Natürlich kann hier keine vollständige Aufarbeitung sämtlicher studentischer Aufbrüche und Bewegungen seit 1968 erfolgen, dazu wäre mehr Papier nötig, als ich es den Wäldern (und den LeserInnen) zumuten möchte.
Daher beschränke ich mich auf die drei im Titel genannten Jahre ´68, ´88, ´97. Diese Jahreszahlen stehen für besonders intensive und gleichzeitig für ihre Zeit charakteristische Studierendenproteste.
Jedes Mal entlud sich der Unmut einer neuen Generation von Studierenden, nur ganz hartgesottene Dauerstudierende haben mehr als eine der beschriebenen Bewegungen miterlebt. Dies ist auch der Anlaß der Untersuchung: wegen der kurzen und immer kürzeren Verweildauer an den Universitäten ist es für viele StudentInnen unmöglich, Hochschulpolitik aus einer langfristigen Perspektive zu erfassen.
Immer wieder neue Jahrgänge strömen hoffnungsvoll und wißbegierig an die Universitäten. Dort werden sie schnell mit verkrusteten Strukturen, hoffnungsloser Überfüllung und jeder menge Ignoranz konfrontiert. Manche wechseln das Fach oder brechen das Studium ab, die Hartnäckigeren versuchen in den Gremien die Situation zu verbessern. Irgendwann platzt aber auch diesen der Kragen, zusammen mit der gefrusteten Masse gelingt es Demonstrationen, eine Besetzung, einen Streik zu organisieren, das ganze kommt in die Zeitung, und plötzlich scheint es, als könnte sich etwas verändern. [1]
Doch die Euphorie ist schnell vorbei, die Zeitung findet andere Themen, spätestens in den Semesterferien bröckelt die Bewegung und findet ihr Ende. Angesichts des enormen Engagements wächst nun bei den Aktiven der Frust ins Grenzenlose, und die Hochschulpolitik wird endgültig zugunsten anderer Aktivitäten verworfen.
Nach vier bis sechs Semestern ist die Erinnerung verflogen, neue Studierende, neue Hoffnungen und das Spiel geht von vorne los. Ab und zu findet sich auf der Vollversammlung noch der eine oder andere Veteran, stößt einige Kassandrarufe gegen die jungen Rebellen aus, niemand hört auf ihn und die Dinge nehmen ihren gewohnten Lauf.
Angesichts dieser Sisyphospolitik habe ich drei der größeren und vielleicht auch erfolgreicheren studentischen Protestbewegungen zur Untersuchung herausgegriffen.
Der Vergleich soll nun zeigen, ob diese Bewegungen wirklich geschichtslos im Raum stehen, oder ob es nicht doch Kontinuitäten und Lernprozesse gibt.
Hierzu konzentriere ich mich vor allem auf die Inhalte und Forderungen der Bewegungen. Was für ein Verständnis von Hochschule hatten die Protestierenden? Wie sahen sie die Gesellschaft und die Rolle der Hochschule darin? Gab es eine Theorie, eine Ideologie in der Bewegung? Welche Ziele und Forderungen ergaben sich daraus?
Im Vergleich wird dann versucht, bei jedem Zeitsprung die Veränderungen zu den vorher analysierten Protesten herauszuarbeiten, um so den inhaltlichen Wandel der Bewegungen zu erfassen.
Die Untersuchung beschränkt sich dabei für die ersten beiden Kapitel zu 1968 und 1988 auf die Studierendenbewegungen der BRD und West-Berlins. Besonders die Entwicklungen in West-Berlin und an der Freien Universität werden etwas genauer betrachtet, da die FU aufgrund ihrer Vorreiterrolle in beiden Bewegungen Modellcharakter hat. Regionale Unterschiede innerhalb der Bewegungen wären wiederum ein gesondertes Thema.
Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Teilung Deutschlands. Diese führte zu völlig unterschiedlichen Situationen und Problemen der Hochschulpolitik. Eine vergleichende Analyse würde den Rahmen der Arbeit sprengen, auch daher die Beschränkung auf Westdeutschland und West-Berlin für die genannten Kapitel.
Das Ziel der Untersuchung ist letztendlich, in der Bilanz realistische Perspektiven für die heutige Hochschulpolitik zu erschließen. Vielleicht gelingt es, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, erfolgreichere Entwicklungen herauszustellen, Sackgassen zu umgehen und falsche Erwartungen abzulegen.
Das Jahr 1968 ist mittlerweile zum Symbol einer Zäsur geworden, eines Einschnittes nicht nur in der Geschichte der deutschen Universitäten. Der Prager Frühling, der "Sommer der Liebe" in Kalifornien, die chinesische Kulturrevolution und die Mai-Unruhen in Paris sind nur einige der bekanntesten Ereignisse in dieser weltweiten Bewegung.
Diese Schlagworte und ihre Assoziationen zeigen jedoch bereits die Vielfalt der Ereignisse und Strömungen, die sich gegenseitig beeinflußten, verstärkten und den Mythos 1968 begründeten. Denn 1968 war weder der Anfang, noch das Ende, vielleicht nicht einmal der Höhepunkt der Entwicklung, und angesichts der Unterschiede ist es vielleicht sogar falsch, von einer Bewegung zu sprechen.
Allerdings muß man diese globale Dimension mitdenken, um die hier dargestellten Proteste an den deutschen Universitäten zu erfassen.
Geographischer Mittelpunkt dieser Proteste waren die Hochschulen der "Frontstadt" des kalten Krieges, West-Berlin. Besonders die Freie Universität war immer wieder Schauplatz der Konflikte. [2] Den politischen Mittelpunkt bildete der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund. Beide Kreise schneiden sich in der Berliner Sektion des SDS, einem der wichtigen Impulsgeber der Revolte.
Der SDS existierte bereits seit 1946 als Vorfeldorganisation der SPD in den Hochschulen. Von vornherein besaß der Verband eine föderalistische Struktur und war organisatorisch unabhängig von der SPD. Dies ermöglichte einem breiten Spektrum linker Gruppierungen die Mitarbeit. [3] Dennoch war die Verbindung zur Partei sehr eng, vielen diente der SDS als Einstieg für eine Karriere innerhalb der Sozialdemokratie. Diese Rolle erfüllte er bis zum Unvereinbarkeitsbeschluß von 1962.
Denn nachdem die SPD sich 1959 in ihrem "Godesberger Programm" deutlich von Marxismus und Klassenkampf verabschiedet hatte, wurde das linksintellektuelle Sammelbecken SDS für die Partei mehr und mehr zum Ärgernis. Zuerst erging 1961 der demonstrative Beschluß, auch weitere sozialdemokratische Hochschulgruppen anzuerkennen, ein Jahr später folgte dann der Rausschmiß: Die Mitgliedschaft im SDS wurde für unvereinbar mit der SPD-Mitgliedschaft erklärt. [4]
Trotz der Streichung aller finanziellen Unterstützung seitens der SPD, trotz der Abwanderung vieler Mitglieder in den neugegründeten Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) gelang es dem SDS, die Krise zu überwinden und seine Arbeit als unabhängiger Verband fortzusetzen. Durch die Abspaltung des SHB war der SDS weiter nach links gerückt und entwickelte in der Unabhängigkeit neue inhaltliche Perspektiven und organisatorische Fähigkeiten.
Besonders das Studium verschiedener marxistischer Theoretiker durch interne Lesekreise und Arbeitsgruppen war ein wichtiger Aspekt der Verbandsarbeit.
Verbunden wurden die Arbeitskreise der einzelnen Hochschulgruppen durch die verbandseigene Zeitschrift "Neue Kritik". Hier erschienen Einführungs- und Anleitungstexte zu Marx und anderen Autoren, außerdem ermöglichte die Zeitschrift eine überregionale theoretische Diskussion. Die Kenntnisse, die sich die Mitglieder so parallel zum normalen Lehrbetrieb aneigneten, ermöglichten es ihnen, in Vorlesungen und Seminaren die Autoritäten und das politische Selbstverständnis von Hochschule und Gesellschaft der Adenauer-Ära zu kritisieren. Das geschah oft auf hohen theoretischem Niveau, so daß auch die konservativen Dozenten sich der Diskussion nicht entziehen konnten, um sich vor den Studierenden keine Blöße zu geben. [5]
Diese lange theoretische Vorarbeit erklärt die bedeutende Rolle des SDS in der Studierendenbewegung Ende der sechziger Jahre. Die Entstehung und Kraft dieser Bewegung beruhten jedoch nicht allein auf der Agitation des SDS und seiner SympathisantInnen.
Innenpolitische, weltpolitische und inneruniversitäre Konflikte schufen eine historische Situation, in der diese Agitation auf fruchtbaren Boden stieß. In Verbindung mit der Organisationserfahrung und der theoretischen Vorarbeit konnte die 68er-Bewegung zu ungeahnter Stärke anwachsen.
Die innenpolitischen Konflikte reichen zurück in die fünfziger Jahre mit der Debatte um die Wiederbewaffnung des westdeutschen Teilstaats. Nachdem diese gegen den Willen der SPD und vieler unabhängiger Gruppen 1955 durchgeführt wurde, entstand eine weitere heftige Debatte um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Diese Pläne wurden von der damaligen CDU-Regierung voll unterstützt, ihre Durchführung scheiterte letztendlich nur am späteren Kurswechsel der USA. Nun war endgültig klar, wie weit sich die Fronten innerhalb des Kalten Krieges verhärtet hatten. Die kompromißlose Integration der BRD in den westlichen Block erstickte jede Hoffnung auf Wiedervereinigung und brachte die unseligen autoritären Traditionen deutscher Politik wieder voll zur Geltung, insbesondere durch die Ignoranz breiter außerparlamentarischer Widerstandsbewegungen. [6]
Nach dem Godesberger Kurswechsel der SPD folgte auch die Abwendung der Partei von außerparlamentarischen Aktionen und die Anerkennung des sicherheitspolitischen Kurses der bisherigen Regierung. Unter diesen Vorraussetzungen war 1966 die Bildung einer großen Koalition aus SPD und CDU möglich. Die Opposition im Parlament bestand nun einzig aus den Abgeordneten der FDP-Fraktion. Dies war eine weitere Voraussetzung für die Entstehung der Außerparlamentarischen Opposition, deren Kern die revoltierenden StudentInnen darstellten.
Der neue Bundeskanzler der großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger (CDU), war zu allem Überfluß ein ehemaliges Mitglied der NSDAP. [7]
Dieser Skandal überschattete stets die Reformbemühungen der neuen Regierung, die teilweise durchaus den Forderungen der Protestierenden entgegenkamen.
Aber die nächste Provokation ließ nicht lange auf sich warten: die Notstandsgesetze. Diese für den Verteidigungsfall vorgesehenen Gesetze stärkten im Falle eines Notstandes, der durch Bundesrat und Bundestag festgestellt werden mußte, die Exekutive erheblich und erlaubten zum Teil starke Eingriffe in die Grundrechte. Gegen den Widerstand von Studierendenbewegung und Gewerkschaften wurden die Gesetze 1968 verabschiedet.
Jede dieser Episoden aus der Geschichte der BRD stellte in den Augen der jungen Generation einen unhaltbaren Skandal dar. Jedesmal entlud sich spontaner Protest, der jedoch stets an den Herrschenden abprallte.
Diese autoritären Herrschaftsformen waren gleichzeitig Feindbild und Schöpfer der Revolte. Durch die unversöhnlichen Repressionen von Staat, Universität und Elternhaus entstand in der Jugend die reale Angst vor der Rückkehr des Faschismus. Die große Zahl von Nazis und Mitläufern, die damals in allen Bereichen der Gesellschaft, besonders auch in der Universität, noch in Amt und Würden war, bis hin zum Bundeskanzler, macht diese Befürchtung auch dem heutigen Beobachter klar. [8]
Aus dieser Angst heraus bildete sich die damalige Studierendenbewegung als bewußt anti-autoritäre Bewegung. In ihrer Analyse sahen sie die parlamentarische Demokratie vor dem Ende, ein erneutes Abgleiten in Diktatur oder Faschismus schien ihnen unmittelbar bevorzustehen. [9]
Dies zu verhindern, dazu fühlten sich die 68er geradezu moralisch verpflichtet. Sie sahen ihre Revolte als Initialzündung für eine Revolution, eine Revolution, die die Lehren aus dem Versagen des Parlamentarismus von Weimar und Bonn zog, aber auch aus dem Stalinismus der Sowjetunion.
