Am gestrigen Abend fand an der FU Berlin erstmals eine öffentliche Diskussion über das am 6. September eingeweihte „Freiheitsdenkmal“ hinter dem Henry Ford Bau statt. Das Denkmal selbst war in den Semesterferien ohne jede universitätsinterne Diskussion aufgestellt und zehn anfang der 50er Jahre in der Sowjetunion ermordeten FU-Studenten gewidmet worden. Wieder einmal verweigerte sich Präsident Lenzen hier der Debatte mit den Studierenden, obwohl der AStA ihn seit dem 15. Oktober mehrfach schriftlich und telefonisch eingeladen hatte. Auch Vizepräsidium, Pressesprecher etc. die ausdrücklich angefragt waren, erschienen nicht. Stattdessen konnte Herr Martin Schönfeld vom „Büro für Kunst im öffentlichen Raum“ als Diskussionspartner gewonnen werden. Die Diskussion verlief dennoch sehr kontrovers, da mit Herrn Utecht auch ein Angehöriger eines der ermordeten Studenten anwesend war. Trotz heftiger Angriffe und Streitszenen gab es dennoch einige Übereinstimmungen zwischen den Positionen der Podiumsredner und den Forderungen Utechts.
Corporate Identity: Henry Ford und Kaiser Wilhelm
Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Ralf Hoffrogge als Vertreter des AStA und der FSI Geschichte. Sowohl der Streit um die Umbenennung des Henry-Ford-Bau als auch die verharmlosende Darstellung der Tätigkeit der Kaiser-Wilhelm-Institute (deren Gebäude die FU teilweise erbte) in einer FU-offiziellen-Ausstellung dienten ihm als Belege für eine völlig verfehlte Vergangenheitspolitik an der FU. Anhand von Zitaten einer Rede Dieter Lenzens aus dem Jahr 2005 unter dem Titel „Corporate Design für Corporate Identity“, wo der Präsident die FU öffentlich als „corporation“ bezeichnet hatte, stellte Hoffrogge die These von einer „Vermarktung der Verganenheit“ auf. Ebenso wie die Gegenwart müsse sich die Historie dem Wettbewerb unterwerfen – Geschichte werde zum beliebig interpretierbaren image ohne Inhalte.
Kein Denkmal für die KgU an der FU!
Auf das eigentliche „Denkmal“ kam dann der Historiker Wolfgang Wippermann in seinem Beitrag zu sprechen. Er bezeichnete die zehn durch das „Denkmal“ geehrten Studenten als Opfer eines Justizmordes, sprach sich dennoch eindeutig gegen die Denkmalsetzung durch die FU aus. Er begründete dies mit der dubiosen Natur der „Kampfgruppe gegen Umenschlichkeit“ (KgU), der die meisten der Geehrten angehört hatten. Als ideologisch streng antikommunistische Organisation, abhängig von Geheimdiensten und bereit zu fragwürdigen Methoden wie etwa dem Entgleisen von Zügen sei die KgU kein Vorbild und ein Mahnmal für diese Gruppe nicht hinnehmbar. Zudem informierte er über die Verbindungen eines der geehrten Studenten zum „Narodno Trudowoi Sojus“, zu deutsch etwa „Völkischer Arbeiterrat“. Diese 1918 zunächst gegen die Russische Revolution gegründete Organisation habe unter anderem während des 2. Weltkrieges mit den nationalsozialistischen Besatzungstruppen in der Sowjetunion zusamengearbeitet - auch sie sei daher keinesfalls denkmalwürdig.
Gelandete drop-art: vom Hauptbahnhof nach Dahlem
Auf die merkwürdige Entstehungsgeschichte des „Denkmals“ ging Martin Schönfeld ein. Schönfeld bestätigte noch einmal, dass die Skulptur keineswegs als Denkmal entstanden ist. Vielmehr sei sie vom Bankhaus Oppenheim für den südlichen Vorplatz des neuen Hauptbahnhofes in Auftrag gegeben worden. Eine Aufstellung dort sei jedoch an der zuständigen Senatskommission gescheitert, die ihr Veto eingelegt habe. Die Kommission, in der er auch mitarbeitete, habe stattdessen verschiedene Brachen und Grünflächen am Stadtrand als Aufstellungsort empfohlen. Insbesondere diese Enthüllung löste im Publikum einiges an Heiterkeit aus. Nur weil die Gegenvorschläge als Repräsentationsorte für das Bankhaus nicht attraktiv erschienen, sei die Skulptur quasi als „drop-art“ an die FU gekommen. Man solle sie daher als Kunstwerk in der Tradition des Post-Kubismus nehmen, ein Denkmal sei das Werk jedoch keinesfalls.
Die Biographien der Ermordeten ernst nehmen
Nach den Eingangsvorträgen gab Moderatorin Kerstin Bischl das Wort ans Publikum, hier kam es dann teilweise zu heftigen Kontroversen zwischen Herrn Utecht, dem Bruder eines der ermordeten Studenten und den Podiumsgästen. Insbesondere über Vorwürfe bezüglich „schlampiger Recherchen“ und ungesicherter Quellen bis hin zu angeblich verwendeten „Stasi-Informationen“ gab es heftigem Streit. Sowohl der AStA-Vertreter als auch Professor Wippermann wiesen die Vorwürfe zurück und betonten, sie stützten sich nur auf offizielle Angaben und Ausstellungstexte des Präsidiums. Diese haben die „Kampfgruppe“, den „Völkischen Arbeiterrat“ und auch die West-Geheimdienste klar und eindeutig als Partner der Studenten benannt.
Die weitere Forderung von Herrn Utecht, die ermordeten zehn Studenten in ihrer Biographie ernst zu nehmen, stieß hingegen auf klare Zustimmung beim Podium. Martin Schönfeld betonte: gerade weil man sie Ernst nehmen wolle, müsse man fragen ob dieses für einen ganz anderen Zusammenhang entworfene Denkmal eine sinnvolle Geste oder nicht eine Instrumentalisierung sei. Ralf Hoffrogge schloß daran an und fragte, ob die Studenten nicht bereits in der Vergangenheit instrumentalisiert worden seien. Einer ersten Instrumentalisierung durch die Geheimdienste im Kalten Krieg folge nun eine zweite durch eine corporate-identity Kampagne der FU. Auch Professor Wippermann stellte noch einmal heraus: er sehe die Studenten eindeutig als Opfer. Jedoch sei das Denkmal in der bestehenden Form ein Mahnmal für die „Kampfgruppe“ und den „Völkischen Arbeiterrat“, und das könne auf keinen Fall so hingenommen werden.
Erinnerungskultur von unten
Zum Schluß der Veranstaltung forderte Herr Schönfeld die Studierenden der FU auf, sich die Debatte um die Geschichte und Erinnerung an der FU zu eigen zu machen. Mit Zettelaktionen am und ums Denkmal, mit Diskussionen und anderen Aktionen könnten die Studierenden eigene Inhalte und eine eigene Erinnerungskultur entwerfen. Dieser Aufforderung konnte sich Ralf Hoffrogge im Namen des AStA nur anschließen. AStA FU und Fachschaftsinitiative Geschichte würden sich des Themas weiter annehmen und hofften auf rege Beteiligung.
Weitere Infos
Eine ausführliche Dokumentation der Redebeiträge ist in Vorbereitung.
Weitere Informationen und Quellen zum Denkmalstreit finden sich auf den Internetseiten der Fachschaftsinitiative Geschichte:
http://fsigeschichte.blogsport.de/2007/10/28/freiheitsdenkmal/