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Vorbemerkung des Verfassers zur zweiten Auflage

Denk ich an die (deutsche) Universität in der Nacht
Dann bin ich um den Schlaf gebracht

Den ewig Studierenden, mir selbst auch im 80igsten
Semester, meinem neunjährigen Sohn Max im vierten Schuljahr

4 Thesen mit etwas erläuterndem Fleisch behangen -
Statt einer Einleitung

Kleine Vorrede

Jüngst ist der AStA der freien Universität an mich herangetreten. Der Student, der mich ansprach, einer der wenigen im AStA der wenigen, die sich hochschulpolitisch ein wenig kümmern, die dafür Gedankenzeit finden, die immer noch und erneut eine Ahnung davon haben, daß es geboten sein könne, über das, was "Universität" ist, sein sollte, sein könnte, nicht in reformdürftigen, in geradezu systematisch antireformerischen Zeiten zu reden. Der immer schon allzu frohgemute und voll der Selbsttäuschungen quer durch die Jahrhunderte geäußerte Spruch: universitas semper reformanda bleibt einem geradezu im Hals stecken. Wo sollte man reformieren, wenn das zu reformierende "Subjekt" nicht zu fassen ist. Universität - ein Suchbild.

Der Vertreter des AStA also fragte mich, ob ich zustimmte, daß eine kleine Universitätsschrift von mir - "Wider die restlose Zerstörung der Universität", die der Vor-Vor-Vor...Gänger-AStA vor bald 1 ½ Jahrzehnten publiziert hat, wieder aufgelegt werde. Und wenn ich zustimmte, ob ich meine seinerzeitigen Argumente verändernd ergänzen oder wenigstens eine aktuelle Einleitung hinzufügen wolle. Geschmeichelt stimmte ich zu. Ich habe deshalb von mir Geschriebenes selbst wieder gelesen, was ich nur wie in diesem Falle zwangsweise tue. Ich habe selbiges nur sprachlich sacht überhobelt, in der Sache unverändert gelassen. Nun im August 2000 füge ich in einer neuen Einleitung ein wenig dessen hinzu, was mir zum Zwecke der Aktualisierung erforderlich erscheint.

Abgesehen davon, daß es einem, so auch mir in berechtigt-unberechtigtem Autorenstolz allemal wohltut, wenn selbst Fabriziertes mehrere Auflagen erlebt oder nachgedruckt wird, bedrückt der Nachdruck in Sachen Universität mehr, als daß er erfreute:

- er zeigt, wenn das Nachgedruckte nicht ärgerlich all das verfehlen sollte, was universitär heute nottäte, wie wenig Körper und Geist dessen, was man aus konventionellen Gründen weiterhin Universität nennt, in der ansonsten innovations- und an neuen Ereignissen volltollen Welt sich verändert haben oder verändert worden sind;

- er zeigt, daß nicht nur die seinerzeit von mir aufgespießten Probleme - wenn man die Perspektive, unter der sie aufgespießt worden sind, wenigstens "tendenziell" teilt - im Kern dieselben geblieben sind. Vielmehr zeigt die Neuauflage auch, daß an Ideen, was wie geändert werden müßte, daß an grundsätzlicherem Eingedenken der Sache Universität mehr denn je Mangel herrscht. Geradezu ein konzeptioneller, nicht nur ein reformpraktischer horror vacui. Und dies, obwohl wir uns gegenwärtig in einer beschleunigten Phase dessen befinden, was man den Total-Ausverkauf der Universität nennen muß. Deren Nomen ist - schon ausverkauft - schlechterdings kein Omen mehr. Selbstredend gibt es genügend bedrucktes Papier und genügend Papers, auch genügend Bücher über alles mögliche an Bildungsvorstellungen im allgemeinen und über die Universitäten im besonderen. Indes, es sei denn ich hätte vor lauter Bäumen den Wald übersehen, einigermaßen triftige Äußerungen zu dem, was den Universitäten - den Bildungsanstalten insgesamt - heute im innersten fehlt, eine zusammenhaltende, sie durchwirkende, von ihnen im Sinne des Learning by Doing dauernd umgesetzte Bildungs- und Wissenschaftsidee pluraler, zugleich jedoch auch zusammengehaltener Art, ein anderes e pluribus unum, - solche Einlassungen - über negativ oder positiv getönte Schlagwörter hinaus - sucht man vergebens. Was bringt es schon ein, wenn, wie schon vor bald 10 Jahren, der seinerzeitige Noch-Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Dieter Simon, nun berlin-brandenburgischer Akadmiepräsident, schnippisch, indes auch für sein eigenes, öffentlich erkenntliches Verhalten folgenlos, das berühmte C.H.-Becker-Wort aus der Weimarer Republik - "Die Universität ist im Kern gesund" - abwandelt und pressegängig formuliert:

"Die Universität ist im Kern verrottet"?

Gerade der von ihm seinerzeit noch vorgesessene Wissenschaftsrat, eine kropfunnötige, insgesamt schädliche Einrichtung ohnehin, hat in der Art, wie er - nota bene: ohne seine eigenen Evaluationskriterien aufzudecken -, die Universitäten der gerade verblichenen DDR evaluierte, mit dazu beigetragen, daß die letzte große Reformchance, die die deutsche Vereinigung hätte eröffnen können, gänzlich versäumt worden ist. Das in den Worten Simons "verrottete" westdeutsche Universitätswesen wurde vielmehr herrschaftsfrisch auf die 5 neu gekürten Bundesländer "erstreckt".