Ihre Revolution sollte anti-autoritär sein, sie fühlten sich als Wegbereiter des wahren, des freien Sozialismus.
Die weltpolitische Lage bestärkte die Studenten und Studentinnen in dieser Auffassung. Schon seit Jahrzehnten waren die Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" von den ehemaligen Kolonialmächten brutal bekämpft worden, besonders die Schreckensmeldungen aus dem Vietnamkrieg schockierten die Menschen. Die "Schutzmacht USA" wurde angesichts dieser Bilder von vielen nur noch als Besatzungsmacht empfunden. Daß auch die Bundesregierung keinerlei Kritik an ihren Verbündeten übte, war in den Augen vieler Menschen einmal mehr eine Bankrotterklärung der parlamentarischen Demokratie.
Die Studenten und Studentinnen nicht nur des SDS dagegen solidarisierten sich schon seit 1965 aktiv mit dem "Befreiungskampf des Vietnamesischen Volkes" und veranstalteten Kampagnen und Aktionen gegen den Krieg der USA. [10] Die Identifizierung mit dieser und anderen Befreiungsbewegungen gipfelte in einem geradezu weltrevolutionärem Sendungsbewußtsein.
Die 68er Bewegung sah sich angesichts der bestehenden Verhältnisse also nicht als rein hochschulpolitische oder lobbyistische Studierendenvertretung, sondern als sozialrevolutionäre Bewegung. Sie waren angetreten, um nicht nur die Hochschulen, sondern die Gesellschaft zu verändern.
Ihre Theorien bezogen sich daher auch auf gesamtgesellschaftliche Probleme. Sie drehten sich, grob gesagt, um eine Neubewertung der Marxschen Theorie angesichts der autoritären, stalinistisch geprägten Systeme im Osten und des fehlenden Klassenbewußtseins der Arbeiterschaft in den westlichen Demokratien.
Beide Phänomene widersprachen nach Meinung vieler SDS-Mitglieder dem ursprünglichen Konzept von Marx und Engels, beide standen der Utopie einer klassenlosen und wahrhaft demokratischen Gesellschaft entgegen.
Der klassische Marxismus vertraute noch vollkommen auf die Emanzipation der Arbeiter, die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft schien geradezu gesetzmäßiges Endziel des Klassenkampfes. Da von eben diesem Klassenkampf jedoch 100 Jahre nach Marx nicht mehr viel übriggeblieben war, besann sich der SDS auf seine eigene Rolle als die der wissenschaftlichen Intelligenz und reflektierte diese auch theoretisch.
Infolge der zunehmenden Technisierung und Verwissenschaftlichung der Produktion käme laut SDS dieser wissenschaftlichen Intelligenz eine immer größere Bedeutung zu. In Gestalt von Ingenieuren und Konstrukteuren würden sie nicht nur in der Produktion selbst, sondern vor allem bei deren ständiger Weiterentwicklung zur Stabilisation des Kapitalismus beitragen. Denn nur bei stetigem Wachstum der Produktivität gäbe es auch wachsende Gewinne, um nach fordistischem Modell die Forderungen der Arbeiterschaft zu erfüllen und gleichzeitig den Profit der Unternehmer zu sichern. So geriet der Klassenkampf zum reinen Verteilungskampf um die Wachstumsgewinne, die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie degenerierten von revolutionären Kräften zu reinen Lobby-Organisationen.
Die gleichzeitige Manipulation der Menschen durch die "Kulturindustrie" stabilisiere das System zusätzlich. Denn Lohnerhöhungen und gleichzeitige Werbeoffensive förderten das Konsumdenken und vernebelten den Blick für Ungleichheit und Ungerechtigkeit unter den gegebenen Verhältnissen. [11]
Als Aufgabe des SDS betrachteten nun viele Mitglieder, diese immer wichtigere "Produktivkraft Wissenschaft" in eine revolutionäre Kraft umzuwandeln. Dies ginge nur unter Einbeziehung der technischen Intelligenz, also besonders der naturwissenschaftlichen Fächer an den Hochschulen. [12]
Diese Theorie erforderte die Abkehr von der klassischen, vermeintlich objektiv-wertfreien "bürgerlichen" Wissenschaft hin zu einer "sozialistischen Wissenschaft" mit dem klaren Ziel einer emanzipatorischen Veränderung der Gesellschaft. Solch eine Umwertung der Wissenschaft blieb zunächst Theorie, aber verschiedene Versuche der praktischen Anwendung folgten im Laufe der Zeit. Am bekanntesten ist wohl die "Kritische Universität" von 1967. Hier versuchten die Studierenden der FU Berlin erstmals, dem herkömmlichen Lehrbetrieb eigene Seminare entgegenzusetzen. Das Konzept der Gegenuniversität war geboren.
Die Kritische Universität bestand aus 34 von Studenten und Studentinnen geleiteten Arbeitskreisen, in denen die politische Dimension von Wissenschaft aufgezeigt wurde. Obwohl den technischen Naturwissenschaften im Gegensatz zu ihrer theoretischen Relevanz nur sechs Arbeitskreise gewidmet wurden, bemühten sich die Studierenden doch um fächerübergreifende Vielfalt, es gab sechs Arbeitskreise zu Medizin und Psychologie und sieben Arbeitskreise zu Erziehung und Schule. Außerdem beschäftigten sich die Seminare mit Themen wie Wirtschaft und Literatur, reine Seminare zur politischen Theorie gab es nicht, stets wurde der Bogen zu anderen Fächern, zur aktuellen Politik oder zur Praxis geschlagen. [13]
Hier zeigte sich ein erster Ansatz, der später oft geforderten und selten erreichten "Interdisziplinarität".
Aber nicht nur die Inhalte, sondern auch die Strukturen der Hochschule wurden damals heftig kritisiert. Der Ausgangspunkt der 68er Revolte war noch die klassische Ordinarienuniversität ein traditionsreiches Gebilde mit direkten Kontinuitäten zur ständischen Gesellschaft des Mittelalters. Dem entsprachen formal die priesterlich anmutenden Talare der Ordinarien und ihre Titel wie etwa "Magnifizienz". Selbst an der gerade 20 Jahre jungen FU mit ihrem demokratischen Gründungsanspruch hatte mittlerweile ein solcher Popanz Fuß gefaßt. [14]
Zu den Talaren und Formalien gesellte sich die herausgehobene inneruniversitäre Machtstellung des jeweiligen Ordinarius. Dieser war der unumschränkte Herr seines Instituts, alle anderen Dozenten unterstanden unmittelbar dem Lehrstuhl des Ordinarius. Die inhaltliche Ausgestaltung des jeweiligen Fachgebietes hing daher völlig von seinen [15] Vorstellungen und Forschungsschwerpunkten ab. Der Weg zur eigenen Professur, zum eigenen Ordinariat, verlangte die jahrelange Unterordnung als Gehilfe der bisherigen Amtsinhaber. [16]
Die universitären Gremien waren selbstverständlich als reine Vertretung der Ordinarien zum kollegialen Interessenausgleich gedacht, denn im Gegensatz zu den Studierenden, die da kamen und gingen, betrachteten sich die Ordinarien als eigentlicher Körper der Universität ein Selbstverständnis, daß sich auch bei ihren heutigen Nachfolgern oftmals noch hält.
Diese Universität als unabhängige "Gelehrtenrepublik", als Elfenbeinturm der Bildung und Kunst war jedoch angesichts des wirtschaftlichen Strukturwandels nicht mehr haltbar.
Denn der Wiederaufbau nach dem II. Weltkrieg und das Wirtschaftswunder waren vor allem durch den massiven Einsatz traditionell ausgebildeter und/oder gering qualifizierter Arbeitskräfte erreicht worden. In der Rezessionsphase seit Mitte der sechziger Jahre waren jedoch gut ausgebildete Fachkräfte in großer Anzahl gefragt, um durch Modernisierung und Produktivitätssteigerung ein neues Wirtschaftswachstum einzuleiten und mittels ständiger Innovation dauerhaft zu sichern. [17]
Dies konnte die traditionelle Ordinarienuniversität weder quantitativ noch qualitativ leisten.
Die Kapazitätserweiterung zur Massenuniversität, aber auch die staatliche Kontrolle der Hochschulen zur Sicherstellung der bedarfsgerechten Ausbildung standen also unmittelbar bevor, eine Hochschulreform war unausweichlich.
So lautete die treffende Analyse der damaligen Studierenden. Das Ziel war nun die Gestaltung der Reform gemäß ihren politischen Vorstellungen. [18]
Diese emanzipatorischen Vorstellungen verlangten nun die Demokratisierung der Universität, auch in eigenem Interesse, denn die Studierenden waren, damals wie heute, eine machtlose Gruppe innerhalb der Hochschule. Langfristig jedoch sollte die Demokratisierung der Hochschulen einen ersten Schritt zur Demokratisierung der Gesellschaft insgesamt darstellen.
Aber auch das Recht auf freie Meinungsäußerung der Studierenden und ihrer Organe, besonders zu "allgemeinpolitischen" Themen stand ganz oben auf den Forderungskatalogen. Gerade dieses Thema war immer wieder Anlaß zu Konflikten mit der Universitätsleitung, die durch die Verweigerung von Räumen und andere repressive Maßnahmen mißliebige politische Regungen der Studierenden unterdrücken wollte. Diese Repressionen gingen jedoch nach hinten los und wirkten als Initialzündung für die Proteste, indem sie zur Politisierung vieler bis dahin "unauffälliger" Studierender führten.
Ein Beispiel hierfür war im Sommersemester 1965 die Weigerung des FU-Rektors Lüers, dem AStA für eine Podiumsdiskussion das Auditorium Maximum zur Verfügung zu stellen. Der Grund dafür war die Einladung des Schriftstellers Erich Kuby. Dieser hatte nämlich sieben (!) Jahre zuvor auf einem "politischen Forum" des AStA erklärt, daß der Name "Freie Universität" ein "äußerstes Maß an Unfreiheit" ausdrücke, enthalte er doch eine antithetische Bindung an die "unfreie" Universität im Ostteil der Stadt.
Der AStA, gestellt von SDS und "Argument-Club", weigerte sich nun Kuby auszuladen machte die Sache öffentlich und stieß auf große Resonanz. Durch den empörten Protest gegen die Beschränkung der freien Meinungsäußerung war nun erstmals seit 1948 wieder eine große Anzahl von Studierenden politisch mobilisiert worden. [19]
Die hochschulpolitischen Konzepte des SDS und anderer Gruppen wurden jetzt auch in einer breiteren studentischen Öffentlichkeit diskutiert.
Die Hochschulreform war jedoch stets nur eine Facette der Bewegung. Je stärker sie wurde, desto mehr rückte die gesamtgesellschaftliche Perspektive in den Vordergrund. Immer mehr Studierende vertraten immer radikalere Positionen und dies mit immer größerem Selbstbewußtsein.
Die Obrigkeiten, gegen die sich der Protest richtete, reagierten kopflos und autoritär, die Presse, allen voran die Blätter des Springer-Verlages, starteten wahre Hetzkampagnen gegen die Studierenden, anstatt eines öffentlichen Dialoges wurden die Fronten immer unversöhnlicher.
Zu grundsätzlich war die Kritik der Studierenden. Ihre schonungslose Brandmarkung von Mitläufern und Mittätern im Nationalsozialismus war für viele Eltern, Lehrer, Professoren eine persönliche Bedrohung. Ihre sozialistischen Positionen und die Solidarisierung mit dem Befreiungskampf Vietnams gegen die USA stellten zur Zeit des Kalten Krieges die größtmögliche Provokation dar. Die "rote Gefahr", die kommunistische Bedrohung von Freiheit und Wohlstand, die Politik und Medien den Bürgern 20 Jahre lang eingebleut hatten, manifestierte sich nun im eigenen Land.
Geschürt durch Springers Kampagnen explodierte dieses Gemisch schließlich.
Am 2. Juni 1967 fand eine Demonstration gegen den Staatsbesuch des diktatorisch regierenden Schahs von Persien statt. Etwa 100 "Jubelperser" provozierten mit Steinwürfen auf die studentischen Gegendemonstranten die Auflösung der Kundgebung durch die Polizei. Es folgte das Chaos. 800 Polizisten jagten die Studierenden durch die Straßen. Im Laufe dieser Gewaltausbrüche wurde der 26jährige Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten durch Kopfschuß von hinten getötet.
