studierende aller Einkommensklassen unabhängig von der sozialen Schichtung relevant ist, zeigen neueste empirische Untersuchungen. Dort treten neben ökonomischen Faktoren vor allem der Erwerb von Berufspraxis in den Motivationshorizont für eine studentische Erwerbstätigkeit. Hier zeigt sich ebenso, dass
"die Studierenden von vorneherein mehr Nähe zum Arbeitsmarkt suchen, nicht zuletzt um ihre beruflichen Chancen zu verbessern, einen frühen Einstieg zu finden" [28].Wie lässt sich die zunehmende Orientierung von Studierenden an Signalen des Arbeitsmarkts erklären? Im Vergleich zu den Studierenden der 68er Generation zeigt sich der Unterschied einer Akademikerarbeitslosigkeit. Ein universitärer Abschluss bringt heute auf Grund der höheren Bildungsbeteiligung keine Garantie auf einen Arbeitsplatz in privilegierter Stellung, wie es noch bis Mitte der 70er Jahre war. Jedoch zeigen Verbleibstudien deutlich, dass ein akademischer Abschluss immer noch eine bessere Chance auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz birgt. Die Akademikerarbeitslosigkeit liegt im Verhältnis zur gesamtgesellschaftlichen Arbeitslosigkeit bei relativ niedrigen 3,4% (Fachhochschulen) bzw. 4% (Universitäten) [29].
Die geringere Attraktivität alternativer Lebenskonzepte steht sicherlich in Zusammenhang mit dem Ende der realsozialistischen Staatssysteme auf der ganzen Welt. Jedoch erklärt dieses noch nicht, wieso Studierende nicht wie früher ihr Fachstudium in relativ geordneten Bahnen absolvieren, um dann mit der schablonenartigen Ausbildung in den Status des verberuflichten Arbeitnehmers einzutreten. Die Ursache für diese Veränderung ist in den veränderten Anforderungen des Arbeitsmarktes an die Arbeitnehmer zu suchen.
Diese neuen Qualifikationsinteressen bestehen, so lässt sich als Quintessenz dieses Abschnitts festhalten, aus einer möglichst frühen berufspraktischen Erfahrung, dem Besitz von Schlüsselqualifikationen wie sozialer Kompetenz und Selbstständigkeit und einer möglichst flexiblen Einsetzbarkeit. Die starre Fachqualifikation ist der Anforderung einer möglichst generellen Prinzipienkenntnis gewichen, die eine flexible Veränderung der beruflichen Tätigkeitsfelder ermöglichen soll. Diese neue Verfasstheit der Arbeitskraft soll im folgenden Abschnitt unter dem Schlagwort des 'Arbeitskraftunternehmers' analysiert werden.
Die Verfasstheit der Ware Arbeitskraft im Fordismus wird durch die Industrie- und Arbeitssoziologen als die des "verberuflichten Arbeitnehmers" [30] bezeichnet. Dieses Konzept schliesst sich an die Organisation der Ware Arbeitskraft in der Frühindustrialisierung in der Form des Proletariers an. Dieser besaß eine meist schwach ausgebildete Fachqualifikation, arbeitete für einen relativ niedrigen Lohn und wurde aufgrund seiner geringen Produktivität
"oft mit brachialen Verfahren zur kontinuierlichen Arbeit genötigt [...], [um] eine profitable Verwertung von Arbeitskraft durch möglichst extensive Nutzung mit hohen Arbeitszeiten zu erreichen" [31]. Im Fordismus, der fortgeschrittenen Phase der Industrialisierung, bildete sich die Verfasstheit des verberuflichten Arbeitnehmers heraus, der sich durch eine standardisierte Fachqualifikation, dem Beruf als der "Form der Organisation von Arbeitsvermögen und ihrer Vermarktung" [32] und der Herausbildung von sekundären Arbeitstugenden auszeichnete. Im Zuge gewerkschaftlicher Erfolge entstand zudem ein arbeitsrechtlich festgeschriebener sozialer Schutz der Arbeitskraft, der mit einer Erhöhung der Konsumniveaus durch Lohnerhöhungen einherging.
In heutigen Zeiten des Postfordismus scheint sich eine neue Verfasstheit der Ware Arbeitskraft herauszubilden, die in wissenschaftlichen Publikationen als "Selbst-GmbHs" [33], 'Ich-Aktie' und dem "Mensch als Kleinbetrieb" [34] auftaucht. Beschreibungen der neuen Rolle des homo oeconomicus, "der als Eigner seines Kapitals 'Wissen' [...] den Unbilden des allgegenwärtigen 'freien Marktes' überlassen wird" [35], finden sich in der gewerkschaftlichen und basisdemokratischen Debatte ausreichend. Eine exakte Analyse dieses gesellschaftlichen Wandels findet sich in dem Aufsatz "Der Arbeitskraftunternehmer Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft" [36] von G. Günther Voß und Hans J. Pongratz. Ihrer arbeitssoziologischen Perspektive auf die aktuellen Veränderungen der Verfasstheit der Ware der Arbeitskraft werde ich mich im folgenden anschließen. Ich möchte betonen, dass diese Abhandlung den sich aktuell vollziehenden Wandel beschreiben und fassen möchte, und keine abschließende Aussage über die Verfassung der Arbeitskraft im Postfordismus trifft.
Erste Anzeichen für einen Wandel der Arbeitswelt gab es durch den Anfang der 90er Jahre einsetzenden Abbau institutioneller Regelungen der Arbeitsmärkte, die mit einer Zunahme flexibilisierter Arbeits- und Beschäftigungsformen einhergeht. Angeknüpft wurde hierbei an die in den 70er und 80er Jahren geführte Debatte um neue Formen der Arbeitsmarktsteuerung. Ergebnisse dieser Debatte waren
"Konzepte der kooperativen Führung und der gezielten Gestaltung einer Unternehmenskultur, [...] [die] auf Bedürfnisse der Mitarbeiter nach einem verständnisvollen Umgang miteinander und nach Identifikation mit der Arbeit und dem Unternehmen eingehen, um darüber einen höheren Arbeitseinsatz zu erreichen" [37].Der Abbau von offen zu Tage tretenden Kontrollmechanismen, der sich schon im historischen Übergang vom Proletarier zum verberuflichten Arbeitnehmer zeigte und durch die Ausbildung von sekundären Arbeitstugenden ausgeglichen wurde, setzte sich somit fort. Im Übergang zum Postfordismus wurden Strategien entwickelt, die auf eine erweiterte Verantwortung für einzelne Beschäftigte, einer zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsformen und eine unternehmerische Führung durch Zielvereinbarungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber abzielen. Gesellschaftlich befördert wird dieser Wandel jedoch nicht nur aufgrund der Erkenntnis der Unternehmen, dass die Selbstorganisation der Beschäftigung neue Identifikations- und somit Produktivitäts-steigerungspotentiale bergen. Eine gleichzeitige Veränderung des Wertekontextes von Arbeitnehmern "in Richtung von Selbstbestimmung und Sinnbezug [...] konvergieren damit mit neuen Betriebskonzepten" [38].
Wie lässt sich diese Entwicklung jedoch vor der breit geführten, meist marxistisch inspirierten theoretischen Debatte um die Arbeitskraft als Ware bewerten?
Kernstück kapitalistischer Gesellschaften ist und bleibt auch in diesem gesellschaftlichen Wandel, dass Menschen strukturell gezwungen werden, ihre Arbeitsfähigkeit zu verkaufen, um sich materiell zu reproduzieren. Was durch den historischen Übergang vom Fordismus zum Postfordismus jedoch in den Blick gerät, ist die Tatsache, dass Kapitalbesitzer nicht die fertige, 'veredelte' Arbeitskraft von Arbeitnehmern erkaufen, sondern lediglich die latente Arbeitskraft. Voß und Pongratz bezeichnen diesen Umstand mit Bezug auf Bravermann als das "Transformationsproblem" [39].