Die Indolenz meiner Kolleginnen und Kollegen, die Phantasielosigkeit und der ökonomisch interessierte Opportunismus all derjenigen, die die Geschicke der Universitäten vollends tödlich verstricken, sind es denn auch, die mir die Gelegenheit willkommen erscheinen lassen, mich erneut in Sachen Universität zu äußern. Darum vor allem begrüße ich das sachlich wie persönlich ambivalente Angebot des AStA der FU-Berlin.

Wie froh wäre ich, ich könnte dem Großteil meiner (vor allem sozialwissenschaftlich berufenen) Kollegen und raren Kolleginnen folgen und endlich "positiv" werden. Ähnlich den fast immer "positiven" Politikern, die darob fast alle ihrer schwierigen Gestaltungsaufgaben versäumen. Ein globalisierender "Positivismus" "blühender Landschaften" westweltweit grassiert. Inmitten der "unternehmerischen Wissensgesellschaft", in der wir uns angeblich befinden, scheinen die Perspektiven der Bildungs- und Wissensfabrik, der wissensgesellschaftlichen Rekrutierungs-, Sieb- und Auswahlanstalt Universität geradezu glänzend.
Indes: mir scheint dieser wohlgefällige "Positivismus" am erneuten "Ende des Zeitalters der Ideologien" geradezu das, was man den "Verrat der Intellektuellen", der privilegierten universitären Kopfarbeiter heute nennen könnte. Die allererste Pflicht und Schuldigkeit wird versäumt: die Aufgabe nüchterner, scheuklappenloser, herrschende Interessen nicht positionsbehutsam ausparender, explizit wertbezüglicher Analyse.

Wer sich wie ich zur Lage der Universität heute äußert, kann dies unter drei Bedingungen tun:

Zum einen mit dem Wissen, daß alles Lob der Vergangenheit nicht nur nutzlos, sondern falsch wäre. Die rhetorisch konservative Figur eine laudatio temoris acti könnte man allenfalls benutzen, wenn "Glanz und Niedergang der deutschen Universität" sich einigermaßen säuberlich auseinanderhalten ließen. Der "Niedergang" der (deutschen) Universität, ihre Fäulnis, ist nicht erst und nicht nur in ihrer nationalsozialistischen Prostitution zum Ausdruck gekommen. Sie steckte schon in ihren neueren, mit dem Namen Humboldts verbundenen Anfängen. Ihre unbefragte Staatsprämisse; damit entgegen von Humboldts "Idee" ihr einseitiger Praxisbezug; spätestens seit 1871 ihre nationalstaatliche Fixierung, die nicht erst im kriegerischen Professorenchauvinismus seit August 1914 verblendete; ihre fachliche, schließlich antifachliche, nämlich 'undisziplinierte' Ausdifferenzierung von Max Weber in seinem unverändert lesenswerten Vortrag von 1917 "Wissenschaft als Beruf" nüchtern konstatiert; ihre innere Unveranwortlichkeit bis ins Haushaltsgebaren. Universitätshaushalte glichen bis zum Ende der "Ordinarienuniversität" einer Addition staatlich bewilligter Berufungs- und Bleibeverhandlungshaushalte. Die Professoren waren hierbei immer zugleich Institutsbosse; die Lehr-Lernformen waren auf die männlichen Bürgersöhne abgestimmt, deren Urteilsfähigkeit eher untertanhaft eingetrimmten Konventionen gleichen sollte, dem Oxymoron allen Urteilens u.ä.m. (der oben gebrauchte Ausdruck "Glanz und Niedergang der deutschen Universität" entspricht dem Haupttitel des von Kurt Ahland 1979 herausgegebenen Briefwechsels eines 'großen' Theologen, der zuletzt an der Humboldt-Univesität zu Berlin gelehrt hat. "50 Jahre deutscher Wissenschaftsgeschichte in Briefen an und von Hans Lietzmann (1892-1942)"; vgl.Wolf-Dieter Narr: Nachruf auf die Universität, in: Leviathan 1982, S. 202 ff.; wenige Universitäten haben sich spät, aber immerhin geradezu systematisch mit ihrer Nazi-Geschichte befaßt wie die Hamburgische vgl. Eckart Krause, Luwig Huber, Holger Fischer (Hg.): Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933-1945, hier: Teil I: Einleitung und allgemeine Aspekte, Berlin, Hamburg, 1991).

Zum zweiten unter der schwierigen Bedingung, daß alle universitäre, d.h. universitätsbezogene und von den Universitäten ausgehende "Realpolitik" dem entgegensteht, was den Unversitäten heute und morgen nottäte. Ja, schlimmer noch, daß all diese "Realpolitik" (als "Realökonomie" primär), dem, was Universität heute und morgen leisten müßte, systematisch entgegenarbeitet, sodaß sich die bange Frage stellt: wie viel "Wirklichkeitsverlust" kann eine Konzeption ertragen, bis sie dann tödlich irrelevant wird; bis sie also nicht einmal mehr eine Utopie darstellt, sondern nur noch Wunschdenken ist. Zum dritten konsequenterweise mit der Perspektive, die Friedrich Nietzsche (der gegenwärtig fast entgegen all dem, was von ihm kritisch gelernt werden könnte, a la mode geworden ist) eine meditatio in generis futuri genannt hat, mit einem doppelten, von mir mutatis mutandis übernommenen Zusatz:

"Du bist mein Leser, denn du wirst ruhig genug sein, um mit dem Autor einen langen Weg anzutreten, dessen Ziele er nicht sehen kann, an dessen Ziele er ehrlich glauben muß, damit eine spätere, vielleicht ferne Generation mit Augen sehe, wonach wir, ..., tasten. Wenn der Leser dagegen meinen sollte, es bedürfe nur eines geschwinden Sprungs, einer frohmüthigen That, wenn er etwa mit einer neuen von Staats wegen eingeführten "Organisation" alles Wesentliche für erreicht hielte, so müssen wir fürchten, daß er weder den Autor, noch das eigentliche Problem verstanden hat."