Die schlimmsten Befürchtungen der Studierenden schienen bestätigt, die Repression wurde zum Terror, die BRD zeigte, wozu sie fähig war. Die Ermittlungen gegen den Täter wurden von der Polizei massiv behindert, Presse und Medien erklärten nicht die Polizei, sondern die Studierenden für schuldig und verglichen sie mit den Nazis. Der Berliner Senat stimmte dem voll zu und erließ zur Sicherheit ein totales Demonstrationsverbot.
Auch die letzten Zweifler schlossen sich nun der Bewegung an. Der studentische Protest wurde unverhofft zur Massenbewegung. [20]
An den Hochschulen und in der Stadt wurden die Reden und die Taten radikaler, eine revolutionäre Situation schien für viele greifbar nahe. Der Protest wurde zur Revolte.
Es häuften sich nun die Aktionen außerhalb der Hochschule. Die Studierenden bildeten Betriebsgruppen, um die Berliner Arbeiter über die Ziele der Bewegung aufzuklären, sie von ihren "sozialfaschistischen" Vertretern in der SPD und den Gewerkschaftsführungen loszulösen und für die Revolte zu gewinnen.
Die Vereinigung von Arbeitern und Studenten sollte dann in basisdemokratischen Räten erfolgen. Durch diese Räte könne dann, so hofften Rudi Dutschke und viele andere mit ihm, eine Situation der "Doppelherrschaft", ähnlich wie im Rußland des Jahres 1917 entstehen. Die zentrale Regierung wäre letztendlich bei einer gut funktionierenden Rätestruktur überflüssig geworden, die autoritäre Herrschaft gebrochen.
Dieses demokratische West-Berlin "von unten" sollte ein Signal sein, für die DDR, für Westdeutschland, für die Welt. [21]
Aber die Arbeiter vertrauten lieber der Bild-Zeitung als den agitierenden Studenten, trotz Tausenden von Flugblättern gelang es den Studierenden nicht, mit ihrer "Gegenöffentlichkeit" das Meinungsmonopol der privaten Presse zu durchbrechen. [22]
Trotz der Krisensituation stand die Mehrheit der Bevölkerung hinter dem West-Berliner Senat. Der jahrzehntelelang geschürte Antikommunismus in der eingemauerten Frontstadt konnte nicht innerhalb einiger Semester in eine proletarische Revolution verwandelt werden.
Aber die sich überschlagenden Ereignisse verhinderten jede Reflektion. Am 11. April 1968 verübte ein junger Arbeitsloser aus Peine ein Attentat auf Rudi Dutschke. Die Kugel traf Dutschke in den Kopf, tötete ihn aber nicht. Erst nach langem Ringen war sein Überleben gesichert. 1979 starb er an den Spätfolgen des Anschlags.
Es folgten die Osterunruhen, Straßenschlachten mit der Polizei, die Gewalt wurde zum Mittel der Politik.
Auch an der Universität wurden die Aktionen radikaler. Die Besetzung des japanologischen Instituts der FU Berlin setzte als erste Institutsbesetzung in der BRD Maßstäbe. Es folgte die Besetzung der FU-Germanistik und ihre (inoffizielle) Umbenennung in "Rosa-Luxemburg-Institut". Aus diesen Besetzern entstand später die erste "Rote Zelle" an der FU, der Prototyp für viele Nachfolger. [23]
Das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft wurde ebenfalls von den Studierenden umbenannt, "Karl-Liebknecht-Institut" heißt es nun. Hier gab es aber keine Besetzung, sondern eine Einigung mit den Professoren über eine neue Institutssatzung. Erstmals in der Geschichte der deutschen Universitäten wurde das Konzept der Gruppenuniversität eingeführt. Das entscheidende Gremium, der Institutsrat, wird nun drittelparitätisch besetzt. Die drei Gruppen Lehrstuhlinhaber, Studenten und Dozenten + Personal teilen sich die Sitze des Institutsrates im Verhältnis 3:2:1. [24]
Dieser riesige Fortschritt in Sachen Demokratie an der Hochschule stand jedoch längst nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Debatten im SDS waren mehr und mehr von revolutionärem Pathos als von Reflektion und Analyse der Bewegung bestimmt.
Mit der Radikalisierung der Revolte und der Rekonstruktion des Marxismus traten auch die historisch gewachsenen Konflikte verschiedener Strömungen und Marx-Interpretationen scharf hervor. Gleichzeitig verstanden sich diese verschiedenen Gruppen nun endgültig als Vorkämpfer der Revolution. [25]
Die Universität war da zweitrangig. Als mit der sozialliberalen Koalition 1969 schließlich die Hochschulreform in Gang kam, waren die Studierenden nicht mehr in der Lage, diese aktiv und nachdrücklich zu beeinflussen.
Dennoch war ein bedeutender Schritt getan: Die deutschen Studierenden und ihre Organe, 100 Jahre lang ununterbrochen in den Händen von Korporationen, Burschenschaften und anderen rechtskonservativen Verbänden waren nach links gerückt. Und auch die Abschaffung der Studiengebühren und die Einführung des "Bundesausbildungsförderungsgesetzes" (BAföG) trugen deutlich den Stempel der 68er und ermöglichten erstmals in der deutschen Geschichte breiteren Schichten den Zugang zu den Universitäten.
Am 21. März 1970 gipfelten die lange schwelenden Grabenkämpfe innerhalb des SDS in der Auflösung des Verbandes. Der Streit über die Teilnahme an Wahlen, der Konflikt zwischen den Antiautoritären um Rudi Dutschke und den eher orthodox-marxistischen Kräften, die Machtkämpfe vieler lokaler Führungspersönlichkeiten wurden zur unerträglichen Belastung. Die Radikalisierung der Revolte hatte auch die Lager des SDS voneinander entfremdet. [26] Die wichtigste Kraft der Außerparlamentarischen Opposition schaffte sich selbst ab und überließ das Feld Dutzenden von Splittergruppen, deren unerbittliche Feindschaft teilweise bis heute andauert.
Trozkisten, Maoisten, Rote Zellen, RAF, K-Gruppen und wer weiß was noch aus dem Leichnam des SDS sproß eine Vielzahl seltsamer Gewächse. Allesamt rot wie Fliegenpilze, und meist genauso ungenießbar. Die übergreifende Theoriearbeit des Verbandes löste sich auf in eine Reihe von orthodoxen Sekten, die ihren Jüngern die reine Lehre predigten. [27]
An den Hochschulen dominierten noch jahrelang die "Roten Zellen". Sie versuchten nun die "sozialistische Wissenschaft" durch Berufungs- und Stellenpolitik zu institutionalisieren. Die panische Reaktion konservativer Professorenkreise wie der Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU), der Schrei nach staatlichen Sanktionen gegen die "Verfassungsfeinde" an den Universitäten löste einen jahrelangen hochschulpolitischen Bürgerkrieg aus und lieferte den Vorwand zur vollständigen Aushöhlung der Autonomie der Hochschule. Die Einführung von Hochschulrahmengesetzen (1976) auf Bundes- und Landesebene zementierte die Abhängigkeit der Universität vom Staat.
Es wurden jedoch auch verschiedene Reformprojekte initiiert, das BAföG und die Gruppenuniversität eingeführt. Die Gestaltung dieser Reformen der sozialliberalen Koalition lag jedoch nicht mehr in den Händen der zersplitterten und handlungsunfähigen Studierendenbewegung. Diese Aufgabe übernahmen nun die Assistenten und ihre Vertretungen, auf ihren Vorschlägen beruhten viele Reformansätze.
Mit der Reform ging aber auch die Repression einher. Durch verschiedene Gerichtsurteile wurde den Studierendenvertretungen das "Politische Mandat" abgesprochen, es ist ihnen nun bei Strafe verboten, sich zu allgemeinpolitischen Themen zu äußern. [28]
Auch die neu entstandene Gruppenuniversität wurde 1973 durch das Bundesverfassungsgericht zurechtgestutzt: In Fragen von Forschung und Lehre mußte der maßgebende Einfluß der Hochschullehrer gesichert werden, das heißt diesen stand automatisch die Mehrheit der Stimmen in den jeweiligen Gremien zu. Natürlich wurde bald jede Entscheidung zur "Frage von Forschung und Lehre", die Studierenden waren faktisch entmündigt.
Es folgten die Einführung von externen Prüfungen für Lehramtskandidaten, Radikalenerlaß und Berufsverbote. Diese Maßnahmen versperrten den aus der Studentenrevolte hervorgegangenen jungen MarxistInnen bis auf wenige Ausnahmen eine Karriere in Schule und Universität. Die Prüfungen auf "Verfassungstreue" gerieten zur Mißtrauenserklärung an eine ganze Generation.
So mündete die Abschaffung der Ordinarienuniversität letztlich in der Entstehung der Professorenuniversität mit Staatskontrolle.
Die Konkursmasse der Studierendenbewegung war zu wirksamen Widerstand nicht in der Lage, auch die bundesweiten Streiks Ende der Siebziger verpufften wirkungslos.
Viele junge Leute suchten sich indessen andere Betätigungsfelder außerhalb der Universität. Frauenbewegung, Umweltbewegung und Widerstand gegen die Kernenergie, HausbesetzerInnen und andere soziale Bewegungen repräsentierten nun das kritische Potential der Gesellschaft. Personell und inhaltlich waren diese "neuen sozialen Bewegungen" durchaus geprägt von den emanzipatorischen Idealen der "68er", statt einer fundamentalen Änderung der Gesellschaft und ihrer Eigentumsverhältnisse beschränken sie sich jedoch meist auf konkrete Einzelthemen und Ziele.
Der Widerstand der vermeintlich unpolitischen Studierenden schien jedoch vollends gebrochen. Bis sich 1988, 20 Jahre nach ´68 und pünktlich zum 40-Jährigen Jubiläum der Freien Universität Berlin erneut Widerstand regte.
Der Funke, an den sich dieser neue hochschulpolitische Flächenbrand entzündete, war das Lateinamerikainstitut (LAI) der Freien Universität Berlin. Das LAI sollte im Zuge einer Strukturreform der FU seinen sprach- und literaturwissenschaftlichen Teil an die philologisch orientierte und bekanntermaßen konservative Romanistik abtreten.
Eine fachlich fragwürdige, zweifellos politisch motivierte Entscheidung. Die StudentInnen des Instituts hatten zuvor monatelang gegen die Ausgliederung protestiert, in allen Gremien ihre Argumente vorgetragen erfolglos.
Diese Ignoranz der Hochschulgremien, in denen die studentischen Stimmen seit der Abschaffung der Drittelparität nur nur mehr als demokratisches Feigenblatt fungierten, war absolut nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit. Sie ist es, um einen Vorgriff zu wagen, auch heute nicht.
Doch die Wut der Studierenden hatte die kritische Masse erreicht. Am 29.11.1988 wurde das LAI besetzt, die Dozenten ausgesperrt. Nach einer Vollversammlung am 1. Dezember streikten sechs weitere Institute und bereits am 8. Dezember waren alle 36 Institute der Freien Universität besetzt. [30]
Es folgten die anderen westberliner Hochschulen, und bereits in der zweiten Dezemberwoche erfaßte die Streikwelle auch die westdeutschen Universitäten.
Auch dort hatte der Unmut über die Verhältnisse an den deutschen Hochschulen eine ungeahnte Größenordnung erreicht. Selbst die weihnachtliche Heimreisewelle konnte die Protestdynamik nicht stoppen. In Berlin, Kiel, Kassel, Köln, Duisburg und einigen anderen Städten hielten die BesetzerInnen die Stellung an den Universitäten. [31] Aus bloßem Unmut war die "UniMut"-Bewegung geworden.
Was war passiert? Trotz der bekanntermaßen desolaten Lage hatte niemand mit einer derart heftigen Protestbewegung gerechnet. [32] Selbst die ASten und Studierendenvertretungen wurden überrascht, überall stellten sich statt der etablierten Gruppen und Hochschulpolitik-Experten spontan gebildete Räte und Komitees an die Spitze der Bewegung. [33] Ein Generationenwechsel, der sich in Formen und Inhalten des Protestes stets widerspiegelte.
Ähnlich wie 1968 waren die Ursachen des Streiks auf verschiedenen Ebenen angesiedelt. Konkrete inneruniversitäre Konflikte in West-Berlin bildeten wieder den Auslöser, den Funken für den sozialen Zündstoff innen- und allgemeinpolitischer Art.
