Liebe Kommiliton_innen, eigentlich steht Lisa, die AStA -Vorsitzende als Rednerin auf dem Progamm, aber wir stehen da nicht so sehr auf Hierarchien wie die Universitätsleitung, deshalb hab ich das jetzt mal übernommen - außerdem hab ich beim Knobeln verloren.
Also ich bin Inga und begrüße Euch von Seiten des Allgemeinen Studierendenausschusses der Freien Universität, kurz AStA zu Eurem Studienbeginn an der FU Berlin. Ich will Euch eigentlich nicht gleich den Enthusiasmus nehmen, aber ich kann und will an dieser Stelle nicht in die allgemeinen Lobeshymnen über die angeblich so freie Universität - formally known as Superuni - mit einstimmen. Zu viel liegt im Argen und bleibt bei den werbewirksamen Darstellungen der universitären Marketingabteilung, die sicher auch Herrn Lenzen Reden zu verantworten hat unbenannt.
Die Freie Universität heißt Euch also - wie es sicher seit Freitag ständig auf Euch einprasselt – im Kreise der Elite herzlich willkommen, von der mensch ausgehen kann, dass sie zahlenmäßig noch exklusiver hätte seien sollen.
Doch was fällt einer so ein zu einer der Spitzenuniversitäten Deutschlands?
Fangen wir von vorne an: Wir sind aktuell als Studierende alle Teil eines europaweiten Experiments, das gerade an der FU besonders fehlschlägt: dem Bolognaprozess. Dieser zielt ab auf die Umformung von Bildung zur international handelbaren Dienstleistung bis zum Jahr 2010. 2007 an der FU stecken wir deshalb mitten in einem Reformprozess, der v.a. eines ist: undemokratisch. Mitbestimmung war absolute Fehlanzeige in diesem Prozess, der an den Maßstäben der Wirtschaftlichkeit orientiert und eine Katastrophe für die Lehre ist. Die neuen Einheits-Studienabschlüsse Bachelor und Master stehen im Zentrum dieses Dilemmas. Die umfassenste Reform im Bildungssektor seit den 60er Jahren hat nicht nur an der FU zu nicht tragbaren Studienbedingungen geführt. Kürzlich durchgesickerte Ergebnisse eines bisher vom Präsidium geheimgehaltenen Berichts über den Studienerfolg im Bachelor-Studiengängen belegen, dass durchschnittlich 50% der Studierenden der neuen Studiengänge ihr Studium abgebrochen haben. Was vergangenen Freitag als exzellent ausgezeichnet wurde, sind eben nicht Lehre und Studienbedingungen, sondern gut vermarktbare Forschungsergebnisse.
Realität sind: Zusammenlegung und Schließung von Bibliotheken, das Abwickeln ganzer Studienfächer, die Streichung von Professuren - und gefragt werden Studierende dabei schon gar nicht. Aber eigentlich passt das ja ganz gut in den aktuellen Trend marktförmigen Studierens am Unternehmen FU. Zeit gehört zur heißbegehrten Mangelware. Rigide Fristen, Kontrolle durch Campus Management, nicht aufeinander abgestimmte Stundenpläne im Kombibachelor - sicher habt ihr da schon die ein oder andere Erfahrung gemacht. Zeit zum Nachdenken wird den Studierenden im neuen glamourös umworbenen Studiensystem nicht geboten. Stummes Abnicken und Auswendiglernen, statt Partizipation sind gewünscht. Frei nach dem Motto: L'etat, c' est moi, formulierte Dieter Lenzen in seinem Schreiben anlässlich der Entscheidung des Exzellenzwettbewerbs an die Mitarbeitenden der FU: wir haben es geschafft! und präzisiert eine Zeile später: "Wir, das bedeutet: mein Konzept ..."(sic!)
Jüngstes Beispiel dieser autoritären Praxis seitens der Universitätsleitung ist auch der Stopp des Berufungsverfahrens zur Besetzung der Juniorprofessur "Politik Nordamerikas" am John F. Kennedy-Insitut. Der von allen zuständigen Gremien bestätigte Kandidat Albert Scharenberg wurde von dem nur in Ausnahmefällen zuständigen Präsidium unter fragwürdigen Vorwänden zurückgewiesen.
Das Präsidium nimmt sich an dieser Stelle heraus besser über die Qualifikation eines Bewerbers urteilen zu können, als die zuständigen Fachgremien und windet sich am Ende mit formalen Einwänden aus der Affäre. Das eigentliche Motiv der Universitätsleitung ist jedoch klar politisch, ist der Kandidat doch einem linken, kritischen Spektrum zuzuordnen.