"Nichts Anderes will er (Nietzsche, W.D.N.) vor den Übrigen für sich in Anspruch nehmen, als ein stark erregtes Gefühl für das Spezifische unserer gegenwärtigen Barbarei, für das, was uns als die Barbaren des neunzehnten Jahrhunderts (als die des 21. Jahrhunderts, W.D.N) vor anderen Barbaren auszeichnet" (Nietzsche: Gedanken über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, in: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari) Bd.1, München 1980, S. 761-763).

Bei mir kommen noch die unverträumten Erfahrungen von 35 Jahren Lehre, der Umgang mit immer jünger werdenden Studierenden hinzu. Und letztere zeigen wieder und wieder, daß sie trotz allem am "Geist" einer Universität orientiert sind, der irgend seinem Namen entspricht; und letztere demonstrieren immer erneut, daß es sich lohnt, für diesen "Geist" zu kämpfen. Und dies auch inmitten einer Situation, da die "Geistlosigkeit" vollends zu triumphieren ausgeht. Neuere Hochschulgesetzentwürfe, jüngst hatte ich mich mit einem des Landes Sachsen-Anhalt zu befassen, voll aller universitärer Phrasen der Zeit - "Zielabgleich", neue "Autonomie" u.ä.m. - symptomatisch im Befehlston normiert, bar aller Problem- und Zielwahrnehmung oder mit einer kopflosen "Stellungnahme" des Wissenschaftsrats "zur Strukturplanung der Hochschulen in Berlin" -, alle Gesetzentwürfe und sonstigen offiziellen Einlassungen könnten einen sonst zum schier absoluten Verzweifeln treiben. Lernergebnisse? So überhaupt nur mit "tödlichem Ausgang". Tödlich für die Sache der Universität als einer Sache demokratisch verfahrender, menschenrechtlich ausgerichteter Gesellschaft und aller ihrer darob gerade in ihrer Zukunftsfähigkeit sträflich mißachteten Bürgerinnen und Bürger.

4 Thesen, von 100, die wenigstens erforderlich wären, das komplexe Gebilde Universität pointiert zu beschreiben und zielannähernd auszuflaggen
I. Aufgaben und Ziele weit über die Universitäten hinweg, aber auch für die Universitäten

Die Aufgaben, die Universitäten heute gestellt sind, sind geradezu ungeheuer: quantitativ und qualitativ.

- In einem mehr denn je von der Macht der Informationen und der darin Mächtigen reguliert-dirigierten Globus möglichst alle Mitglieder einer Gesellschaft informationell urteilsfähig zu machen.

- In einer allein schon infolge ihrer numerischen Größe, ihrer geographisch-geosozialen Erstreckung und ihrer soziale Zeit nahezu zum (täuscherischen) Stillstand bringenden unübersichtlichen Komplexität, die formierend in alle Lebensbereiche reicht, Bürgerinnen und Bürger "wirklichkeitsfähig" zu halten und zu machen (und nota bene all das, was sich "Politik" nennt. Politik heute ist emphatisch "wirklichkeits-", und das heißt gestaltungsunfähig. Darum die Reduktion auf Medien und privilegierte Duftmarken).

- In von wissenschaftlich und technologisch-innovativ getriebenen, weltweit ungleichen, lokal durchschlagenden Entwicklungen ein Minimum an Kontroll- und Verantwortungsfähigkeit zu gewährleisten. Dieses Minimum bedürfte wiederum einer sozial breiten kognitiv-habituellen bürgerlichen Fundierung.

- Inmitten globaler, regional und lokal unterschiedlicher Zunahme an Dissoziationen aller Art - "positiv" der überall von oben nach unten durchschlagenden ökonomisch-politischen Konkurrenzen - der Versuch, statische Elemente neben den sich schier von selbst verstehenden dynamischen zu erhaltschaffen. Wie anders wären sonst Orientierung und relative Erwartungs- und Verhaltenssicherheit möglich. Da all diese Erfordernisse, geradezu menschlichen Grundbedürfnissen entsprechend, abnehmen, dehnt sich ohne Grund anscheinshaft grundlose vereinzelte und kollektive Gewalt.

All die spiegelstrichartig angerissenen Aufgaben zeichnen sich durch mehrere querschnittsartige Merkmale aus: dadurch zuerst, daß sie im Rahmen der kapitalistisch etatistischen Moderne nicht erst heute gestellt sind. Sie werden jedoch alle in Zeiten der umfassenden und alle anderen sozialen Phänomene infizierenden Globalisierung ungemein dringlicher. Sie heischen gerade - wenn man, wie der Schreiber einem "wertkonservativen" Menschen- und Politikverständnis folgt -, neue institutionelle Antworten. Diese 'wachsen' jedoch nicht gefahrengemäß von selbst. Hölderlins Verszeile wird oft mißbraucht: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Zum zweiten sind die Aufgaben in Genesis und Geltung dadurch gekennzeichnet, daß sie alle durch die wissenschaftlich technologische Entwicklung wenigstens erheblich mitbewirkt worden sind und mitbewirkt werden. Wenn beispielsweise die Entschlüsselung des menschlichen Genoms auch nur annähernd das bewirken sollte, was Claus Koch etwas vorschnell - auch weil er die bloße Potenzhaftigkeit der Leseergebnisse des Genoms nicht genügend herausstreicht - in der These zugespitzt hat: "Jeder Mensch wird sein eigener Biounternehmer", dann schlägt diese unerhörte Erkenntnisfähigkeit in Herrschaftswillkürlichkeiten aller Art um. Vor allem moralisch demokratische Ohnmacht muß sich ausbreiten und vertiefen, so nicht neue Voraussetzungen geschaffen werden, daß 'Mensch und Gesellschaft'mit ihrem 'unmäßigen' Wissen umzugehen vermögen (s. Claus Koch: Besitze dich selbst! Besitze dich selbst!", in: FAZ vom 14.7.2000; s. grundlegend schon Claus Koch: Ende der Natürlichkeit, München 1994). Die neuen technologischen Möglichkeiten und Praktiken könnten nur human akzeptabel aufgefangen, ja gestaltet werden, wenn der sozial-institutionelle Aufwand den ihnen gewidmeten Aufwand übersteigt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Man tut ersatzpolitisch allgemein so, als könnten gesellschaftliche Reformen technologisch substituiert werden. Dann kann nämlich alles beim gesellschaftlich Alten bleiben; sprich: die herrschenden Interessen können uneingeschränkt weiter ausgreifen, die in sich verschlungenen Skandale der Ungleichheit können sogar noch verstärkt werden.