In der Freien Universität richtete sich der Protest zunächst gegen die Unterhöhlung der an sich schon dürftigen Minimalstandards inneruniversitärer Demokratie etwa durch die Strukturkommission zur Modernisierung der FU.
Diese Strukturkommission tagte im geheimen und wurde vom FU-Präsidenten Heckelmann nach eigenem Gutdünken besetzt. Die betroffenen FachbereichsvertreterInnen wurden von der Kommission nicht einmal angehört und die Ergebnisse der Kommission lange Zeit geheimgehalten. Als sie dann doch herauskamen, strotzten sie vor fachlichen Inkonsequenzen und Willkür. Klar war nur eine Linie: die Sicherung der konservativen Mehrheiten an der FU. Fachbereiche mit traditionell linken Mehrheiten wie die Philosophie im Verbund mit dem Psychologischen Institut (PI), und der Soziologie sollten gespalten und anderen Bereichen mit konservativer Ausrichtung einverleibt werden. Durch die Zusammenlegung ganzer Fachbereiche würden zudem viele inneruniversitäre Selbstverwaltungsorgane der Zentralisierung zum Opfer fallen. [34]
Doch diese Strukturkommission war nur ein Beispiel für die Machenschaften der Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU) und ihres hochschulpolitischen Arms, der professoralen Wahlliste Liberale Aktion. Als Reaktion auf die 68er Ereignisse gegründet, maßte sie sich die Rolle eines Hüters der Demokratie an, unterhöhlte jedoch ihrerseits durch den Aufbau inoffizieller Herrenrunden und Klüngel jede Form von inneruniversitärer Demokratie. Gleichzeitig bezeugten die Verbindungen der NofU zur rechtsradikalen Szene ein ganz eigenes Demokratieverständnis. [35]
Auch vor Verleumdung und Polemik der untersten Schublade schreckte dieser Verband nicht zurück. Regelmäßig veröffentlichte die NofU Broschüren mit dem Titel "FU unter Hammer und Sichel" in denen sie die angeblich unhaltbaren Zustände an der FU beschrieb.
Der nächste Schritt war die offene Denunziation. In mehrtausendfacher Auflage wurden schwarze Listen von angeblichen Verfassungsfeinden, wie etwa Mitgliedern der Roten Zellen und Kandidaten linksgerichteter Wahllisten, an potentielle Arbeitgeber verschickt, die NofU maßte sich auch die Funktion eines inneruniversitären Verfassungsschutzes an. [36]
Die guten Verbindungen der NofU zur CDU ermöglichten ihr zudem stets einen bedeutenden Einfluß auf den Berliner Senat, aber auch über Berlin hinaus war die NofU aktiv, ihr ehemaliges Vorstandsmitglied Roman Herzog schaffte es bekanntermaßen sogar zum Bundespräsidenten. [37]
Die Kungeleien dieser Organisation waren beispielhaft für Machtcliquen und Klüngel, deren Herrschaft sich seit Abschaffung der Drittelparität an den Universitäten mehr und mehr festigte. Die Wut über solche Zustände war ein wichtiger Antrieb der Studierenden, erneut und energisch die Demokratisierung der Hochschule zu fordern.
Ein weiterer, spezifisch West-Berliner Auslöser des Streiks war die katastrophale Wohnungsnot in der Stadt. Dank der Aufhebung der Mietpreisbindung durch den Senat stand vielen StudentInnen zu Beginn des Semesters noch keine feste Bleibe zur Verfügung, sie mußten in Turnhallen und Notunterkünften quartieren. [38] Angesichts dieser Tatsache erscheint es kaum verwunderlich, daß die Besetzung der Universitäten viel länger und konsequenter betrieben wurde als 1968, denn ein Schlafplatz im Institut, zwischen Volksküche und Vollversammlung bietet doch wesentlich mehr Komfort als das Feldbett in der Turnhalle.
Die Wohnungsnot war jedoch nur ein Aspekt der immer schlechteren sozialen Lage der Studierenden. Diese Verschlechterung war schon ein bundesweites Phänomen.
Seit seiner Einführung 1971 war die Zahl der Empfangsberechtigten von BAFöG-Leistungen drastisch zurückgegangen, der Höchstsatz war nur unzureichend angepaßt worden und deckte mit 845,- DM bei weitem nicht mehr die Lebenshaltungskosten. Die Förderung wurde außerdem infolge einer Reform der Regierung Kohl nur noch als Darlehen gewährt und mußte später komplett zurückgezahlt werden ein Schuldenberg von bis zu 50.000 DM wartete beim Abschluß auf die Studierenden. [39]
Zu dieser schlechten sozialen Lage kam eine katastrophale Entwicklung der Studienbedingungen. Der Entschluß zur Öffnung der Hochschulen für breitere Schichten der Bevölkerung war in den siebziger Jahren noch durch großangelegte Investitionen in Personal und Infrastruktur gestützt worden. Mittlerweile jedoch war der Bedarf an Fachkräften gedeckt, die gigantischen Hochschulbauten lagen in der Landschaft wie gestrandete Wale und zeigten fortgeschrittene Auflösungserscheinungen. Neubauten wurden zur Seltenheit, Neueinstellungen beim Personal ebenfalls. Gestiegen war nur die Zahl der Studierenden, an der FU waren es nunmehr 60 000.
Ausgangspunkt der 88er war nun nicht mehr die elitäre Ordinarienuniversität, sondern die Massenuniversität in der Krise.
Dennoch richtete sich ihr Protest nicht allein gegen die materielle Situation. Es wurde zwar die bessere materielle Ausstattung der Hochschulen verlangt, und auch die alte SDS-Forderung nach einem "Studentengehalt" fand sich in Form der verlangten Ausweitung der BAföG-Förderung im Jahre 1988 wieder. Aber es ging eben nicht nur ums Geld.
Kritisch wandten sich die BesetzerInnen gegen zunehmende Spezialisierung und "Fachidiotentum" in der Wissenschaft.
Die weiterhin undemokratische Struktur der Hochschule, aber auch die Entdemokratisierung der Gesellschaft durch zunehmenden Einfluß von Lobbyismus wurden ebenfalls heftig kritisiert. Der "Neue Faschismus" war ebenso ein Thema. Jedoch ging es hier nicht mehr um alte, sondern eben um neue Nazis: es wurden die zunehmende Stärke der Neonazis und ihrer Organisationen und deren mangelnde Bekämpfung durch Staat und Justiz angeprangert. [40]
Viele Forderungen und Kritikpunkte sind also bereits vertraut, dennoch war 1988 einiges anders. Seit dem Ende des SDS und dem Niedergang der Roten Zellen gab es bis auf einige Lesekreise und Einzelprojekte unter den Studierenden kaum noch zusammenhängende marxistische Theoriearbeit . Zudem entwickelte sich der Streik derart unverhofft und spontan, daß er die verbliebenen Traditionen und Organisationen dieser Art buchstäblich überrumpelte, die meisten AktivistInnen waren im ersten bis vierten Semester. [41]
Daher war dieser Streik nicht von marxistischen Kategorien geprägt, auch wenn es immer wieder Versuche gab, die Bewegung dahingehend zu beeinflussen. Die 88er jedoch wehrten diese Bemühungen bewußt ab. Der theoretische Marxismus war nicht ihr Ding. Zudem zehrte der ewige Vergleich mit dem Mythos 68 stark an den Nerven der Studierenden. Ganz bewußt vollzogen die Protestierenden den Bruch, um sich als eigenständige Bewegung artikulieren zu können. Dennoch waren sie keineswegs unpolitisch, wie manche Medien ihnen unterstellten. [42]
Statt dessen setzten sie in einem revolutionärem Pragmatismus ihre Ideale in die Tat um. Keine Denkschriften, keine philosophischen Diskurse, ihr Verständnis von Hochschule und Gesellschaft offenbarte sich in der Tat. Etwa am Beispiel der "b*freiten Uni", wie die Freie Universität nun genannt wurde.
Im Gegensatz zu 68 waren hier sämtliche Institute besetzt, die Professoren ausgesperrt. Die Studierenden wohnten, schliefen und lebten in der Universität, und in über 300 autonomen Seminaren wurde dort intensiver denn je gelernt. Die ganze Hochschule war zur Kritischen Universität geworden.
Auch die Anonymität der Massenuniversität war durch diese Protestform gebrochen. Die Universitäten wurden durch neue Streik-Cafes endlich als soziale Orte erfahrbar, die Gänge verwandelten sich durch Wandgemälde in "Gedankengänge", und zur Weihnachtsfeier gab es natürlich auch den Tannenbaum. [43]
Koordiniert wurde die b*freite Uni vom Besetzungsrat. Dieser ist geschlechterparitätisch besetzt, die Delegierten wechselten regelmäßig, um möglichst vielen Studierenden die Teilnahme zu ermöglichen und die Transparenz des zentralen Gremiums zu erhöhen. Jedes Institut hatte eine Stimme im Besetzungsrat, um alle Streikenden an den Entscheidungen zu beteiligen wurden die Beschlußvorlagen im jeweiligen Institutsplenum diskutiert und abgestimmt. Dieses Votum gaben die mit einem imperativen Mandat ausgestatteten InstitutsvertreterInnen dann an den Besetzungsrat weiter. [44]
Auf die denkbar radikalste Art hatten die Studierenden gegen die immer engere Kontrolle der Universität durch Hochschulrahmen-gesetze und Senatsverwaltungen protestiert: die Hochschule wurde in eine autonome Rätedemokratie verwandelt.
Über den Dächern wehte nun die schwarz-rote Fahne, auf dem Titelblatt der Streikzeitung "Besetzt" und im Schriftzug "b*freite Uni" prangte der schwarze Stern der Anarchie.
Inspiriert von der Hausbesetzerbewegung der achtziger Jahre hatten sich die StudentInnen einen Freiraum erkämpft, um ihre Universität neu zu entwerfen.
Wie die Form waren auch die Inhalte dieser Entwürfe geprägt von den "neuen sozialen Bewegungen" der siebziger und achtziger Jahre, in denen die Studierenden ihre politischen Erfahrungen machten. [45]
Eine besonders starke Strömung im UniMut war die Frauenbewegung. 1968 war diese ebenfalls schon vorhanden, auch der SDS machte in seiner Denkschrift auf die Probleme von Frauen an der Universität aufmerksam. [46] In der Praxis sah es jedoch anders aus. Die Funktionäre und Vordenker des SDS waren fast ausschließlich Männer, die Frauen tippten die Flugblätter und bastelten Plakate. Selbst die freie Liebe der revolutionären Kommune 1 wies durchaus Ähnlichkeiten mit einem orientalischen Harem auf.
Doch es gab auch damals schon Gegenwehr. Als die Argumente der Frauen für mehr Rechte auf der Frankfurter Delegiertenkonferenz des SDS im Jahre 1968 wieder mal unter den Tisch fielen, warfen diese in Form einer Ladung Tomaten völlig neue Denkanstöße in den Raum. [47]
Die Tomaten hinterließen nicht nur auf den Anzügen der Vorstandsmitglieder ihre Spuren, sondern auch in der Gesellschaft. Sie waren ein Zeichen für die Entstehung einer eigenständigen und selbstbewußten Frauenbewegung. Diese entwickelte sich im Gegensatz zu anderen Erbschaften der Revolte positiv weiter und bewies ihre Stärke auch im 88er Streik.
Die Gremien dieser Bewegung waren, im Gegensatz zu ´68, geschlechterparitätisch besetzt. Streng wurde auf geschlechtsneutrale Sprachregelungen geachtet, keine Studentenrevolte sondern eine StudentInnenbewegung lief hier ab. Die Forderung nach 50%iger Frauenquote beim universitären Lehrkörper und den Studienplätzen fanden Eingang in alle Forderungskataloge. [48] Auch die Forderung nach feministischer Wissenschaft und Frauenforschung an allen Instituten, angenommen von Besetzerinnen und Besetzern, bestätigt die Relevanz dieses Themas.
Es kam sogar die Frage auf, ob feministische Wissenschaft das neue Paradigma emanzipatorischer Wissenschaft sein könnte, ähnlich dem Marxismus in der Vergangenheit. [49]
Auch andere in Universität und Gesellschaft benachteiligte Gruppen wie etwa Homosexuelle und AusländerInnen fanden mit ihren Anliegen Eingang in die Forderungskataloge. Ein breiter emanzipatorischer Konsens lag der Bewegung zu Grunde, durchaus nicht nur auf die Universität bezogen, sondern mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch.