Im Fordismus mussten Unternehmen trotz der Ausbildung sekundärer Arbeitstugenden durch die Arbeitnehmer selbstständig dafür sorgen, dass die von ihnen erkaufte latente Arbeitskraft der Arbeitnehmer in fertige Arbeitskraft im Sinne der Produktionsziele transformiert wurde. Die Unternehmen entwickelten dafür "ein Leitbild direkter Durchsteuerung der Arbeitskraftnutzung" [40]. Die Entwicklung des Fliessbandes war eines von vielen restriktiven Kontrollmechanismen, das als Folge der von Unternehmen initiierten Steuerung von Arbeitskraft eingeführt wurden. Im Zuge dieser direkten Kontrollausübung gelang es den Gewerkschaften im Zuge des Klassenkompromisses ein umfassendes Arbeitsrecht einzuführen, das die Grenzen der betrieblichen Steuerung bezüglich der Arbeitsbedingungen und der Länge der Arbeit festschrieb. So blieben das Interesse der Unternehmen und der Arbeitnehmer klar voneinander getrennt. Im Konfliktfall konnte sich der Arbeitnehmer auf die formalen Bestimmungen des Arbeitsrechtes berufen, dass ihm den institutionellen Rückhalt gegenüber dem unternehmerischen Interesse an einer möglichst extensiven Nutzung seiner Arbeitskraft gab.
Diese Strategie der direkten Steuerung der Arbeitskraft enthüllte jedoch zu Beginn der 90er Jahre unter Bedingungen eines sich verschärfenden globalen Wettbewerbs von Unternehmen seine defizitäre Struktur. Aus unternehmerischer Perspektive erzeugten die Folgen der fordistischen Kontrollstrategien
"in immer mehr Bereichen überproportional steigenden Kosten, begrenzen die Leistungsbereitschaft und behindern vor allem die Nutzung der zunehmend wichtiger werdenden Fähigkeiten von Arbeitenden, schnell und kreativ auf komplexe Anforderungen zu reagieren" [41].Diese Effekte wurden aus unternehmerischer Perspektive als Wettbewerbsnachteile interpretiert. Um diese zu minimieren, werden neue Modelle der Arbeitsmarktsterung entwickelt, die
"gerade das propagier[en], was bisher eher vermieden werden soll: Freiräume schaffen, betriebliche Steuerung zu reduzieren und Selbstorganisation der Betroffenen zu fördern" [42].Was sich in dieser Umstellung der betrieblichen Steuerung vollzieht, ist die Verlagerung des Transformationsproblems, das in der fordistischen Periode den Unternehmen oblag, auf die Arbeitnehmer. Diese werden durch die Externalisierung betrieblicher Steuerungsaufgaben in die Position versetzt, selbstorganisiert für eine Überführung ihrer latenten Arbeitskraft in ein "veredeltes Halbfertigprodukt" [43] zu sorgen. Die Arbeitnehmer müssen jedoch nicht nur selbstständig für die Transformation ihrer Arbeitsfähigkeit sorgen, sondern sich ebenfalls über die Verwendung der von ihnen geleisteten Arbeit innerhalb 'ihres Unternehmens' sorgen. Dieses bezieht sich sowohl auf die Abnahme ihrer Produkte auf dem Markt als auch auf die Verwendung ihrer Arbeitskraft innerhalb der Unternehmen.
Voss und Pongratz bezeichnen dieses als eine Vermischung von "individueller Produktionsökonomie" und "individueller Marktökonomie" [44]. Ersteres bezeichnet die Herstellung der eigenen Arbeitstätigkeit durch die Arbeitnehmer nach ökonomischen Effizienzkriterien. Dieses geht einher mit einer Ökonomisierung der eigenen Lebensführung, die die Steuerungsprobleme der eigenen Arbeitskraft selbstorganisiert löst. Unter 'individueller Marktökonomie' wird die selbstständige Integration der eigenen Arbeitskraft in den Betriebskontext nach ökonomischen Kriterien subsumiert. Für die eigene Arbeitsleistung wird im innerbetrieblichen Kontext eine Verwendung, ökonomisch formuliert, ein Abnehmer gesucht. Das Verhältnis des Arbeitsnehmers zu seiner eigenen Arbeitskraft ändert sich somit grundlegend.
Auch wenn durch die Einbindung in die kapitalistische Produktionsweise die Tauschwertabhängigkeit der eigenen Arbeit immer gegeben war, verändert sich die subjektive Wahrnehmung des Verhältnisses von Tausch- und Gebrauchswert entscheidend:
"Die Ausrichtung und das Vertrauen der Arbeitskräfte allein auf ihre fachlichen Fähigkeiten und Leistungen weicht einer wachsenden Orientierung an abstrakten Markterfordernissen, d.h. der Möglichkeit, mit produktiver Tätigkeit nahezu beliebigen Inhalts inner- oder überbetriebliche Revenue zu erzielen." [45]Die Abhängigkeit der Arbeitskraft vom markt- und innerbetrieblichen Tauschwert setzt sich somit auch in der subjektiven Wahrnehmung durch. Dieses wird vor allem für die Analyse des Wandels in der Studierendenschaft unter den beschriebenen Bedingungen von Relevanz sein.
Diese neue Verfasstheit der Ware Arbeitskraft bezeichnen Voss und Pongratz als den neuen Typus des "Arbeitskraftunternehmers" [46]. Dieser versucht durch die "Verbetrieblichung des gesamten Lebenshintergrundes", d.h. den Einbezug vom persönlichen Geldvermögen bis zu persönlichen Kontakten und Netzen,
"flexibel und gutorganisiert mehrere Tätigkeiten zu verbinden und so ein individuell und dynamisches Portfolio von existenzsichernden Aktivitäten zu unterhalten" [47].Der Arbeitskraftunternehmer wendet dabei die selben Strategien an, die Unternehmen in Form des Betriebsstrategieansatzes in der Vergangenheit zur Durchsteuerung der Arbeitskraft entwickelt haben. Hierzu gehören eine Technisierung von produktiven Aktivitäten, eine systematische, d.h. kontinuierliche Qualifizierung der eigenen Fähigkeiten, eine weitgehende Autonomie und Abgrenzung vom Arbeitsmarkt und konkurrierenden Bestrebungen und die Bildung von Netzwerken in der sozialen Umwelt, die für die eigene Produktion und Vermarktung instrumentalisiert werden.
Die Zunahme der individuell zu lösenden Aufgaben nimmt somit rapide zu. Der Arbeitnehmer ist selbstverantwortlich für die Flexibilisierung seiner Arbeitszeit bezüglich Arbeitsende und -beginn, der Lage der Pausen und dem Arbeitstempo. Die Flexibilisierung des Arbeitsraumes vollzieht sich über Tele- und Heimarbeit sowie der ständigen Anforderung eines problemlos vollzogenen Ortswechsels, was die Aufrechterhaltung persönlicher Beziehungen erheblich erschwert [48]. Durch die vermehrte Einführung von autonom arbeitenden Arbeitsteams sehen sich die Arbeitnehmer einer Kontrolle ihrer Arbeitsleistung durch interpersonelle Beziehungen ausgesetzt.
Gleichzeitig erfordert der Wegfall direkter betrieblicher Kontrolle durch Teamwork zusätzlich die Fähigkeit zur Eigenmotivation und selbstständigen Zielsetzung. Die ständige Anforderung, selbstständig seinen eigenen Verwendungszweck zu bestimmen, kehrt die Zuweisung von Arbeit zu Mensch um. Im Fordismus stellten die Unternehmen Arbeitnehmer mit einer festen Qualifikation für eine bestimmte Tätigkeit ein. Der Arbeitskraftunternehmer des Postfordismus erkennt selbstständig anhand von tauschwertvermittelten Markterfordernissen die innerbetrieblichen Potentiale von Arbeitsaufträgen und muss eine ständige fachliche Flexibilität aufweisen, um diese zu nutzen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass Betriebe zunehmend versuchen "durch Externalisierung der Transformationsfunktion auf die Arbeitenden Kontrollaufwand zu reduzieren und neue Leistungspotentiale zu erschließen" [49]. Die Form der direkten Arbeitskraftsteuerung wird durch indirekte betriebliche Regulierung abgelöst. Diese führt zu einer zunehmenden Selbstausbeutung der Arbeitnehmer, die jedoch eng verbunden ist mit der subjektiven Wahrnehmung der Arbeitnehmer, sie würden als Folge der zunehmenden Selbstorganisation unter freieren Arbeitsbedingungen arbeiten.