Zum dritten: der Kern aller Aufgaben, die Aufgabe der Aufgaben - immer unter der Voraussetzung besagten Wertekonservatismus s. auch II. - besteht durchgehend und überall darin, all das Wissen um die (negativen und positiven) funktionalen Mechanismen von Institutionen zusammenzunehmen, zusammenzubegreifen, also dem, was sie wie und in welchen Formen mit und an Menschen in kleinerer oder größerer Zahl bewirken. Und dann heutigen Aufgaben und Größenordnungen entsprechend gelernt, erfahren neue Institutionen und Prozeduren einzurichten. Nur dann besteht eine Chance, den weiter und weiter geöffneten Schlund des 21. Jahrhunderts zwischen wissenschaftlich technologischen, kapitalistisch informierten Innovationen und sozialen Innovationen nicht zur katastrophalen Sperre werden zu lassen.

II. Aufgaben und Ziele stärker konzentriert auf die Universitäten, jedoch mit unvermeidlichem 'gesamtgesellschaftlichem' Überschuß

Mehr denn je wird die Universität gegenwärtig in die kapitalistisch läufige Innovationsdynamik ein- und damit vollends gleichgeschaltet. Sie west ohne Eigensinn. Genau dieser Eigensinn müßte gestärkt, er müßte angesichts der in ihrem Profil und ihrer gefahrvollen Dringlichkeit verstärkten Probleme (s.I.) in seinen institutionellen Voraussetzungen erst geschaffen werden.

- Eigensinn in den Lernzielen bedeutete, daß es vor allem anderen, genauer inmitten und zusammen mit allen anderen Zielen darauf ankommt, alle Studierenden im Laufe ihres Studiums zur krititschen Urteilsbildung zu befähigen. Das aber heißt u.a., daß alle spätestens am Ende des Studiums über eine eigene - von ihnen selbst selbstbewußt und selbstbestimmt angeeignete - normative Urteilsbasis und erkenntnistheoretisch methodologische Fertigkeiten verfügen müssen. Die methodologischen Fähigkeiten müssen erlauben, die Erkenntnis der jeweiligen Probleme mit kriterienklar durchsichtiger Analyse und gleicherweise nachvollziehbarer Beurteilung zu verbinden. Urteilen aber ist nur möglich, wenn die Vorstellungskraft für die hauptsächlichen Aspekte eines Problems erkenntnistheoretisch methodologisch entsprechend vorbereitet worden ist (und immer erneut vorbereitet wird). Um den gängigen Ausdruck aufzunehmen: es ist das, was man dann die inter-disziplinäre Fähigkeit nennen kann; also die Fähigkeit, ein Problem aus der Kombination der jeweils einschlägigen, an sich selber unzureichend-einseitigen Fachperspektiven zu erkennen.

- Eigensinn in der Forschung setzt die kognitiv habitualisierte Fähigkeit zum Urteilen voraus (zu einer dauernden Anwendung der jeweils fachspezifischen und überfachlichen "Kritik der Urteilskraft"). Er besteht vor allem darin, daß die modernen Methodologien samt den Technologien, die nicht selten den methodischen Logos vorgeben, in ihrem erfolgreichen und zugleich abgründig ambivalenten Fortschreiten im Forschungsprozeß immer zugleich als Urteilsprozeß aufgehoben werden. Sprich: die fachspezifischen Vereinzelungs- und Abstraktionsschritte, die den Untersuchungsgegenstand zurichten und aus allen seinen Kontexten 'befreien', sind wie eh und je scheuklappengleich vorwärtsgerichtet, um jedoch dann, im Gegensatz zu den seitherigen Verfahren, erkennend urteilend bis hin zu den 'natürlichen', den körperlichen, den sozialen Kontexten zurückzugehen. Hinzu kommt, daß die schon cartesianische 'Befreiung' der Wissenschaft(en) von erkenntnistheoretischem Raissonement jene 'instrumentelle Vernunft' auszeichnet, wobei diese ihrerseits spätestens heute, so die Geschichte des XX. Jahrhunderts dazu nicht ausreichte, erneut problemgerichtet 'befreit' werden muß.

- Gerade weil die wissenschaftlich-technologisch erheblich mitverursachte Komplexität 'der' Wirklichkeit, der von niemandem frei wählbaren, nicht einmal verweigerbaren, alle einzelnen und Einzelheiten umfassende Konstellation die oben angedeuteten Merkmale zeigt (s.I.), gerade darum gilt mehr als je zuvor die Parole: Bildung, mehr noch diese Art universitärer Bildung, ist Bürgerrecht. Dieses Ziel, das zur zentralen Aufgabe wird, gilt nicht primär um oberflächlich normativ menschenrechtlicher Gründe willen. Die mögen so dahin gesagt werden, wie dies mit 'den' Menschenrechten und ihrem symbolischen, ab und an je nach Interesse kriegerischen Universalismus üblich geworden ist. Die 'Wirklichkeitsfähigkeit' der Menschen ist davon abhängig, daß sie solcherart Schlüssel zum Wirklichkeitsverstehen erhalten. Anders drohen in neuen Formen Faschismen aller Art, deren Wachstumsgrund eng mit dem verbunden ist, was Hannah Arendt am Ende von "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" (1962) als "zunehmende" und dann als "organisierte Verlassenheit" der Menschen in ihrer Masse bezeichnet hat.