Dies wird auch an Themen wie Ökologie und Atomkraft deutlich, Kernthemen von Protest in den siebziger und achtziger Jahren, und auch im UniMut stark vertreten.
Die Studierenden waren sich bewußt, daß Gentechnologie, Atomenergie, aber auch Militärtechnologie ihren Ursprung in Universitäten und Forschungseinrichtungen hatten. Ohne den hier ausgebildeten Nachwuchs wären diese Forschungen und vor allem Anwendungen nicht machbar. Gegen den Trend zu immer mehr außeruniversitären, drittmittelgestützten Forschungsinstituten forderten sie daher die Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten. Nur darin sahen sie die Möglichkeit "zu kritischer Reflexion und wirksamer gesellschaftlicher Kontrolle von Hochtechnologien in so sensiblen Bereichen wie z. B. Gen-, Nuklear- und Rüstungsforschung." [50]
Diese Vorstellungen ließen sich jedoch an der in Dutzende von Fächern und Spezialisierungen zersplitterten Universität nicht umsetzen, feministische Wissenschaft und kritische Reflexion von Technik erforderten vielmehr breit gefächerte Bildung, daher hieß eine weitere große Losung des UniMuts Interdisziplinarität.
Die Einheit der Wissenschaften auch aus taktischen Gründen war sie wichtig, denn zunehmend wurden von der Politik in Spardebatten die Disziplinen gegeneinander ausgespielt. Politisch konforme gegen kritische Institute, "Exotenfächer" gegen wirtschaftlich relevante Disziplinen, Geistes- gegen Naturwissenschaften. Erst die einheitliche Streikfront konnte sich gegen das Prinzip "teile und herrsche" behaupten.
Aber für das Wissenschaftsverständnis der BesetzerInnen war die Interdisziplinarität von grundlegenderer Bedeutung. Erst die immer weitere Spezialisierung ermöglichte die Instrumentalisierung der Wissenschaft von Seiten des Staates, der Wirtschaft, des Militärs. Eine gesellschaftliche Kontrolle und Reflexion der Forschung erforderte daher eine umfassende Zusammenarbeit und Information innerhalb der Universität, um die sensiblen Forschungsbereiche überhaupt im Dschungel der Fächer auszumachen und zu diskutieren. Aber auch für die einzelnen WissenschaftlerInnen und Studierenden bedeutete diese Forderung ein Umdenken, weg vom isolierten Spezialisten, der die Verantwortung für seine Forschung und deren Anwendung an irgendeine Ethik-Kommission delegiert, hin zum umfassend gebildeten Individuum, das die Folgen seines Handelns abschätzen kann.
Diese Form von Interdisziplinarität setzten die Studierenden in Gegensatz zur rein verwertungsorientierten Definition des Begriffes. Nicht, oder eben nicht nur zur besseren Effizienz der Wissenschaft sollte die Interdisziplinarität dienen. Sie sollte vielmehr die Trennung von Wissenschaft und Gesellschaft beheben helfen und "wissenschaftliche Kompetenz in politischen Druck transformieren". [51]
Wissenschaft als gesellschaftskritischen Faktor zu institutionalisieren, eine eingreifende, antihegemoniale, kritische Wissenschaft zu schaffen das war das Ziel.
Die bestehende Universität hatte natürlich kaum etwas mit dieser Vorstellung zu tun.
Es galt daher, die Universität aus den bestehenden Fesseln zu befreien und die Unabhängigkeit und Freiheit herzustellen, die eine neue Wissenschaft erst möglich machen würde.
Konkret entgegen standen dem eine ganze Reihe von Tatsachen. Etwa Hochschulrahmengesetze auf Berliner und Bundesebene, die die staatliche Kontrolle der Universitäten festschrieben und sie im Endeffekt dem Machtkalkül der politischen Parteien auslieferten, zum Beispiel durch das Berufungsrecht des Wissenschaftssenators. Auch der Einfluß von Seiten der Wirtschaft sollte gebrochen werden, die Funktionalisierung der Uni durch Drittmittel, Lobbyismus und Auftragsforschung beendet werden.
Hier ging es um die Herstellung der Autonomie der Universität. Diese Vorstellung, bereits von Kant formuliert und kaum je erreicht, war seit dem Ende der Ordinarienuniversität mehr denn je in die Ferne gerückt. Neben administrativen Maßnahmen wie Rahmengesetzen und Radikalenerlaß diente nun auch die neoliberale Sparpolitik dazu, die Universitäten zu erpressen, die Fächer gegeneinander auszuspielen und die Hochschulen zu reinen Ausbildungsbetrieben für Wirtschaft und Staatsdienst umzugestalten. Niemals in der Geschichte der Institution Universität war die staatliche Kontrolle größer, niemals war der Einfluß der Wirtschaft bestimmender. [52]
Mit der äußerlichen Autonomie sollte daher auch die innere Demokratisierung der Universität korrespondieren. Viertelparitätische Mitbestimmung in allen Gremien, Bekämpfung des inneruniversitären Patriarchats, Gleichstellung und Anerkennung autonomer Seminare sollten neben der äußeren die innere Freiheit der Hochschule sichern. [53]
Diese Wissenschaftsutopie der B*freiten Uni ähnelt in der Stoßrichtung den emanzipatorischen Forderungen der ´68er, es gibt jedoch wesentliche Unterschiede. Zum einen ist da die negative Definition dieser Wissenschaftsutopie. Während die ´68er, geprägt vom Marxismus, ihre Anstrengungen auf die (zugegebenermaßen unscharfe) positive Utopie der sozialistischen Gesellschaft ausrichteten, offenbart sich das Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnis der neuen Bewegung in einem Bündel verschiedener negativ formulierter Kritikpunkte:
"Weit mehr an Einzelaspekten häufig in Analogie zu Fragestellungen sozialer Bewegungen als in einem umfassenden Entwurf einer universitären und gesellschaftlichen Utopie wird deutlich, was mensch nicht will: Unabhängig von Verwertungsinteressen der Wirtschaft sollen Rüstung, Atomkraft, Gen- und Hochtechnologie von einer kritischen (feministischen?) Wissenschaft problematisiert werden." [54]Dementsprechend fehlte der ´88er Bewegung auch der ausgeprägte (welt-) revolutionäre Impuls. Als langfristiges Ziel wurde zwar formuliert, "die Universität über eine wirkliche Demokratisierung" in die Gesellschaft zu integrieren, also Universität und Gesellschaft gleichermaßen zu demokratisieren. Jedoch beschränkte sich die Bewegung in ihren Forderungen trotzdem nahezu ausschließlich auf die universitäre Ebene. [55]
Dies lag zum einen an der fehlenden weltweiten Dimension, denn 1988 gab es keine globale, sich selbst verstärkende Jugendbewegung wie 1968, aber auch an der Distanz zur revolutionär marxistischen Theorie von 1968. Diese Distanz führte zwar zum Vorwurf des "unpolitischen" Streiks seitens der Medien und ehemaliger APO-Aktivisten, bewahrte diese Bewegung aber auch vor jener Selbstüberschätzung als "Vorhut der Weltrevolution".
Dennoch wurde innerhalb der Protestbewegung durchaus ein Bedarf an übergreifenden theoretischen Ansätzen geltend gemacht. Der emanzipatorische Konsens war klar, aber es fehlte eine übergreifende Theorie, um die Widersprüche in den Forderungen zu integrieren, um konkret und positiv zu werden, zu vermeiden, daß lediglich einzelne Kritikpunkte berücksichtigt würden. Die Studierenden hatten erkannt: ebenso wie Interdisziplinarität durchaus den Verwertungsinteressen der Wirtschaft nützen kann, bleibt auch eine demokratische Universität innerhalb einer undemokratischen Gesellschaft nur Fiktion. [56}
Genau dieser Integration kritischer Inhalte, der Besetzung von Begriffen wie "Modernisierung" und "Reform" durch die neokonservativen Eliten stand die Linke Bewegung damals wie heute relativ hilflos gegenüber. Schon 1988 waren die Linken von einst plötzlich die Traditionalisten, weil "in Sachen Marxismus nicht weitergedacht, sondern einfach der Rezeptionsstrang unterbrochen wurde". [57]
Trotz der vielen engagierten autonomen Seminare gelang es natürlich nicht, innerhalb weniger Monate eine neue Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Schließlich hatte auch der SDS für seine spezifische (niemals "vollendete") Rekonstruktion des Marxismus mehrere Jahre der Diskussion benötigt.
Dies ist vielleicht mit ein Grund für das allmähliche Bröckeln der Streikbewegung zu Beginn des Jahres 1989. Aber auch allgemeine Erschöpfung bis hin zum Frust und teilweise Kompromisse mit Professoren spielten eine Rolle. Zudem hatte es, sicher auch mit Hilfe der Studierenden, einen Regierungswechsel in Westberlin gegeben. Der neue Senat aus SPD und Alternativer Liste wird´s schon richten, mag sich so manche(r) BesetzerIn gedacht haben.
Aber auch eine gewisse Distanz zwischen den politischen Motiven und dem reinen Kampf für bessere materielle Studienbedingungen war schon zu beobachten, vielen war damals letzteres wichtiger und die Identifikation mit den politischen Inhalten schien angesichts des raschen Abbröckelns doch nicht so nachhaltig gewesen zu sein.
Die letzten besetzten Institute wurden dann durch privaten Wachschutz geräumt (der neue Senat verweigerte immerhin Polizeieinsätze), und die Uni war wieder befriedet. Dennoch: in Form der neu eingeführten Projekttutorien, eigenständiger, finanziell abgesicherter Lehrveranstaltungen, durch die selbstverwalteten studentischen Cafés, die aus den Streikcafés entstanden, durch den Erhalt des Psychologischen Instituts und die teilweise Rücknahme der Strukturreform blieben den Studierenden in Berlin doch einige Errungenschaften aus dem Streik.
Aber auch auf Bundesebene gelang es, zusätzliche Hochschulsonderprogramme in größerem Umfang zu erkämpfen. Von diesen Finanzmitteln profitierten die deutschen Hochschulen noch jahrelang, sie konnten die ärgsten Einschnitte der immer dominanteren Sparpolitik abfedern.
Mit Blick auf die emanzipatorischen Inhalte des Streiks können diese Errungenschaften jedoch bestenfalls als Minimallösung angesehen werden. Die Auswirkungen der neokonservativen Hochschulreform wurden verlangsamt, aber es gelang nicht, eine grundsätzliche Wende einzuleiten.
Die Universitätsreform, die erstmals seit langem wieder ein Thema war, wurde wenige Monate später jedoch wieder von der politischen Tagesordnung verdrängt: am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Eine Entwicklung, die noch Wochen vorher als undenkbar galt, war nun Realität.
Ein wahrer Wiedervereinigungstaumel erfaßte Volk und Führung, die historische Chance einer umfassenden Universitätsreform wurde jedoch in dieser Euphorie verschenkt, oder auch bewußt ignoriert. Wie so viele andere Bereiche des Lebens wurde auch die ostdeutsche Hochschullandschaft unreflektiert dem westdeutschem Vorbild angeglichen.
Die Proteste und Demonstrationen für den Erhalt der basisdemokratischen StudentInnenräte, die in der Umbruchszeit an den Ost-Hochschulen entstanden waren, wurden von den neuen Herrschenden ignoriert. Das Engagement der ostdeutschen Studierenden, die gemeinsam mit ihren Mitbürgern auf den Montagsdemonstrationen gegen Diktatur und für Demokratisierung gekämpft hatten, brachte ihnen letztendlich dieselben undemokratischen Hochschulstrukturen ein wie im Westen.
Lediglich die finanzielle Großzügigkeit im Rahmen der Umstrukturierung führte in Ostdeutschland für einige Jahre zu materiell besseren Studienbedingungen.
Doch auch dies war nur eine Phase, auf breiter Front ging die Sparpolitik in Sachen Bildung weiter. Weder pensionierte LehrerInnen noch emeritierte ProfessorInnen wurden durch Nachwuchskräfte ersetzt, bei Tutoren, Büchern, BAföG, Materialien: einfach an allem wurde gespart, weit über jede Schmerzgrenze hinaus.