Der Erfolg dieser betriebliche Steuerung resultiert daraus, dass der Arbeitskraftunternehmer in der Lage ist, seine eigenen Potentiale maximal zu nutzen.
"Er kann tiefere Schichten menschlicher Fähigkeiten freilegen, als selbst kooperativsten Menschenführern zugänglich sind: Kreativität und Phantasie, Begeisterungsfähigkeit und der Wille zur Leistung, Erfahrungswissen und Gespür, Regibilität und Lernbereitschaft, Solidarität und Kooperationsbereitschaft u.v.a.m." [50]Andererseits führt der Typus des Arbeitskraftunternehmer zu einer Lebensweise, die vom Drängen nach einer maximalen Leistungsfähigkeit, einer Arbeitsverdichtung und einer immensen Zunahme von Stress und Hektik bestimmt ist. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung der Ware Arbeitskraft, die von einer zunehmenden Individualisierung geprägt sind, erhöhen sich individuell "die Anforderungen an eine aktive Gestaltung der eigenen Lebenspraxis" [51].
Bezüglich des im Fordismus für den Arbeitnehmer klar zu erkennenden Interessenwiderspruch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer lässt sich im Postfordismus eine Auflösung dieser Wahrnehmung beobachten. Der Konflikt zwischen Arbeiter und Kapital wird dadurch, dass der Arbeitnehmer weitgehend betriebliche Kontrollfunktionen übernimmt, verschleiert und führt dazu, dass für den Arbeitskraftunternehmer "seine objektive Interessenslage als Arbeitskraft nicht mehr erkennbar ist" [52]. Der weiterhin bestehende Interessenkonflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird durch den Arbeitnehmer internalisiert. Die persönlichen Bedürfnisse und Interessen der Arbeitnehmer werden durch sie selbst zu den Produktionszielen der Unternehmen in Beziehung gesetzt und vermittelt, so dass beim Arbeitskraftunternehmer die Wahrnehmung von "2 Seelen in seiner Brust" [53] entsteht.
Welchen Stellenwert spielt bei dieser Form der Arbeitskraft jedoch die Bildung und Ausbildung an Universitäten? Auf Grund der empirischen Untersuchen, die ich im ersten Teil dargestellt habe, zeigt sich ein gesteigerter Bedarf von Studierenden nach einer Annäherung des Studium an die Berufspraxis und der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen wie sozialer Kompetenz und Selbstorganisation. Wie sich der gesellschaftliche Übergang vom Fordismus zum Postfordismus jedoch auf das Selbstverständnis der Studierenden auswirkt, möchte ich anhand der Kategorie des "studentischen Arbeitskraftunternehmers" von Frank Hermann verdeutlichen.
Frank Hermann beschreibt in seiner Abhandlung [54] die Folgen der sich verändernden Verfasstheit der Ware Arbeitskraft für den Bildungssektor. Die Auflösung von schablonenartigen Berufsbildern der fordistischen Ära zu Gunsten von flexiblen Berufsprofilen, die um neue Muster von "individuellen Fähigkeits- und Erfahrungsprofilen" [55] erweitert werden, stellt seiner Ansicht nach eine der Hauptveränderungen für die Universität dar. Die in der Arbeitswelt erforderliche Selbstorganisation über eine Verbetrieblichung der Lebensführung wird von Studierenden in zunehmendem Masse in ihrer Studienorganisation antizipiert. Diesen Typus von Studien- und Lebensverständnis fasst Frank Hermann in der Kategorie des 'studentischen Arbeitskraftunternehmers'. Dessen neues Interesse liegt hierbei, und dieses wird durch die empirischen Studien von Tino Bargel tendenziell belegt, auf der Aneignung von "überfachlichen Qualifikationen bzw. Kompetenzen" [56]. Diese werden von Studierenden zunehmend als der entscheidende Faktor für gute Erfolgsaussichten auf dem Arbeitsmarkt bewertet. Diese Schlüsselqualifikationen unterscheiden sich in ihrer Art noch einmal von sogenannten 'extrafunktionalen Qualifikationen' wie Spracherwerb.
Die Kompetenzen, die studentische ArbeitskraftunternehmerInnen an der Universität erwerben wollen, sind jene, die in der postfordistischen Arbeitswelt der Arbeitskraftunternehmer die größte Relevanz haben. Zu ihnen zählen
"eine aktive Produktivitätsorientierung und Marktkompetenz hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten und Leistungen, die Fähigkeit zur flexiblen Selbstorganisation von Alltag und Lebenslauf, Kompetenzen zum Identitätsmanagement und zur Ich-Stabilisierung einschließlich der Begrenzung von Selbstausbeutung, komplexe Lernfähigkeiten, umfassende Sozial- und Kommunikationskompetenzen, u.ä.m." [57]Die Notwendigkeit einer kontinuierliche Pflege dieser Kompetenzen ebenso wie der fachlichen Qualifikation folgt konsequenterweise aus der Vorbereitung auf eine arbeitskraftunternehmerische Erwerbstätigkeit, die eine lebenslange Selbstorganisation entsprechend der abstrakten Markterfordernisse nötig macht.
Das Studierverhalten der studentischen ArbeitskraftunternehmerIn-nen ist von der Antizipierung der Anforderungen des Arbeitsmarktes geprägt und dient der "Entwicklung eines individuellen Qualifikationsprofils" [58]. Hermann merkt an, dass dieses in Teilen schon die Motivation früherer Studierendengenerationen gewesen sein. Die neue Qualität dieser Studienform resultiert jedoch aus der gestiegenen Stringenz studentischen Handelns als Folge einer Zunahme subjektiv erfahrener Handlungszwänge.
Eine wesentlich stärkere Selektion von Inhalten und Verhaltensmustern nach der Übereinstimmung mit Qualifikationsanforderungen bestimmt die Studienorganisation des studentischen Arbeitskraftunternehmers der postfordistischen Generation. Folge dieser Entwicklung ist, dass Inhalte sowie persönliche Erfahrungen, die als peripher für die eigene Qualifikation erscheinen, stärker aus der Lebensplanung ausgeschlossen werden. Als Folge dieser Strategie kommt es nach Hermann zu einer
"Vernachlässigung 'randständiger Themen' und zu einem umfassenden Desinteresse gegenüber Fragen der Interessenvertretung, die über eine direkte Verwertbarkeit innerhalb der Qualifizierungsstrategie hinausgehen bzw. einer direkten Verbesserung der Qualifizierungsmöglichkeiten dienen" [59].Das zunehmende Desinteresse an der meist zeitintensiven Partizipation in studentischen Interessensvertretungen resultiert somit nach Hermann aus der geringen Attraktivität bezüglich der studentischen Qualifizierungsprofile. Als Folge der Ökonomisierung der Lebensführung und der Straffung von Lebensphasen geht somit der "Spielraum für die kritische Reflexion des eigenen Tuns" [60] verloren.
Neben dem neuen über individualisierte Qualifikationsprofile vermittelten Typus von Studienverläufen entwickeln sich aber auch neue Formen der sozialen Selektivität beim Arbeitsmarktzugang. Zum einen werden Menschen ohne formale berufliche Qualifikation noch weiter aus der Erwerbstätigkeit gedrängt, wie Arbeitsmarktstudien zeigen.