Ich muß nicht betonen, daß die so formulierten Hauptaufgaben der Universität, sozusagen ihre spezifische allgemeine Charta als Ergänzung der menschenrechtlichen, all dem widersprechen, was gegenwärtig innerhalb und außerhalb der Universität über ihre Ziele geäußert und entsprechend praktisch gefolgert wird.

Um mit dem letzten der drei Kerne aus dem Kerngehäuse universitärer Aufgaben anzufangen: Nicht "Bildung ist Bürgerrecht" lautet die schon vor dreißig Jahren nicht allzu ernst genommene Devise heute. Elitebildung ist an ihre Stelle getreten. Die substanzlose "geistig-politische Wende", mit der die CDU/FDP-Regierung 1982 angetreten ist, war über die Maßen erfolgreich. Sie war freilich erfolgreich, weil sie den Opportunitäten des ungleichheitserpichten Weltmarkts entsprach und entspricht. Elite, Elite, so tönt's von allen Seiten. Konsequenterweise nimmt der Nachhilfeunterricht in den Elementarschulen zu. Leistung, Leistung, Leitung. Und wenn darob die Kinder zu Krüppeln werden. Die Zahlen der Studierenden sollen mit allen möglichen Mitteln bis hin zum Numerus Clausus zwangsgeschrumpft werden. Sonst käme wohl die Positionselite in Gefahr (und 'hohe' Positionen sind allemal rar. Fred Hirsch hat dies vor Jahrzehnten schon glänzend dargestellt). Wen kümmert's, daß der Numerus Clausus, folgt man dem nie widersprochenen NC-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1972 (!), verfassungswidrig ist. Nur als Notmaßnahme sei der NC vorübergehend zulässig. Und nun 'regiert' diese Notmaßnahme in solch einem reichen Land wie der Bundesrepublik Deutschland seit 30 Jahren. Und preßt und erpreßt Studierende, schließt sie ein und schließt sie aus. Da sind es wohl andere Nöte, die eine ausschlaggebende Rolle spielen. Kopfnöte, ob des grassierenden Mangels, und vor allem harte Interessennöte. Die Zahlen der Studierenden, in der Milliarden baulich vergeudenden prätentiösen Hauptstadt Berlin zumal, sollen, im Bürokratendeutsch gesprochen, "heruntergefahren" werden. In vereinigten Berlin am Beginn des ach so fortschrittlichen 21. Jahrhunderts auf 85.000 Studierende. Der Kalte Krieg hatte in West-Berlin allein weit über 100 000 frontstädtlich zugelassen.

Indes: die quantativ-qualitativen Verschlimmböserungen machen nicht bei solchen Zahlen halt. Die dann als "normal" geltenden Studiengänge sollen verkürzt werden. Viele Universitäten und Fachbereiche haben's schon willfährig mit abhängigem Sinn und der alten Intellektuellen-Tugend vorauseilenden Gehorsams getan. Neue Titel werden von den schlecht kopierten USA entlehnt, Bachelor und wie immer sie heißen. Solche schmissigen Titel können nur Kurzsichtige darüber hinwegtäuschen, was im Gange ist. Die weitere Idiotisierung der Universitäten und ihrer kurzfristig "effizient" Studierenden. Damit ja niemand etwas lerne, was "unnütz" ist. Was immer der unzuverlässige König "Arbeitsmarkt" hergibt. Es kommt allein darauf an, daß alle Zöglinge aller möglichen Schulen - nur nicht zu hoch sollen sie in der Regel steigen -, flexibel und mobil sich allemal dem Großkönig gegenüber proskynetisch verhalten. Anhündelnd zu deutsch. Und wenn sie scheitern, sollen sie in der einzigen in sie hineinsozialisierten Tiefe wissen: ich bin selbst daran schuld; ich bin mangelhaft ausgebildet.

Der Zunahme aller möglichen Regulierungen im Zeichen der kapitalherrschaftsinteressenspezifischen - welch ein Adjektiv! - Deregulierung entsprechend werden die Sortierungskriterien und Sortierungsmechanismen ausgeweitet und leistungssublimiert. Der alles andere als Kreativität fördernde Konkurrenzkampf vom Zweitklässler bis zum C4-Professor tobt. Er verengt die Gesichter. Er fördert a-soziales Verhalten. Das Unwort aus dem längst vergessenen Wörterbuch des Unmenschen 'Selektion' erhält, dem Scheine nach aseptisch, aus anderen möglichen Wörtern 'selegiert' gebrauchswertigen Spitzenrang. Niklas Luhmann hat diesen Sachverhalt nüchtern affirmativ, wie es so seine systemtheoretische Art war (die darum bis heute so gerne meist schülerhaft kopiert wird), schon vor langem festgehalten.

"Dennoch ist es ein neuer Gedanke", formulierte er in 'Perspektiven für Hochschulpolitik' 1983, die Grundstruktur der Hochschule nicht mehr in einer übergreifenden Wissenschaftsidee, sondern in der Behandlung des Problems der Selektion zu suchen, ..."