Ansonsten trug die Wiedervereinigung auch erheblich zum Machterhalt der Kohl-Regierung bei, die neoliberale Umstrukturierung des Hochschulsystems war weiterhin gesichert. Aber nicht nur die Regierungskontinuität führte zu dieser Entwicklung. Insgesamt bekamen mit dem endgültigen Untergang des "Realsozialismus" in Form der Sowjetunion 1991 die Prediger des Marktes einen ungeahnten weltweiten Auftrieb. Der Erschließung des ganzen Planeten für den Weltmarkt stand nun nichts mehr im Wege, mit der Errichtung von kapitalistischen Märkten auch im letzten Winkel der Erde bekam das Phänomen der Globalisierung neue Dimensionen.
Gleichzeitig verwandelte sich durch die weltpolitische Wende das konservative Totschlag-Argument von der geographischen "Geh doch nach drüben!" in die ultimativ-historische Variante des "Du hast doch gesehen, daß es nicht funktioniert".
Linken und emanzipatorischen Inhalten, seit 1968 Kernpunkte von Studierendenbewegungen, wehte nun ein noch kälterer Wind entgegen.
In den 90er Jahren war daher in dieser Hinsicht nicht viel los. Vereinzelt regten sich Proteste, etwa 1993 gab es berlinweite Institutsbesetzungen und Streikaktionen, jedoch konnten isolierte Aktionen wie diese kaum etwas ausrichten. Maßnahmen wie etwa die Einführung einer "Verwaltungsgebühr" von 100 DM pro Semester in Berlin oder die Einführung von Zwangsberatungen für Langzeitstudierende konnten nicht verhindert werden. Pessimismus machte sich breit, und vom Aufbruch des Jahres 1988 kündeten an der FU mittlerweile nur noch abgetretene Fußbodenbemalungen in den Gebäuden. Die Freie Universität hatte bereits bei den Aktionen von 1993 ihre Vorreiterrolle in Sachen Studierendenbewegung verloren, hier zeigten sich andere Hochschulen wesentlich aktiver. Das Ende der paradoxen Rolle Berlins als Frontstadt mit Befreiung vom Wehrdienst war gekommen, die werdende Hauptstadt lockte nun ganz anderes Publikum an eine Entwicklung, die auch an den Berliner Hochschulen nicht spurlos vorüberging.
Die seit 1968 permanent betriebene Hochschulreform wurde unterdessen strukturell immer konsequenter auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet, lediglich das generelle Desinteresse der Politik, die die Universitäten vornehmlich als Einsparpotential wahrnahm, und die Trägheit des deutschen Hochschulsystems hemmten diese Entwicklung noch.
Doch im Wintersemester 1997/98 passierte wieder was: und sie bewegt sich doch, die Masse der Studierenden. Die Bewegung kam diesmal von einem ungeahnten, vielleicht gar unbekannten Ort, nämlich aus der Universität Gießen in Hessen.
Dort drängelten sich in den Einführungsvorlesungen riesige Menschenmassen vor viel zu kleinen Räumen, im Fach Politikwissenschaft etwa wollten 600 Studierende eine einzige Veranstaltung besuchen. Doch im Hörsaal war kein Platz, eine Extraveranstaltung war mangels Personal nicht drin. Überall tönte es "Erstis raus!": Studierende, die schon im letzten oder vorletzten Semester ihre Pflichtkurse nicht besuchen konnten, beanspruchen nun die raren Plätze.
Diesmal war es kein politischer Konflikt, sondern die buchstäblich unmöglichen Studienbedingungen lösten die Protestwelle aus. Ein Erstsemester aus Gießen drückte seine Motivation treffend aus: "Studieren ging sowieso nicht mehr." [58]
An anderen Hochschulen war die Lage ähnlich. Das vernachlässigte deutsche Hochschulsystem war kaum noch in der Lage, die Mindeststandards einer Hochschulausbildung zu erfüllen. Schnell traten weitere Universitäten und Fachhochschulen in den Streik.
Der kollektive Unmut hatte wieder einmal das erforderliche Niveau erreicht, ein neuer, bundesweiter Studierendenprotest lief an. Warum gerade jetzt? Das weiß niemand so genau, wurden doch 1988, nur die allerminimalsten Forderungen der Studierenden erfüllt, wurde doch in den Jahren danach weiterhin konsequent und kontinuierlich gekürzt. Aber, unverhofft kommt oft, er war wieder da, der große Protest. Ähnlich wie 1988 brachen die Streiks völlig überraschend aus, alles war gekennzeichnet von Spontaneität und Improvisation.
Die studentische Kreativität hatte wieder einmal alle akademischen Fesseln abgelegt, überall in den Universitätsstädten fanden Aktionen und Happenings statt, um die Bürger für die Ziele des Protestes zu gewinnen.
MedizinstudentInnen maßen in der Fußgängerzone Passanten den Blutdruck und machten so "Druck für die Bildung", andernorts wurde ironisch das neue Modell zur Studienfinanzierung vorgestellt: Studentische Jungunternehmer boten Dienstleistungen im Schuhputzgewerbe an. Außerdem gab es Blockflötenkonzerte, um einmal sinnlich erleben zu können, wie eben auch die Bildung "flöten geht". Anderswo ging die Bildung baden: trotz Novemberwetter sprangen Studierende medienwirksam in den Neckar oder auch den See der Bundesgartenschau. [59]
Als bundesweites Erkennungsmerkmal diente der Schriftzug "Lucky Streik" in Anspielung auf die bekannte Zigarettenmarke. Das eingängige Logo war auf allen Demos und Happenings mit dabei.
Aber auch quantitativ hatte der Protest einiges zu bieten: zu den verschiedenen Großdemonstrationen im Noch-Regierungssitz Bonn reisten bis zu 40.000 Studierende an, fast alle deutschen Hochschulen befanden sich im Ausstand. Zahlenmäßig war dies wohl der größte Studierendenprotest, den die Republik je gesehen hat bei mittlerweile fast zwei Millionen Studierenden schien das Protestpotential allerdings auch größer als zuvor, insbesondere wenn diese Masse mit immer niedrigerem Personalstand abgefertigt werden sollte.
Und genau gegen diesen Mißstand richtete sich die Protestwelle: die Studierenden forderten eine bessere materielle Absicherung für die Universitäten, und auch für sich selbst.
Die Ausstattung der Hochschulen war wohl der brennendste Punkt. 1997 war es kaum noch zu übersehen, daß selbst elementarste Arbeitsmittel an den Hochschulen nicht mehr vorhanden waren. Der Zustand der Bibliotheken zeigte das am allerdeutlichsten. Überall fehlten Standardwerke und Fachzeitschriften, in den Juristischen Fakultäten teilweise sogar die aktuellen Gesetzesblätter, weil die Abonnements aus Geldmangel gekündigt worden waren. Jura studieren, ohne die Gesetzestexte einsehen zu können ähnlich paradoxe Studienleistungen wurden in fast allen Fächern verlangt.
Gleichzeitig war mittlerweile das jahrelang diskutierte Eurofighter-Paket beschlußreif: Milliardeninvestitionen für die Rüstung wurden bewilligt, während an Schulen und Universitäten gespart wurde.
"Lehrkörper statt Flugkörper" prangte daher auch auf vielen Transparenten seltsam analog zu Forderungen aus grauer Vorzeit: "Förster 89 statt Jäger 90" hieß es bereits neun Jahre zuvor. [60] Offensichtlich hatte jedoch die Rüstungslobby den längeren Atem.
Dennoch waren die Studierenden nicht mehr bereit, das Märchen vom "Sparzwang" zu schlucken. Sie forderten eine Umverteilung der Mittel zugunsten der Bildung.
Dies schloß auch wieder die Forderung nach Aufstockung der staatlichen Ausbildungsförderung mit ein. Auch hier hatte die Sparpolitik voll zugeschlagen: 1992 waren noch 3 Milliarden DM für das BAföG ausgegeben worden, die Planungen für 1999 sahen bei gleichbleibender Zahl der Studierenden nur noch 1,5 Milliarden vor. Die Zahl der Empfangsberechtigten sank im Vergleich zu 1995 von 54,8% auf 32,6% (Ost) beziehungsweise von 24,2% auf 16,9% (West). [61] Die soziale Situation der Studierenden hatte einen neuen Tiefstand erreicht.
Zum Thema BAföG gab es dann von studentischer Seite sogar einen ausgearbeiteten Reformvorschlag, das "Drei-Körbe Modell". Demzufolge sollten Kindergeld und Kinderfreibeträge abgeschafft und direkt an die Studierenden ausgezahlt werden. Durch diesen "ersten Korb" hätte dann jeder Student und jede Studentin etwa 400 DM zur Verfügung gehabt.
Der "zweite Korb" wäre dann die klassische Förderung für bedürftige Studierende gewesen, die von den Eltern nicht unterstützt werden konnten. Und als "dritter Korb" waren zinslose Darlehen für Examenskandidaten vorgesehen.
Durch diese Reform wäre den Studierenden mehr Selbständigkeit gegeben, zudem wäre mit den Kinderfreibeträgen eine soziale Schieflage beseitigt worden, denn einkommensstarke Familien werden durch diese weit besser unterstützt als einkommensschwache, die die Freibeträge nicht ausnutzen können. Die SPD, die Gewerkschaften, die Studentenwerke und natürlich viele protestierende Studierende standen hinter diesem Modell. [62]
Neben den dominanten materiellen Forderungen richteten sich die Proteste auch gegen das neue Hochschulrahmengesetz. Der von den Regierungsfraktionen vorgelegte Entwurf wälzte nämlich alle Versäumnisse der vergangenen Bildungspolitik auf die Studierenden ab. Mit Zwangsmaßnahmen und Wettbewerbsmechanismen sollte das kaputtgesparte Hochschulsystem nun wieder flott gemacht werden.
Senkung der Regelstudienzeiten, obligatorische Zwischenprüfungen, eine Verpflichtung der Universitäten, die Studierenden spätestens im 2. Semester über ihre "Eignung" zu informieren soviel in Sachen Zwangsmaßnahmen.
Aber auch den Professoren sollte es an den Kragen gehen: Bei Neueinstellungen müßten diese über ihre pädagogische Eignung "befragt"(!) werden.
Mit der Einführung von Globalhaushalten und Finanzautonomie für die Hochschulen sollte dann bei gleichzeitiger "leistungsbezogener" Mittelvergabe ein Wettbewerb der einzelnen Hochschulen untereinander eingeleitet werden. [63]
Bis auf einige Passagen zur Frauenförderung stand dieser Entwurf also so ziemlich allem entgegen, was die Studierenden der letzten 30 Jahre gefordert hatten. Dennoch blieb die Kritik von Seiten der Studierenden erstaunlich gemäßigt. Es wurde zwar vereinzelte Kritik an den kürzeren Regelstudienzeiten oder den Bachelor-Abschlüssen laut, aber dies waren eher Randerscheinungen.
Punkt eins bei allen Forderungen war stets das Geld, daher wurde auch für das neue Hochschulrahmengesetz am allerlautesten das ausdrückliche Verbot von Studiengebühren verlangt, was von der SPD ausdrücklich unterstützt wurde. Hinzu kam die Forderung nach besserer materieller und personeller Ausstattung der Hochschulen und die BAföG-Reform samt Aufstockung desselben.
Dies waren die wesentlichen Inhalte der Streikbewegung, Forderungen wie Demokratisierung tauchten, wenn überhaupt, nur am Rande auf. Konsens war: mehr Geld, mal an diesem, mal an jenem Ende. Die Analyse zum Verhältnis von Hochschule und Gesellschaft schien sich darin zu erschöpfen, daß die Hochschule von der Gesellschaft gefälligst besser zu finanzieren sei.
Besonders treffend drückte es die Washington Post aus: die Studierenden seien "more interested in landing jobs and joining the ranks of bourgois society, not tearing it down" [64]
Dieses Zitat verweist gleichzeitig auf die sozialen Ursachen der zunehmend unpolitischen Studierendenproteste. Denn in den 60er Jahren, als es noch Studiengebühren gab, stammten die meisten Studierenden aus einkommensstarken Familien, der Druck zum schnellen Studienabschluß und Berufseinstieg war bei dieser Klientel nicht besonders hoch. Zudem war vor der Öffnung der Hochschulen der Trend zur höheren Schulbildung bei weitem nicht so ausgeprägt, es gab praktisch eine Arbeitsplatzgarantie für Hochschulabsolventen.