Kürzlich war also sogar in der bürgerlichen Presse zu lesen, was wir uns von der Leitung einer Elite-Universität zu erwarten haben. Alles, nur nicht freie oder gar kritische Wissenschaft! Ironischer Weise hat die FU in diesem Jahr das erst Mal den sogenannten Freiheitspreis vergeben. Ein lustiger Maketinggag- wie ich finde - in dessen Begründung dargelegt wird, wie frei die Wissenschaft einer Superuni sein soll. Im dazugehörigen Werbetext wird auch gleich erklärt wie wir diesen Begriff von Freiheit zu verstehen haben. Schließlich muss "in zunehmender Globalisierung der Begriff der Freiheit immer wieder neu besetzt werden". Im Klartext heißt das also, dass der Begriff der Freiheit am globalen Maßstab wirtschaftlicher Verwertbarkeit gemessen wird!
Politische Positionen, die diesem Credo nicht folgen, werden eben an der FU aus dem Wissenschaftsbetrieb ferngehalten.
Und was ist dann nun eigentlich mit dieser kritischen Wissenschaft?
Diese liegt ja eigentlich darin, Bestehendes zu hinterfragen, anstatt karriereorientiert dem gesellschaftlichen Zustand - von dem ich als zumindest verbesserungswürdig ausgehe - zu huldigen. Kritische Wissenschaft wird an der FU allerdings - wie jüngst am John F. Kennedy-Insitut - nicht nur auf professoraler Ebene marginalisiert. Studentische Kritik findet ebenfalls wenig Beachtung.
Dem AStA wird sogar gerichtlich jede kritische Äußerung zu gesellschaftlichen, d.h. allgemeinpolitischen Fragen untersagt. Schließlich, so Berliner Gerichte, habe dieser kein allgemeinpolitisches Mandat, sondern eben nur ein hochschulpolitisches. Dabei wird Universität absurder Weise als von der Gesellschaft abgetrennt interpretiert.
Auf Grundlage des Paragraphen 129a zur Bildung terroristischer Vereinigungen wird kritische Wissenschaft neuerdings auch strafrechtlich sanktioniert. So wurde der Berliner Sozialwissenschaftler Andre H. aufgrund von Begriffen, die in seinen wissenschaftlichen Publikationen auftauchen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. U.a. die Nutzung von Bibliotheken erhärte laut Verfahrensbegründung den Verdacht.
Kritische Gesellschaftsanalyse und freie Wissenschaft sind also ein unerwünschtes und mitunter strafrechtlich gefährliches Unterfangen.
Das Präsidium wird zu der vorgebrachten Kritik sicher wie gewohnt eine eloquente Erklärung haben, anstatt studentischen Perspektiven eine Platz in der Gestaltung der Hochschule einzuräumen. Dennoch oder gerade deshalb sollten wir sie immer wieder vehement einfordern; uns nicht verrückt machen lassen von all dem Hype um die neue Superuni. Raum gibt es dafür an der FU immer noch: z.B. in Marx Lesekreisen, autonomen und studentischen Seminaren oder in studentischen Cafés.
Früher oder später werdet ihr wohl alle mit dem ein oder anderen Kniff des elitären Regelungswahns in Konflikt geraten. Dann wird es gut tun diese Probleme nicht als individuelle Konflikte, sondern als kollektive Herausforderung zu verstehen.
Wir sollten Universität nicht als Lernfabrik, sondern als Feld politischer Auseinandersetzungen begreifen. Es bestehen weiterhin viele Möglichkeiten sich dem Bestehenden zu widersetzen. Also, engagiert Euch in den Fachschaftsinitiativen an Euren Fachbereichen, führt Diskussionen in Seminaren z.B. über Anwesenheitspflicht, beteiligt Euch am Arbeitskreis Hochschulpolitik des AStA, besetzt mal ein Büro oder schaut einfach in der AStA-Villa vorbei. Dort findet ihr u.a. verschiedene Beratungsangebote für den alltäglichen Studienwahnsinn und allerlei Unterstützung für autonome, hochschulpolitische Aktionen.
Genauer Nachfragen zu all den angerissen Themen könnt ihr gleich draußen beim AStA-Infotisch - der freundlicher Weise in den zweiten Stock verlegt wurde - denn ausreichend erklären konnte ich die Misere an der FU in den mir zugestanden 10 Minuten bei Weitem nicht.
Abschließend würde ich Herrn Lenzen gerne noch eine Frage stellen: Nachdem ich schon Rucksack und Jacke am Eingang abgeben und mich den Kontrollen privater Sicherheitsleute aussetzen musste: Wie kann es sein, dass sich hier im Raum auch stadtbekannte Zivilpolizisten aufhalten?
In diesem Sinne ein spannendes erstes Semester!