Seine knappen Erwägungen abschließend konstatiert er kryptonormativ wie alle 'realsystemischen' also 'realpolitischen' Sozialwissenschaftler, nicht zuletzt die Theoretiker unter ihnen:

"Der Vorschlag geht davon aus, daß das Problem der karrieremäßigen Selektion ein Problem ist, das sich in der modernen Gesellschaft zwangsläufig stellt. Es nützt nichts, die Augen davor zu verschließen, das Problem wegzuwünschen oder die Jugend um Vorschußvertrauen in unbestimmte gute Absichten der Politiker zu bitten. Man darf von der Politik eine realitätsbezogene Antwort, zumindest einen realitätsbezogenen Umgang mit diesem Problem erwarten." (Niklas Luhmann in: Universität als Milieu, Kleine Schriften, hrsg. von André Kieserling, Bielefeld 1992, S. 80-93 und aaO. z.B. S. 114).

Gut, wenn einer so genau weiß, was 'die' moderne Gesellschaft ist und bedarf. Diejenigen, die Luhmann, ob sie ihn nun gelesen haben oder nicht, folgen, sollten dann wenigstens konsequent auf den demokratisch menschenrechtlichen Jargon verzichten oder wissen, daß er nur der objektiv täuscherischen Legitimation von Ungleichheit dient. Das hat freilich der homo academicus insgesamt, universitäre Bildungschancen nach innen und Lebenschancen verteilend nach außen, schon seither getan. Demgemäß wurde sein Habitus von (fast) allen universitären Mechanismen geprägt, allerdings früher immer mit der Chance kritischen Überschußes. Und diese Zusatz-Chance wurde ab und an im historischen kairos einige Momente lang realisiert. Das ist die wahre Erbschaft der heute mit allen nachträglich erfundenen Schuldgewichten belasteten '68er' (zu letzteren siehe Oskar Negt:Achtundsechzig - Politische Intellektuelle und die Macht, Göttingen 1995; außerdem Johannes Agnoli: 1968 und die Folgen, Freiburg 1998; zum homo academicus insgesamt, seiner französischen Gestalt, indes überaus nützlich, um mutatis mutandis seine deutschen Formierungskräfte herauszuarbeiten: Pierre Bourdieu: Homo Academicus, Frankfurt/Main 1988)..

III. Von den Aufgaben und Zielen, vor allem universitätsbezogen ein wenig zu ihrer - alles entscheidenden - sozialen Gestalt

Die Universität ist, sollen Lehre, Lern- und Forschungprozesse in der angedeuteten Richtung (als regulative Prinzipien) gelten, als sozialer Ort neu zu entdecken, neu zu gewinnen. Die Universität als sozialen Raum gewinnen heißt, sie als Assoziation wieder-, sie als prinzipiell a n d e r e Assoziation neu zu entdecken, neu zu schaffen, täglich neu im strittig konsensualen Diskurs zu beleben. Und die Universität als Assoziation zu begreifen bedeutet folgerichtig wiederum, sie als eigene politische Anstalt, institutionell und funktional spezifisch wie andere Anstalten, inmitten der auch darob pluralen demokratischen Gesellschaft, zu installieren. Eine entsprechende, detailliert und offen ausgewiesene, innen- und pauschal außenkontrollierte Autarkie ist eine von deren Voraussetzungen. Damit die Universitäten soziale Orte werden können müßten sie drastisch verkleinert und ebenso drastisch vermehrt werden. Die Devise lautet: schafft in jedem (Bundes-)Land 5, 10, 20ig neue Universitäten!

Heute ist die Universität ein a-sozialer Ort, ein Ort nirgendwo und irgend, eine negative Utopie. Eine Fülle von Mechanismen über allgemeingesellschaftliche, kapitalistisch-staatlich betriebene hinaus sorgen für die geradezu emphatische und allen universitären Aufgaben systematisch schädliche soziale Qualitätslosigkeit:
- An erster Stelle die unmäßigen Größenordnungen. Universitäten, deren numerischer Umfang, Studierende samt sog. Lehrpersonal und übrige Bedienstete, in die Zehntausende gehen, sind nur als bürokratische monstra möglich. Bürokratisierung, diese Beobachtung gilt auch für andere Lebensbereiche (mit und trotz PC auch inmitten der Informationstechnologie), ist vor allem Ausdruck gewachsener Größenordnungen. Auf der Annahme solchen Wachstums fußte Max Webers Schreckensbotschaft: die unvermeidliche Bürokratisierung. Alle sozialen, darum bald a-sozialen und dann vielfach bürokratisch vermittelten Verkehrsformen werden von den diversen Umfängen einer Gruppe, eines Landes, der Menschen- und Aufgabenzahl massiv beeinflußt. Je nach Ziel und Organisationsweise können verschiedene Größenordnungen 'ver'-, d.h. kleingearbeitet, also operabel gehalten werden. Begreift man Lehren, Lernen und Forschen in Richtung der oben markierten Ziele (II.) als soziale Tatsachen, die von der Qualität ihres Austauschs, ihrer schwellenniedrigen Kooperation, ihrer unaufwendigen Organisation stark abhängen, dann wird rasch einsichtig, warum die Universitäten sich primär durch Disparatheiten und Dissoziationen auszeichen. Ganz unbeschadet der anders bestimmten Ausdifferenzierung der Fächer. Die immer noch, ja angeblich "effizienter" gemachte akademische Selbstverwaltung, der es meist am nötigen Bezugskriterium ihrer "Effizienz" mangelt, ist unter den gegenwärtigen, allein schon größebestimmten Umständen in aller Regel ein mehr oder minder aufwendiges Desaster. Die Doppel- und Dreifachbürokratisierung (kultusministerielle Detailverwaltung nicht selten neben allgemeiner Universitätsverwaltung) sind Ausdruck aus dem Ruder gelaufener Quantitäten. Gerade die undurchsichtigen Größenkomplexe erzeugen allseits neue bürokratische Mißtrauens- und Kontrollbürokratien.