Hermann fasst diese Entwicklung in der Formel: "Je niedriger die formale berufliche Qualifikation, desto schlechter die Position auf dem Arbeitsmarkt" [61]. Zum Zweiten ist die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen abhängig von der individuellen Zeitverfügbarkeit. Ist diese beispielsweise als Folge von außeruniversitärer Erwerbstätigkeit gering, verbleibt weniger Zeit zur Bildung des individuellen Qualifikationsprofil. Somit wird die
"Verfügbarkeit von ökonomischem Kapital bzw. dessen Transformation in Zeit für Qualifikationsmaßnahmen [...] (mit-)entscheidend für die Chancen zur Erlangung von hochwertigen formalen Qualifikationsprofilen".Dieses wird unterstützt durch die empirischen Untersuchungen von Tino Bargel, die belegen, dass Studierende aus sozial schwächeren Schichten primär für einen ausreichenden Lebensunterhalt arbeiten, Studierende aus höheren Schichten dieses in Vorbereitung auf eine spätere Berufspraxis tun.
Den Universitäten wird auf Grund der zunehmend interpersonell erworbenen Qualifikationen durch die studentischen Arbeitskraftunternehmer eine geringere Bedeutung zugemessen. Die bis dato typische Form des Qualifikationserwerbs in relativ abgeschnittenen sozialen Räumen verändert sich dahingehend, dass die konkrete Arbeits- und Lebenspraxis, die im "wirklichen Leben" [62] gesammelt wird, eine immense Aufwertung erfährt. Die Universität als Institution verhält sich in ihrer Struktur zu dieser Entwicklung ambivalent. Die Anforderungen der studentischen Arbeitskraftunternehmer an eine nah am Arbeitsmarkt situierte Universität erfüllt sie bisher weitgehend nicht. Jedoch findet durch die zunehmende Ökonomisierung der Universitäten eine Angleichung an die verbetrieblichten Lebenshintergründe von Arbeitskraftunternehmern statt. Die interpersonellen Beziehungen an der Hochschule werden durch den verstärkten Einsatz von marktförmigen Regelungsmechanismen verstärkt als Konkurrenzbeziehungen gestaltet. Dieses kann
"durchaus als 'Vorbereitung' für ein Leben als 'Arbeitskraftunternehmer' in Form einer Integration von Ökonomisierungstendenzen in die Lebensführung bereits im Bereich der (Aus-)Bildung betrachtet werden" [63].Die Distanz zwischen basisdemokratischen Forderungen bezüglich Bildung und Universität wie Chancengleichheit, der Erhaltung einer gesellschaftskritischen Wissenschaft und einer Universität als sozialem Ort einerseits und den Lebensrealitäten von ArbeitskraftunternehmerInnen andererseits habe ich verdeutlicht. Daher möchte ich die These formulieren, dass klassisch basisdemokratische Positionen ihre Anschlussfähigkeit an die Lebensrealitäten eines Großteils der Studierenden verloren haben. Dieses ist in Protestbewegungen oder Interessensvertretungskonflikten jedoch selten bemerkbar, da diejenigen, die sich von Politisierungsversuchen nicht angesprochen fühlen, schlicht und ergreifend wegbleiben.
Eine reflexhafte Beschimpfung dieser als 'freiwillige Sklaven einer profitorientierten Wirtschaft' erscheinen mir jedoch vor der gesamtgesellschaftlichen Folie als unangebracht. Gleiches gilt für den Versuch, studentischen Arbeitskraftunternehmern bei der Ausbildung der individuellen Qualifikationsprofile helfend zur Hand zu gehen und sich auf eine studentische Servicepolitik zu beschränken, die eine bessere Arbeitsvermittlung ist. Der kritische Impetus basisdemokratischer Hochschulpolitik muss in eine neue Form der studentischen Hochschulpolitik transformiert werden, ebenso wie sich die Verfasstheit der Ware Arbeitskraft und das Selbstverständnis von Studierenden geändert haben. Dieses werde ich durch die Entwicklung und Diskussion neuer Strategien studentischer Interessensvertretung im letzten Abschnitt meiner Arbeit vornehmen.
Mein abschließender Versuch, neue Strategien studentischer Hochschulpolitik zu formulieren, hängt in hohem Masse von der Bewertung des neuen Typus des studentischen Arbeitskraftunternehmers ab. Ist dieser in seiner Selbstökonomisierung eine sich zur Totalität entwickelnde Durchsetzung der kapitalistischen Warenstruktur? Oder birgt die strukturelle Freisetzung von individuellen Selbstorganisationsmöglichkeiten und geschärften Sinnen die Möglichkeit einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung? Dieses kann in der aktuellen Entwicklungssituation der Gesellschaft nicht abschließend beantwortet werden, da sich der in dieser Arbeit beschriebene Wandel im vollziehen ist. Bezüglich der Bildungssektors ist es mir ebenfalls unmöglich auf eine breite Referenzliteratur zurückzugreifen, die mir die Beantwortung dieser Frage erleichtern würde. Ausgiebig diskutiert wird diese Frage jedoch in der gewerkschaftlich-basisdemokratischen Theoriedebatte, ebenfalls unter spekulativen Vorzeichen, jedoch spannen die Diskussionsbeiträge ein Interpreta-tionsfeld auf, in dem ich mich positionieren möchte.
Voss und Pongratz zielen in ihrer Bewertung des Arbeitskraftunternehmer-
Voss und Pongratz, und dieser Ansicht möchte ich mich im folgenden anschließen, sehen die Ambivalenz jedoch in der zwar aus ökonomischen Motiven resultierenden, aber dennoch formal existierenden Freisetzung von "latenten 'zivilisatorischen' Potentiale[n]" [65]. Am Beispiel der Arbeitszeit wird dieses deutlich. Die selbstbestimmte Wahl der Arbeitszeit und die Abkehr von einer durch die Unternehmen festgesetzten Lage der Arbeitzeit war im Fordismus eine der zentralen, gewerkschaftlichen Forderungen. Im Entwurf einer basisdemokratischen Gesellschaft bildet die individuell selbstbestimmte Gestaltung des Lebens und somit auch der Lebenszeit eine zentrale Rolle. Ohne die gesellschaftlichen Zwänge durch einen affirmativen Schleier zu verhüllen, die zu einer Flexibilisierung der Arbeitszeit geführt haben, gehört die Aufnahme dieser potentiellen Freilegung von Freiheit meiner Ansicht nach zum Kernstück einer basisdemokratischen Theorie der neuen Arbeitswelt. Sie eröffnet sowohl den Zugang zur Reflexion auf die Widersprüche des historischen Entwicklungsstands der kapitalistischen Gesellschaft als auch zu den subjektiv als spannungsgeladenen Ambivalenzen empfundenen Folgen.
Am Beispiel der Arbeitszeit bedeutet dieses, die von Arbeitnehmern empfundene Ambivalenz zwischen dem Bedürfnis nach einer freien Zeitverfügbarkeit und dem zunehmenden Anforderungen an ihr Zeitbudget ernst zu nehmen. Der Wunsch nach individuellen Gestaltung der Arbeitszeit, der durch die neuen Formen der flexibilisierten Arbeitswelt subjektiv unterstützt wird, muss zu den neuen Formen der Kontrolle und indirekten Steuerung, die von Arbeitnehmern als problematisch wahrgenommen werden, in Beziehung gesetzt werden. Dieses wird von Klaus Peters als die neue Aufgabe von gewerkschaftlicher Interessensvertretungen aufgegriffen:
"In Zukunft muss die Interessensvertretung von Arbeitnehmern durch das Nadelöhr der Auseinandersetzung des Arbeitnehmers mit der Ambivalenz seines eigenen Willens gehen." [66]In der Bewusstwerdung der eigenen ambivalenten Lebenssituation durch die Arbeitnehmer liegt nach Peters die neue Perspektive gewerkschaftlicher Arbeit. Sobald sich die durch internalisierte Konflikte verwobenen Ansprüche trennen, in diesem Falle der des Arbeitnehmers und der des Unternehmens, entsteht für den Arbeitnehmer die Möglichkeit, sich zu den Ansprüchen zu verhalten. Das bedeutet nicht, diese sprengen zu können, da eine Verlust des Arbeitsplatzes zu befürchten ist, jedoch bieten sie den Ansatzpunkt für eine Bewusstwerdung der eigenen Lebenssituation. Diese ist wiederum die Bedingung der Möglichkeit einer Kritik unternehmerischer Anforderungen.