In den neunziger Jahren gab es zwar viel mehr Studierende, aber diese mussten sich zum allergrößten Teil selbst finanzieren, denn es stammten eben nicht mehr die meisten aus einkommensstarken Familien. Die staatliche Ausbildungsförderung kompensierte diesen Effekt einige Zeit, aber seitdem die Zahl der Empfangsberechtigten (nicht der Höchstsatzempfänger!) deutlich unter 20% gesunken war, fehlte dieser Effekt. Gleichzeitig hatte sich die Arbeitslosenzahl auf einem dauerhaft hohen Niveau eingependelt. Akademiker hatten zwar nach wie vor bessere Chancen, aber eine Arbeitsplatzgarantie gab es längst nicht mehr. Auch die Karriere an der Hochschule war durch die enormen Personaleinsparungen dort längst keine reelle Berufschance mehr.
Auf den Studierenden lastete (und lastet auch heute noch) also ein enormer Druck, in möglichst kurzer Zeit eine marktgerechte Ausbildung vorzuweisen. Dazu müssen sie sich früh orientieren und oftmals Zusatzqualifikationen erwerben, die im Studium nicht vermittelt wurden, weil dieses meist ausschließlich auf eine Ausbildung als WissenschaftlerIn orientiert war.
Eine ungeheure mediale Panikmache begleitet und verstärkt bis heute diesen Trend, schon SchulabgängerInnen sehen sich mit dem Problemen einer effektiven Karriereplanung konfrontiert.
Gleichzeitig waren damals wie heute viele gezwungen, neben dem Studium für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Dadurch wird politisches Engagement an der Hochschule mehr und mehr zum Luxus. Zudem wird die Universität wegen der geschilderten Faktoren kaum mehr als dominierender Lebensbereich wahrgenommen, sondern als Nebenschauplatz im Wechselspiel von Jobs, Praktika, Freizeit und Studium.
Diese verschlechterte soziale Lage der Studierenden und die allgemeine Krise der Linken seit 1989 gipfelten 1997 im seltsamen Phänomen einer scheinbar unpolitischen Jugendbewegung.
Denn der neue Studierendenprotest erschien nur noch als eine Facette im Kampf der gesellschaftlichen Interessengruppen, statt der Bauernlobby oder dem Apothekerverband gab es nun erstmals auch eine Lobby für Studierende, die von der Regierung ihren Teil des Kuchens verlangte.
Die Annerkennung dieser Form von "Demokratie" war das wesentliche Kennzeichen der neuen Bewegung. Die Protestform war daher auch stets die einer Forderung an die Herrschenden. Kreativ, phantasievoll und vor allem medienwirksam wurde verlangt und gefordert, ohne die Herrschaftsformen an sich zu reflektieren oder gar zu kritisieren.
Dies erklärt auch die in der Geschichte der Studierendenproteste bisher nie gekannte Zustimmungswelle, die dem Protest entgegenschwappte.
Erstmals solidarisieren sich sogar Professorenschaft und Hochschulleitungen mit den Studierenden. Personenkreise, die in der Vergangenheit mit Wachschutz, Strafanzeigen und Polizeieinsätzen auf studentische Forderungen reagierten, waren plötzlich völlig einer Meinung mit den Protestierern, äußern allerorten Sympathie und Verständnis.
Etwa Heinz Bauer, Präsident der Universität Gießen. Er konnte die Proteste anscheinend kaum erwarten und unterstützte sie nachdrücklich. Schon mehrfach habe er sich in Kürzungsverhandlungen mit der Landesregierung fragen lassen müssen: "Wo bleiben denn die Proteste an den Hochschulen?". [65] Kein Widerstand, alles in Ordnung, es wird weiter gespart eine interessante Lektion!
Deshalb plädierten in Gießen sogar schon DozentInnenen (!) für das Sprengen von Seminaren, "um dem Streik Durchschlagskraft zu verleihen". [66]
Gießen ein Nest von Radikalen? Nein, auf Bundesebene lief es ähnlich ab. Der Präsident der Hochschulrektorenkonfernz, Klaus Landfried, äußerte ebenfalls "Verständnis" für die Proteste. Ebenso Hartmut Schiedermaier, Präsident des deutschen Hochschulverbandes und Vertreter von 16500 HochschullehrerInnenn: die "Sympathie und Unterstützung der Professoren" versicherte er den Studierenden. [67] Auch Dieter Hundt, Präsident des Bundes der Arbeitgeber, wollte ebenfalls nicht zurückstecken: auch er hatte "eine ganze Menge Sympathie" für die Proteste. [68]
Schließlich war man ganz oben angekommen: Kanzler Kohl persönlich äußerte in einer Rede vor dem Parlament sein "Verständnis" für die Studierenden. Auch habe er volles Vertrauen zu ihnen, weil sie nicht den "Staat umstürzen" wollten wie einst ihre rebellischen Eltern. [69]
Verständnis und Sympathie allerorten! In der Endphase des Protests äußerten sagenhafte 72% der Deutschen ihr Verständnis für die Forderungen der Studierenden. [70] Woher kam diese Wende in der Wahrnehmung von rebellischen Studierenden, warum diese ungeahnte Sympathiewelle?
Der Kanzler hatte es angedeutet, aber besonders treffend drückte Reinhard Göbel, Chefhausmeister der besetzten Universität Gießen, den Wandel der Studierendenbewegung aus:
"Die Studenten sind heute viel lieber und umgänglicher." [71]Noch niemals wurde eine Protestbewegung derart in Watte gepackt und förmlich von Sympathien erdrückt. Die an die Herrschaftsinstanzen gerichteten Forderungen wurden einmal durchgereicht: die Professoren und Präsidenten solidarisierten sich mit den Studierenden und klagten die Landesregierungen an, die Landesregierungen schoben die Schuld der Bundesregierung zu, Kanzler Kohl als Regierungschef war sich jedoch keiner Schuld bewußt und prangerte die bildungspolitischen Versäumnisse der Landesregierungen an. [72]
Jede Gruppe versuchte, die Proteste für sich zu vereinnahmen, alle hatten es schon immer gewußt. Der Verzicht auf herrschaftskritische Inhalte hatte dazu geführt, daß die Herrschenden den Protest nicht für voll nahmen, sondern ihn für parteipolitische Streits und Schuldvorwürfe instrumentalisieren konnten.
Sogar die "Welt" aus dem Hause Springer, einstmals erbittertste Gegnerin jeder Art von Studierendenprotesten, beklagte die neue Bewegung als "merkwürdig brav". [73]
Doch zur Ehrenrettung der neuen Generation von Studierenden muß gesagt werden, daß es durchaus gesellschaftskritische Strömungen im Streik gab, die sich immer wieder meldeten, aber meist im Main-stream untergingen.
Ein beachtlicher Schritt zur Selbstfindung des Streiks war etwa der bundesweite Kongress "Bildung und Gesellschaft", der im Januar 1998 in Berlin stattfand. Hier versammelten sich Delegationen aus allen Universitäten des Landes, um in Arbeitsgruppen die Ereignisse des Streiks zu reflektieren, über das Verhältnis von Hochschule und Gesellschaft zu diskutieren, und um einen Forderungs- und Maßnahmenkatalog zu entwerfen. Dieser Katalog brachte nun endlich die Inhalte, die im Streik oftmals vermißt wurden.
Die Studenten und Studentinnen des Kongresses besannen sich auf ein humanistisch geprägtes Bildungsideal. Der immer stärker vertretenen Auffassung von Bildung als reiner Ausbildung, als Dienstleistung, setzten sie die Bildung als Entfaltung der Persönlichkeit, als Mittel zur gesellschaftlichen Selbstkritik und angesichts des Informationszeitalters auch zur Ausbildung einer solchen kritisch-gestaltenden Haltung zum "Wissen" an sich. [74]
Aus diesem Bildungsbegriff ergab sich dann die Forderung nach freiem Zugang zur Bildung, durch Abschaffung von Zugangsbeschränkungen, Verbot von Studiengebühren und der Gewährung einer existenzsichernden Ausbildungsförderung.
Insbesondere aber wurde die Vereinnahmung der Hochschulen durch die Wirtschaft abgelehnt.
Auch über die Demokratisierung der Hochschule wurde endlich wieder geredet. Die Studierenden verlangten die statusgruppenübergreifende Wahl der Vertretungen sowie die Neudefinition der Statusgruppen als wissenschaftliches Personal, Studierende und sonstiges Personal. Durch das neue Wahlsystem hätten auch Studierende das Recht, die professoralen Mitglieder der Gremien zu wählen. Die Besetzung der Gremien sollte drittelparitätisch erfolgen. Angesichts der verfassungsrechtlich vorgeschriebenen Mehrheit der Professoren in Fragen der Forschung und Lehre wurde jedoch auch die statusgruppenübergreifende Kreuzwahl als Minimallösung und Schritt in Richtung Demokratie angesehen [75]. Und selbstverständlich wurde auch das politische Mandat für die verfaßten Studierendenschaften verlangt.
Im Vergleich zeigt sich durch diese Annerkennung des verfassungsrechtlichen Rahmens wie Professorenmehrheit, die ja als Maßnahme gegen 68er erlassen wurden, allerdings auch die deutliche Distanz zur Staatskritik der 68er.
Feministische Forderungen kamen ebenfalls vor, etwa entschlosseneres Vorgehen gegen Sexismus und sexuelle Belästigung sowie die Institutionalisierung der Feministischen Wissenschaft. Weitergehende Forderungen wie etwa die geschlechterparitätische Besetzung von Gremien und Lehrpersonal wurden jedoch nicht gestellt.
Die bisherigen Forderungen waren teilweise in ähnlicher Form schon vor zwanzig oder dreißig Jahren gestellt worden, aber zum Thema "Wirtschaft und Gesellschaft" fanden sich 1998 erstmals die bis dato unbekannten Kategorien der Globalisierungskritik. Ähnlich wie 1968 versuchte die Studierendenbewegung hier, sich in einen globalen Kontext einzuordnen. Angesichts der veränderten weltpolitischen Lage fiel diese Einordnung jedoch anders aus als in der Vergangenheit.
Aufgrund der "Standort-Deutschland"-Debatte, mit dem die immer stärkere Abrichtung der Hochschulen zum Dienstleister und Zulieferer für die Wirtschaft gerechtfertigt wurde, nahmen sich auch die Studierenden dieser Argumentation an. Sie wandten sich strikt gegen die Unterhöhlung demokratischer Strukturen durch handelsliberale Organisationen wie WTO und IWF. Dargestellt wurde, daß die angeblich naturwüchsige Entwicklung der Globalisierung ein politisch gewolltes Projekt sei. Die Kritik am Standortwettlauf der Nationalstaaten, an dem dadurch verursachten Phänomenen von Sozialabbau, Entdemokratisierung und der Ausweitung der Profitlogik auf weite gesellschaftliche Bereiche, schufen eine gemeinsame Basis zwischen Studierenden und anderen Bevölkerungsgruppen.
Auf dieser Basis konnte eine Studierendenbewegung tatsächlich Auslöser oder prägender Bestandteil einer weitergehenden sozialen Bewegung sein, wie es von 1968 bis 1997 immer wieder gefordert, aber niemals erfolgreich verwirklicht wurde. [76]
Jedoch diese theoretische Erkenntnis kam in der Studierendenbewegung nicht mehr an. Bereits vor Kongreßbeginn zeigten sich starke Auflösungserscheinungen, und im Januar 1998, als der BuG-Kongreß stattfand, war die Bewegung praktisch schon am Ende.
Bereits am 28. November, nach nur vier Wochen Streik kamen die ersten Ängste wegen eines "verlorenen" Semesters auf, [77] als dann Anfang Dezember allmählich die Lehrenden ihre Zustimmung für den Streik zurückzogen und die Anerkennung der Semesterleistungen von der Wiederaufnahme des Streiks abhängig machten, bröckelte es noch weiter.
An einigen Fakultäten wurden nun die Hörsäle auch Samstags belegt, um das Versäumte nachzuholen. Erstmals in der Geschichte wurden studentische Rebellen zum Nachsitzen verdonnert, und fügten sich sofort bereitwillig.