Es ist geradezu grotesk, wie bewußtlos und anscheinshaft materie-, also menschenfrei die Bildungspolitiker allgemein, die Hochschulbastler ohne Bastelkonzept außer modisch unterschiedlich zuhandenen Versatzschnipseln der geistlich möglicherweise zutreffenden, irdisch geistig radikal in die Irre führenden biblischen Devise folgen: "Der Geist weht, wo er will." Er weht deshalb zumeist nicht.

- An zweiter Stelle der dissoziierenden Faktoren rangieren die vereinzelnden Lehr-, Lern- und Forschungsfomen, wenngleich fachspezifisch sehr verschieden, samt den vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften vereinzelnden Prüfungsmechanismen bis hin, so jemand an der Universität bleiben will, zu den Karrieremustern und ihren aussortierenden, ihren vereinzelnden Etappenzielen. Diese negativ überraschend überaus konstanten Formen bis ins Detail der Seminarform hinein - wenngleich die curricularen und prüfungsbezogenen Regelungen unmäßig und oft unsinnig zugenommen haben -, sorgten schon immer dafür, daß Humboldts "Einsamkeit und Freiheit" nur für Minderheiten einen frei-setzenden Sinn besaß. Indes: die Universitäten waren bis tief in die zwanziger Jahre vergleichsweise klein - an der Universität Tübingen wurde 1925 der 3000sendste Student gefeiert (!) -, so daß allein schon die überschaubaren, meist eher klein- oder mittelstädtischen Zentren, die die Universitäten geradezu besetzten, eine Fülle von Austauschmöglichkeiten aller Art mühelos gewährleisteten. Wie andere starre Institutionen auch haben die Universitäten auf die schon in den zwanziger Jahren beobachtbaren, dann die 50er und 60er Jahe bestimmenden quantitativen und qualitativen Veränderungen nur dann reagiert, wenn Notmaßnahmen unvermeidlich waren (etwa der vom jungen Wissenschaftsrat geradezu tollkühn erfundene "Parallelordinarius" 1959). Trotz dem '68er' Bruch, ja gerade wie dieser schließlich bearbeitet und hinterher geglättet worden ist, ist diese reformerische Selbst- und Außenblockade geblieben.

- Aus vielen, später von mir im Text zuweilen berührten Gründen, ist es auch im kurzen Sommer der Demokratisierung der Hochschule (von den meisten abgehobenen Professoren seinerzeit und in der Erinnerung heute noch wie ein Wirklichkeit gewordener Alptraum erfahren) nicht einmal ansatzweise gelungen, die Universität als eigene Körperschaft in der Demokratie angemessen als demokratische Einheit zu institutionalisieren. Die gesetzlich-gerichtlich seit Anfang der 70er Jahre zementierte 'Gruppenuniversität', samt massiver organisatorischer und Management-bezogener Mängel bis hin zum Fehlen zureichender Duchsichtigkeit und ausweislicher Selbst-Evaluation tat ein übriges, um nach innen und außen allgemein legitimierbare Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse zu verhindern. Heute versteht schon die übergroße Mehrheit der Studierenden nicht, was 'Universität' ist und was warum wie an ihr geschieht, geschweige denn tun dies Außenstehende. Der alte, eher negative, lange exklusive (männliche) esprit de corps unter den Professoren, der zur Zeit der Ordinarienuniversität vom Krähenprinzip und vom Untertanengeist bestimmt war, ist heute noch in prätentiösen Resten und der dissoziativen Gemeinsamkeit des Schrebergärtners vorhanden. Die 'Scientific Community' an den Universitäten auch hier kennzeichnet sich ansonsten durch nichts weiter als rationalisierendem Euphemismus: der Atomismus der Lehrend-Forschenden. Nicht einmal die Kooperation in den Fächern klappt auch nur halbwegs.

- Weil die Universität (fast) kein eigener Ort ist, weil sie über geringe Eigenzeit verfügt, weil sie Ausbildung nur in unterschiedlichen Happen und Verbindlichkeiten verabfolgt bietet sie keinerlei Widerlager gegen die ohnehin konsumentenhaft-konkurrierend verpaßten Verhaltensweisen vieler Studierender. Nicht letztere sind also zu kritisieren. Wären die Universitäten attraktive Orte, an denen der Geist wehte, vielleicht ... So aber geht's in den Einkaufszonen der Universität während der Semester zuweilen hektisch zu. Zu Abendzeiten und an Wochenenden wirken die Universitäten verlassen wie verkommene Friedhöfe. Nur ab und an blinkt vereinzelt in den meist scheußlichen Gebäuden eine Art ewiges Licht. Jobberei und veränderte, vom veränderten Arbeitsmarkt zum guten Teil erzwungene Lebensstile mit ihren viel kürzeren 'Lebensplanungen', mit ihrer Trennung von 'Studieren' und 'Leben' tun ein übriges, um die Universitäten zu gastunfreundlichen, nur äußerlich zusammengehaltenen, oft selbst hier noch disparaten Räumen zu machen.

IV. Universitäten im Kontext

Die Banalität galt schon immer. Die Universitäten sind so wie die Gesellschaften, in denen sie eine sich entsprechend wandelnde elitäre Funktion besitzen.