In dieser exemplarisch beschriebenen Ambivalenz liegt für mich die Annahme begründet, dass sich die Entwicklung zum Arbeitskraftunternehmer nicht als eine zur Totalität drängende Warenstruktur der Gesellschaft beschreiben lässt. Die neuen Formen der Arbeitskraftnutzung sind intelligenter, profitabler und perfider geworden, jedoch in ihrer Gesamtheit als ambivalent zu begreifen.
Doch was bringt diese Erkenntnis aus der Arbeitswelt für eine studentische Interessensvertretung? Lassen sich dort ebenfalls neue Ambivalenzen und die Gewinnung formaler Freiheitspotentiale aufzeigen? Die zunehmende Verbetrieblichung der Lebenshintergründe durch studentische Arbeitskraftunternehmer setzt auf ähnliche Art und Weise wie in der Arbeitswelt neue Freiheitspotentiale frei. Der über abstrakte Markterfordernisse an Studierende vermittelte Zwang zur Selbstökonomisierung erfordert die Bildung eines individuellen Qualifikationsprofils, in dem unter anderem Kompetenzen wie soziale Kommunikationsfähigkeit und eine verstärkte Selbstorganisation eine 'Schlüsselrolle' inne haben. Wie in der Arbeitswelt kann die Ausbildung dieser Fähigkeiten nicht als die Entwicklung hin zu einem neuen, freien Menschen verstanden werden, sondern als die studentische Reaktion und Vorbereitung auf eine extensivere Nutzung der Ware Arbeitskraft in der Arbeitswelt.
Diese legt jedoch ebenfalls das formale Freiheitspotential bezüglich des basisdemokratischen Bildungsbegriffes offen, der sich an einem selbstbestimmten Individuum orientiert. Aus diesem Ideal speist sich heute beispielsweise die Kritik an einem verschulten Aufbau des Studiums, wie es in der Debatte um die Einführung von Master- und Bachelorstudiengängen wiederauflebt. Die Selbstorganisation der Arbeitskraftunternehmer fördert formal eine Entwicklungstendenz weg vom unselbstständigen Studierenden, der sich ausschließlich an der Studienordnung, dem Lehrstoff und den hierarchisierten Universitätsstrukturen orientiert. Dass dieses jedoch nicht mehr als ein Freiheitspotential ist, ergibt sich aus der studentischen Hinwendung zu abstrakten Markterfordernissen, die als neues Studienleitbild fungieren.
Die Marktkriterien bergen einen neuen Typus von Zwängen, denen sich Studierende ausgesetzt sehen bzw. selbst aussetzen. Hierunter fällt die Anforderung, sich flexibler und selbstorganisierter zu qualifizieren, und dem Druck einer verbetrieblichten Lebensführung in allen seinen Facetten zu widerstehen. Die Verarbeitung des individuellen Risikos einer späteren Arbeitslosigkeit oder unbefriedigenden Anstellung wird entsprechend einer Zunahme des universitären Konkurrenzverhältnisses unter Studierenden vermehrt privatisiert. Als Folge dieser Entwicklung nimmt, wie Tino Bargel nachweist, die Zukunftsangst unter Studierenden aller Studiengänge rapide zu [67].
Diese Strategie der 'freien Qualifizierung' bricht aus enggefassten Berufsbildern aus und setzt multifunktionale Kompetenzprofile an ihre Stelle. Sie scheint somit einer Entwicklung den Weg zu weisen, die entgegen der reduzierenden fordistischen Perspektive auf die vielfältigen Fähigkeiten von Menschen und deren Subsumierung unter Berufsbildern eine Bejahung dieser Vielheit befördert. Eine Reduzierung von Menschen auf ihre Stellung im fordistischen Produktionsprozess durch Bezeichnungen wie 'Bäcker, Lehrer, Sekretär' scheint somit einer neuen Form des Menschenverständnisses zu weichen. Dem widerspricht, dass sich die Entwicklung des studentischen Arbeitskraftunternehmers auf der Basis einer veränderten Verfasstheit der Ware Arbeitskraft vollzieht, die ihre Sinnhaftigkeit aus der kapitalistischen Verwertungslogik bezieht und nicht aus der Befreiung des Menschen. Die Anerkennung der Pluralität menschlicher Fähigkeiten resultiert also nicht aus dem Ideal einer freien Entfaltung der Persönlichkeit. Sondern und das ist die neue Qualität des studentischen Arbeitskraftunternehmers aus der Erkenntnis, dass die flexible Einsetzbarkeit von Arbeitskräften aus unternehmerischer Perspektive rentabel ist.
Im Kern zeigen sich folglich sowohl in der theoretischen Analyse wie in der individuellen Rezeption ähnlich ambivalente Tendenzen und Ansätze von gesellschaftlichen Widersprüchen wie in der Arbeitswelt. Einer der Hauptwidersprüche des Bildungssektors ergibt sich aus der Struktur des deutschen Bildungssystems. Dieses greift im Zuge der Etablierung der "standortgerechten Dienstleistungshochschule" auf die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen zurück, die eine Verschulung der Lehre mit sich bringen. Hier entsteht ein Widerspruch zu den Anforderungen an die studentischen Arbeitskraftunternehmer, die zu möglichst selbstorganisierten und flexiblen Arbeitnehmern ausgebildet werden wollen. Schon jetzt äußert sich dieses, wie ich im ersten Teil meiner Arbeit geschildert habe, in einer zunehmenden Kritik von Studierenden an den Universitäten. Diese vermitteln aus Sicht der Studierenden zuwenig Zusatzqualifikationen, wie Selbstständigkeit und soziale Kompetenz, sowie zu viel Faktenwissen im Verhältnis zu Prinzipienkenntnissen. Da mit der Einführung von Kurzzeitstudiengängen in Deutschland eine Verschulung der Lehre vorangetrieben wird, die vor allem auf den Erwerb von Faktenwissen ausgerichtet ist, ist eine Beförderung dieses Widerspruchs zwischen Arbeitsmarktanforderungen und Universitätsstruktur abzusehen.
Welche Ziele kann eine studentische Interessensvertretung vor dieser Bewertung haben? Im Vergleich zur Zielsetzung von gewerkschaftlicher Arbeit unterscheidet sich die politische Arbeit an der Hochschule darin, dass keine direkte Lohnabhängigkeit vorliegt. Trotzdem birgt der politische Anspruch der basisdemokratischen Gewerkschaftler, bei den Arbeitnehmer ein Bewusstsein für die eigene Lebens- und Arbeitsweise und damit über die eigene Stellung im Produktionsprozess zu erzeugen, ein neues Handlungspotential für studentische Hochschulpolitik. Sicherlich wird hierdurch der Anspruch von studentischer Hochschulpolitik gegenüber utopistischen und sich vermeintlich 'revolutionär' gebenden Strategien der Politisierung gesenkt. Jedoch kann meiner Ansicht die Ausflucht in verirrte 'Enklaven der Unmittelbarkeit' nicht der Ausweg für gesellschaftlich zunehmend marginalisierte basisdemokratische Politikkonzepte sein.