"Wenn ihr die Revolution machen wollt, könnt Ihr nicht dafür auch noch Scheine verlangen", hieß es aus Dozentenkreisen, die Studierenden hatten diesem bestechenden Argument nichts entgegenzusetzen. [78]
Für einen "Lucky Streik" konnten sich die Studenten und Studentinnen durchaus begeistern, für eine Revolution jedoch nicht. Daher wirkten die Inhalte des BuG-Kongresses wie hinterhergeschoben. Wäre man mit diesem Konsens in den Streik hineingetreten, hätte es vielleicht anders ausgesehen. So jedoch blieb die Bilanz enttäuschend. All die hochtrabenden Pläne über die Wiederaufnahme des Streiks im Sommersemester erfüllten sich nicht, der Alltag kehrte wieder ein. [79]
Viele hofften vielleicht auch einfach auf die Bundestagswahl am 16. Oktober 1998. Dort gelang es zwar tatsächlich, die Kohl-Regierung nach 16 Jahren abzuwählen, aber den Studierenden brachte das nichts.
Das Hochschulrahmengesetz aus den letzten Tagen der Kohl-Ära blieb im wesentlichen in Kraft, das von der SPD versprochene und nach der Wahl installierte Verbot von Studiengebühren bezieht sich nur auf ein gebührenfreies Erststudium und gibt die Bahn frei für alle anderen Varianten wie etwa Langzeitstudiengebühren, kostenpflichtige Zweit- und Postgraduiertenstudiengänge oder Studienkontenmodelle. Auch die von der SPD unterstützte Forderung nach der BAföG-Reform wurde nicht umgesetzt. Lediglich die Ausklammerung des Kindergeldes bei der Berechnung der Sätze brachte eine Erhöhung der Leistungen, die Zahl der Empfangsberechtigten blieb jedoch so gering wie zuvor. In Sachen Hochschulfinanzierung wurde ebenfalls weiter gespart.
Als Erfolg der Bewegung ist also lediglich das 40 Millionen starke Notprogramm für die Bibliotheken zu verbuchen, daß den Studierenden als "Soforthilfe" zugestanden wurde.
Bei knapp zwei Millionen Studierenden waren das etwa 20 Mark für jeden.
Von der Weltrevolution zur BAföG-Reform, vom roten Stern zum Warenzeichen: auf den ersten Blick mutet der Wandel der Studierendenbewegung geradezu desaströs an.
Dennoch besteht Hoffnung. Die zahlenmäßige Stärke und die ungebrochene Kreativität des ´97er Streiks zeigen, daß das Protestpotential immer noch vorhanden ist. Nach den ereignislosen neunziger Jahren hatte kaum jemand mehr damit gerechnet, und doch war sie plötzlich da, die Bewegung. Ähnlich unverhofft erfolgten die Aufbrüche auch schon 1988 und auch 1968.
Das erlaubt die Hoffnung auf neue studentische Aufbrüche. Da die Kürzungen und Umstrukturierungen unvermindert weitergehen, wird es irgendwann irgendwo zwangsläufig wieder zu einem besonders heftigen Skandal kommen, an dem sich dann vielleicht ein neuer Widerstand entzündet. [80] Ähnlich wie sich die Studierenden 1968 "nicht mehr damit begnügen wollten, den Gremien der Hochschulreform umfangreiche Papiere vorzulegen, die dann doch nicht berücksichtigt würden", [81] haben die Studierenden immer wieder die Fruchtlosigkeit der Gremienarbeit aufgegeben und zur Selbsthilfe gegriffen. An den ohnehin schon (hochschul)politisch aktiven Studierenden läge es dann, diesen Protest nicht wiederum als bloße Lobby-Arbeit zu betreiben, sondern mit Inhalten zu bereichern.
Der BUG-Kongress zeigte, daß auch dafür durchaus Potential vorhanden ist. Die Studierendenschaft ist nicht vollständig entpolitisiert, obgleich es immer schwieriger scheint, dieses Potential zu wecken und zu einer wie auch immer gearteten Bewegung zu vereinen.
Für diese Einigung braucht es allerdings Analysen, Inhalte, Programme, Visionen. Eine gemeinsame Utopie eint und stärkt eine Bewegung weit mehr als der Konsens "mehr Geld für die Uni" obwohl natürlich die konkreten Mängel des Hochschulsystems immer wieder Kristallisationspunkte für Studierendenbewegungen waren und daher auch weiterhin thematisiert und problematisiert werden müssen.
Die Erfolglosigkeit des Streiks von 1997 bestätigt allerdings die Notwendigkeit einer weitergehenden kritischen Gesellschaftsanalyse, auch einige der damaligen AktivistInnen sind mittlerweile zu dieser Erkenntnis gelangt:
"Solange sich die Studierenden an die Straßenverkehrsordnung des üblichen politischen Diskurses halten, kommt bei den Protesten nicht mehr raus als ein Sturm im Wasserglas." [82]Der humanistisch orientierte Bildungsbegriff des Forderungskataloges von 1998 ist ein Schritt in diese Richtung. Er erscheint aber im Vergleich zu den Vorstellungen der Vergangenheit dennoch als Rückschritt ins Diffuse. Gesellschaftskritik kommt zwar immanent vor, aber von eingreifender oder gar sozialistischer Wissenschaft ist nicht mehr die Rede. Auch die geforderte "neue Ethik des Fragens" klärt nicht die Art der Fragen, ein gesellschaftliches Ziel für die Wissenschaft wird nicht benannt.
Eine zweckfreie Wissenschaft würde der Gesellschaft allerdings zu recht als parasitär erscheinen. Nur eine eingreifende Wissenschaft, Bildung zur Heranbildung einer besseren, demokratischen Gesellschaft, der Einsatz des Wissens für alle Mitglieder der Gesellschaft rechtfertigt die Finanzierung von Wissenschaft durch diese Gesellschaft.
Die im 97er Streik vorhandenen Globalisierungskritischen Ansätze zeigen durchaus in diese Richtung und könnten sich zur Konkretisierung einer solchen emanzipatorischen Utopie entwickeln.
Denn die Globalisierung in ihrer herrschenden Form betrifft mittels der Standortdebatte direkt die einzelnen Hochschulen und Studierenden, bestimmt direkt die neue, ungewollte Definition von Bildung als Ware auf dem Weltmarkt. Gleichzeitig schafft sie durch Sozialabbau und Entdemokratisierung Probleme, die nur durch breiten gesellschaftlichen Widerstand zu lösen sind. Die Distanz der Studierenden zu anderen gesellschaftlichen Gruppen könnte mittels der gemeinsamen Kritik an den Mechanismen und Folgen der Globalisierung überwunden werden.
Eine Verbindung mit der "dritten Welt", die Empörung über den weiterhin bewaffnet ausgetragenen Nord-Süd-Konflikt, die die ´68er so stark machte, ist auch hier vorhanden. Global denken lokal handeln: in einem solchen Kontext hätte der Protest von Studierenden wirklich eine Perspektive.
Eine Analyse der Hochschule in der Globalisierung ist für eine emanzipatorische Hochschulpolitik unentbehrlich, denn die Akteure, die im Moment die Verwandlung der Universitäten in Wirtschaftsunternehmen anstreben, agieren auf globaler Ebene. Die GATS-Verhandlungen zur Liberalisierung der Dienstleistungsmärkte etwa betreffen direkt den Bildungssektor und bestimmen europäische und deutsche Bildungspolitik in entscheidender Weise. Ziel kann es nur sein, den Verfechtern der weltweit um Kunden werbenden Dienstleistungsuniversität einen emanzipatorischen Gegenentwurf zu präsentieren.
Bereits in der Analyse der globalen Veränderungen im Bildungssektor offenbaren sich dann oftmals die Überschneidungen mit anderen sozialen Bewegungen, die sich mit unterschiedlichen Interessen gegen dieselben Akteure und Profiteure der Globalisierung neoliberaler Art wehren.
Diese Analyse wäre von der Form her als studentisch selbstorganisierte und eingreifende Wissenschaft der "Kritischen Universität" von 1967 verwandt, die Entwicklung einer Hochschul- und Gesellschaftsanalyse kann also bereits ein praktisches Experiment für hierarchiefreie Wissenschaft sein. Die b*freite Uni mit ihrer Rätedemokratie war ebenfalls Versuch, diese praktisch umzusetzen. Auch heute brauchen Studierende wieder den Mut zu solchen Experimenten, selbst wenn es ein Semester kostet. [83]
Die Idee wäre also eine Kritik der Hochschule im Zeitalter der Globalisierung, erarbeitet in Form von autonomen, gegenuniversitären Strukturen. Diese müßten allerdings eine gewisse Kontinuität und überlokale Vernetzung besitzen, um auch Wirkungen zu entfalten. Mit dem gemeinsamen Forum könnte dann die Suche nach gemeinsamen Inhalten beginnen.
Bereits 1988 bezeichneten die Streikenden ihre Abkehr von den marxistischen Kategorien selbstkritisch als "Rückkehr ins Ungenaue", [84] und dieser Trend hat sich fortgesetzt. Immer noch ist der Rezeptionsstrang von gesellschaftskritischer Theorie unterbrochen. Die guten Ansätze und der idealistische Bildungsbegriff des Forderungskataloges von 1998 sind da bestenfalls ein Anfang. Zu viele Fragen sind ungeklärt. Können zum Beispiel Bildung als freie Persönlichkeitsentfaltung oder die geforderte Neudefinition von Arbeit als "sinnvolle, selbstverantwortliche Tätigkeit" [85] innerhalb des Kapitalismus überhaupt umgesetzt werden? Oder muß Globalisierungskritik zur Kapitalismuskritik erweitert werden?
Es mag sein, daß solche und ähnliche Fragen strittig bleiben, aber dennoch: Die Geschichte zeigt in Form der Erfahrungen von 1997, daß studentischer Protest eine Vision und eine Theorie zur Wissenschaft und zur Gesellschaft braucht, um nicht zur (erfolglosen) Lobbyarbeit zu verkümmern.
Für diese Theorie braucht es Arbeit und Organisation. Der SDS hatte jahrelange theoretische Vorarbeit geleistet, und zwar auf bundesweiter Ebene. Nur so konnte der Verband die Revolte entscheidend mitgestalten und vorantreiben. Es ist fraglich, ob es ohne den organisatorisch und theoretisch leistungsfähigen SDS überhaupt eine studentische Bewegung in der BRD gegeben hätte.
Das Beispiel ´68 warnt allerdings auch vor Selbstüberschätzung. Auch die denkbar schlagkräftigste Studierendenbewegung kann nicht die Weltrevolution auslösen. Aber die notwendige Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen sollte nicht Energien binden, die zur eigenen Organisation benötigt werden. Nicht jede Institutsbesetzung verlangt sofort nach der Solidarisierung mit den arbeitenden Massen, um eine Doppelherrschaft zu erschaffen. Dennoch braucht gerade eine Studierendenbewegung auch politische Perspektiven jenseits von lobbyistischen und somit leicht zu vereinnahmenden Verbesserungsvorschlägen. Es gilt, eine Balance zwischen emanzipatorischem Anspruch und realistischer Situationsanalyse zu finden.
Die Kommunikation und die übergreifende Diskussion ist wichtig, um zu solchen gemeinsamen Analysen und Theorien zu gelangen. Dafür wäre ein bundesweites oder globales basisorientiertes Netzwerk von hochschulpolitisch und hochschultheoretisch arbeitenden Gruppen das Modell des 21. Jahrhunderts. Hier bieten sich die neuen Medien geradezu an. Aber auch die hochschulpolitischen Kongresse im Anschluß an die Streiks von 1988 und 1997 haben ihre Leistungsfähigkeit bewiesen. Wieso gibt es sie nur nach Streiks und nicht jährlich?
Eine solche intensive Vernetzung und Diskussion auch und gerade in "Friedenszeiten" ist notwendig, um gemeinsame Taktiken, Theorien und Visionen zu erarbeiten. Und diese Visionen sind wiederum notwendig, um Besitzstandswahrung und Abwehrkämpfe zu überwinden und statt dessen in die Offensive zu gehen.
Gerade der heutigen Hochschule, in der die Reste der von den 68ern installierten Gesellschaftskritik immer mehr aus den Lehrplänen verschwinden, ist es wichtig, neue Foren zur Vermittlung und Diskussion von politischen Inhalten zu schaffen. Eine Evaluation und ein Aufgreifen der bisherigen Ansätze von selbstorganisierten Lehrveranstaltungen scheint besonders dort vielversprechend, wo die Abwehrkämpfe zum Erhalt institutioneller emanzipatorischer Inhalte und Lehrformen am starken Widerstand gescheitert sind.