Ausdifferenzierung der Wissenschaften, Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionen und Institutionen ließen sich nur um ungeheure Preise zurückstutzen. Solches kann also nicht angestrebt werden. Indes: gerade um zum einen die negativen Effekte fachspezifischer Ausdifferenzierung und der Segmentalisierung innerhalb der Fächer zu vermeiden und um zu vermeiden, daß die Universität die Skandale verschärfter Ungleichheit verstärkt, käme es ausschlaggebend darauf an, der nahezu restlosen Gleichschaltung der Universitäten, wie des Bildungssystems allgemein, zu widerstehen. Letzteres müßte ohnehin als öffentliches, also allgemein begriffenes Gut aus seiner staatlich kurzbündigen Verfassung befreit werden.

Kurzum: die Universitäten als öffentliche Anstalt, die allen Bürgerinnen und Bürgern gilt, müßte um einer lernoffenen, nicht nur technologisch innovativen Gesellschaft willen mit der Chance institutionellen Eigensinns ausgestattet werden. Dann könnte von Universitäten eine produktive Unruhe ausgehen. Dann könnte Wissenschaft in Forschung und Lehre ohne geschmacklose elitäre Plateauschuhe in einer Weise eigenverantwortlich organisiert werden - im Sinne eines von außen einsichtigen Dauerassessments von Lehre/Lernen und Forschung -, daß sie zu einer zukunftsverantwortlicheren Gesellschaft beitrügen. Spes contra spem. Zu deutsch: Hoffen wider das Hoffen als universitäre Überlebensdevise.


PS: In dieser neuen Einleitung bin ich vom Gesamtduktus dessen, was ich etwas länglicher vor 1 ½ Jahrzehnten geschrieben habe, wenig abgewichen. Manche Akzente haben sich verändert. Sie veränderten sich noch deutlicher, würde ich aus den Erfahrungen der letzten 30ig Jahre heraus so etwas entwerfen, wie den Gesamtbau einer (kleinen, nicht mehr als max. 3000 Studierende umfassenden) Universität inmitten einer fast gymnasialen Fülle anderer Universitäten, die im Zusammen- und Gegenspiel ungleich zielbezogen leistungsfähiger wären, soziale Orte sein könnten und außerdem insgesamt noch finanziell kostengünstiger. Teure Infrastruktureinrichtungen, einer Reihe technischer Dienste könnten selbstredend für mehrere in einer Stadt, einer Region bereit gestellt werden. Außerdem könnte arbeitsteilig, fächerteilig verfahren und dennoch nahezu am Prinzip der 'Voll'- Universität, die also alle Fächer einschließlich der Orchideen umfasste, festgehalten werden. (vgl. W. D. Narr: Weg aus der Krise - Eine systematische Fülle von kleinen Universitäten, in: Tilman Borsche u.a.(Hrsg.): Begriff und Wirklichkeit der kleinen Universität, Hildesheim 1998, S. 109-124).

Die Gesamt-Architektur einer zukunftsfähigen, auf die heutigen Probleme bezogenen, die Studierenden als Personen zu allererst ernst nehmenden Universität (und die Studierenden als Personen ernst nehmen, heißt sie möglichst vorurteilsfrei 'wirklichkeits'- und das heißt zugleich kriterienbewußt und vorstellungsstark urteilsfähig zu machen) könnte durchaus erfahrungsgesättigt, funktionsfähig entworfen werden. Nur: warum sollte man, warum sollte ich dies (mit anderen zusammen) tun? Der Möglichkeitssinn erkennt zwar eine solche Universität für geboten und eben für möglich. Der rundum dominante Wirklichkeitssinn jedoch erlaubt nur den Versuch, alte Versatzstücke, nicht zuletzt professoral habitueller Art, so 'effizient' zusammenzusetzen, daß möglichst nur zur zivilisatorischen Barbarei der Standortwettbewerbe und der lemmingssüchtigen Innovationen beigetragen werde. Eine Universität als 'Typ' in der Fülle der Variationen, wie mir sie und manchen anderen vorschwebte, an der wir viel zu wenig leidenschaftlich ein Leben lang gearbeitet haben, eine solche Universität ist gegenwärtig unerwünscht. So wie Bildung insgesamt unerwünscht ist. Lewis H. Lapham hat darauf jüngst am amerikanischen Beispiel sarkastisch aufmerksam gemacht (Notebook: School Bells, in: Harper's Magazine, August 2000, S. 7-9)..

Man stelle ich vor, Bürgerinnen und Bürger würden plötzlich, von Kindesbeinen an, die Wirklichkeit, die sie umgibt und drückt und ungleich macht und beherrscht und Natur vernutzt, diese Bürgerinnen und Bürger würden diese Wirklichkeit allmählich genauer, und das heißt verständiger, und das heißt kritischer lesen lernen: Demokratie bewahre! Da sind alle möglichen Bannmeilen angezeigt. Da ist es besser, daß das meiste beim Neualten bleibe. Und das heißt auch, daß Politiker, Bundespräsidenten zumal, Bildung, Bildung, Bildung anmahnen. Nur ein Tor, der dabei an die praktische Umsetzung der lange zurückliegenden, wie wir alle wissen, verfehlten, Devise denkt:

Bildung, nota bene auch und gerade universitäre Bildung, ist Bürgerrecht - heute angesichts heutiger Probleme mehr als je zuvor (einschließlich des dazu nötigen 'Bildungsgehalts').

Wolf-Dieter Narr im August 2000
 
 

Vorbemerkung des Verfassers zur ersten Auflage 1987

Diese Thesen wider die Sprachlosigkeit der Reformer sind ursprünglich mit der Absicht verfaßt worden, weitere Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer möchten sie mitunterzeichnen und mitvertreten. Darum der "wir"-Stil. Diese Absicht ist geblieben. Um sie überhaupt verwirklichen zu können, ist aber nur eine von mir verantwortete erste Fassung zu veröffentlichen. Der AStA der FU Berlin hat mir und anderen dankenswerter Weise die Chance der Diskussion und des späteren Mitvertretens eröffnet.