Der Umgang mit der Ambivalenz studentischen Arbeitskraftunternehmerdaseins birgt jedoch, wie bereits angedeutet, seine eigenen konzeptionellen Schwierigkeiten. Der Versuch einer Aufspaltung der Ambivalenz des studentischen Handlungsstrategien fällt wesentlich schwerer aus, da es keine Institution wie die Unternehmensleitung gibt, an die die Zwänge, denen Studierenden sich vermehrt aussetzen, zurückgewiesen werden können. Eine vulgärmarxistische und weltverschwörerische Erklärung der vermehrten Lebenszwänge aus dem "Willen der Konzerne", der herrschaftlich geworden sei, löst dieses Problem ebenfalls nicht. Sie übersieht zum einen die Warenförmigkeit der gesamten Gesellschaft, die sich im Arbeitskraftunternehmer deutlich zeigt. Das sich durchsetzende Prinzip im Arbeitskraftunternehmer ist daher nicht die Macht der Konzerne, sondern das generelle Tauschverhältnis von Arbeit gegen Geld, die Lohnabhängigkeit. Zum zweiten hat die Form kapitalistischer Herrschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen systemischen Charakter angenommen, der eine Entpersonalisierung von Herrschaft befördert hat. Somit ist die Frage 'Wer ist Schuld daran, dass wir so entfremdet studieren und leben müssen?' eine anachronistische und gefährliche. Da die personalisierte Ebene ausscheidet, bleibt meiner Ansicht nach nur die Möglichkeit einer Trennung von systemischem Zwang auf der einen Seite und persönlichem Interesse an der Gestaltung von Studium und Leben auf der anderen Seite auf einer ethischen Ebene. Die Differenzierung aktueller Studierkonzepte in die normative Frage 'Wie will ich leben und studieren' und 'wie soll/muss ich leben und studieren?' stellt den zentralen Ausgangspunkt meiner Entwicklung von neuen Konzepten studentischer Hochschulpolitik dar.
Was soll diese Strategie bewirken? Die Möglichkeit einer Auftrennung von abstrakten Markterfordernissen und eigenen Bedürfnissen führt zur Möglichkeit einer individuellen Reaktion auf die Lebenssituation. Bisherige studentische Strategien einer "ideologischen Entlarvung", die die Ambivalenz der Lebenssituation von Studierenden vernachlässigen, leisten dieses nicht, da sie die individuell erfahrbare Spannungsverhältnis nicht berücksichtigen und dementsprechend nicht aufbrechen. Der Versuch der Auftrennung von Zwang und Bedürfnis ist der Versuch, dem psychologischen Phänomen der kognitiven Dissonanz zu begegnen. Dieses bezeichnet die individuelle Reaktion von Menschen auf risikoreiche Phänomene, die "ungewiss, konfliktträchtig und daher beunruhigend ist". Diese Phänomene liegen in der zunehmenden Internalisierung von Handlungszwängen und dem ansteigenden Druck auf das Individuum vor. Dieses fixiert als Folge der Erhöhung der individuell zu bewältigenden Komplexität seine Aufmerksamkeit auf das naheliegendste Problem und blendet den größeren Zusammenhang aus.
"Wenn ein Mensch nicht daran glaubt, dass das Problem zu lösen ist, wird das langfristige Denken sozusagen aufgehoben. In diesem Zustand werden Menschen über die unmittelbaren Umstände, in denen sie gefangen sind, immer und immer wieder in dem Bewusstsein sinnieren, es müsse etwas getan werden, auch wenn sie nichts tun. [...] Für einen Menschen können die Nachwirkungen einer Risikohandlung zu permanenter fixierender Aufmerksamkeit dieser Art führen. 'Nirgends hinkommen’, 'immer wieder von vorne anfangen’ [...] der Mensch wird in dieser Situation ein Gefangener der Gegenwart und bleibt auf ihre Dilemmata fixiert." [68]Diese Denkfigur zeigt sich in vielen wissenschaftlichen Aufsätzen, wobei betont wird, dass die risikoreiche Situation von den Menschen selbst evoziert wird. Werner Glissmann beschreibt dieses als die "individuell nicht mehr erkannte Unselbstständigkeit gegenüber der Selbstständigkeit der eigenen Prozesse" [69], Frank Hermann als die Abhängigkeit der Menschen von der "Dynamik ihres eigenen Tuns" [70]. Die Fokussierung auf die Bewältigung der zugleich eigenen und fremden Handlungszwänge lässt keinen Raum für eine Reflexion. Die angestrebte Trennung internalisierter Handlungszwänge von den eigenen Wünschen führt somit dazu, dass sich der internalisierte Handlungszwang den Studierenden wieder als Objekt präsentiert. Somit wird eine Kritik ebenso wie ein Umgang mit diesen möglich gemacht.
Hinzu kommt entsprechend meiner vorherigen Ausführungen die Möglichkeit, aktuelle Umstrukturierungen an der Hochschule, die basisdemokratischen Entwürfen von Universität und Bildung widersprechen, über ihre Widersprüchlichkeit zu Qualifikationsinteressen der Studierenden zu delegitimieren. Dieses möchte ich zuerst exemplarisch nachzeichnen, um dann neue Strategien hinsichtlich einer an ethischen Fragestellungen operierenden politischen Praxis zu entwickeln.
Der gesellschaftliche Wandel, der in der wissenschaftlichen Literatur als 'Verbetriebswirtschaftlichung der Universitäten' oder die Entwicklung zu einer "standortgerechten Dienstleistungshochschule" (Torsten Bultmann) gefasst wird, läuft weitgehend ohne die Berücksichtigung basisdemokratischer Politikentwürfe ab. Unter dem Deckmantel des ökonomischen Sachzwangs, der die politische Entscheidung über die Verteilung der Sachmittel verdeckt, wird eine zunehmende Organisation der Universitäten über Marktmechanismen durchgeführt. In dieser Hinsicht sind Bestrebungen nach einer Einführung von Studiengebühren, einer Privatisierung von Universitäten und einer Steuerung der Hochschulen über eine Leistungsmittelvergabe zu verstehen. Zusätzlich werden sämtliche Wissenschaftsbereiche einer auf Verwertungslogik basierenden Analyse unterzogen und entsprechend der quantitativen Ergebnisse umstrukturiert. Was keine relevanten 'Zahlen' produziert, hat entsprechend den Messergebnissen keine Aussicht auf eine langfristige Institutionalisierung an der Universität.
Die basisdemokratischen Kritiken an dieser neoliberalen Umstrukturierung des öffentlichen Gutes Bildung bezüglich des Zugangs zu Bildung, dem Abbau von herrschaftskritischer Wissenschaft und dem Verständnis von Studierenden als Kunden liegen in allen Facetten des basisdemokratischen Theoriespektrums vor [71]. Da sie jedoch nicht gehört werden, verbleibt der basisdemokratische Diskurs weitgehend in linken Nischen, die sich entweder in Monaden des Wissenschaftssektors oder in studentischen Gruppen befinden. Die aktuellen Umstrukturierungen treten jedoch, wie ich bereits aufgezeigt habe, in Teilen in Widerspruch zu den Anforderungen an die Universität durch die studentischen Arbeitskraftunternehmer. Dieses möchte ich am Beispiel der Bachelor- und Masterstudiengänge verdeutlichen.
Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen widerspricht, wie bereits gezeigt, dem Bedürfnis der studentischen Arbeitskraftunternehmer nach einer Ausbildung, die Prinzipienkenntnisse und soziale Schlüsselqualifikationen vermittelt. Hinzu kommt, dass an ein Studium in den meisten Fällen die Erwartung auf eine ausreichend bezahlte Anstellung verbunden sind. Dieses ist jedoch besonders für den Fall des Bachelorabschlusses unklar. Zumindest lässt eine geringere Fachqualifikation erwarten, dass die erbrachte Arbeitsleistung auch geringer entlohnt wird. Historisch zeigt sich zudem, dass
"erfahrungsgemäß der Senkung gesellschaftlich relevanter Bildungsstandards leicht verschoben die Absenkung rechtlicher und tariflicher Beschäftigungsstandards auf dem Fuß folgt" [72].Dieses ist von den Studierenden in ihrer Qualifikationsabsicht sicherlich nicht intendiert.
Diese Widersprüche zwischen einem sich wandelnden Arbeitsmarkt und der sich wandelnden Hochschule können als Ansatzpunkt benutzt werden, um bezüglich der jeweiligen Umstrukturierung die studentischen Akzeptanzwerte für den Umbruch zu minimieren. Auf diese sind aber politische Systeme weiterhin angewiesen, wie Bultmann und Kiel belegen:
"Erfolg und Durchsetzungsfähigkeit der skizzierten Politikvariante [der neoliberalen Bildungspolitik, L.B.] hängen folglich davon ab, inwieweit es gelingt, innerhalb eines größeren Teils (mindestens einer starken Minderheit) der Studierenden eine handlungsrelevante positive Identifikation mit derartigen Zielsetzungen herzustellen und den (wahrscheinlich größeren) Rest politisch zu neutralisieren." [73]Diesem entgegenwirkend kann eine Strategie studentischer Hochschulpolitik sein, diese Akzeptanzwerte zu verringern. Hinzu kommt, dass als Folge gesellschaftlicher Veränderungen die Akzeptanzwerte für Neuheiten relativ indifferent sind. Am Beispiel des B.A./M.A.- Studienmodells zeigt sich, dass sich die Bereitschaft der Studierendenschaft in Deutschland, einen Bachelor zu erwerben, zu gleichen Teilen auf die drei Kategorien zustimmend/unsicher/ablehnend verteilt [74].
Neben der Senkung von Zustimmungswerten würde das Thema 'Bachelor- und Masterstudiengänge' aber wieder auf der politischen Agenda erscheinen, somit also eine kaum wahrgenommene Umstrukturierung verhindert werden. Ein Politisierungsansatz wäre geschaffen, der eine offensiv ausgetragene Debatte um die Einführung von B.A./ M.A. ermöglichen würde. Inwieweit diese neue Diskussion von studentischen Arbeitskraftunternehmern rezipiert wird, hängt von der Art der politischen Auseinandersetzung und der individuellen Verfestigung der Arbeitskraftunternehmermentalität ab. In diesem Ansatz vollzieht sich ebenfalls eine Trennung in der studentischen Wahrnehmung, die sich einer kritischeren Haltung zur Universität als Institution ausdrückt. Vermittelt über das individuelle Qualifikationsinteresse werden Lehr- und Lernformen sowie die Ausrichtung der Universität als nicht naturwüchsig, sondern veränder- und kritisierbar verstanden. [75] Dieses Potential gilt es als Folge einer Dekonstruktion ökonomisch begründeter Naturalisierungen zu nutzen.
Die neue Konkurrenz unter studentischen Arbeitskraftunternehmern findet unter wesentlich verschärften Bedingungen statt. Die zunehmende Privatisierung von Risiken und das individuelle Ringen um das beste Qualifikationsprofil stellen eine neue Form der Interdependenz von Menschen dar. Unausgesprochen hebt dieses Modell die Studierenden durch deren vermehrte Selbstorganisation in eine Selbstwahrnehmung, sie seien vermittelt über die von ihnen erreichte Qualität der Verbetrieblichung ihrer Lebensführung in der Lage, vollkommen über ihre berufliche Zukunft zu bestimmen. Die liberale Versprechung eines Wettbewerbs von 'Gleichen zu Gleichen' erhält somit eine neue Gültigkeit.
In der Dekonstruktion dieses scheinbaren selbstbestimmten Ringens liegen neue Entwicklungspotentiale für eine studentische Hochschulpolitik. Scheinbar, da sich mittels empirischer Untersuchungen belegen lässt, dass die Achsen der sozialen Ungleichheit gerade auf dem Arbeitsmarkt weiterhin bestehen. Exemplarisch möchte ich dieses an den Kategorien Geschlecht und sozialer Herkunft verdeutlichen.
Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt hat trotz leichter Angleichungen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin Bestand. Bezüglich der Lohnhöhe und der beruflichen Zugangs- und Aufstiegschancen sind Frauen gegenüber Männern weiterhin diskriminiert [76]. Eine Thematisierung dieser Benachteiligung würde das Konzept des freien und gleichen Wettbewerbs unter Studierenden in seine Schranken verweisen. Die studentische Fokussierung auf Veränderungen des Arbeitsmarktes und eine Internalisierung der geforderten Qualifikationsanforderungen würde somit in seiner Sinnhaftigkeit erheblich beschädigt. Der Arbeitsmarkt würde somit wieder das Objekt studentischer Überlegungen und in seiner Struktur reflektiert. Besonders für die Arbeitskraftunternehmerinnen würde sich das eigene Bedürfnis nach einer erfüllenden Arbeit von der diskriminierenden Struktur des Arbeitsmarktes trennen. Die eigenen Tribute an eine verbetrieblichte Lebensführung würden vor der Folie einer unnachvollziehbaren Benachteiligung in einem zweifelhaften Licht erscheinen. In dieser Bewegung liegt bereits das politisierende Moment, auf das in diesen Versuchen hingearbeitet werden soll.
In der Frage der sozialen Schichtung hat sich, wie in der Darstellung des Aufsatzes von Frank Hermann bereits angedeutet, bereits eine neue Form der sozialen Selektivität entwickelt. Die von studentischen ArbeitskraftunternehmerInnen angestrebte Ausbildung eines individuellen 'Port-Folio' von Qualifikationen bedarf einem möglichst großen Quantum verfügbarer Zeit. Wie Tino Bargel nachweist, sind Studierende unterer Herkunftsschichten zur Sicherung ihrer Existenz auf eine dauerhafte Erwerbstätigkeit während des Studiums angewiesen. Studierende höhere Einkommensschichten können ihre außeruniversitäre Praxis stattdessen auf die Ausbildung einer berufspraktischen Qualifikation verwenden. Somit äußert sich vermittelt über die Zeitverfügbarkeit von Studierenden nach ihren sozialen Herkunftsgruppen die neue soziale Selektivität. In seiner Thematisierung liegt wie im Fall der geschlechtsspezifischen Benachteiligung der Kern für eine Trennung von eigenen Interessen und Qualifikationszwängen.
Ein Einwand gegen diese Form der studentischen Hochschulpolitik könnte sein, sie ziele ausschließlich auf die Verunsicherung von weiten Teilen der Studierendenschaft ab. In Teilen der gewerkschaftlichen Debatte um neue Interessensvertretungsstrategien wurde dieser Vorwurf geäußert. Aus meiner Sicht, und hiermit ziehe ich eine Analogie zu der Position von Klaus Pickshaus, besteht die Unsicherheit bereits in der zunehmenden Privatisierung von Lebensrisiken. Diese zu thematisieren, anstatt sie die Studierenden durch eine Verbetrieblichung der eigenen Lebensführung kompensieren zu lassen, birgt für mich auch aus der individuellen Perspektive 'objektiv' einen Zuwachs an Lebensqualität und sozialer Sicherheit.
Der Kern einer ethischen Diskussion um die Frage der Lebens- und Studiengestaltung von Studierenden besteht aus der offensiven Thematisierung von Zwängen und Druckpotentialen, die aus einer Verbetrieblichung der Lebensführung resultieren. Als Handlungskorrektiv wirkt hierbei die Privatisierung von Lebensrisiken hinsichtlich einer individuell zu vollziehenden Abwehr einer späteren Arbeitslosigkeit. Dieses äußert sich empirisch in einer rapide anwachsenden Zukunftsangst in allen fachlichen Bereichen der Universität [77].
Die Zunahme von Druckpotentialen auf den einzelnen Studierenden hat auf die Lebensqualität aller Studierenden erheblichen Einfluss. Diese in einer offenen Diskussion an ethischen Maßstäben wie individueller Lebenssicherheit, einem ausgewogenen Verhältnis von privater zu ökonomisierter Lebenszeit und der Vorstellung von einem kollektiven, sozialen Netz zu messen, wird meiner Ansicht nach die umfangreichste, weil schwierigste Aufgabe studentischer Interessensvertretung sein. Die Bewusstwerdung über die Zwanghaftigkeit der eigenen Situation muss hierbei aus empirischen Studien über die gesundheitliche Verfassung, z.B. Burnout-Syndromen unter Studierenden und Verständigungsprozessen über das Maß der subjektiv empfundenen Anforderungen von Studierenden ziehen. In der Diskussion über Bedingungen des eigenen studentischen Daseins liegt die neue Perspektive einer auf gesamtgesellschaftliche Kritik abzielenden basisdemokratischen Hochschulpolitik.
Hierbei gewinnt die historische Perspektive auf die Bedeutung von Zukunftsangst und sozialer Sicherheit eine zentrale Bedeutung. Die nachweisbare Zunahme von Zukunftsangst unter Studierenden seit Mitte der 80er Jahre ist in Deutschland sicherlich auch der Akademikerarbeitslosigkeit geschuldet, jedoch ist diese mit 3,4% gegenüber der gesamtgesellschaftlichen Arbeitslosigkeit relativ gering. Die Veränderung der Verfasstheit der Ware Arbeitskraft zum Arbeitskraftunternehmer und die studentischen Reaktionen auf die Flexibilisierung der Arbeitswelt lassen sich in ihrer Tendenz stringent nachzeichnen und müssen als Erklärung für die Veränderung von Studierverständnissen, der Zunahme von Zukunftsangst und der Verbetrieblichung der Lebensführung offen thematisiert und politisiert werden.
Ebenso muss die Bedeutung von sozialer Sicherheit als früherem, sozialem Schichtungskriterium westlicher Industriegesellschaften reflektiert werden. Die neue Qualität in der Flexibilisierung der Arbeitswelt für den Bildungssektor liegt in der verstärkten Abnahme sozialer Sicherheit auch in höheren Bildungs- und Einkommensschichten [78]. Eine Bewusstseinbildung unter Studierenden, dass sie zu großen Teilen der Mittelschicht anzugehören, deren Produktivitätspotentiale im postfordistischen Zeitalter unter Verlust von individueller Sicherheit freigelegt werden, ist der erste Schritt zu einer Bewusstwerdung über eigenen Stellung im Produktionsprozess. Zentral ist hierbei, dass aus der Kritik an den Bedingungen des eigenen, studentischen Daseins die Kritik an der Vergesellschaftung sozial schwächerer Schichten erwachsen muss. Für die Kritik an den neuen Zwängen des Arbeitskraftunternehmerdaseins ist eine vorherige Verständigung über die ethische Bewertung der neuen Verfasstheit von Studierenden zentral. Ohne eine studentische Kritik an der eigenen Vergesellschaftung läuft ein Politisierungsprozess, der sich unvermittelt mit Themen wie Zukunftsangst und sozialer Schichtung auseinandersetzt, Gefahr, die zunehmende soziale Unsicherheit als eine Bedrohung der eigenen Privilegien durch sozial schwächere Schichten zu deuten. Derartige Projektionen müssen in ihrer kompensierenden Funktionsweise erkannt und aufgelöst werden.
Abschließend hilft eine fundierte studentische Kritik am Konzept des studentischen Arbeitskraftunternehmers Studierenden in der späteren Erwerbstätigkeit, da sie über ein breites Erfahrungsmuster an wiedererkennbaren Zwängen verfügen. Die Trennung von eigenen Wünschen und den über indirekte Steuerung vermittelten abstrakten Markterfordernissen wäre in der Folge eine der Grundfähigkeiten von Studierenden. Diese Fähigkeit schützt spätere Arbeitnehmer vor einer allzu rigiden Selbstausbeutung ihrer eigenen Arbeitskraft [79].
Die zunehmende Aufwertung von Zeit innerhalb der Wertekontexte von Arbeitskraftunternehmern lässt bisherige Formen der studentischen Interessensvertretung in neuem Licht erscheinen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die meist zeitintensive Form der Interessensvertretung in der Lage ist, Arbeitskraftunternehmer in Interessensvertretungszusammenhänge zu integrieren. Eine Möglichkeit dazu wäre das bewusste Angebot durch bisherige studentische Vertretungsinstitutionen, eine zeitlich beschränkten Mitarbeit an studentischen Projekten zu fördern und vorzusehen. Dieses könnte sich auf eine Partizipation in einzelnen Teilen der Interessensvertretung beschränken. Bei aller Sinnhaftigkeit dieser Idee bedarf es aber weiterhin eines Kerns von Studierenden, der bereit ist, diese Angebote nach aussen zu formulieren und gleichzeitig die inhaltliche Zerfaserung der Studierendenschaft zu verhindern.
Die Frage der räumlichen Ansiedelung von Studierendenvertretungen beantwortet sich meiner Ansicht nach auf eine ähnliche Art und Weise. Die weitere Institutionalisierung in ASten ist für eine Sicherung der finanziellen Ressourcen sowie einer Besetzung des gesellschaftlich relevanten studentischen Organs von Nöten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass sich ein theoretischer und menschlicher Umgang mit ArbeitskraftunternehmerInnen auf der Ebene der Fachschaften besser durchführen lässt. Eine bewusste Doppelstrategie von gesamtgesellschaftlicher und fachspezifischer Interessensvertretung wäre hier ein möglicher Ausweg.
Die Gültigkeit der in dieser Arbeit theoretisch entwickelten Strategien einer studentischen Interessensvertretung werden sich in der politischen Praxis erweisen müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt stellen sie nicht mehr als spekulativ-logische Vermutungen dar. Mir sind ebenfalls die Defizite meiner Ausführungen bezüglich einer Analyse der sich entwickelnden, gesellschaftlichen Widersprüche im Übergang zum Postfordismus bewusst. Besonders in der Interpretation einer flexibilisierten Arbeitswelt zeugt die wissenschaftliche Diskussion von einer weitgefächerten Bandbreite.
Für die Zukunft eines basisdemokratischen Interessenvertretung hat der erste, analytische Teil meiner Hausarbeit Thesen entwickelt, hinter die sich eine studentische Hochschulpolitik meiner Ansicht nach nicht zurückbewegen darf. Hierzu zähle ich die Erkenntnis, dass die Kraft basisdemokratischer Gesellschaftsentwürfe ihre hegemoniale Stellung in der Studierendenschaft verloren hat. Bisherige Konzepte studentischer Hochschulpolitik, wie die der ideologischen Entlarvung, haben zwar weiterhin inhaltliche Gültigkeit, aber im Politisierungsprozess ihre Anschlussfähigkeit verloren. Sollte sich diese Politikform in der jetzigen Form im basisdemokratischen Spektrum weiter durchsetzen, muss sich dieses vor allem der Minderheitenposition bewusst sein und diese thematisieren. Der Versuch, ein gemeinsames 'linkes' Interesse der Studierendenschaft zu suggerieren, muss an der Zersplitterung der Studierendenschaft scheitern [80]. Der Entwurf einer breiten Politisierung über basisdemokratische Gesellschaftsentwürfe kann mit den jetzigen Strategien meiner Ansicht nach nicht mehr erlangt werden.
Daher ist eine ausgiebige Diskussion mit dem Ziel einer Reformulierung von Politisierungsstrategien im basisdemokratischen Spektrum nötig. Die Analyseachsen der Macht mögen sich in den letzten 130 Jahren nur unbedeutend verändert haben, was ein Festhalten an bewährten Strategien rechtfertigen mag. Die Adressaten basisdemokratischer Entwürfe aber in entscheidendem Masse. Darum verbindet sich dieser Beitrag mit der Hoffnung auf eine ausgiebige Debatte zu diesem Thema.